Verschneites gaslager mit winterwarnung

Gasspeicher auf Sparflamme, Regierung auf Großmaulbetrieb!

Der Winter steht vor der Tür, Deutschlands Gasspeicher sind nur zu rund 61 Prozent gefüllt und aus Berlin kommt die beruhigende Nachricht: Die Versorgung ist gesichert! Wunderbar, ich habe mir daher die aktuellen Zahlen, die gesetzlichen Vorgaben und die Erklärungen der Verantwortlichen genauer angesehen. Mein Eindruck: Deutschland hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, selbst dann Gelassenheit auszustrahlen wenn die eigenen Vorsorgeziele deutlich verfehlt werden. Vielleicht sollte man diese Fähigkeit endlich als erneuerbare Energiequelle anerkennen. An heißer Luft dürfte es jedenfalls nicht mangeln.

Am 2. November 2026 lag der deutsche Gasspeicherfüllstand laut Gas Infrastructure Europe bei gerade einmal 61,05 Prozent, der EU-Durchschnitt betrug 74,56 Prozent. Deutschland hatte für Anfang November einen durchschnittlichen Zielwert von rund 70 Prozent vorgesehen. Verfehlt! Aber keine Panik liebe Bürger, schließlich haben wir ja eine Bundesregierung die uns erklärt, dass alles unter Kontrolle ist. Ich stelle mir gerade einen Flugkapitän vor der seinen Passagieren mitteilt: „Meine Damen und Herren, wir haben zwar deutlich weniger Treibstoffreserven als geplant, aber bleiben Sie entspannt, unterwegs gibt es schließlich noch Tankmöglichkeiten.“ Die Passagiere würden vermutlich nervös werden. In Deutschland nennt man so etwas offenbar eine stabile Versorgungslage. Und das Beste: Die gesetzlichen Füllstandsvorgaben wurden verfehlt, ohne dass daraus automatisch Sanktionen folgen. Man könnte also sagen, Deutschland hat Sicherheitsziele die vor allem eines zuverlässig erfüllen, sie sehen auf dem Papier hervorragend aus.

Besonders beeindruckt hat mich bei meinen Recherchen die Erklärung des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Versorgung sei gesichert, weil schließlich nicht nur die Speicher entscheidend seien, sondern auch laufende Gasimporte aus Norwegen, Flüssigerdgas über LNG-Terminals und weitere Bezugsquellen. Das ist sachlich durchaus richtig, nur frage ich mich, weshalb man überhaupt gesetzliche Speicherziele festlegt, wenn deren deutliche Unterschreitung anschließend mit einer derartigen Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Vielleicht sollte man diese Methode auf andere Bereiche übertragen. Die Feuerwehr könnte ihre Löschwasserreserven halbieren und erklären, dass es schließlich noch regnen könnte. Krankenhäuser könnten ihre Notfallvorräte reduzieren und darauf verweisen, dass Lieferwagen existieren, und der Bürger? Der darf darauf vertrauen, dass im Ernstfall schon irgendjemand rechtzeitig liefert. Deutschland hat offenbar eine neue Definition von Vorsorge entdeckt. Man bereitet sich darauf vor, später reagieren zu können.

Noch interessanter wird die Angelegenheit beim Blick auf die internationale Lage. Der Konflikt im Nahen Osten hat die Energiemärkte belastet, die Gaspreise sind gestiegen, und die Einlagerung zusätzlicher Mengen war für Händler wirtschaftlich weniger attraktiv. Das sind nachvollziehbare Ursachen, allerdings machen sie einen niedrigen Sicherheitsvorrat nicht automatisch weniger problematisch. Der Speicherverband INES bezeichnet das Verfehlen der Ziele ausdrücklich als Warnsignal und fordert verbindlichere Regeln. Die Bundesnetzagentur wiederum hält die Gefahr einer angespannten Gasversorgung derzeit für gering, beide Einschätzungen können gleichzeitig zutreffen. Es gibt aktuell keine Gasmangellage, aber der Puffer für einen außergewöhnlich kalten Winter ist kleiner. Gerade deshalb erscheint mir die politische Beruhigungsrhetorik reichlich bequem. Denn falls die Lage schwierig wird ist die Frage nach ausreichender Vorsorge plötzlich keine theoretische Debatte mehr. Dann wird aus einer Prozentzahl eine handfeste wirtschaftliche Angelegenheit.

Mein Fazit: Deutschland hat kein nachgewiesenes Gasversorgungsproblem für diesen Winter, aber ein erklärungsbedürftiges Vorsorgeproblem. Das ist ein wichtiger Unterschied den ich bei aller Satire nicht unterschlagen möchte. Was mich allerdings köstlich amüsiert ist die politische Kunst, ein deutlich verfehltes Ziel beinahe wie einen normalen Betriebszustand zu behandeln. Erst legt man Sicherheitsvorgaben fest, dann erreicht man sie nicht, anschließend erklärt man, warum das möglicherweise trotzdem reicht. Sollte dieses Prinzip Schule machen könnte Deutschland bald sämtliche Probleme lösen. Einfach die Ziele verfehlen und hinterher erläutern, weshalb sie gar nicht so wichtig waren. Für den kommenden Winter wünsche ich den Verantwortlichen jedenfalls viel Glück und falls es tatsächlich eng werden sollte hätte ich einen Vorschlag. Man könnte sämtliche politischen Beschwichtigungen sammeln und verheizen. Nach meinen bisherigen Recherchen dürfte dieser Vorrat für mehrere Winter reichen.


Quellen meiner Recherche

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