Putin im fokus – vergessene krisen der welt

Die vergessenen Toten

Putin im Fokus, die Welt im Schatten – Wie selektive Aufmerksamkeit unser Bild vom Krieg verzerrt

Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz Wladimir Putin als „vielleicht den schwersten Kriegsverbrecher unserer Zeit“ bezeichnet ist ihm öffentliche Aufmerksamkeit sicher, der Satz ist eindeutig, emotional und politisch unmissverständlich. Russland hat die Ukraine angegriffen, internationale Ermittler haben schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht dokumentiert und gegen Putin besteht ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen des Verdachts der rechtswidrigen Deportation und Verbringung ukrainischer Kinder. Es gibt also gute Gründe über Putin, seine Verantwortung und russische Kriegsverbrechen zu berichten. Problematisch wird es jedoch wenn aus dieser berechtigten Aufmerksamkeit ein derart verengter Blick auf das weltweite Kriegsgeschehen entsteht, dass andere Täter, andere Kriege und vor allem andere Opfer beinahe unsichtbar werden.

Wer die deutsche Berichterstattung verfolgt könnte zeitweise den Eindruck gewinnen, Krieg und Kriegsverbrechen seien vor allem europäische oder nahöstliche Phänomene. Ukraine und Gaza bestimmen seit Jahren große Teile der internationalen Berichterstattung. Das ist angesichts der politischen Bedeutung beider Konflikte nachvollziehbar. Doch während dort Kameras, Korrespondenten und politische Aufmerksamkeit gebündelt werden, werden anderswo Menschen erschossen, zerbombt, ausgehungert, vertrieben, gefoltert und vergewaltigt ohne das ihre Schicksale auch nur annähernd dieselbe öffentliche Wahrnehmung erreichen.

Das ist nicht bloß ein subjektiver Eindruck. Das Friedensgutachten 2025 weist ausdrücklich darauf hin, dass trotz einer steigenden Zahl bewaffneter Konflikte nur wenige davon größere internationale Aufmerksamkeit erhalten. Für die deutsche Öffentlichkeit nennt es insbesondere die Ukraine und Gaza, während andere Konflikte kaum wahrgenommen würden. CARE kam bei einer Auswertung von rund fünf Millionen Online-Artikeln aus etwa 345.000 Medien zu einem ähnlich ernüchternden Ergebnis, acht der zehn besonders vernachlässigten humanitären Krisen des Jahres 2025 lagen in Afrika. Über die Zentralafrikanische Republik, in der mehr als 2,4 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigten fand die Untersuchung lediglich 1.532 Online-Artikel.

Gerade Afrika zeigt wie problematisch diese Hierarchie der Aufmerksamkeit geworden ist. Im Sudan kämpfen die regulären Streitkräfte und die paramilitärischen Rapid Support Forces seit Jahren mit einer Brutalität gegeneinander deren Hauptlast die Zivilbevölkerung trägt. Die UN-Untersuchungsmission wirft beiden Konfliktparteien schwere Verstöße und Kriegsverbrechen vor. Gegen die RSF stehen darüber hinaus Vorwürfe von Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Raum, darunter Mord, Folter, Versklavung, Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Vertreibung und Verfolgung. Beim Fall von El Fasher dokumentierte das UN-Menschenrechtsbüro mehr als 6.000 Tote innerhalb der ersten drei Tage der RSF-Offensive. Mindestens 4.400 Menschen wurden demnach innerhalb der Stadt getötet, mehr als 1.600 weitere auf Fluchtrouten. Die tatsächliche Zahl könnte erheblich höher liegen.

Mehr als 6.000 Menschen in drei Tagen. Eine Zahl, die eigentlich ausreichen müsste, um wochenlang eine öffentliche Diskussion darüber auszulösen was dort geschieht, wer dafür verantwortlich ist und welche Möglichkeiten die internationale Gemeinschaft besitzt die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Trotzdem dürfte ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung weder die Namen der verantwortlichen militärischen Führer kennen noch erklären können warum dieser Krieg geführt wird. Reporter ohne Grenzen stellte bereits 2025 fest, dass die humanitäre Katastrophe im Sudan in den deutschen Medien kaum stattfinde.

Ähnlich verstörend ist die Situation in der Demokratischen Republik Kongo. Dort kämpfen staatliche Streitkräfte, die M23 und weitere bewaffnete Gruppen in einem Konflikt dessen Fronten für Außenstehende kompliziert erscheinen mögen, dessen Folgen für die Zivilbevölkerung aber erschreckend eindeutig sind. UN-Experten dokumentieren Tötungen, Folter, Vertreibungen und sexuelle Gewalt. Für Januar und Februar 2025 wurden nahezu 10.000 Fälle sexueller Gewalt gemeldet, nach UN-Angaben betrafen zwischen 35 und 45 Prozent davon Kinder. Hinter solchen Zahlen stehen keine abstrakten Statistiken, sondern Menschen. Dennoch erreichen ihre Geschichten Deutschland meist nur dann, wenn ein Massaker groß genug ist um kurzfristig eine Meldung wert zu sein. Danach verschwindet der Konflikt wieder aus dem Blickfeld.

Diese Kritik darf allerdings nicht dadurch unglaubwürdig werden, dass andere Konflikte ihrerseits verharmlost werden. Gaza gehört selbstverständlich in diese Betrachtung. Gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu erließ der Internationale Strafgerichtshof im November 2024 einen Haftbefehl. Zu den Vorwürfen gehören unter anderem das Kriegsverbrechen des Aushungerns als Methode der Kriegsführung sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch hier gilt die rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit, die ebenso für Putin gelten muss, ein Haftbefehl ist keine rechtskräftige Verurteilung. Gleichzeitig verliert ein solcher Vorgang nicht deshalb seine Bedeutung weil er einen Regierungschef eines mit Deutschland eng verbundenen Staates betrifft.

Dasselbe Prinzip gilt für die Hamas. Internationale Untersuchungen haben auch schwere Verbrechen palästinensischer bewaffneter Gruppen dokumentiert. Wer universelle Maßstäbe fordert, kann nicht bei der gewünschten Konfliktpartei aufhören. Mord bleibt Mord, Folter bleibt Folter und ein Angriff auf Zivilisten bleibt ein Angriff auf Zivilisten, unabhängig davon welche Flagge der Täter trägt oder welche historische, politische oder militärische Begründung er für sein Handeln anführt.

Auch die Ukraine darf deshalb nicht außerhalb jeder Kritik stehen. Russland hat diesen Krieg begonnen, daran ändert eine Untersuchung ukrainischer Verstöße nichts. Ebenso wenig bedeutet das Recht eines angegriffenen Staates auf Selbstverteidigung, dass für seine Streitkräfte das humanitäre Völkerrecht außer Kraft gesetzt wäre. Das UN-Menschenrechtsbüro hat auch Verstöße ukrainischer Akteure dokumentiert, darunter Misshandlungen russischer Kriegsgefangener. Daraus allerdings pauschal einen ukrainischen „Massenmord“ abzuleiten wäre durch die derzeit verfügbaren Belege nicht gedeckt. Im Gegenteil, für 2025 verifizierte die UN in der Ukraine 2.514 getötete und 12.142 verletzte Zivilisten. 97 Prozent dieser verifizierten Opfer entfielen auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet infolge von Angriffen russischer Streitkräfte. Wer Einseitigkeit kritisiert muss solche Zahlen ebenfalls nennen, andernfalls würde lediglich eine Einseitigkeit durch eine andere ersetzt.

Genau an diesem Punkt bekommt die Aussage von Friedrich Merz eine Dimension die weit über Russland hinausgeht. Wer Putin als möglicherweise „schwersten Kriegsverbrecher unserer Zeit“ bezeichnet verwendet einen Superlativ, für den es weder eine juristische Kategorie noch eine objektive Rangliste gibt. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „der schwerste“? Die meisten getöteten Zivilisten? Die größte Zahl mutmaßlicher Kriegsverbrechen? Das größte zerstörte Gebiet? Die höchste Zahl Vertriebener? Oder schlicht derjenige Täter dessen Krieg Deutschland politisch am unmittelbarsten betrifft?

Diese Fragen relativieren kein einziges russisches Verbrechen. Sie stellen vielmehr einen Anspruch an die Konsequenz politischer Sprache. Wenn Nachgiebigkeit gegenüber Kriegsverbrechern tatsächlich fehl am Platz ist wie Merz erklärte, muss dieser Grundsatz unabhängig davon gelten ob der mutmaßlich Verantwortliche in Moskau, Jerusalem, Khartum oder irgendwo anders sitzt. Menschenrechte verlieren ihre Universalität in dem Moment, in dem politische Nähe darüber entscheidet wie streng sie ausgelegt werden.

Auch die Medien müssen sich dieser Frage stellen. Natürlich kann keine Redaktion sämtliche Konflikte der Welt mit gleicher Intensität behandeln. Die Ukraine liegt in Europa, Russland ist eine Atommacht, Deutschland ist NATO-Mitglied, Millionen Ukrainer sind nach Europa geflohen und der Krieg berührt unmittelbar deutsche Sicherheits-, Energie- und Außenpolitik. Es wäre geradezu absurd daraus zu folgern, deutsche Medien sollten weniger über die Ukraine berichten, darum geht es nicht.

Es geht darum, warum andere Katastrophen daneben so leicht aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden. Medien entscheiden nicht darüber welcher Mensch stirbt, aber sie entscheiden wesentlich mit darüber von welchem Toten wir erfahren. Sie bestimmen durch Auswahl, Platzierung, Bilder, Wiederholung und Kommentierung welche Opfer Namen und Gesichter bekommen und welche irgendwann nur noch als Zahl in einer kurzen Agenturmeldung auftauchen. Aus journalistischer Auswahl kann dadurch unbeabsichtigt eine Hierarchie des Leidens entstehen.

Besonders deutlich wird diese Schieflage bei Afrika. Ein Massaker mit Hunderten oder Tausenden Toten kann dort stattfinden ohne über längere Zeit die europäische Öffentlichkeit zu beherrschen. Ganze Regionen tauchen überwiegend dann in den Nachrichten auf, wenn die Opferzahlen außergewöhnlich hoch werden, Flüchtlingsbewegungen Europa erreichen oder europäische Interessen unmittelbar betroffen sind. Dass acht der zehn von CARE als besonders vernachlässigt identifizierten humanitären Krisen in Afrika liegen sollte deshalb nicht als nebensächliche Medienstatistik abgetan werden, es ist ein Warnsignal.

Die bittere Konsequenz ist eine öffentliche Wahrnehmung, in der der Wert eines menschlichen Lebens zwar theoretisch überall gleich ist, seine mediale Sichtbarkeit aber offenbar von Geografie, politischer Bedeutung und Nachrichtenwert abhängt. Ein getötetes Kind im Sudan ist jedoch nicht weniger tot als ein getötetes Kind in der Ukraine. Eine vergewaltigte Frau im Kongo leidet nicht weniger, weil keine europäischen Kamerateams vor ihrem zerstörten Haus stehen. Ein israelischer Zivilist wird nicht weniger zum Opfer, weil sein Mörder Palästinenser ist, ein palästinensischer Zivilist nicht weniger weil die tödliche Gewalt von einem demokratischen Staat ausgeht. Auch ein russischer Zivilist verliert seinen Anspruch auf Schutz nicht deshalb, weil sein Präsident Wladimir Putin heißt.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Versagen unserer gegenwärtigen Debatte. Nicht darin, dass zu viel über Putin berichtet wird, über Putin und die russische Kriegsführung muss berichtet werden. Nicht darin, dass Gaza enorme Aufmerksamkeit erhält, auch diese Katastrophe gehört ins Zentrum journalistischer Beobachtung. Das Versagen beginnt dort, wo gleichzeitig Tausende Menschen anderswo ermordet, verstümmelt, vergewaltigt, ausgehungert und vertrieben werden und wir ihre Kriege kaum noch wahrnehmen.

Wer von universellen Menschenrechten spricht muss deshalb auch universell hinschauen. Nach Russland und in die Ukraine, nach Israel und Gaza, in den Sudan und den Kongo, nach Myanmar und in den Sahel. Nicht jeder Konflikt ist gleich, nicht jede Konfliktpartei trägt dieselbe Verantwortung und nicht jede Anschuldigung ist gleichermaßen bewiesen. Gerade deshalb braucht es Journalismus der unterscheidet, überprüft und einordnet statt die Welt auf einige wenige bekannte Gesichter zu reduzieren.

Putin ist nicht das Maß aller Kriegsverbrechen. Er ist einer der mächtigsten Beschuldigten einer Welt, in der Menschen auch weit außerhalb Europas jeden Tag Opfer schwerster Gewalt werden. Ihre Mörder werden nicht harmloser, nur weil wir ihre Namen nicht kennen. Ihre Toten werden nicht weniger tot weil sie keine Titelseite bekommen.

Wenn wir Kriegsverbrechen verurteilen, dann sollten wir den Mut besitzen überall hinzusehen. Alles andere ist keine universelle Moral, es ist selektive Empörung.

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