Das digitale Irrenhaus

Facebook – die größte offene Klapsmühle der Menschheitsgeschichte

Ich wollte Facebook schon hundertmal aus meinem Leben werfen. Account löschen, Tür zu, Schlüssel weg und endlich wieder ein Leben führen in dem mir nicht bereits vor dem Frühstück ein wildfremder Mensch erklärt, warum Deutschland morgen untergeht, Putin übermorgen vor Berlin steht, die EU heimlich Bargeld verbietet und irgendein Lebensmittel aus dem Supermarkt uns spätestens Donnerstag alle umbringen wird. Ich tue es trotzdem nicht. Jeden verdammten Tag derselbe Griff, Kaffee, Rechner, Facebook. Was ist los? Was treiben die Irren heute? Welche neue Sau wird durchs Dorf geprügelt? Welche Katastrophe wurde über Nacht erfunden und welcher Facebook-Professor hat nach dreieinhalb Minuten „Recherche“ endlich herausgefunden woran Wissenschaftler, Historiker, Ökonomen und Geheimdienste seit Jahrzehnten gescheitert sind?

Ich brauche diesen Mist sogar, das ist das eigentlich Tragische. Facebook ist für mein Magazin eine gigantische Jauchegrube in der zwischen reichlich Unrat immer wieder interessante Themen schwimmen. Ich sehe was Menschen beschäftigt, welche Geschichten Fahrt aufnehmen, welche Behauptungen kursieren und wo es sich lohnt genauer hinzusehen. Manchmal zwingt mich das sogar meine eigene Meinung zu überprüfen. Facebook justiert mein Denken, allerdings ungefähr so wie ein Schlagloch die Achsgeometrie eines Autos justiert. Man merkt anschließend zumindest, dass etwas nicht stimmt und natürlich könnte ich einfach lesen, recherchieren und danach verschwinden. Könnte ich, stattdessen begehe ich zuverlässig denselben Fehler, ich öffne die Kommentare und damit herzlich willkommen in der größten offenen Klapsmühle der Menschheitsgeschichte.

Was dort täglich seinen geistigen Freigang absolviert wäre als Satire völlig überzogen, wenn es nicht tatsächlich existieren würde. Facebook hat eine vollkommen neue akademische Elite hervorgebracht, Menschen die morgens ein Clickbait-Video anschauen und mittags habilitiert sind. Virologie, Ukrainekrieg, Kernenergie, Migration, Weltwirtschaft, Rentensystem, Klimaforschung, internationale Verträge, scheißegal, der Facebook-Professor kann alles. Sein Studium besteht aus drei YouTube-Videos, vier Memes, einem Telegram-Screenshot und einem Beitrag von „WahrheitJetzt2026“, dessen Betreiber vermutlich nicht einmal seine eigene Steuererklärung versteht. Danach tritt Professor Dunning-Kruger ans digitale Rednerpult und verkündet: „Informier dich erstmal!!!“ Drei Ausrufezeichen, damit ist die Quellenlage geklärt.

Besonders faszinierend ist das dort gezüchtete Minuswissen. Nichtwissen wäre harmlos, wer nichts weiß kann etwas lernen. Minuswissen ist die Königsklasse, man weiß nichts hat aber bereits so viel falschen Scheiß darüber konsumiert, dass im Kopf für Tatsachen kein Parkplatz mehr frei ist. Ein Fake hier, eine aus dem Zusammenhang gerissene Statistik dort, anschließend noch ein KI-Bild das angeblich „von den Medien verschwiegen“ wird und fertig ist der diplomierte Facebook-Sachverständige. Zweifel kennt er nicht, Zweifel haben nur Menschen die genug wissen um zu begreifen, was sie alles nicht wissen. Der Vollidiot hat dieses Problem nicht, seine Welt passt auf ein Meme.

Dabei ist Facebook längst keine Plattform mehr. Facebook ist ein gigantisches Freilandexperiment darüber, was passiert wenn man menschliche Dummheit mit unbegrenzter Reichweite, permanenter Empörung und einem „Teilen“-Knopf kombiniert. Früher saß der Dorfdepp am Stammtisch, seine Reichweite betrug sechs Meter und endete spätestens an der Eingangstür. Heute besitzt er 4.800 „Freunde“, betreibt drei Gruppen, nennt sich „kritischer Freidenker“ und erklärt einer fünfstelligen Leserschaft die Welt. Das Internet hat den Dorfdeppen nicht erfunden, es hat ihm WLAN gegeben.

Und dann diese verdammte Selbstgewissheit. Niemand schreibt mehr: „Ich glaube.“ Niemand fragt: „Stimmt das überhaupt?“ Niemand sagt: „Davon verstehe ich zu wenig.“ Nein, heute wird verkündet, endgültig, absolut und unwiderruflich. Ein 63-jähriger ehemaliger Versicherungsvertreter aus Castrop-Rauxel erklärt die Geopolitik des Kaukasus, eine Floristin widerlegt nebenbei die moderne Medizin und Kevin hat nach dem Abendessen bewiesen, dass sämtliche Wirtschaftswissenschaftler keine Ahnung vom Geldsystem haben. Kevin hat nämlich ein Video gesehen, 14 Minuten, danach war alles klar.

Clickbait ist dabei das Crack dieser digitalen Irrenanstalt. „DIE WAHRHEIT, DIE DU NICHT ERFAHREN SOLLST!“ – und schon beginnt der Speichelfluss. Warum sollte man einen 20-seitigen Bericht lesen, wenn irgendein Typ mit dramatischer Musik in 48 Sekunden erklären kann, dass „die da oben“ uns alle betrügen? „MEDIEN VERSCHWEIGEN DAS!“ ist inzwischen wahrscheinlich einer der erfolgreichsten Sätze der Menschheitsgeschichte. Besonders schön, wenn das angeblich Verschwiegene anschließend von drei Millionen Menschen geteilt wird. Geheimhaltung kann so schwierig sein.

Aber bevor jetzt jemand selbstzufrieden nickt und denkt genau, die anderen sind alle bekloppt, nein mein Freund. Du sitzt mit drin, ich auch, niemand ist immun gegen diese Maschine. Wir klicken, wir reagieren, wir lassen uns provozieren, wir suchen Bestätigung, wir teilen zu schnell und wir glauben bevorzugt das was ohnehin in unser Weltbild passt. Der Unterschied besteht nur noch im Infektionsgrad. Manche haben gelegentlich leichtes Facebook-Fieber. Andere liegen geistig bereits auf der Intensivstation und kommentieren trotzdem weiter.

Vielleicht erklärt genau das meinen täglichen Drang dort hineinzusehen, es ist Abscheu und Faszination gleichzeitig. Wie bei einem Unfall möchte man eigentlich nicht hinschauen und schaut trotzdem. Für einen Autor ist diese Plattform außerdem ein pervers ergiebiges Biotop. Nirgendwo sonst kann man so bequem beobachten wie aus Halbwissen Gewissheit, aus Gerüchten Tatsachen, aus Meinungsverschiedenheiten Feindschaften und aus vollkommen durchschnittlichen Menschen innerhalb von vier Kommentaren Außenminister, Verfassungsrichter und Nobelpreisträger werden.

Und ja, es macht mich wütend, jeden Tag aufs Neue. Nicht weil Menschen anderer Meinung sind, andere Meinungen interessieren mich, sie können sogar verdammt nützlich sein. Mich macht diese aggressive Kombination aus Ahnungslosigkeit, Denkfaulheit und Größenwahn wütend. Menschen die keinen einzigen belastbaren Beleg besitzen, aber jedem widersprechen der einen liefert. Menschen, die „Mainstreammedien“ brüllen und fünf Sekunden später irgendeine offensichtlich zusammengebastelte Scheiße teilen, weil sie perfekt zu ihrer eigenen Meinung passt. Menschen deren Quellenprüfung darin besteht, dass unter einem Beitrag 700 Daumen hoch stehen. Menschen die Wahrheit nicht suchen, sondern bestellen,  passend zum eigenen Weltbild und frei Haus geliefert.

Facebook ist deshalb für mich tatsächlich die größte offene Psychiatrie des Internets. Nicht weil dort nur Verrückte wären, sondern weil wir uns dort gegenseitig jeden Tag ein bisschen verrückter machen und anschließend die anderen für die Patienten halten. Eine Therapie gibt es nicht, der Algorithmus wäre ohnehin dagegen. Ein geheilter Nutzer klickt schließlich schlechter.

Und morgen früh? Ich kenne mich, Kaffee, Rechner an, Facebook. Nur ganz kurz schauen was los ist, natürlich. Wie ein Alkoholiker der nur mal eben nachsehen möchte, ob in der Kneipe noch alles in Ordnung ist.

Fünf Minuten später lese ich vermutlich wieder, dass Kondensstreifen die Bevölkerung sterilisieren, Deutschland seit 1945 gar nicht existiert, irgendein Politiker heimlich einen Weltkrieg plant und Natron gleichzeitig Krebs, Haarausfall und die kaputte Lichtmaschine eines Opel Astra heilt. Dann werde ich tief durchatmen, mich fragen warum ich mir diesen Scheiß eigentlich noch antue und wahrscheinlich den nächsten Artikel für mein Magazin finden.

Vielleicht ist Facebook deshalb doch gar keine Klapsmühle.

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