Selenskyjs Schattenmann – Warum der Energoatom-Skandal mehr ist als nur ein weiterer Korruptionsfall
Die Ukraine hat einen neuen Skandal und diesmal sitzt er mitten im Herz der Kriegswirtschaft. Während russische Raketen weiter auf Umspannwerke und Kraftwerke zielen, haben die ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden ein System offengelegt, das ausgerechnet den staatlichen Atomkonzern Energoatom zur Beute einer Schattenclique gemacht haben soll. Es geht um mindestens 100 Millionen Dollar, tausend Stunden abgehörte Gespräche, dutzende Hausdurchsuchungen und um einen Mann aus Selenskyjs engstem früheren Umfeld.
Mein Artikel stützt sich vor allem auf ukrainische Quellen, auf Veröffentlichungen der Nationalen Anti-Korruptionsbehörde NABU und der Sonderstaatsanwaltschaft SAPO, auf Berichte von Ukrainska Pravda, Kyiv Independent, RBC-Ukraine und Transparency International Ukraine. Dazu kommen ein paar Agenturen wie Reuters für den Blick von außen. Russische Staatsmedien und interessengeleitete Propagandakanäle bleiben bewusst außen vor.
Operation „Midas“ – wie die Ermittler den Sumpf im Energiesektor beschreiben
Am 10. November 2025 sind NABU und SAPO an die Öffentlichkeit gegangen. In einer koordinierten Aktion, intern „Operation Midas“ genannt, wurden in der Ukraine mehr als siebzig Hausdurchsuchungen durchgeführt, rund vier Millionen US-Dollar Bargeld sichergestellt und etwa tausend Stunden abgehörte Telefonate präsentiert. Im Zentrum steht der staatliche Atomkonzern Energoatom, der mehr als die Hälfte des ukrainischen Stroms produziert und in Kriegszeiten buchstäblich systemrelevant ist.
Nach Darstellung der Ermittler hat sich dort eine „hochrangige kriminelle Gemeinschaft“ eingenistet, die die Beschaffung des Unternehmens faktisch übernommen hat. Firmen, die für Energoatom arbeiten wollten, mussten demnach zwischen zehn und fünfzehn Prozent des Vertragswerts als Schmiergeld abführen, sonst wurden Rechnungen blockiert oder bestehende Verträge zerstört. Wer sich weigerte, riskierte nicht nur Zahlungsstopp, sondern den Ausschluss von der Zusammenarbeit. Innerhalb des Netzwerks trug das System den zynischen Namen „Schlagbaum“ oder „bar gate“. Ukrainska Pravda zitiert aus der offiziellen Mitteilung des NABU, nach der Energoatom mit einem Jahresumsatz von über 200 Milliarden Hrywnja, also etwa 4,7Milliarden Dollar, de facto nicht mehr von Vorstand, Aufsichtsrat oder Staat kontrolliert wurde, sondern von „einem Außenstehenden, der ohne jedes offizielle Mandat die Rolle eines Schattenmanagers übernommen“ habe. Genau dieser Schattenmanager führt direkt in den inneren Zirkel des Präsidenten.
„Karlsson“ und die Schattenmanager – wer im Zentrum der Affäre steht
Der angebliche Kopf des Systems ist Tymur Minditsch, ein Medienunternehmer, Co-Eigentümer von Selenskyjs Produktionsfirma Kvartal 95 und seit Jahren einer der diskretesten, aber einflussreichsten Männer im Umfeld des Präsidenten. Der Kyiv Independent bezeichnet ihn als „secretive associate“ Selenskyjs und ordnet ihn als Haupträdelsführer der gesamten Struktur ein.
In den von NABU veröffentlichten Telefonmitschnitten taucht Minditsch unter dem Decknamen „Karlsson“ auf. Die Ermittler sprechen von den „Minditsch-Tapes“. Minditsch soll über politische Verbindungen und informelle Macht die Schlüsselfiguren im Energiesektor gesteuert haben. Laut Kyiv Independent und Transparency International Ukraine bestand der innere Kreis seines Netzwerks aus:
Einem ehemaligen Berater des Energieministers, Ihor Myronjuk, Deckname „Rocket“, der zuvor im Staatsvermögensfonds gearbeitet hatte und sich um Personal, Zertifizierungen und Druck auf Lieferanten gekümmert haben soll.
Dem Sicherheitsdirektor von Energoatom, Dmytro Basow, in den Tapes „Tenor“ genannt, früher Staatsanwalt, heute verantwortlich für physische Sicherheit und offenbar auch für den Druck auf unbotmäßige Firmen.
Mehreren Personen aus einem sogenannten „Back Office“ im Zentrum von Kyjiw, darunter der Geschäftsmann Oleksandr Zukerman mit dem bezeichnenden Rufnamen „Sugarman“, der nach Angaben von NABU und Kyiv Independent rund 100 Millionen Dollar über dieses Schattenbüro gewaschen haben soll.
Laut Ukrainska Pravda und Kyiv Independent wurden insgesamt acht Personen formell beschuldigt, fünf davon festgenommen. Minditsch und Zukerman sind nach übereinstimmenden Berichten von Medien und Ermittlern kurz vor oder während der Razzien ins Ausland geflohen.
Brisant wird die Affäre nicht nur durch das Geld, sondern durch die politischen Spitzen, die in den Mitschnitten und Ermittlungsakten auftauchen. Genannt werden der ehemalige Vizepremier Oleksij Tschernyschow, im System „Che Guevara“, Justizminister Herman Haluschtschenko, der zuvor Energieminister war, sowie der frühere Verteidigungsminister und heutige Sicherheitsratssekretär Rustem Umjerow. Gegen einige von ihnen hat NABU bereits früher Ermittlungen eingeleitet, etwa wegen mutmaßlicher illegaler Bereicherung. Tschernyschow soll laut Mitschnitten Zahlungen von über 1,2 Millionen Dollar und 100.000 Euro erhalten haben.
Über allen schwebt die Frage, wie viel wusste der Präsident, und wann?
Was genau passierte und wie das System funktionierte
Die ukrainischen Quellen zeichnen ein ziemlich klares Bild des Mechanismus. Im Kern ging es darum, Energoatom in eine Gelddruckmaschine für ein Netzwerk aus Geschäftsleuten, Beamten und Politikern zu verwandeln, abgesichert durch Kriegsrecht und staatliche Sonderregeln.
NABU und Ukrainska Pravda beschreiben, wie Myronjuk und Basow die Positionen nutzten, um Lieferanten zu erpressen. Wer seine „Pflicht“ nicht erfüllte, landete auf inoffiziellen schwarzen Listen, verlor Zertifizierungen, bekam technische Spezifikationen entzogen oder sah bereits gelieferte Leistungen einfach nicht bezahlt. In einem der abgehörten Gespräche, die Transparency International Ukraine wiedergibt, fasst ein Beteiligter den Ton des Systems zusammen: Kein Geld, keine Freigabe von Zahlungen, „du musst erst deine Hausaufgaben machen“.
Hinzu kommt ein besonders zynischer Aspekt. In den Mitschnitten diskutieren die Beteiligten, ob man Schutzbauten gegen russische Angriffe auf Energieanlagen überhaupt errichten solle. Ein Gesprächspartner sagt laut Kyiv Independent sinngemäß, der Bau solcher Schutzstrukturen sei „Verschwendung“, man solle besser warten. Wenig später geht es dann darum, die Aufträge für diese Schutzbauten an eine eigene Firma zu ziehen, um zusätzliche Kickbacks zu generieren und die Quote von zehn auf fünfzehn Prozent zu erhöhen.
Die Ermittler betonen, dass all dies während eines umfassenden russischen Angriffs auf das ukrainische Energiesystem geschah, der zu Stromabschaltungen im ganzen Land führte. Reuters und andere internationale Medien ordnen den Fall daher als besonders sensibel ein, weil die Bevölkerung gerade in diesem Winter extrem verwundbar ist und die Stromversorgung zur Überlebensfrage geworden ist.
Wie die ukrainischen Institutionen reagieren
Anders als es manche ausländische Schlagzeilen suggerieren, ist dieser Skandal nicht durch investigative Medien im Ausland oder geleakte russische Geheimdokumente ans Licht gekommen, sondern in erster Linie durch die ukrainische Anti-Korruptionsarchitektur selbst. NABU und SAPO haben die Ermittlungen geführt, die Razzien durchgeführt und die Mitschnitte veröffentlicht.
Ukrainska Pravda verweist auf die offizielle Darstellung von NABU, nach der die Operation über fünfzehn Monate vorbereitet wurde. Es gab tausend Stunden abgehörte Gespräche, die Aktivitäten eines „hochrangigen kriminellen Netzwerks“ seien dokumentiert worden, das nicht nur Energoatom, sondern weitere strategische Unternehmen beeinflusst habe. Die politische Reaktion folgte innerhalb weniger Tage. Nach massiver öffentlicher Empörung und Druck von Medien und Zivilgesellschaft traten der Justizminister Haluschtschenko und Energieministerin Switlana Hrynchuk zurück. Die Regierung entließ außerdem den Aufsichtsrat von Energoatom.
Präsident Selenskyj selbst verurteilte den Skandal in einer seiner abendlichen Ansprachen und erklärte, alle Beteiligten müssten eine „klare prozessuale Antwort“ erhalten und es müsse zu Verurteilungen kommen. Die Integrität von Energoatom sei während des Krieges eine Priorität. Parallel dazu setzte er eine Entscheidung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats um, die Sanktionen gegen Minditsch und Zukerman vorsieht.
Der Chef des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, betonte gegenüber Ukrainska Pravda, Selenskyj sei nicht in die Affäre verwickelt, im Gegenteil habe er die Stärkung der Anti-Korruptionsbehörden selbst initiiert. Diese Darstellung wird allerdings dadurch kompliziert, dass es in den vergangenen Jahren wiederholt Versuche gab, die Unabhängigkeit von NABU und SAPO politisch zurechtzustutzen, was erst nach Protesten im Inland und Druck der EU zurückgenommen wurde.
Was das über Selenskyj, den Krieg und den Westen wirklich aussagt
Die entscheidende Frage lautet weniger, ob Tymur Minditsch persönlich Schmiergeldkoffer getragen oder Zelenskyj selbst Umschläge in Empfang genommen haben könnte. Dafür gibt es in den vorliegenden ukrainischen Quellen bislang keine Belege, auch wenn Minditsch seit Jahren von Investigativjournalisten als jemand beschrieben wird, der seine Nähe zum Präsidenten systematisch zur Ausweitung seiner Macht nutzt.
Politisch brisant ist vielmehr, dass dieser Skandal genau das trifft, mit dem Selenskyj einst angetreten war. 2019 versprach er, den alten ukrainischen Korruptionszirkus zu zerschlagen, notfalls die eigenen Freunde hinter Gitter zu bringen. Nun steht im Raum, dass ein enger Geschäftspartner aus seiner Kvartal-95-Zeit während eines existenziellen Krieges ein System von Kickbacks im Atomsektor orchestriert haben soll, abgesichert durch Informelle Macht und staatliche Sonderregeln.
Für die ukrainische Gesellschaft ist das ein Schlag in den Magen. Veteranen, Aktivisten und einfache Bürger, die seit zweieinhalb Jahren einen Abnutzungskrieg tragen, reagieren mit Wut, nicht mit Zynismus. Ukrainische Medien berichten von Protestaufrufen, Forderungen nach weiteren Rücktritten und der Erwartung, dass dieses Mal nicht nur ein paar Bauernopfer geopfert werden.
Für den Westen ist der Fall doppelt gefährlich. Er untergräbt das Vertrauen, dass die Milliardenhilfen an ein Land fließen, das zwar im Krieg ist, aber ernsthaft versucht, seine Institutionen zu säubern. Gleichzeitig ist er ein gefundenes Fressen für all jene, die in Europa und den USA seit langem argumentieren, die Ukraine sei unrettbar korrupt und jeder weitere Euro verschwendet. Russische Propaganda muss hier kaum etwas erfinden, sie kann ukrainische Quellen einfach aus ihrem Kontext reißen und in eine „alles ist faul“-Story gießen.
Gerade deshalb ist relevant, dass es ukrainische Anti-Korruptionsbehörden und Medien sind, die den Skandal treiben. Kyiv Independent, Ukrainska Pravda, Skhemy, Transparency International Ukraine – sie alle arbeiten mit einer Härte, die man in manchen EU-Staaten vergeblich suchen würde. In diesem Sinn ist Operation „Midas“ gleichzeitig Anklage und Beweis, Anklage gegen einen tief sitzenden Sumpf im Energiesektor, Beweis dafür, dass ein Teil des ukrainischen Staates diesen Sumpf nicht mehr decken, sondern austrocknen will.
Fazit: Ein echter Skandal und ein Testfall für die Glaubwürdigkeit der Ukraine
Wer den Energoatom-Skandal als „bloße Propaganda“ abtut, ignoriert die Fakten aus Kyjiw. Wer ihn benutzt, um die Existenz eines ganzen Staates moralisch zu erledigen, ignoriert ebenso die Fakten.
Die dokumentierten Kickbacks, die hundert Millionen Dollar, die tausend Stunden Gespräche und die Liste der Beteiligten sind real und werden von ukrainischen Ermittlungsbehörden und Medien ohne Weichzeichner veröffentlicht. Ebenso real ist die Tatsache, dass eine Gesellschaft im Krieg von eben diesen Institutionen verlangt, aufzuräumen, auch wenn das politisch weh tut und den Präsidenten in Erklärungsnot bringt.
Ob dieser Skandal Selenskyj dauerhaft beschädigt, hängt nicht an YouTube-Klickzahlen oder westlichen Schlagzeilen. Entscheidend wird sein, ob die Ukraine tatsächlich Anklagen, Prozesse und Verurteilungen bis ganz nach oben zulässt, ob die Netzwerke um Minditsch ausgetrocknet werden und ob ausgerechnet der Atomsektor künftig nicht mehr von Schattenmännern, sondern vom Recht beherrscht wird.
Quellen und weiterführende Links
NABU – „Operation ‘Midas’: high-level criminal organisation operating in energy sector exposed“
https://nabu.gov.ua/en/news/operatciia-midas-vykryto-vysokorivnevu-zlochynnu-organizatciiu-shcho-diiala-u-sferi-energetyky/ nabu.gov.uaInterfax-Ukraine – „NABU announces large-scale operation to expose corruption in energy sector“
https://interfax.com.ua/news/general/1119262.html Інтерфакс-УкраїнаUkrainska Pravda – „Ukrainian anti-corruption agency reveals details of large-scale corruption scheme in energy sector involving payoffs from Energoatom“
https://www.pravda.com.ua/eng/news/2025/11/10/8006641/ pravda.com.uaUkrainska Pravda – „Operation Midas: Sanctions to be imposed on Mindich who fled country, sources in Ukrainian government say“
https://www.pravda.com.ua/eng/news/2025/11/12/8006991/ pravda.com.uaUkrainska Pravda – „Suspect in Energoatom embezzlement case found with dossier on top anti-corruption officials“
https://www.pravda.com.ua/eng/news/2025/11/12/8007061/ pravda.com.uaUkrainska Pravda – „Mindich subjected to ‘standard sanctions package’ with instant asset freeze – President’s Office“
https://www.pravda.com.ua/eng/news/2025/11/13/8007136/ pravda.com.uaThe Kyiv Independent – „Everything you need to know about Ukraine’s ongoing corruption scandal involving a nuclear power company and top officials“
https://kyivindependent.com/explainer-who-is-implicated-in-ukraines-biggest-ongoing-corruption-case-and-what-are-they-accused-of/ The Kyiv IndependentTransparency International Ukraine – „What the NABU–SAPO Energoatom Kickback Investigation Reveals“
https://ti-ukraine.org/en/blogs/what-the-nabu-sapo-energoatom-kickback-investigation-reveals/ Transparency International UkraineTransparency International Ukraine – „How the ‘Shlagbaum’ Scheme Operated in Energoatom: New Details from Prosecutor’s Released Recordings“
https://ti-ukraine.org/en/news/how-the-shlagbaum-scheme-operated-in-energoatom-new-details-from-prosecutor-s-released-recordings/ Transparency International UkraineReuters – „Ukraine charges seven in $100 million energy graft scandal“
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/ukraine-hands-down-charges-major-corruption-probe-2025-11-11/ Reuters
