Xavier naidoo

Xavier Naidoo und der Kannibalen Wahn – Wie man aus echten Verbrechen eine Hass Legende macht

Xavier Naidoo steht wieder da wo man landet, wenn man die Realität so lange beleidigt bis sie irgendwann einfach nicht mehr mitspielt. Vor dem Bundeskanzleramt in Berlin am 17. Februar 2026 auf einer Demo, die sich mit dem Schutz von Kindern schmückt fällt er nicht etwa durch Fakten auf, nicht durch belastbare Hinweise, nicht durch irgendeinen überprüfbaren Beitrag, er fällt durch Worte auf die klingen wie aus dem fiebrigen Drehbuch einer Sekte. „Menschenfresser“ sagt er im Zusammenhang mit den „Epstein Akten“. Dann setzt er noch einen drauf und behauptet sinngemäß, es gehe nicht um „normales Sex Trafficking“ und junge Frauen, sondern darum das „unsere Babys“ gegessen würden. Das ist nicht mehr Meinung, das ist nicht einmal mehr Irrtum, das ist eine Erzählform die nur ein Ziel kennt, maximale Erregung. Wer da noch reflexhaft „Fake“ ruft muss nur begreifen wie diese Geschichte heute belegt wird. Mehrere Medien berichten übereinstimmend über diesen Auftritt, teils unter Berufung auf dpa. Dazu kursiert Videomaterial von der Kundgebung inklusive längerer Mitschnitte, in denen genau diese Aussagen fallen. Das ist keine Photoshop Legende, das ist der öffentliche Auftritt eines Mannes der gerade erst sein Comeback inszeniert hat.

Hier liegt die eigentliche Gemeinheit, Epstein ist real. Die Verbrechen, das Netzwerk, die Opfer, die Schmutzspur von Macht, Geld und Missbrauch, das ist alles kein Stoff für Märchen, sondern eine dokumentierte Katastrophe. Genau deshalb ist es so giftig wenn jemand dieses reale Grauen als Sprungbrett benutzt, um den nächsten Schritt ins Fantastische zu gehen, den Schritt in Richtung „Kannibalen“, „Babys fressen“, „Menschenfresser“. Solche Motive sind nicht zufällig gewählt. Sie sind die emotional härteste Währung im Verschwörungsmarkt. Sie machen aus einem komplexen, aufklärbaren Skandal eine Monster Geschichte, in der Belege nicht mehr nötig sind, weil der Ekel schon die Arbeit erledigt. Wer so spricht liefert keine Aufklärung, er liefert eine Droge die das Gehirn auf Alarm schaltet und jeden Rest von Nüchternheit als „naiv“ verspottet.

Wer verstehen will warum diese Wörter so gefährlich sind muss nicht einmal psychologisieren, es reicht sich die Mechanik anzusehen. „Babys fressen“ ist kein normaler Ausraster, es ist ein Code der seit Jahren in einschlägigen Milieus kursiert, weil er das Feindbild maximal entmenschlicht und jede Grausamkeit im Kopf legitimiert. Der Antisemitismusbeauftragte von Baden Württemberg Michael Blume hat Naidoos Wortwahl öffentlich als radikalisierend kritisiert und darauf hingewiesen, wie anschlussfähig solche Bilder an alte antisemitische Ritualmord Erzählungen sind. Das ist der Punkt an dem die Sache nicht mehr nur peinlich wird, sondern politisch toxisch. Wer Menschen zu Kinderfressern macht, macht sie zu legitimen Zielen. Diese Art Sprache ist keine schräge Metapher, sie ist eine Eskalationsstufe.

Das Ganze wäre schon als Einzelfall schlimm genug, aber es kommt nicht aus dem Nichts. Naidoo hat sich in der Vergangenheit immer wieder in Verschwörungsnarrative hineinfallen lassen, inklusive QAnon Anspielungen, inklusive grober Realitätsverweigerung die damals schon öffentlich dokumentiert und kritisiert wurde. Dann kam 2022 das Entschuldigungsvideo, der Versuch den Rückweg anzutreten und die Ansage, man habe sich verrannt. Viele wollten das glauben, manche aus echter Hoffnung, andere aus geschäftlicher Bequemlichkeit weil Vergebung gut klingt und Tickets verkauft. Ende 2025 kehrte er tatsächlich auf die Bühne zurück, mit großen Comeback Konzerten und einem öffentlichen Neustart, der mindestens die Möglichkeit eröffnete, dass jemand die Kurve gekriegt hat. Berlin 2026 tritt diese Möglichkeit mit Stiefeln in den Schlamm. Wer nach so einer Rückkehr wieder auf einer Demo steht und über „Menschenfresser“ redet zeigt nicht Reue, sondern Kontinuität.

Jetzt wird es unangenehm für alle die aus dem Fall Naidoo gern eine reine Kulturdebatte machen, nach dem Motto Kunst vom Künstler trennen und jeder darf sich ja mal verrennen. Diese Floskeln sterben, sobald der Verrennte anfängt die älteste und dreckigste Legende des Hasses zu bedienen. Dazu kommt, dass gegen Naidoo juristisch seit Jahren Dinge im Raum stehen die genau in dieses Feld fallen, darunter eine Anklage wegen Volksverhetzung durch die Staatsanwaltschaft Mannheim, über die 2024 breit berichtet wurde samt Hinweis, dass die Verteidigung die Vorwürfe bestreitet und die Unschuldsvermutung gilt. Der Punkt ist nicht ein Urteil vorwegzunehmen. Der Punkt ist, dass diese öffentliche Entgleisung nicht wie ein einmaliger Ausrutscher wirkt, sondern wie ein weiteres Puzzleteil in einer Kette. Wer das ignoriert, spielt Statist in einem Drama das er später nicht mehr stoppen kann.

An diesem Punkt muss man die Frage ob „alles fake“ sei brutal ehrlich beantworten. Nein, es spricht nicht viel dafür. Es gibt Originalmitschnitte, es gibt übereinstimmende Berichte, Ort und Datum passen, das Zitat taucht nicht nur in einer Ecke auf, sondern in mehreren voneinander unabhängigen Medien. Wer immer noch „Fake“ sagt, sagt es meist nicht weil er geprüft hat, sondern weil er es hofft. Hoffnung ist ein schlechter Faktencheck.

Was bleibt ist die bittere Ironie die man kaum noch aushält. Da steht ein Mann auf einer Kundgebung die den Schutz von Kindern im Titel trägt und benutzt Kinder als Treibstoff für eine Erzählung, die mit Aufklärung nichts zu tun hat. Er nimmt das schlimmste Thema das man sich vorstellen kann und macht daraus ein mythisches Horrormärchen, weil Horrormärchen schneller wirken als Akten, Prozesse und Beweise. Damit passiert genau das was immer passiert, wenn Verschwörungserzählungen sich an reale Verbrechen hängen. Die Realität wird nicht größer, sie wird kleiner. Die Opfer werden nicht sichtbarer, sie verschwinden hinter den Monstern. Wer wirklich Kinder schützen will redet über Täterstrukturen, über Ermittlungen, über Prävention, über rechtsstaatliche Durchsetzung. Wer über „Menschenfresser“ redet, will keine Gerechtigkeit, er will Applaus im Rausch.

Der explosivste Satz den man dazu schreiben kann ist am Ende der nüchternste. Xavier Naidoo hat nicht „nur etwas Dummes gesagt“, er hat eine Sprache gewählt, die aus Misstrauen Hass macht und aus Hass eine moralische Erlaubnis. Wer Babys ins Spiel bringt um politische oder weltanschauliche Punkte zu sammeln, hat die Grenze überschritten hinter der man sich nicht mehr auf Versehen berufen kann. Das ist nicht der Moment für Nachsicht. Das ist der Moment in dem Medien, Veranstalter, Partner und Publikum entscheiden müssen ob sie Teil einer Normalisierung werden wollen oder ob sie den Mut haben den Stecker zu ziehen.

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