Sprache & Mentalität in Bulgarien – verstehen, bevor man urteilt
Wer nach Bulgarien auswandert beschäftigt sich meist zuerst mit Wohnung, Behörden, Geld und Krankenversicherung. Im Alltag entscheidet aber etwas anderes darüber ob man sich wirklich einlebt. Kann ich mich verständigen und verstehe ich wie die Menschen hier miteinander umgehen?
Bulgarien ist nicht Deutschland mit anderem Wetter. Sprache, Kommunikation und gesellschaftliche Gewohnheiten unterscheiden sich. Vieles was einem Deutschen anfangs fremd erscheint ist weder unfreundlich noch falsch, sondern schlicht bulgarisch.
Bulgarisch: Man muss es nicht perfekt können
Bulgarisch wird in kyrillischer Schrift geschrieben, das wirkt zunächst schwieriger als es tatsächlich ist. Wer das Alphabet einmal beherrscht kann überraschend schnell Straßenschilder, Geschäfte, Speisekarten oder Ortsnamen lesen.
In Burgas und anderen größeren Städten kommt man besonders bei jüngeren Menschen häufig mit Englisch weiter, auch Deutsch wird gelegentlich gesprochen. Für ein dauerhaftes Leben in Bulgarien sollte man sich darauf aber nicht verlassen.
Niemand erwartet von einem deutschen Auswanderer perfektes Bulgarisch. Schon einige grundlegende Wörter und Sätze verändern jedoch den Alltag. Ein freundliches „Добър ден“ – Guten Tag –, „Благодаря“ – Danke – oder der Versuch etwas auf Bulgarisch zu erklären wird meistens positiv aufgenommen.
Vor allem außerhalb touristischer Gebiete wird die Sprache wichtiger. Beim Handwerker, im kleinen Laden, beim Arzt oder bei einer Behörde kann Englisch schnell an seine Grenzen kommen. Übersetzungs-Apps helfen enorm, sie ersetzen auf Dauer aber nicht jedes persönliche Gespräch.
Die bulgarische Mentalität: weniger Worte, mehr Beziehung
Eine „bulgarische Mentalität“ für alle Bulgaren gibt es natürlich nicht, trotzdem gibt es Unterschiede die deutschen Auswanderern häufig auffallen.
Kommunikation kann zunächst direkter oder reservierter wirken. Eine Verkäuferin, ein Beamter oder ein Nachbar muss nicht ständig lächeln, damit alles in Ordnung ist. Deutsche interpretieren eine zurückhaltende Art deshalb manchmal vorschnell als Unfreundlichkeit.
Gleichzeitig spielen persönliche Beziehungen im Alltag oft eine größere Rolle. Hat man erst einmal Vertrauen aufgebaut erlebt man häufig eine enorme Hilfsbereitschaft. Nachbarschaft, Familie und persönliche Kontakte haben einen hohen Stellenwert. Das bedeutet allerdings nicht, dass in Bulgarien „alles nur über Beziehungen funktioniert“, auch das ist eines dieser Klischees die unter Auswanderern gerne weitergegeben werden.
Auch beim Zeitgefühl und bei Absprachen sollte man nicht jede deutsche Erwartung eins zu eins übertragen. Ein Handwerker der sagt er komme „morgen“, kann damit gelegentlich einen etwas großzügigeren Zeitraum meinen als der deutsche Kunde. Andererseits gibt es selbstverständlich auch in Bulgarien Menschen die auf die Minute pünktlich sind. Aus kulturellen Unterschieden sollte man keine Charakterurteile machen.
Wer hier leben will, sollte nicht ständig Deutschland erwarten
Der wahrscheinlich wichtigste Punkt hat mit Sprache nur indirekt zu tun. Wer dauerhaft nach Bulgarien zieht wird sich leichter einleben wenn er nicht jede Situation mit Deutschland vergleicht.
Manches funktioniert besser, manches schlechter und vieles einfach anders. Wer bei jeder Gelegenheit erklärt wie etwas „in Deutschland richtig gemacht wird“, schafft selten Nähe. Wer dagegen beobachtet, nachfragt, ein paar Wörter Bulgarisch lernt und akzeptiert, dass er selbst der Neuankömmling ist bekommt meist einen ganz anderen Zugang zu den Menschen.
Integration bedeutet dabei nicht die eigene Herkunft aufzugeben oder alles gut finden zu müssen. Man darf kritisieren ohne herablassend zu werden und man kann sich anpassen ohne seine eigene Identität zu verlieren.
Fazit
Für das Leben in Bulgarien braucht niemand perfektes Bulgarisch und niemand muss „wie ein Bulgare“ werden. Ein wenig Sprachkenntnis, Respekt und die Bereitschaft kulturelle Unterschiede nicht sofort zu bewerten bringen einen jedoch erstaunlich weit.
Denn wirklich angekommen ist man nicht dann wenn man seine Aufenthaltskarte in der Tasche hat. Angekommen ist man, wenn Bulgarien nicht mehr ständig mit Deutschland verglichen werden muss, sondern zum ganz normalen eigenen Alltag geworden ist.
