Angekommen in Bulgarien: „Ja. Genau hier wollte ich hin.“
Nachdem ich meinen Aufruf „Auswanderer erzählen wie ihr neues Leben wirklich geworden ist“ veröffentlicht hatte, war Antje die Erste die mir ihre Geschichte geschickt hat und genau solche Geschichten möchte ich in meinem Auswander-Magazin erzählen. Von realen Menschen die Deutschland verlassen haben, in Bulgarien angekommen sind und heute wissen, das ihre damalige Entscheidung richtig war. Ohne Bulgarien zum Paradies zu erklären und ohne Schwierigkeiten unter den Teppich zu kehren. Vielen Dank an Antje, dass sie den Anfang macht und so offen über ihren Weg mit Holger nach Bulgarien erzählt.
Antje und Holger haben Deutschland 2022 verlassen und in Dyulevo bei Burgas ein neues Zuhause gefunden. Nicht alles wurde einfacher, manches sogar schwieriger. Trotzdem würden sie heute nichts anders machen.
Die Idee begann mit einem Cappuccino
Im Frühjahr 2021 saß Antje mit einer Bekannten draußen, beide in Decken gewickelt und mit einem Cappuccino in der Hand. Die Bekannte erzählte beiläufig, dass in wenigen Tagen der Möbelwagen komme, sie werde nach Bulgarien ziehen. Antjes erste Frage war naheliegend, „kannst du denn Bulgarisch?“ Nein, konnte sie nicht, aber ein Problem schien das für die Bekannte trotzdem nicht zu sein.
Damit war Bulgarien plötzlich in Antjes Leben. Sie begann zu lesen, schaute sich Bilder an und beschäftigte sich mit einem Land das in ihrer Lebensplanung bis dahin keine Rolle gespielt hatte. Irgendwann entstand der Gedanke, das könnte mir gefallen. Noch war die Zeit nicht reif, aber der erste Samen war gelegt.
Ende 2021 war schließlich ein Punkt erreicht an dem Antje ihr bisheriges Leben grundsätzlich infrage stellte. Ihre berufliche Situation wurde zunehmend unerfreulich, Holger war gerade in Rente gegangen und rief kurzerhand das Projekt „Rettet Antje“ ins Leben. Die beiden wollten mehr gemeinsame Zeit, Antje aus ihrer beruflichen Situation heraus bekommen und gleichzeitig ein Leben ohne Hypothekendarlehen aufbauen.
Schon während der Lockdowns hatte Antje in Deutschland eine Weiterbildung zum Immuncoach gemacht und damit gewissermaßen das I-Tüpfelchen auf ihr ohnehin vorhandenes Interesse an Gesundheit und Ernährung gesetzt. Heute verdient sie ihr Geld im Empfehlungsmarketing. Ihr Partnerunternehmen ist ein internationaler Konzern der hochwertige Vitalstoffe, Sportlernahrung, hochwertige Kosmetik und Superfoods für Hunde anbietet. Dadurch kann Antje auch von Bulgarien aus arbeiten.
Dieser Punkt ist ihr wichtig, denn häufig wird sie gefragt wovon sie und Holger eigentlich leben, Antje ist ja noch keine Rentnerin. Das Empfehlungsmarketing ist für sie eine Möglichkeit auch im Ausland Geld zu verdienen, ohne beispielsweise im Telefonsupport arbeiten zu müssen.
Sie möchte diese Möglichkeit auch deshalb nicht unerwähnt lassen, weil es nicht nur das Unternehmen gibt mit dem sie selbst zusammenarbeitet. Auch andere Firmen bieten diese Form der Tätigkeit an. Für Antje bedeutete die Auswanderung beruflich also gerade nicht ihren ungeliebten Job einfach von Deutschland nach Bulgarien mitzunehmen. Dieser alte Job war vielmehr einer der Gründe dafür etwas zu verändern.
Also machten sie eine Liste. Das Meer sollte in der Nähe sein, Immobilien mussten bezahlbar bleiben und Deutschland sollte notfalls auf dem Landweg erreichbar sein. Wegen Antjes empfindlicher Atemwege sollte das Klima eher trocken sein, außerdem wollte sie ihre berufliche Tätigkeit zumindest teilweise weiterführen können. Verschiedene Länder schieden aus, Bulgarien blieb.
Doch da war Antjes Mutter. Sie war damals 91 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen und zeitweise so schwer erkrankt das die Familie bereits mit dem Schlimmsten gerechnet hatte. Antje wollte sie keinesfalls allein in Deutschland zurücklassen. Zeitweise stand deshalb sogar die Idee im Raum, dass Holger zunächst allein nach Bulgarien gehen und dort alles vorbereiten sollte.
Ihre Mutter hielt davon wenig.„Du bist ja wohl nicht ganz klug, deinen Mann alleine ans andere Ende der Welt gehen zu lassen.“
Antje antwortete, dass sie dafür ihre Mutter nicht allein lassen werde. „Und was ist, wenn ich mitkomme?“, fragte diese. Damit wurde aus einem Gedanken ein gemeinsamer Plan.
Auf der Suche nach einem neuen Zuhause
Im Juli 2022 fuhren Antje und Holger mit ihrem Wohnwagengespann nach Bulgarien. Drei Wochen standen sie auf einem Campingplatz in Obzor und suchten im Umkreis von etwa 30 Kilometern rund um Burgas nach einem Haus. Die Nähe zur Stadt war ihnen wichtig, insbesondere mit Blick auf Antjes hochbetagte Mutter und eine vernünftige medizinische Versorgung.
Die Realität mancher Immobilienanzeigen lernten sie dabei schnell kennen. Eine eingestürzte Sommerküche samt Schimmelgeruch gehörte ebenso zum Angebot wie ein hübsch herausgeputztes Ferienhaus ohne Heizung und Herd. In einem anderen Gebäude waren die Decken so niedrig, dass Antje mit ihren 1,64 Metern nach eigener Aussage jede Glühbirne ohne Leiter hätte wechseln können. Diese Besichtigung beendete sie bereits im Flur.
Und dann war da dieses Haus in Dyulevo. Antje hatte es schon in Deutschland entdeckt und war nach eigenen Worten sofort „schockverliebt“. Eigentlich war es zu teuer. 150.000 Euro wurden verlangt, 100.000 Euro hatten sich Antje und Holger als Grenze gesetzt. Trotzdem wollte sie es wenigstens sehen.
Als sich bei der Besichtigung die Tür öffnete, begrüßte sie der Eigentümer auf Deutsch: „Ihr seid aus Deutschland, oder? Herzlich willkommen, ich bin der Martin.“
Die Chemie stimmte sofort und erstmals hielt auch das Haus was das Exposé versprochen hatte. Es war erst viereinhalb Jahre alt, hatte zwei Brunnen, ein Gewächshaus und war in einem Zustand der ihnen viele zusätzliche Arbeiten ersparen würde. Am Ende einigten sich beide Seiten auf 130.000 Euro. Die Anzahlung überwies Antje tatsächlich online vom Strand in Nessebar.
Am 28. September 2022 war Notartermin. Die bisherigen Eigentümer zogen aus, Antje, Holger und ihre Mutter ein.
Ankommen heißt nicht, dass sofort alles leicht wird
Bis dahin musste der komplette Hausstand in Deutschland aufgelöst, Antjes berufliche Situation geklärt, die Krankenversicherung geregelt und der Umzug organisiert werden. Das Umzugsunternehmen sorgte gleich zweimal für zusätzliche Spannung, weil es deutlich früher erschien als vereinbart. Als Antje und Holger schließlich vom Notar kamen standen Möbel und Kartons bereits vor dem neuen Haus.
Mit eingezogen waren offenbar jede Menge kleine schwarze Grashüpfer, die noch tagelang durchs Haus liefen. Auch das gehört zu einer Auswanderung, die Geschichten die vorher in keinem Ratgeber stehen.
Schon am nächsten Tag stand ein Deutscher vor der Tür, den Antje zuvor über Telegram kennengelernt hatte. Eigentlich wollte er nur schauen wer da neu angekommen war. Dann half er kurzerhand dabei die Waschmaschine an ihren Platz zu bringen und anzuschließen. „So funktioniert das hier übrigens öfter“ sagt Antje heute.
Sehr viel schwieriger verlief das Ankommen für ihre Mutter. Antje hatte gehofft, dass vorhandene Kontakte und andere ältere Menschen ihr helfen würden sich einzuleben. Doch die damals 91-Jährige zog sich zunehmend zurück und wurde in Bulgarien nie wirklich heimisch. Bis zu ihrem Tod im Juli 2024 versuchten Antje und Holger deshalb immer wieder Menschen zu sich einzuladen und das gesellschaftliche Leben zu ihr nach Hause zu holen.
Bis heute beschäftigt Antje die Frage ob sie ihrer Mutter mit der Auswanderung zu viel zugemutet hat. Gleichzeitig weiß sie, dass sie selbst damals in Deutschland kaum noch eine Perspektive für ihr bisheriges Leben gesehen hatte. Ihre Mutter hatte die Entscheidung mitzukommen selbst getroffen. Es ist einer jener Teile einer Auswanderung für die es im Nachhinein keine einfache Antwort gibt.
Aus einem fremden Dorf wird „unser Dorf“
Auch die bulgarische Sprache hatte Antje gründlich unterschätzt. Schon vor der Auswanderung hatten beide mit einem Onlinekurs begonnen. Weil Antje bereits Englisch und Französisch gelernt hatte ging sie davon aus, dass auch Bulgarisch irgendwie zu schaffen sein würde.
Ihre heutige Zusammenfassung dieser Einschätzung fällt ziemlich eindeutig aus: „Am Arsch.“
Kyrillische Schrift, ungewohnte Laute und eine Sprache, die sich erheblich hartnäckiger erwies als erwartet. Holger legte nach sechs Monaten zunächst eine Pause ein, Antje kämpfte weiter. Heute kann sie einkaufen, im Restaurant bestellen, nach dem Weg fragen und einfachen Smalltalk führen. Gelegentlich bekommt sie sogar von Paketboten ein Lob für ihr Bulgarisch.
Dabei hat sie etwas gelernt, das für das Ankommen vielleicht wichtiger ist als perfekte Grammatik. Wenn Bulgaren merken, dass man sich ernsthaft um ihre Sprache bemüht bekommt man viel zurück. Antje erlebt die Menschen als hilfsbereit und gastfreundlich. Aus ersten Begegnungen entstanden Kontakte, aus Kontakten Beziehungen.
Inzwischen versuchen Antje und Holger sich aktiv in Dyulevo einzubringen. Wenn der Kmet zur Arbeitsbrigade ruft sind sie dabei. Sie unterstützen Renovierungen und das Dorffeuerwerk, Antje engagiert sich im Vorstand des Vereins „Saubere Natur – Dyulevo“.
Irgendwann hat sich dabei etwas Entscheidendes verändert. Dyulevo ist für sie nicht mehr das bulgarische Dorf in dem zufällig ihr Haus steht. Es ist ihr Dorf, ihr Zuhause.
Eine Entwicklung, mit der niemand gerechnet hatte
Doch ausgerechnet das Dorf, das für Antje und Holger inzwischen zu ihrem Zuhause geworden ist beschäftigt sie heute aus einem ganz anderen Grund. In der Umgebung von Dyulevo gibt es seit Jahren Pläne für einen riesigen Photovoltaikpark. Das gesamte Vorhaben betrifft Flächen von mehr als 8.000 Dekar, also über acht Quadratkilometern in den Gemarkungen mehrerer Dörfer der Gemeinde Sredets. Allein im Bereich von Dyulevo ist von mehr als 6.000 Dekar die Rede, darunter landwirtschaftlich genutzte Flächen und Weideland. Teile der vorgesehenen Flächen liegen unmittelbar in der Nähe des Dorfes.
Für Antje ist das keine abstrakte Diskussion über erneuerbare Energien. Es betrifft den Ort den sie und Holger bewusst als ihr neues Zuhause gewählt haben.„Ich fühle mich persönlich betroffen, da ein Investor plant unmittelbar an unser Dorf angrenzend einen Solarpark mit der unglaublichen Größe von 8 km² zu errichten. Dann ist unser Dorf kein Dorf mehr, sondern ein Industriepark.“
Mit ihrer Sorge steht sie in Dyulevo nicht allein. Im Juni 2025 sprachen sich bei einer Gemeindeversammlung 137 von 142 anwesenden Einwohnern gegen den geplanten Photovoltaikpark aus. Der Gemeinderat von Sredets hob daraufhin frühere Entscheidungen zugunsten des Projekts auf und sprach sich gegen dessen Realisierung aus.
Beendet ist die Auseinandersetzung damit jedoch nicht. Der Investor „Sredets Solar BG“ ging gegen Entscheidungen des Gemeinderates gerichtlich vor. Auch 2026 beschäftigte der Streit die Verwaltungsgerichtsbarkeit.
Für Antje gehört inzwischen auch das zur Realität ihrer Auswanderung. Man kann lange nach dem richtigen Ort suchen, ein Haus finden, sich einleben und irgendwann sagen „Genau hier wollte ich hin“ und trotzdem können Jahre später Entwicklungen beginnen die man bei der Entscheidung für dieses Zuhause nicht vorhersehen konnte.
Ein Leben, das sie sich selbst ausgesucht haben
Auf ihrem 2.000 Quadratmeter großen Grundstück wachsen heute Kirschpflaumen, Mirabellen, Feigen, Quitten, Maulbeeren, Äpfel, Birnen und vieles mehr. Dazu kommen Tomaten, Gurken, Zucchini, Chili, Paprika, Möhren, Bohnen, Kräuter und weitere Gemüsearten. Bei Säften, Marmeladen und Kompott versorgen sich Antje und Holger inzwischen vollständig selbst, vieles zieht Antje aus eigenem Saatgut.
Die Gartenarbeit bestimmt große Teile ihres Alltags. Manch einer bedauert sie deswegen, erzählt Antje. Sie selbst empfindet es genau andersherum. Der Blick in die volle Vorratskammer am Ende der Saison gibt ihr heute eine Befriedigung die ihr nach eigener Aussage kein Bürojob der Welt verschaffen konnte.
Inzwischen gehören auch eine Solaranlage mit 11 kW Modulleistung, ein Batteriespeicher mit 22 kWh und drei Brunnen zu ihrem Leben. Nicht aus romantischer Selbstversorger-Ideologie, sondern aus praktischen Gründen. Strom kann ausfallen oder wegen Arbeiten zeitweise abgeschaltet werden und ohne Strom läuft auch die Brunnenpumpe nicht.
Haustiere wollten Antje und Holger übrigens überhaupt nicht. Heute haben sie sechs Katzen. Trotzdem verklärt Antje ihr neues Leben nicht. Handwerker und deren gelegentlich sehr großzügige Interpretation von Terminabsprachen können sie zur Weißglut bringen. Der Umgang mit Tieren macht ihr teilweise schwer zu schaffen, ebenso achtlos weggeworfener Müll. Manche bulgarische Straße erinnert ziemlich zuverlässig daran, dass eine erlaubte Geschwindigkeit noch lange keine empfehlenswerte Geschwindigkeit sein muss.
Bulgarien ist nicht Deutschland, das wussten beide vorher. Manche Unterschiede muss man trotzdem erst erleben, bevor man weiß ob man mit ihnen leben kann. Antje und Holger können es.
„Wir sind gekommen, weil wir ein anderes Leben wollten“
Heute ist Holger 71, Antje 61. Vier Kinder und fünf Enkel leben weit entfernt, sie fehlen ihnen. Das ist ein Preis der Auswanderung den Antje nicht kleinredet.
Doch auf die entscheidende Frage ihrer Geschichte hat sie eine bemerkenswert klare Antwort: Würden sie es wieder tun?
„Ich würde heute nichts anders machen.“
Sie vermissen ihre Familie, aber nicht ihr früheres Leben in Deutschland. In Bulgarien fühlen sie sich freier, sie haben Platz, ihren Garten, ihre Tiere und können ihr Leben stärker nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Selbst manches was andere als rückständig empfinden, gehört für sie zu genau dem Leben das sie gesucht haben.
Was Antje dagegen überhaupt nicht versteht sind Deutsche, die nach Bulgarien auswandern und anschließend versuchen, sich dort ein „Deutschland 2.0“ zu schaffen und den Bulgaren erklären wollen wie sie ihr Land und ihr Leben zu gestalten haben.
Ein Satz aus ihrer Geschichte bringt deshalb ziemlich genau auf den Punkt, warum ihre Auswanderung funktioniert hat:
„Wir sind nicht nach Bulgarien gekommen damit Bulgarien deutscher wird. Wir sind gekommen weil wir ein anderes Leben wollten und das haben wir bekommen.“
Antjes Lieblingsmomente sind heute erstaunlich unspektakulär. Der Sonnenaufgang über dem Schwarzen Meer, der Blick in die volle Vorratskammer nach der Gartensaison und die Störche, die direkt vor dem Küchenfenster jedes Jahr ihre Jungen großziehen.
Manchmal sitzt sie dort, schaut hinaus und denkt einfach: „Ja. Genau hier wollte ich hin.“
