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15 außergewöhnliche orte

15 außergewöhnliche Orte und Erlebnisse in Bulgarien

Bulgarien kann Schwarzes Meer, kilometerlange Strände, alte Klöster, historische Städte und hohe Berge. Das alles ist sehenswert, aber darum geht es hier nicht. Für diesen Artikel habe ich nach dem Bulgarien gesucht, bei dem selbst Menschen die seit Jahren im Land leben noch überrascht sein können. Nach Orten die beinahe unwirklich aussehen, nach uralten Heiligtümern, Naturphänomenen und Erlebnissen die man nicht einfach mit einem Foto abhakt. Da gibt es eine Höhle aus deren Decke zwei riesige Augen auf den Besucher herabschauen, eine andere wurde vor Jahrtausenden so bearbeitet, dass sie einem weiblichen Schoß gleicht. In Strandzha laufen Menschen im Rahmen eines religiösen Rituals barfuß über glühende Kohlen, in den Rhodopen erreicht man ein fast abgeschnittenes Dorf über eine gewaltige Hängebrücke und an einem Stausee steht die Kirche eines Dorfes, das selbst längst verschwunden ist.

Nicht alles davon ist im strengen Sinne weltweit einmalig. Höhlen, Megalithen, Schmalspurbahnen und heiße Quellen gibt es selbstverständlich auch anderswo. Außergewöhnlich ist die Verbindung aus Landschaft, Geologie, jahrtausendealter Geschichte, thrakischer Kultur, lebendigen Traditionen und manchmal einer Atmosphäre die sich nur schwer beschreiben lässt. Deshalb ist dies auch keine Rangliste und schon gar keine weitere Sammlung der „15 schönsten Sehenswürdigkeiten Bulgariens“. Es sind 15 Orte und Erlebnisse die zeigen, wie ungewöhnlich dieses Land werden kann sobald man die bekannten Wege verlässt.

1. Prohodna – wenn die Augen Gottes von der Decke schauen

Man betritt eine gewaltige Felshalle, schaut nach oben und wird scheinbar angeschaut. In der Decke der Prohodna-Höhle bei Karlukovo befinden sich zwei nahezu nebeneinanderliegende mandelförmige natürliche Öffnungen. Ihre Ähnlichkeit mit riesigen Augen ist so frappierend, dass sie als „Oknata“ die Fenster und vor allem als die „Augen Gottes“ bekannt geworden sind. Die Höhle selbst ist ein etwa 262 Meter langer natürlicher Felsdurchgang mit zwei großen Eingängen, von denen der höhere rund 45 Meter erreicht. Tageslicht fällt deshalb nicht nur von den Seiten, sondern auch durch die beiden berühmten Öffnungen in das Innere.

Besonders eindrucksvoll kann Prohodna bei feuchtem Wetter werden, wenn Wasser an den beiden Öffnungen herunterläuft und aus bestimmten Perspektiven der Eindruck entsteht, die steinernen Augen würden weinen. Dafür braucht es keine mystische Erklärung, die Geologie inszeniert das Schauspiel ganz allein. Die Höhle kann durchquert werden, ihre Felswände werden zum Klettern genutzt und am großen Eingang werden sogar Bungeesprünge angeboten. Wer Bulgarien hauptsächlich mit Strand, Rosenöl und alten Klöstern verbindet bekommt hier innerhalb weniger Minuten ein völlig anderes Bild des Landes.

Wo? Bei Karlukovo, Oblast Lovech, Nordbulgarien · Google Maps: „Prohodna Cave / Eyes of God“

2. Utroba – eine Höhle, in die die Sonne eindringt

Es gibt Orte, deren Beschreibung zunächst nach einer ziemlich wilden Legende klingt, die Höhle Utroba in den östlichen Rhodopen gehört dazu. Ihr bulgarischer Name „Утробата“ bedeutet Gebärmutter oder Mutterleib und genau daran erinnert ihre Form. Die natürliche Felshöhle wurde von Menschen weiterbearbeitet und verlängert, am hinteren Ende befindet sich ein in den Fels gearbeiteter Bereich der als Altar interpretiert wird. Entscheidend für die Wirkung des Ortes ist jedoch das Licht. Durch den Eingang dringt die Sonne in die Höhle, der Lichtfleck wandert mit dem Sonnenstand immer tiefer in ihr Inneres und erreicht unter bestimmten Bedingungen zur Mittagszeit weit hinten liegende Bereiche.

Man muss keine mystische Deutung übernehmen um zu verstehen, weshalb ein solcher Ort in der Antike religiöse Bedeutung entwickeln konnte. Fels, Dunkelheit, die besondere Form der Höhle und der wandernde Sonnenstrahl ergeben eine natürliche Inszenierung, die offenbar sehr bewusst genutzt wurde. Hinzu kommt die Umgebung. Die östlichen Rhodopen sind voller thrakischer Felsnischen, Gräber und Kultplätze. Utroba steht deshalb nicht isoliert in der Landschaft, sondern gehört zu einer Region in der die Spuren einer längst vergangenen Kultur noch immer direkt in die Felsen eingeschrieben sind.

Wo? Nahe dem Dorf Nenkovo, etwa 17 Kilometer von Kardzhali entfernt · Google Maps: „Utroba Cave“ oder „Пещера Утробата“

3. Indipasha – ein Heiligtum im Halbdunkel von Strandzha

Nur wenige Kilometer hinter der bulgarischen Schwarzmeerküste beginnt eine Welt die mit den Ferienanlagen am Meer kaum etwas gemeinsam hat. Tief in den Wäldern von Strandzha liegt Indipasha, ein alter Kultplatz in einem dicht bewachsenen und feuchten Tal. Schon der Weg dorthin gehört zum Erlebnis. Hohe Bäume, Felsen, Wasser und wenig direktes Sonnenlicht erzeugen eine Atmosphäre, die beinahe permanent dämmrig wirkt. Wer hier ankommt findet keine große touristische Anlage, sondern einen stillen Ort dessen Bedeutung sich über viele Generationen verändert hat.

Indipasha wird mit vorchristlichen Kultvorstellungen verbunden, später vermischten sich diese mit christlichem Glauben. Noch heute kommen Menschen wegen der Quelle hierher, trinken von dem Wasser, waschen sich damit und beten um Gesundheit. Ikonen und eine kleine Kapelle gehören inzwischen ebenso zum Ort wie Stoffstücke und Kleidungsreste, die Besucher zurücklassen. Nach überliefertem Glauben sollen sie zuvor mit erkrankten Körperstellen in Berührung gekommen sein. Ob man an eine heilende Wirkung glaubt bleibt jedem selbst überlassen. Kulturgeschichtlich faszinierend ist dagegen wie sich an diesem abgelegenen Platz uralte Vorstellungen und christliche Traditionen überlagert haben. Vielleicht liegt die eigentliche Magie ohnehin darin, mitten in einem Wald zu stehen in dem kaum noch etwas von der modernen Welt zu hören ist.

Wo? Strandzha-Gebirge, nahe Slivarovo und Malko Tarnovo · GPS: ca. 42.0048, 27.6534 · Google Maps: „Indipasha / Индипасха“

4. Devil’s Throat – wo ein Fluss in der Erde verschwindet

Der bulgarische Name „Дяволското гърло“ bedeutet „Rachen des Teufels“ und ausnahmsweise ist ein touristischer Name einmal nicht völlig übertrieben. Die Höhle liegt nahe Trigrad in den westlichen Rhodopen und lebt weniger von filigranen Tropfsteinen als von Wasser, Dunkelheit und Lärm. Der Trigrad-Fluss verschwindet im Berg und stürzt dort etwa 42 Meter in die Tiefe. Das permanente Dröhnen des Wassers erfüllt den gewaltigen unterirdischen Raum und schafft eine Atmosphäre die mit einer gewöhnlichen Schauhöhle wenig zu tun hat.

Wo ein Fluss in einem Berg verschwindet und aus der Tiefe ein gewaltiges Donnern kommt entstehen beinahe zwangsläufig Geschichten. Die berühmteste verbindet Devil’s Throat mit Orpheus, der der Überlieferung zufolge durch die Unterwelt gegangen sein soll um Eurydike zurückzuholen. Das ist Mythologie und keine Geschichtsschreibung. Wer allerdings einmal dort unten gestanden hat versteht schnell, weshalb gerade solche Orte seit Jahrhunderten Geschichten über eine andere Welt hervorbringen.

Wo? Trigrad-Schlucht bei Trigrad, Oblast Smolyan, westliche Rhodopen · Google Maps: „Devil’s Throat Cave / Дяволското гърло“

5. Beglik Tash – Bulgariens steinerne Zeitmaschine am Schwarzen Meer

Nur wenige Kilometer von Primorsko entfernt liegen zwischen Wald und Meer gewaltige Felsblöcke. Manche scheinen aufeinandergelegt, andere wurden sichtbar bearbeitet, wieder andere stehen in einer räumlichen Beziehung zueinander. Beglik Tash gilt als bedeutendes thrakisches Felsheiligtum und gehört zu jenen Orten, an denen man mit spektakulären Behauptungen vorsichtig umgehen sollte. Rund um alte Heiligtümer entstehen schnell Geschichten über Energiefelder, kosmische Kräfte und angeblich vollständig entschlüsselte Rituale. Archäologie und moderne Esoterik sind jedoch nicht dasselbe.

Unstrittig ist, dass der Platz in der Antike kultisch genutzt wurde. Verschiedene Felsformationen werden als rituelle Bereiche interpretiert, darunter Altarstrukturen, ein steinerner Thron, ein sogenanntes Ehebett, ein Dolmen und weitere bearbeitete Felsen. Das eigentlich Beeindruckende ist ohnehin die Dimension. Beglik Tash ist kein rekonstruiertes Museum, sondern eine Landschaft aus riesigen Steinen durch die man hindurchgehen kann. Menschen empfanden diesen Platz bereits vor Jahrtausenden als besonders und wer heute zwischen den Felsen steht, kann zumindest nachvollziehen warum.

Wo? Rund 5 Kilometer nördlich von Primorsko, südliche Schwarzmeerküste · GPS: ca. 42.31, 27.77 · Google Maps: „Beglik Tash / Бегликташ“

6. Devetashka – eine Kathedrale, die niemand gebaut hat

Schon der Eingang macht klar, dass hier andere Dimensionen gelten, etwa 35 Meter breit und rund 30 Meter hoch. Dahinter öffnet sich die Devetashka-Höhle zu einer gigantischen natürlichen Halle. Das Spektakulärste sind die großen Öffnungen in der Höhlendecke. Sonnenlicht fällt durch sie in das Innere und erzeugt abhängig von Tageszeit und Wetter helle Inseln und Lichtkegel in einer ansonsten monumentalen Felslandschaft. Devetashka wirkt dadurch weniger wie eine klassische Höhle als wie eine riesige Kathedrale, bei deren Bau der Architekt einige Millionen Jahre Zeit hatte.

Menschen nutzten die Höhle bereits in vorgeschichtlicher Zeit, archäologische Funde dokumentieren eine sehr lange Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte. Heute gehört der Ort zugleich anderen Bewohnern. Devetashka ist ein wichtiger Lebensraum für Fledermäuse, weshalb Schutzbestimmungen und zeitweilige Einschränkungen beachtet werden müssen. Gerade diese Verbindung aus gewaltiger Geologie, Licht, Vorgeschichte und lebendiger Natur macht den Ort so außergewöhnlich.

Wo? Beim Dorf Devetaki, etwa 15 Kilometer nordöstlich von Lovech · Google Maps: „Devetashka Cave / Деветашка пещера“

7. Pobiti Kamani – ein Wald aus Stein

Westlich von Varna verändert sich plötzlich die Landschaft. Aus sandigem Boden ragen steinerne Säulen, manche massiv, andere innen hohl, einige aufrecht, andere zerbrochen. Einzelne Formationen erreichen Höhen von mehreren Metern und wirken auf den ersten Blick tatsächlich so als hätte jemand sie dort aufgestellt. Der bulgarische Name Pobiti Kamani bedeutet sinngemäß „eingeschlagene Steine“, international ist der Ort deshalb auch als „Stone Forest“ bekannt geworden.

Tatsächlich handelt es sich nicht um menschlich errichtete Menhire, sondern um ein natürliches geologisches Phänomen. Über die genaue Entstehung der ungewöhnlichen Säulen wurde wissenschaftlich lange diskutiert, was wiederum reichlich Raum für Legenden und esoterische Interpretationen geschaffen hat. Die braucht der Ort überhaupt nicht, die Realität ist merkwürdig genug. Man läuft durch Sand zwischen meterhohen Steinsäulen und hat stellenweise den Eindruck die Ruinen einer fremden Zivilisation vor sich zu sehen.

Wo? Rund 18 Kilometer westlich von Varna, nahe Beloslav · Google Maps: „Pobiti Kamani / Stone Forest“

8. Mit 760 Millimetern Spurweite durch die Berge Bulgariens

Manchmal ist nicht das Ziel außergewöhnlich, sondern der Weg. Zwischen Septemvri und Dobrinishte fährt Bulgariens einzige noch regulär betriebene Schmalspurbahn dieser Art. Auf einer Spurweite von lediglich 760 Millimetern windet sich der Zug über rund 125 Kilometer durch eine der abwechslungsreichsten Bergregionen des Landes. Dabei geht es nicht darum möglichst schnell von A nach B zu gelangen, genau das Gegenteil macht den Reiz aus.

Die Strecke führt durch Täler, Wälder und kleine Bergorte und passiert mit Avramovo auf rund 1.267 Metern den höchstgelegenen Bahnhof Bulgariens. Die Bahn entstand ab den 1920er-Jahren und wurde schrittweise bis Dobrinishte verlängert. Noch heute verkehren reguläre Züge, zu besonderen Gelegenheiten kommen historische Fahrzeuge zum Einsatz. Wer Bulgarien einmal bewusst langsam erleben möchte findet hier eine der schönsten Möglichkeiten dazu. Einsteigen, hinsetzen und mehrere Stunden lang beobachten wie sich das Land vor dem Fenster verändert.

Wo? Strecke Septemvri–Velingrad–Avramovo–Bansko–Dobrinishte · Google Maps: beispielsweise „Septemvri Narrow Gauge Railway“ oder „Avramovo Railway Station“

9. Belogradtschik – wo eine Festung mit dem Gebirge verschmilzt

Man kann eine Festung auf einen Berg bauen, oder man benutzt den Berg gleich als Teil der Festung. Genau das macht Belogradtschik außergewöhnlich. Die rötlichen Felsformationen der Region erstrecken sich über viele Kilometer und erreichen teilweise Höhen von mehr als 100 Metern. Wind, Wasser, Frost und Zeit haben daraus Türme, Nadeln, Wände und bizarre Figuren geschaffen. Mittendrin liegt die historische Festung von Belogradtschik, deren Mauern natürliche Felswände in die Verteidigungsanlage einbeziehen.

Die Geschichte der Befestigung reicht bis in die römische Zeit zurück, spätere Herrscher bauten und erweiterten sie. Das Ergebnis ist eine Verbindung aus Geologie und Architektur, bei der manchmal kaum zu erkennen ist wo Natur endet und menschlicher Bau beginnt. Belogradtschik gehört zwar zu den bekannteren Orten dieser Auswahl, aber es wäre absurd die Felsen deshalb auszulassen. Manche Plätze sind eben aus gutem Grund berühmt.

Wo? Stadt Belogradtschik, Oblast Vidin, Nordwestbulgarien · Google Maps: „Belogradchik Fortress / Белоградчишка крепост“

10. Die Steinpilze – als hätte die Natur Humor

An der Straße zwischen Kardzhali und Haskovo, nahe dem Dorf Beli Plast, stehen Pilze. Sehr große Pilze und ziemlich harte. Die „Kamenni Gabi“, die Steinpilze, bestehen aus vulkanischem Gestein und besitzen schmalere Stiele sowie breite Köpfe, wodurch die Ähnlichkeit tatsächlich verblüffend ist. Unterschiedliche Mineralbestandteile verleihen den Formationen zudem verschiedene Farbtöne.

Das Schutzgebiet ist nicht riesig und allein kein Tagesprogramm. Genau deshalb passt es hervorragend in diese Auswahl. Bulgarien besitzt zahlreiche solcher kleinen Naturphänomene, an denen man auf einer Reise beinahe vorbeifahren könnte. Hier steigt man aus dem Auto und steht wenige Minuten später in einer Landschaft die aussieht, als hätte jemand für einen Fantasyfilm überdimensionale Pilze aus Stein gebaut, nur dass sie echt sind.

Wo? Beim Dorf Beli Plast zwischen Haskovo und Kardzhali, östliche Rhodopen · Google Maps: „Stone Mushrooms / Каменните гъби“

11. Lisitsite – ein Dorf hinter einer gewaltigen Hängebrücke

Hier beginnt das Erlebnis nicht im Dorf, sondern beim Versuch überhaupt dorthin zu kommen. Lisitsite liegt am Studen-Kladenets-Stausee in den östlichen Rhodopen. Der Landweg führt über eine lange Fußgänger-Hängebrücke, das offizielle Tourismusportal von Kardzhali bezeichnet sie als die längste Seilbrücke Bulgariens. Empfohlen wird der Zugang vom Dorf Shiroko Pole. Das Auto bleibt zurück, anschließend geht es zu Fuß weiter und schließlich über das Wasser.

Die Brücke ist keine nachträglich errichtete Touristenattraktion, sondern entstand im Zusammenhang mit dem Bau des Stausees in den 1950er-Jahren und sicherte den Zugang für die Menschen auf der anderen Seite. Genau deshalb fühlt sich die Überquerung anders an als ein künstlicher Skywalk. Hinter ihr liegt ein winziges, weitgehend abgeschiedenes Dorf, wer weiterwandert kann in der Umgebung außerdem thrakische Felsnischen und weitere archäologische Spuren entdecken. Lisitsite zeigt etwas, das für Bulgarien typisch ist. Manche der eindrucksvollsten Erlebnisse beginnen dort, wo der asphaltierte Weg aufhört.

Wo? Studen-Kladenets-Stausee bei Kardzhali; Ausgangspunkt Shiroko Pole · Google Maps: „Lisitsite Suspension Bridge / Въжен мост Лисиците“

12. Rupite – 74 Grad heißes Wasser am erloschenen Vulkan

Rupite lässt sich kaum in eine einzige Kategorie stecken. Geologie, Archäologie, Religion, Natur und moderne bulgarische Geschichte liegen hier auf engstem Raum nebeneinander. Das Gebiet befindet sich am vulkanisch geprägten Kozhuh, aus dem heißes Mineralwasser austritt. Gleichzeitig liegen hier die Überreste von Heraclea Sintica, einer antiken Stadt die erst durch jahrzehntelange archäologische Arbeit wieder Stück für Stück sichtbar geworden ist.

Und dann ist da Baba Vanga. Die berühmte bulgarische Seherin Vangelia Gushterova verbrachte einen Teil ihres Lebens in Rupite und ist bis heute untrennbar mit dem Ort verbunden. Ob man ihren angeblichen Vorhersagen Glauben schenkt ist eine persönliche Frage und sollte nicht mit belegbarer Geschichte vermischt werden. Faszinierend bleibt die Kombination trotzdem, heiße Quellen, vulkanische Landschaft, eine antike Stadt und ein moderner Pilgerort auf wenigen Quadratkilometern. In Rupite liegen verschiedene Epochen Bulgariens buchstäblich nebeneinander.

Wo? Rupite bei Petrich, Oblast Blagoevgrad, Südwestbulgarien · Google Maps: „Rupite Baba Vanga“ und „Heraclea Sintica“

13. Nestinarstvo – wenn Menschen mit Ikonen über Feuer gehen

Es gibt Feuershows für Touristen und es gibt Nestinarstvo, beides sollte man nicht miteinander verwechseln. Im Dorf Bulgari im Strandzha-Gebirge hat sich eine außergewöhnliche religiöse Tradition erhalten, die 2009 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Das Ritual ist mit dem Fest der Heiligen Konstantin und Helena verbunden und besteht keineswegs nur aus dem spektakulären Gang über glühende Kohlen. Prozessionen mit heiligen Ikonen, Musik mit Trommel und Dudelsack sowie der Gang zu einer heiligen Quelle gehören ebenso dazu. Erst am Abend folgt der Teil für den Nestinarstvo weltweit bekannt geworden ist. Die Nestinari betreten barfuß die Glut und tragen dabei die heiligen Ikonen.

Für die Beteiligten ist das keine Mutprobe und ursprünglich auch keine folkloristische Bühnenshow, sondern Bestandteil eines religiösen Rituals. Genau deshalb lohnt sich die klare Trennung zwischen authentischem Nestinarstvo und Veranstaltungen, die lediglich das spektakuläre Feuerlaufen für Touristen kopieren. Die UNESCO nennt Bulgari ausdrücklich als den Ort, an dem die Tradition heute weiterlebt. Wer sie erleben möchte, sollte also nicht nur fragen wo an diesem Abend jemand über Feuer läuft, sondern verstehen wollen was dort eigentlich geschieht. Dann wird aus einer Attraktion Kultur.

Wo? Dorf Bulgari, Gemeinde Tsarevo, Strandzha · Traditioneller Termin: 3. und 4. Juni · Google Maps: „Bulgari, Tsarevo“

14. Magura – Botschaften aus einer Welt ohne Schrift

Unweit von Belogradtschik liegt eine der bemerkenswertesten Höhlen Bulgariens. Die Magura ist schon wegen ihrer Größe beeindruckend, doch weder ihre Hallen noch die üblichen Tropfsteinformationen sind der entscheidende Grund für ihre Aufnahme in diese Auswahl. Das Außergewöhnliche sind die prähistorischen Darstellungen, die sich im Dunkel der Höhle erhalten haben. Menschen, Tiere, Jagd- und Tanzszenen sowie geometrische und astronomisch interpretierte Zeichen bilden eine Bilderwelt aus einer Zeit aus der keine schriftlichen Berichte überliefert sind.

Ein Teil der Darstellungen wurde mit Material geschaffen das Fledermausguano enthält. Damit steht man nicht einfach vor einem alten Bauwerk, sondern unmittelbar vor Spuren von Menschen, die vor Jahrtausenden denselben dunklen Raum betraten. Eine weitere Besonderheit ist die moderne Nutzung bestimmter Höhlenbereiche. Aufgrund des konstanten Klimas werden dort Schaumweine gelagert und gereift. Prähistorische Bilder und Weinlager in derselben Höhle, auch das ist Bulgarien.

Wo? Beim Dorf Rabisha, rund 17 Kilometer von Belogradtschik entfernt · Google Maps: „Magura Cave / Пещера Магурата“

15. Zhrebchevo – die Kirche eines Dorfes, das verschwunden ist

Zum Schluss kein mystisches Heiligtum, keine spektakuläre Höhle und keine bizarre Felsformation, sondern ein Ort dessen tatsächliche Geschichte stärker wirkt als viele Legenden. Am Zhrebchevo-Stausee steht die Ruine der Kirche „Sveti Ivan Rilski“. Sie gehörte einst zum Dorf Zapalnya. Das Dorf wurde im Zusammenhang mit dem Bau des Stausees aufgegeben und 1965 überflutet, die Kirche blieb zurück. Seitdem entscheidet der Wasserstand darüber welches Bild Besucher vorfinden. Bei niedrigem Pegel steht die Ruine auf trockenem Boden, bei höherem Wasser rückt der Stausee wieder an ihre Mauern heran. Im Februar 2026 berichtete die Bulgarische Nachrichtenagentur BTA, dass das Wasser nach mehreren trockenen Jahren wieder bis an die Kirche gestiegen war. Die höher gelegenen Friedhöfe des ehemaligen Dorfes blieben dagegen weiterhin über Wasser.

Damit ist Zhrebchevo wesentlich mehr als eine romantische Fotokulisse. Hinter den Bildern einer einsamen Kirchenruine im Wasser steht die Geschichte von Menschen, deren Häuser, Straßen und vertraute Umgebung einem Stausee weichen mussten. Die Ruine ist heute eines der letzten sichtbaren Zeugnisse dieses verschwundenen Ortes. Wer sie besuchen möchte kann die Position sogar exakt eingeben: 42.634693, 25.885305.

Wo? Zhrebchevo-Stausee, beim ehemaligen Dorf Zapalnya, nahe Panicherevo · GPS: 42.634693, 25.885305 · Google Maps: „Submerged Church Zhrebchevo / Потопената църква“

Bulgarien beginnt dort, wo die üblichen Sehenswürdigkeiten aufhören

Keiner dieser Orte braucht erfundene Superlative. Die beiden steinernen Augen in Prohodna existieren tatsächlich, ebenso der unterirdische Wasserfall im Devil’s Throat, die abgelegene Hängebrücke nach Lisitsite, die prähistorischen Bilder in Magura und die Kirche eines Dorfes, das heute nicht mehr existiert. Daneben stehen Legenden, religiöse Überzeugungen und Geschichten, die seit Generationen weitererzählt werden. Auch sie gehören zu Bulgarien, solange man Überlieferung und belegbare Tatsachen nicht miteinander verwechselt.

Vielleicht liegt gerade darin ein Teil der Faszination dieses Landes. Bulgarien drängt seine außergewöhnlichen Orte nicht immer auf. Manche liegen tief im Wald, andere unter der Erde oder hinter dem nächsten Gebirgszug. Zu einem fährt ein schmaler Zug, zu einem anderen muss man laufen. Manche verändern sich mit dem Stand der Sonne oder des Wassers, andere erwachen nur an wenigen Tagen des Jahres zu einem jahrhundertealten Ritual. Und dann gibt es Plätze, an denen eigentlich überhaupt nichts passieren muss. Man steht einfach unter zwei riesigen Augen aus Fels, vor einer halb versunkenen Kirche, zwischen den gewaltigen Steinen eines thrakischen Heiligtums oder mitten im dunklen Wald von Strandzha vor einer Quelle, zu der noch immer Menschen kommen.

Wer Bulgarien nur von der Strecke zwischen Flughafen, Hotel und Strand kennt, kennt deshalb nur einen winzigen Ausschnitt dieses Landes. Das außergewöhnliche Bulgarien beginnt häufig dort, wo das Navi von der Hauptstraße herunterführt.

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