Deutschland ich liebe dich

Deutschland, ich liebe dich! Bitte hör niemals auf dich lächerlich zu machen!

Mein geliebtes Deutschland, heute muss ich dir endlich etwas gestehen. Etwas das mich schon lange bewegt und mein Herz regelmäßig zum Überlaufen bringt. Du bist ein Geschenk! Nicht nur für mich, sondern für die gesamte internationale Unterhaltungsbranche. Während andere Länder Millionen für Comedyshows, Drehbuchautoren und Kabarettisten ausgeben, lieferst du mir täglich ein kostenloses Unterhaltungsprogramm von geradezu erschütternder Qualität. Und das Schönste daran ist, deine politischen Hauptdarsteller wissen offenbar gar nicht wie komisch sie sind. Sie meinen das alles ernst!

Mein liebes Deutschland, ich weiß wirklich nicht wie ich dir jemals angemessen danken soll. Kaum habe ich einen Artikel über deine unvergleichlichen politischen Glanzleistungen veröffentlicht, stehst du schon mit dem nächsten Meisterwerk vor meiner Tür. Ich komme überhaupt nicht mehr hinterher! Meine Tastatur glüht, der Kaffee wird kalt und meine Leser könnten inzwischen glauben ich hätte mir das alles ausgedacht. Aber nein, du bist echt! Andere Länder haben Regierungen, du hast ein Ensemble. Andere produzieren politische Entscheidungen, du lieferst Steilvorlagen und während gewöhnliche Kabarettisten mühsam nach einer Pointe suchen müssen, genügt bei dir häufig schon eine Pressekonferenz. Ich muss nur noch mitschreiben. Wenn das so weitergeht, werde ich demnächst einen zweiten Redakteur suchen müssen, vielleicht sogar eine künstliche Intelligenz. Wobei ich vorsichtig sein sollte, nicht dass du sie bis 2030 zur deutschen Weltspitze erklärst und sie anschließend einen Arbeitskreis gründet, statt meine Artikel zu schreiben.

Besonders bewundere ich deine unerschütterliche Fähigkeit aus jeder Schwierigkeit eine historische Erfolgsmeldung zu formen. Die Digitalisierung kommt nicht richtig voran? Wunderbar, dann verkünden wir eben die technologische Zukunft. Bürokratie belastet die Wirtschaft? Kein Problem, wir beschließen ihren Abbau und schaffen vorsorglich eine neue Koordinierungsstelle. Die Infrastruktur bröckelt? Dann bekommt sie zunächst eine Strategie. Du bist das einzige Land das ich kenne, in dem man gelegentlich den Eindruck gewinnen könnte ein Problem sei bereits zur Hälfte gelöst, sobald es einen ausreichend beeindruckenden Namen bekommen hat. Ich warte eigentlich nur noch auf das Bundesministerium für die erfolgreiche Bekanntgabe noch nicht eingetretener Erfolge. Selbstverständlich mit eigenem Staatssekretär, zwölf Referaten und einem jährlichen Festakt zur Verleihung des Goldenen Maßnahmenkatalogs. Die Eröffnungsfeier wird wegen organisatorischer Schwierigkeiten vorsorglich auf unbestimmte Zeit verschoben. Das zuständige Referat versichert allerdings, man befinde sich weiterhin voll im Zeitplan. Welcher Zeitplan gemeint ist unterliegt derzeit der Geheimhaltung.

Und erst deine politischen Künstler! Diese ernsten Gesichter, diese bedeutungsschweren Pausen, diese feierlichen Ankündigungen! Ich sitze manchmal vor dem Bildschirm und bekomme feuchte Augen. Nicht vor Rührung, sondern weil ich vor Lachen kaum noch Luft bekomme. Da werden Ziele verkündet, Zeitpläne präsentiert und historische Weichenstellungen gefeiert, als hätte man gerade die Schwerkraft abgeschafft. Wenn sich später herausstellt, dass die Wirklichkeit anderer Meinung war beginnt das nächste Kapitel dieses unsterblichen Theaterstücks, die Evaluation. Es wird geprüft, analysiert, nachjustiert und neu ausgerichtet. Schuld ist am Ende meistens die komplizierte Gesamtlage, die kann sich nämlich nicht wehren. Mein Deutschland, du hast etwas geschafft woran selbst die größten Philosophen gescheitert sind. Du hast die Verantwortung in einen Zustand versetzt in dem sie gleichzeitig überall und nirgendwo existiert. Schrödingers Regierungskater hätte seine helle Freude daran, vorausgesetzt jemand findet den Schlüssel zur Kiste. Der liegt vermutlich in einem Ministerium, das inzwischen umbenannt wurde.

Ich gestehe dir noch etwas. Ich sitze inzwischen im bulgarischen Burgas, schaue auf das Schwarze Meer und beobachte aus sicherer Entfernung dein politisches Treiben, das ist natürlich ausgesprochen bequem. Andere müssen deine Entscheidungen ausbaden, ich darf darüber schreiben. Manchmal beschleicht mich deshalb ein schlechtes Gewissen, allerdings nur kurz. Spätestens wenn ich die nächsten Nachrichten lese verschwindet es wieder. Dann denke ich mir, ein Land das sich derart großzügig um meine journalistische Unterhaltung kümmert verdient wenigstens einen dankbaren Chronisten. Und sollte mich jemand für überheblich halten kann ich ihn beruhigen, ich bin durchaus bereit meine Meinung zu ändern. Deutschland müsste mir dafür lediglich einen Anlass liefern. Ich warte gespannt, einen entsprechenden Antrag habe ich vorsorglich noch nicht gestellt. Ich möchte die Behörden schließlich nicht unnötig belasten.

Ich habe inzwischen einen großen Traum. Ich möchte deine unvergleichlichen Leistungen in die ganze Welt hinaustragen. Nach Amerika, China, Japan, Indien, bis in die entlegensten Winkel dieses Planeten. Alle Völker sollen an deinem politischen Schaffen teilhaben dürfen! Ich sehe schon internationale Wissenschaftler die versuchen deine Entscheidungsprozesse zu entschlüsseln. Hollywood wird nervös, Netflix bestellt vorsorglich zehn Staffeln, und die Oscar-Akademie diskutiert ob man für deutsche Regierungserklärungen eine eigene Kategorie einführen sollte. Einziges Problem, niemand weiß ob man die Beiträge als Dokumentation, Tragikomödie oder Science-Fiction einreichen muss. Ich persönlich plädiere für eine neue Filmkategorie, politische Fantasie mit realen Darstellern und ungewissem Ausgang. Das Drehbuch schreibt die Wirklichkeit, die Pointen entstehen unbeabsichtigt und die Rechnung geht zuverlässig an den Zuschauer. Nur ein Happy End sollte niemand verlangen, so weit geht die künstlerische Freiheit nun wirklich nicht.

Mein innig geliebtes Deutschland, ich danke dir auch für deine Großzügigkeit. Du versorgst mich mit Material ohne jemals eine Rechnung zu stellen. Jeden Morgen öffne ich die Nachrichten mit der freudigen Erwartung eines Kindes am Weihnachtsabend. Was hast du heute wieder für mich vorbereitet? Eine überraschende Kehrtwende? Ein Milliardenprojekt mit offenem Ausgang? Oder einen Minister der mit feierlicher Stimme erklärt, dass nun endlich etwas geschehen müsse wofür man eigentlich schon seit Jahren zuständig ist? Andere Autoren leiden unter Schreibblockaden, ich leide unter Deutschland. Genauer gesagt unter dem unerschöpflichen Überangebot an Stoff und manchmal frage ich mich, ob ich mit meiner Satire überhaupt noch mithalten kann. Schließlich muss ich mir meine Pointen ausdenken, während du sie einfach beschließt. Das ist kein fairer Wettbewerb! Ich erwäge inzwischen beim Deutschen Satireverband Beschwerde einzulegen. Falls es den noch nicht gibt wird er bestimmt bald gegründet. Mit staatlicher Förderung versteht sich.

Nun muss ich leider zum Ende kommen, mein geliebtes Deutschland. Die Gefühle überwältigen mich und meine Tastatur beginnt bereits unter der Last meiner Dankbarkeit zu zittern. Mögen Google und sämtliche Suchmaschinen dieser Erde meine bescheidenen Huldigungen millionenfach verbreiten, damit auch die letzten Menschen auf diesem Planeten erfahren welch außergewöhnliches politisches Schauspiel du regelmäßig aufführst. Bitte bleib dir treu. Lass dich niemals von nüchternen Zahlen, unangenehmen Tatsachen oder gar funktionierenden Lösungen in deiner Kreativität einschränken. Die Welt braucht schließlich noch Träume und ich brauche meine nächsten Artikel. Sollte dir eines Tages tatsächlich alles gelingen was du ankündigst, wäre ich vermutlich arbeitslos. Allein der Gedanke daran erschüttert mich zutiefst. Deshalb bitte ich dich von ganzem Herzen, Deutschland, ändere dich bloß nicht zu schnell. Meine Leser und ich haben uns gerade so wunderbar an dich gewöhnt.

In ewiger Dankbarkeit, dein zutiefst ergriffener Chronist des politischen Wahnsinns.

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