Die große Abstumpfung – Wie ihr euch an Elend gewöhnt habt, bis es euch nicht mehr berührt
Ich beobachte das jetzt seit langer Zeit. Nicht als jemand der sich zufällig mal durch ein paar Kommentare gescrollt hat und dann beleidigt die Tür knallt, sondern als jemand der immer wieder hinschaut, weil er wissen will ob es noch besser wird, ob Menschen irgendwann merken was mit ihnen passiert. Ob diese merkwürdige Müdigkeit gegenüber allem was wirklich zählt irgendwann aufhört und je länger ich das sehe, desto mehr erschüttert es mich, weil es nicht nur Dummheit ist. Es ist etwas Kälteres, es ist die Gewöhnung an den moralischen Niedergang als wäre er ein neues Update, das man eben akzeptiert weil man nichts Besseres erwartet.
Am Anfang dachte ich noch es wäre eine Phase, ein Zuviel an Nachrichten, ein Zuviel an Krisen, ein Zuviel an Druck. Ich habe mir eingeredet Menschen bräuchten Pausen, müssten sich schützen, dürften auch mal lachen, dürften auch mal fliehen, das habe ich verstanden. Ich verstehe auch heute noch, dass niemand jeden Tag die ganze Welt aushält ohne irgendwann umzukippen. Aber was ich inzwischen sehe hat mit Pausen nichts mehr zu tun. Das ist nicht mehr Erholung, das ist ein Lebensstil. Das ist die Entscheidung sich dauerhaft zu betäuben und es dann noch als Normalität zu verkaufen.
Ich sehe wie das Interesse an Wahrheit ersetzt wurde durch den Hunger nach dem nächsten Kick. Wie man sich gegenseitig Linkfetzen hinwirft wie Knochen, damit alle kurz knurren können. Epstein, AfD, Russland, Putin, Ungarn, Orbán. Es ist völlig egal was davon am Ende stimmt, was davon verzerrt ist, was davon bewusst gelogen ist, was davon nur ein Ausschnitt in der richtigen Beleuchtung ist. Hauptsache es knallt, Hauptsache es hat ein Lager Hauptsache man kann sich aufregen ohne etwas zu verstehen. Hauptsache man kann sich für fünf Minuten überlegen fühlen und danach wieder in sein bequemes Schweigen sinken.
Was mich so erschüttert ist nicht einmal die Leichtgläubigkeit. Es ist die Bereitschaft, sich belügen zu lassen wenn die Lüge nur gut genug unterhält. Es ist diese neue Bequemlichkeit die nicht mehr fragt, sondern nur noch konsumiert. Es ist dieses automatische Reflexverhalten, bei dem man keine Fakten mehr sucht sondern Bestätigung. Wenn es keine Bestätigung gibt, nimmt man eben den nächsten Clip, den nächsten Screenshot, die nächste Behauptung, nicht weil man Wahrheit will, sondern weil man Futter will.
Und parallel dazu läuft die große Betäubungsmaschine, geschniegelt und sauber produziert. Der Zirkus der euch bei Laune hält, während eure Aufmerksamkeit verkauft wird wie Ware. Formate die euch beibringen, dass Menschen entweder Gewinner oder Witzfiguren sind, dass Demütigung Unterhaltung ist, dass Oberflächlichkeit reicht solange sie hübsch beleuchtet ist. Dschungelcamp, Lets Dance, DSDS, Next Top Model, man muss diese Sendungen nicht einmal hassen. Es reicht zu begreifen was sie mit einer Gesellschaft machen, wenn sie nicht mehr Ausnahme sind, sondern Dauerzustand. Wenn aus einem Abend „Abschalten“ ein ganzes Leben wird, in dem man absichtlich nichts mehr sehen will was unbequem ist.
Ich habe irgendwann angefangen auf etwas zu achten, das mir früher nicht so brutal aufgefallen ist, auf das Wegklicken. Nicht das Wegklicken von Werbung, das Wegklicken von Verantwortung. Sobald es um echte Not geht, um echtes Leid, um echte Abgründe, kommt dieser Reflex. Zu schwer, zu traurig, zu kompliziert, ich will mich nicht runterziehen lassen. Dann scrollt man weiter, als hätte man gerade nicht an einer Realität vorbeigeschaut die Menschen frisst. Als wäre Elend ein störender Pop-up den man schließen kann.
Was ist das eigentlich für ein Satz, „ich will mich nicht runterziehen lassen“, wenn irgendwo auf dieser Welt Menschen nicht die Wahl haben ob sie runtergezogen werden. Wenn Armut nicht ein Gefühl ist, sondern eine Falle. Wenn Misshandlung nicht ein Thema ist, sondern ein Alltag. Wenn Manipulation nicht ein Begriff ist, sondern eine Methode die täglich Millionen beeinflusst. Wenn Kriminalität nicht ein spannender True-Crime-Abend ist, sondern Angst vor der eigenen Haustür. Ich höre so viele Menschen über diese Dinge reden als wären sie Wetter. Unangenehm, aber eben da, man zieht den Kragen hoch und geht weiter.
Ich frage mich inzwischen was genau in uns sterben muss, damit wir so werden. Nicht schlagartig, nicht durch ein großes Ereignis, sondern schleichend. Ein bisschen weniger Mitgefühl hier, ein bisschen mehr Zynismus dort. Ein bisschen mehr „selbst schuld“, ein bisschen weniger „das könnte auch ich sein“. Ein bisschen mehr Zuschauerhaltung, ein bisschen weniger Menschlichkeit. Bis man irgendwann in der Lage ist, über Schicksale zu scrollen wie über Produktbilder. Wenn dann doch mal etwas durchdringt, rettet man sich mit einem flapsigen Kommentar, damit bloß kein Gefühl hängen bleibt.
Ich habe lange versucht fair zu bleiben, zu sagen die Menschen sind überfordert, die Welt ist zu laut, die Zeiten sind schwer. Aber irgendwann muss man den Mut haben auszusprechen was man sieht. Wir sind nicht nur überfordert, wir sind bequem geworden und diese Bequemlichkeit hat eine Hässlichkeit entwickelt. Sie hat sich als „Selbstschutz“ verkleidet, aber sie ist oft nichts anderes als Gleichgültigkeit mit gutem Gewissen. Man will nicht helfen, also erfindet man Gründe warum es sowieso nichts bringt. Man will nicht nachdenken, also erklärt man alles zur Show. Man will nicht fühlen also nennt man Empathie „Naivität“, so macht man sich sauber während man innerlich verwahrlost.
Und die, die wirklich profitieren brauchen dafür keine geheimen Treffen, keine finsteren Rituale, keine Verschwörung,sie brauchen nur eure Aufmerksamkeit. Eure Klicks,eure Zeit, eure Erregung, eure Lagerkämpfe. Eure tägliche kleine Dosis Hass, Spott und Empörung, das ist die Währung. Damit werden Plattformen reich, damit werden Meinungsmacher groß und amit werden politische Akteure stark die von Spaltung leben. Damit werden Menschen gelenkt ohne dass sie es merken, weil sie glauben sie wären frei, nur weil sie zwischen tausend Ablenkungen wählen dürfen.
Ich sehe diese Spirale seit Jahren und es erschüttert mich weil sie so banal ist. Keine große Diktatur die plötzlich die Tür eintritt, sondern eine Gesellschaft die sich selbst zur Ruhe stellt. Eine Gesellschaft die sich freiwillig in kleine Blasen zurückzieht, weil Denken anstrengend ist und Hinsehen weh tut. Eine Gesellschaft, die lieber über den Tonfall streitet als über den Inhalt weil das der bequemste Fluchtweg ist. Man empört sich darüber, dass jemand „zu hart“ spricht und übersieht dabei, dass das worüber er spricht noch tausendmal härter ist.
Und irgendwann kommt der Moment in dem die Realität nicht mehr nur „da draußen“ stattfindet. Dann ist es nicht mehr ein Krieg in der Ferne, nicht mehr ein Elend auf einem anderen Kontinent, nicht mehr eine Krise im Nachrichtenstrom, dann steht es vor der eigenen Tür. Als Preissteigerung, die einem den Boden wegzieht. Als Krankheit, die niemanden fragt, ob er heute Kraft hat. Als Gewalt, die plötzlich nah ist. Als politische Entscheidung, die das eigene Leben trifft. Dann schauen dieselben Menschen die jahrelang „abschalten“ wollten plötzlich entsetzt in die Kamera und fragen, wie das passieren konnte. Als wäre es vom Himmel gefallen, als hätte man nicht die ganze Zeit weggeklickt, weggelacht, weggeschoben.
Ich schreibe das nicht weil ich mich für besser halte. Ich schreibe das, weil ich diese Entwicklung gesehen habe und weil ich nicht mehr so tun will als wäre sie normal. Ich schreibe das weil ich nicht akzeptiere das eine Gesellschaft nur noch dann reagiert wenn sie selbst betroffen ist. Weil ich nicht akzeptiere das Empathie zu einem Luxus geworden ist, den man sich nur leistet wenn es gerade passt. Weil ich nicht akzeptiere das Wahrheit untergeht, nur weil Lügen besser verpackt sind und schneller klicken.
Wenn dich das trifft, dann trifft es dich aus einem Grund. Vielleicht weil du dich ertappt fühlst. Vielleicht weil du es kennst. Vielleicht weil du auch längst merkst wie leicht man abstumpft, wenn man sich täglich mit Nebel füttert. Dann nimm diesen Treffer nicht als Beleidigung, nimm ihn als Alarm, denn das ist der Punkt. Nicht das wir perfekt sein sollen, sondern dass wir wieder anfangen Menschen zu sein, bevor aus dem Wegsehen eine Gewohnheit wird die sich irgendwann nicht mehr rückgängig machen lässt.
