Panzer müssen rollen können – Europa baut für den Ernstfall um
Europa rüstet nicht nur seine Armeen auf. Europa baut inzwischen Straßen, Brücken, Schienen und Häfen so um, dass im Ernstfall schwerstes Militärgerät quer über den Kontinent bewegt werden kann. Während Millionen Menschen ihren normalen Alltag leben wird im Hintergrund eine Infrastruktur geschaffen, die auf ein Szenario vorbereitet ist über das kaum jemand gerne spricht, Krieg in Europa.
Ein Beispiel zeigt die Dimension. Auf der polnischen Autobahn A2 wurden zwei Brücken so verstärkt, dass ihre zulässige Tragfähigkeit von 30 auf 130 Tonnen steigt. Der militärische Zweck ist keine Vermutung, er steht in den offiziellen EU-Unterlagen. Auch Bahnstrecken werden für schwere Transporte angepasst, Häfen ausgebaut, Straßen verbreitert und strategische Verkehrsachsen ertüchtigt.
Bereits 95 Dual-Use-Projekte in 21 EU-Staaten werden mit insgesamt 1,74 Milliarden Euro unterstützt. Rund 500 weitere infrastrukturelle „Hotspots“ wurden entlang vier wichtiger militärischer Transportkorridore identifiziert. Brücken verstärken, Tunnel verbreitern, Häfen und Flughäfen leistungsfähiger machen damit Truppen und schweres Gerät im Ernstfall nicht irgendwo zwischen einer zu schwachen Brücke und einer Landesgrenze stecken bleiben.
Dafür gibt es inzwischen sogar einen Begriff: „Military Schengen“. Soldaten und militärisches Material sollen sich im Krisenfall wesentlich schneller durch Europa bewegen können und die Dimension soll wachsen. Für die kommende EU-Haushaltsperiode hat die Kommission 17,65 Milliarden Euro für militärische Mobilität vorgeschlagen. Diese Summe ist noch nicht endgültig beschlossen, aber sie wäre ungefähr zehnmal so hoch wie das bisherige Budget.
Und die Bevölkerung? Von Geheimhaltung kann keine Rede sein, die Dokumente, Projekte und Milliardenbeträge sind öffentlich. Das eigentlich Erstaunliche ist etwas anderes, man muss nichts geheim halten wenn kaum jemand hinsieht.
Während über Renten, Migration, Heizungen und den nächsten politischen Skandal gestritten wird verändert Europa ganz nüchtern die Statik seiner Brücken, die Kapazität seiner Häfen und die Regeln für militärische Transporte. Keine Sirenen, keine dramatische Ansprache an die Bevölkerung, keine Schlagzeile jeden Abend, aber heute wurde wieder ein Stück Europa kriegstauglicher gemacht.
Ob Regierungen eine offene gesellschaftliche Debatte darüber bewusst vermeiden oder gar Angst vor Protesten und Revolten haben lässt sich aus den vorliegenden Dokumenten nicht belegen, das zu behaupten wäre Spekulation. Die belegbaren Tatsachen reichen ohnehin:
Brücken für 130 Tonnen. 95 laufende Projekte. Rund 500 identifizierte Engpässe. Militärische Korridore quer durch Europa und ein vorgeschlagenes Budget von 17,65 Milliarden Euro.
Man kann das notwendige Verteidigung nennen. Man kann es Abschreckung nennen. Man kann fragen wohin diese Entwicklung führt. Aber eines kann man nicht mehr behaupten, Europa bereite sich nicht auf den Ernstfall vor. Denn während die Bevölkerung morgens zur Arbeit fährt wird unter ihren Rädern bereits dafür gebaut.
Panzer müssen schließlich auch zur Front kommen.
