Wie nah ist der große Krieg – Ist die Welt näher an einem großen Krieg, als wir uns eingestehen wollen?
Europa rüstet auf, Russland führt weiterhin Krieg gegen die Ukraine, im Nahen Osten drohen militärische Auseinandersetzungen wichtige Energie- und Handelswege zu gefährden, China erhöht den Druck auf Taiwan und die großen Atommächte investieren erneut Milliarden in ihre nuklearen Arsenale. Jede dieser Entwicklungen wäre für sich genommen bereits eine internationale Krise. Das eigentlich Beunruhigende des Jahres 2026 ist jedoch ihre Gleichzeitigkeit. Die Frage, ob die Welt auf einen großen Krieg zusteuert, klingt schnell nach Panikmache und lässt sich seriös auch nicht mit Ja beantworten. Niemand weiß ob es zu einer direkten militärischen Konfrontation der Großmächte kommen wird. Doch ebenso fahrlässig wäre es, die Veränderungen der vergangenen Jahre als gewöhnliche Schwankungen der Weltpolitik abzutun. Die internationale Ordnung ist instabiler geworden, militärische Stärke gewinnt wieder an Bedeutung und Sicherheiten, die über Jahrzehnte selbstverständlich erschienen, gelten plötzlich nicht mehr. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob ein Dritter Weltkrieg unmittelbar bevorsteht und stattdessen fragen wie viele Voraussetzungen für einen größeren internationalen Krieg inzwischen bereits vorhanden sind.
Die Welt rüstet auf – und zwar in historischem Ausmaß
Die Entwicklung lässt sich zunächst ziemlich nüchtern an Zahlen ablesen. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI erreichten die weltweiten Militärausgaben 2025 rund 2,9 Billionen US-Dollar. Es war das elfte Jahr in Folge mit steigenden Ausgaben, innerhalb eines Jahrzehnts erhöhten sie sich real um 41 Prozent. Besonders deutlich ist die Entwicklung in Europa wo die Militärausgaben 2025 nochmals um 14 Prozent zunahmen. Gleichzeitig beschlossen die NATO-Mitgliedstaaten 2025, bis 2035 jährlich insgesamt fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und verteidigungsbezogene Bereiche aufzuwenden, davon mindestens 3,5 Prozent für klassische Verteidigungsausgaben. Man kann diese Aufrüstung angesichts der internationalen Lage für notwendig halten oder politisch kritisieren. Entscheidend ist zunächst etwas anderes, Regierungen investieren solche Summen nicht, weil sie von einer dauerhaft friedlichen Zukunft ausgehen. Europa bereitet sich erkennbar auf eine Welt vor in der militärische Abschreckung, eigene Verteidigungsfähigkeit und die Möglichkeit größerer Konflikte wieder eine wesentlich wichtigere Rolle spielen. SIPRI – weltweite Militärausgaben 2025 NATO – Verteidigungsausgaben und 5-Prozent-Ziel
Russland und die NATO – die gefährlichste Grenze Europas
Der Krieg gegen die Ukraine hat Europa bereits grundlegend verändert. Russland ist eine Atommacht, während zahlreiche NATO-Staaten die Ukraine mit Waffen, Geld, Ausbildung und anderen Formen der Unterstützung versorgen. Bisher ist es gelungen einen direkten Krieg zwischen Russland und der NATO zu vermeiden und auf beiden Seiten bestehen starke Gründe genau diese Grenze nicht zu überschreiten. Trotzdem wächst mit jedem militärischen Zwischenfall die Gefahr einer Fehlkalkulation. Drohnen, Flugkörper, Cyberangriffe, Sabotagevorwürfe oder Zwischenfälle im Luftraum können Situationen schaffen, in denen Regierungen unter enormem Zeitdruck entscheiden müssen was geschehen ist und wie darauf reagiert werden soll. Das Gefährliche daran ist nicht unbedingt die Vorstellung, dass Moskau oder eine westliche Regierung bewusst einen großen europäischen Krieg beginnen möchte. Geschichte zeigt vielmehr, dass Eskalationen auch entstehen können wenn Staaten die Absichten ihres Gegners falsch einschätzen, Stärke demonstrieren wollen oder auf einen vermeintlichen Angriff reagieren bevor sämtliche Fakten bekannt sind. Je stärker militärische Kräfte aufeinandertreffen und je länger ein Konflikt dauert, desto größer wird statistisch schlicht die Zahl der Gelegenheiten bei denen etwas schiefgehen kann.
Der Nahe Osten kann die Weltwirtschaft unmittelbar treffen
Während Europa vor allem auf Russland blickt bleibt der Nahe Osten ein zweites enormes Eskalationsgebiet. Besonders gefährlich ist dabei die Straße von Hormus, eine vergleichsweise schmale Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Flüssiggastransporte läuft. Eine länger anhaltende militärische Störung dieses Seewegs wäre deshalb keineswegs nur ein Problem für die unmittelbar beteiligten Staaten. Energiepreise könnten steigen, Transport- und Produktionskosten würden folgen, Lieferketten könnten beeinträchtigt werden und schließlich würde ein Teil dieser Kosten bei Unternehmen und Verbrauchern in Europa ankommen. Genau daran zeigt sich wie anders ein großer Konflikt heute wirken kann. Deutschland muss nicht von Raketen getroffen werden um von einem Krieg schwer betroffen zu sein. Eine blockierte Meerenge, zerstörte Energieinfrastruktur oder ausfallende Lieferketten können wirtschaftliche Folgen über Tausende Kilometer transportieren. Europas Abhängigkeit von einer funktionierenden Weltwirtschaft macht weit entfernte Kriege deshalb sehr schnell zu eigenen Problemen.
Taiwan – eine kleine Insel mit gewaltiger Bedeutung
Noch größer könnten die wirtschaftlichen Folgen eines Konflikts um Taiwan werden. China betrachtet Taiwan als Teil seines Staatsgebiets und schließt die Anwendung militärischer Gewalt zur Durchsetzung der Wiedervereinigung nicht aus. Taiwan wiederum verstärkt seine Verteidigungsbereitschaft, während die USA ein erhebliches strategisches Interesse an der Region besitzen. Im August 2026 fanden erneut umfangreiche taiwanische Militärmanöver statt, bei denen unter anderem Szenarien eines chinesischen Angriffs und einer Blockade geübt wurden. Gleichzeitig steigt der Verteidigungshaushalt der Insel deutlich. Für Europa wirkt dieser Konflikt geografisch weit entfernt, wirtschaftlich ist er das keineswegs. Taiwan spielt eine Schlüsselrolle bei der Produktion moderner Halbleiter, die für Fahrzeuge, Computer, Smartphones, Industrieanlagen, Kommunikationssysteme und Rechenzentren benötigt werden. Schon die Lieferprobleme während der Pandemie haben gezeigt wie schnell fehlende Chips ganze Produktionsketten ausbremsen können. Ein tatsächlicher Krieg oder eine länger anhaltende Blockade Taiwans wäre eine völlig andere Größenordnung. Noch gefährlicher wäre allerdings die politische Dimension: Ein Konflikt könnte China und die Vereinigten Staaten unmittelbar gegeneinanderstellen und damit zwei der mächtigsten Staaten und Atommächte der Erde.
Die Rückkehr des nuklearen Wettrüstens
Parallel zu diesen regionalen Konflikten verändert sich die nukleare Sicherheitsordnung. SIPRI warnt seit Jahren davor, dass die Atommächte ihre Arsenale modernisieren und neue Systeme entwickeln. Besonders bedeutsam ist das Auslaufen des New-START-Vertrags zwischen den USA und Russland im Februar 2026. Der Vertrag begrenzte die stationierten strategischen Nuklearwaffen beider Staaten und schuf Mechanismen die zumindest ein gewisses Maß an Berechenbarkeit zwischen den beiden größten Atommächten ermöglichten. Mit seinem Ende verschwindet ein weiterer Bestandteil jener Rüstungskontrollarchitektur die nach den Erfahrungen des Kalten Krieges aufgebaut worden war. Gleichzeitig wächst Chinas nukleares Arsenal, wodurch aus der früher hauptsächlich amerikanisch-russischen Gleichung zunehmend ein Dreiecksverhältnis wird. Niemand sollte daraus ableiten das der Einsatz von Atomwaffen unmittelbar bevorsteht. Gerade nukleare Abschreckung soll einen großen Krieg verhindern. Problematisch wird es jedoch wenn mehr Waffen, mehr Akteure und weniger verbindliche Regeln zusammentreffen. Je geringer Transparenz und gegenseitige Kontrolle werden, desto schwieriger wird es militärische Absichten zuverlässig einzuschätzen. SIPRI Yearbook 2026 – Atomwaffen und Eskalationsrisiken
Ein großer Krieg würde wahrscheinlich anders beginnen, als wir ihn uns vorstellen
Unsere Vorstellung eines Weltkriegs ist stark von den Bildern des 20. Jahrhunderts geprägt: Mobilmachung, Panzerkolonnen, Kriegserklärungen und Armeen, die Grenzen überschreiten. Ein großer Konflikt des 21. Jahrhunderts könnte wesentlich unscheinbarer beginnen. Ein Cyberangriff legt Teile eines Stromnetzes lahm, ein Unterseekabel wird beschädigt, Satellitennavigation fällt aus, eine Drohne trifft ein Ziel im falschen Land oder ein Schiff wird angegriffen ohne dass zunächst eindeutig geklärt werden kann wer dafür verantwortlich ist. Eine Regierung reagiert, die Gegenseite antwortet, Verbündete werden einbezogen und plötzlich greifen Verpflichtungen und militärische Planungen ineinander, die ursprünglich genau dazu gedacht waren einen Krieg zu verhindern. Das bedeutet nicht das eine solche Eskalationskette zwangsläufig eintreten wird. Es erklärt aber warum die gegenwärtige Häufung internationaler Krisen so gefährlich ist. Jede zusätzliche Konfliktlinie schafft weitere Möglichkeiten für Missverständnisse, technische Fehler und politische Fehlentscheidungen.
Das größte Risiko ist die Gleichzeitigkeit
Russland und die Ukraine, das Verhältnis zwischen Russland und der NATO, Iran und Israel, die amerikanische Rolle im Nahen Osten, die Sicherheit der Straße von Hormus, China und Taiwan sowie die strategische Rivalität zwischen Washington und Peking sind keine Teile eines zentral gesteuerten Plans für einen Weltkrieg. Genau hier sollte man Verschwörungserzählungen und übertriebene Untergangsszenarien klar zurückweisen. Trotzdem beeinflussen sich diese Konflikte gegenseitig. Militärische Ressourcen sind begrenzt, politische Aufmerksamkeit ebenfalls. Wenn die USA beispielsweise gleichzeitig Europa unterstützen, ihre Position im Nahen Osten sichern und China im Pazifik abschrecken müssen entstehen strategische Zielkonflikte. Europa wiederum muss größere Teile seiner eigenen Verteidigung finanzieren, während hohe Staatsausgaben, wirtschaftliche Probleme und gesellschaftliche Spannungen bereits innenpolitischen Druck erzeugen. China, Russland, Iran und andere Staaten beobachten genau wie belastbar westliche Bündnisse sind. Aus mehreren regionalen Krisen muss deshalb kein Weltkrieg entstehen. Aber ihre Gleichzeitigkeit macht das internationale System anfälliger für Kettenreaktionen.
Warum wir die Gefahr trotzdem kaum noch wahrnehmen
Bemerkenswert ist, wie normal diese Entwicklung inzwischen erscheint. Meldungen über Raketenangriffe, Drohnen, neue Waffenprogramme oder Milliardenpakete für Verteidigung konkurrieren täglich mit Wirtschaftsnachrichten, Fußball, Prominenten und dem Wetterbericht. Das ist kein Vorwurf an die Bevölkerung. Menschen müssen arbeiten, Rechnungen bezahlen, ihre Kinder versorgen und ihr normales Leben führen. Doch genau diese Normalität kann den Blick darauf verstellen, wie grundlegend sich die internationale Lage innerhalb weniger Jahre verändert hat. Die Wissenschaftler hinter der sogenannten Doomsday Clock stellten die symbolische Uhr Anfang 2026 auf 85 Sekunden vor Mitternacht, näher als jemals zuvor. Diese Uhr ist keine wissenschaftliche Vorhersage eines Weltuntergangs und sollte auch nicht als solche missverstanden werden. Sie ist vielmehr ein bewusst drastisches Symbol für die Einschätzung verschiedener existenzieller Risiken, darunter Atomwaffen, geopolitische Spannungen und andere globale Bedrohungen. Entscheidend ist deshalb nicht die Zahl 85, sondern die Tatsache, dass Fachleute die gegenwärtige Entwicklung für gefährlicher halten als in früheren Jahren. Bulletin of the Atomic Scientists – Doomsday Clock
Die unbequeme Wahrheit des Jahres 2026
Es gibt keinen seriösen Beleg dafür, dass ein Dritter Weltkrieg unmittelbar bevorsteht. Diese Grenze muss eine verantwortungsvolle Analyse ziehen, auch wenn eine spektakulärere Behauptung mehr Aufmerksamkeit erzeugen würde. Es gibt weiterhin Diplomatie, wirtschaftliche Abhängigkeiten, militärische Abschreckung und auf allen Seiten gute Gründe, eine direkte Konfrontation der Großmächte zu verhindern. Gleichzeitig wäre es naiv daraus eine Garantie für Frieden abzuleiten. Die Welt rüstet in einem Ausmaß auf das vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Die Sicherheitsordnung Europas wurde durch den Ukrainekrieg erschüttert, im Nahen Osten können regionale Konflikte globale Energie- und Handelswege treffen um Taiwan stehen sich die Interessen Chinas und der USA gegenüber und die internationale Kontrolle strategischer Atomwaffen wird schwächer. Keine dieser Entwicklungen beweist, dass ein großer Krieg kommen wird. Zusammen ergeben sie jedoch ein Bild das man nicht mit dem beruhigenden Satz abtun sollte, irgendwie werde es schon gutgehen.
Vielleicht liegt genau darin die unbequeme Wahrheit des Jahres 2026. Große Kriege müssen nicht beginnen weil eines Morgens ein Staatschef beschließt einen Weltkrieg auszulösen. Sie können aus regionalen Konflikten, falschen Einschätzungen, Bündnisverpflichtungen und Reaktionen entstehen, deren Folgen die Beteiligten selbst nicht vollständig vorausgesehen haben. Die Menschen würden währenddessen wahrscheinlich weiter zur Arbeit fahren, einkaufen, ihren Urlaub planen und abends Nachrichten sehen, so wie Menschen auch während früherer historischer Umbrüche ihren Alltag weiterlebten. Deshalb halte ich die Frage, ob der Dritte Weltkrieg unmittelbar bevorsteht letztlich sogar für die falsche. Die wichtigere Frage lautet ob wir gerade erleben wie die politischen und militärischen Sicherungen die einen solchen Krieg verhindern sollen Stück für Stück schwächer werden. Darauf gibt es 2026 keine beruhigende Antwort und vielleicht ist gerade das der Grund, genauer hinzusehen.
