Moral

Im Rausch der Moral – Wie Medien und Politiker Europa in einen gefährlichen Ausnahmezustand treiben

Was sich derzeit in Europa abspielt, ist kein Ausdruck von Verantwortung, sondern von Kontrollverlust. Medien und Politiker agieren, als hätten sie den Ernst ihrer eigenen Worte vergessen. Als wären Krieg, Eskalation und gesellschaftliche Spaltung abstrakte Planspiele, nicht reale Zustände mit realen Konsequenzen. Die öffentliche Debatte gleicht einem moralischen Rausch, in dem Differenzierung als Schwäche gilt und Zweifel als Verrat. Wer bremst, wird verdächtigt, wer warnt, wird diffamiert und wer fragt, wird aussortiert.

Die Medien spielen dabei eine zentrale Rolle, nicht als Beobachter, nicht als Korrektiv, sondern als Verstärker. Schlagzeilen werden zu Trommelschlägen, Talkshows zu Echokammern, in denen sich immer dieselben Positionen gegenseitig versichern, wie alternativlos alles sei. Komplexität stört, Ambivalenz passt nicht ins Narrativ, also wird vereinfacht, zugespitzt, emotionalisiert. Krieg wird zur moralischen Pose, Eskalation zur Haltung. Wer täglich Angst produziert, darf sich nicht wundern, wenn Gesellschaften irgendwann anfangen, irrational zu reagieren.

Diese Dauerbeschallung hat Folgen, sie erzeugt ein Klima, in dem Herkunft plötzlich wieder politisch wird. In dem Russischsein nicht mehr als kulturelle Tatsache gilt, sondern als ideologischer Verdacht. In dem Menschen, die seit Jahrzehnten friedlich in Deutschland oder Bulgarien leben, sich rechtfertigen sollen für Entscheidungen, die sie weder getroffen noch beeinflusst haben. Das ist keine unbeabsichtigte Nebenwirkung, das ist das Resultat einer medialen Logik, die Feindbilder braucht, um Aufmerksamkeit zu binden.

Noch verantwortungsloser agieren viele Politiker. Mit einer Leichtigkeit, die an Zynismus grenzt, wird über Waffen, Eskalationsstufen und rote Linien gesprochen, als handle es sich um ein Strategiespiel. Konsequenzen werden ausgeblendet, Risiken kleingeredet, historische Erfahrungen ignoriert. Wer zur Vorsicht mahnt, gilt als naiv oder feige, wer auf Deeskalation pocht, wird moralisch unter Druck gesetzt. Politik wird zur Bühne für Haltungssimulation, nicht für nüchterne Abwägung.

Besonders perfide ist die Art, wie Kriegsangst instrumentalisiert wird. Angst diszipliniert, Angst schließt Debatten und Angst rechtfertigt Maßnahmen, die man unter normalen Umständen nie akzeptieren würde. Medien schüren sie, Politiker nutzen sie, und beide tun so, als hätten sie mit den gesellschaftlichen Folgen nichts zu tun. Dabei ist genau diese Angst der Nährboden für Russophobie, für soziale Spaltung, für das langsame Abrutschen in ein Denken, das Menschen nach Herkunft sortiert.

Deutschland erlebt das bereits deutlich. Millionen Menschen mit russischem oder postsowjetischem Hintergrund stehen unter einem unausgesprochenen Generalverdacht. Schweigen gilt als verdächtig, Differenzierung als Relativierung, Kritik als Illoyalität. Das ist kein demokratischer Diskurs mehr, das ist moralischer Konformitätsdruck. Bulgarien ist davon nicht ausgenommen. Auch hier geraten gewachsene, jahrzehntelang friedliche soziale Strukturen unter ideologischen Stress, importiert aus einer Debatte, die mit der Realität vieler Menschen nichts zu tun hat.

Was Medien und Politiker offenbar nicht begreifen oder nicht begreifen wollen, ist die Langzeitwirkung ihres Handelns. Gesellschaftliche Spannungen verschwinden nicht, wenn der nächste Nachrichtenzyklus beginnt. Misstrauen bleibt, Verletzungen bleiben und Ausgrenzung hinterlässt Spuren. Wer heute mit Worten eskaliert, darf sich morgen nicht überrascht zeigen, wenn die Gesellschaft kälter, aggressiver, misstrauischer wird.

Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen moralische Gewissheit in kollektiven Wahnsinn umschlug. Immer begleitet von Intellektuellen, Journalisten und Politikern, die überzeugt waren, auf der richtigen Seite zu stehen, immer mit der gleichen Arroganz gegenüber den Folgen, immer mit dem gleichen Erwachen, wenn es zu spät war. Wer glaubt, man könne mit moralischem Furor spielen, ohne gesellschaftliche Schäden zu verursachen, hat aus dieser Geschichte nichts gelernt.

Dieser Artikel ist keine Verteidigung Russlands, er ist keine Relativierung eines Krieges. Er ist eine Anklage gegen jene, die glauben, Verantwortung ende dort, wo Applaus beginnt. Gegen Medien, die lieber erziehen als informieren, gegen Politiker, die lieber eskalieren als nachdenken, gegen eine Öffentlichkeit, die sich bereitwillig in Angst und Hass treiben lässt, solange man ihr versichert, es geschehe aus moralisch guten Gründen.

Der eigentliche Skandal ist nicht der Krieg, der eigentliche Skandal ist, wie leichtfertig mit ihm umgegangen wird. Mit Worten, mit Bildern, mit Entscheidungen, deren Konsequenzen nicht diejenigen tragen werden, die sie heute so lautstark fordern. Dieser Wahnsinn ist menschengemacht und genau deshalb wäre er vermeidbar, wenn man es denn wollte.

Wer heute klatscht, wenn Moderatoren den nächsten Eskalationsschritt fordern, wer zustimmend nickt, wenn Politiker vom notwendigen Risiko sprechen, sollte sich eines klar machen, Kriege beginnen nicht mit Raketen, sondern mit Worten, die nicht mehr zurückgenommen werden können. Mit Feindbildern, die bequem sind, mit einer Moral die sich selbst für unfehlbar erklärt.

Am Ende trifft es nie die Lautesten, nie die Kommentatoren, nie die Entscheidungsträger mit Leibwächtern und Dienstwagen. Es trifft Gesellschaften. Nachbarschaften, Familien und Menschen die plötzlich merken, dass sie zu einer falschen Herkunft gehören, zur falschen Zeit, im falschen Klima.

Dann ist das Geschrei groß, dann will es niemand gewesen sein. Dann redet man von Dynamiken, von Verkettungen, von unglücklichen Entwicklungen. Dabei war alles absehbar, jeder Schritt, jede Eskalation und jede vergiftete Debatte.

Der Westen spielt mit dem Feuer und nennt es Haltung.
Er gießt Benzin ins Denken und wundert sich über den Gestank und er wird erst aufhören, wenn es nicht mehr nur stinkt, sondern brennt.

Dann ist es zu spät für Vernunft.
Dann bleibt nur noch Schaden.

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