Autos aus bulgarien

Autos aus Bulgarien? Da tut sich gerade einiges

Wer an Bulgarien und Autos denkt, denkt vermutlich nicht zuerst an Fahrzeugentwicklung, Hightech-Zulieferer oder Elektroautos. Deutschland hat Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz, Tschechien Škoda, Rumänien Dacia und Bulgarien? Genau diese Frage ist interessanter als sie zunächst klingt. Denn während das Land im Ausland noch immer gern mit niedrigen Löhnen und vergleichsweise einfacher Produktion verbunden wird, hat sich hier weitgehend unbemerkt eine beachtliche Automobilindustrie entwickelt. Nach Angaben des Automotive Cluster Bulgaria gehören inzwischen mehr als 380 Unternehmen zur Branche, mehr als 80.000 Menschen arbeiten darin und 38 Forschungs- und Entwicklungszentren beschäftigen sich mit Technologien für die Mobilität von heute und morgen. Der Branchenumsatz liegt bei mehr als zehn Milliarden Euro, der Anteil am bulgarischen Bruttoinlandsprodukt wird vom Cluster mit rund elf Prozent angegeben. Das sind Größenordnungen die mit dem alten Bild von Bulgarien als bloßer verlängerte Werkbank kaum noch zusammenpassen. Besonders interessant ist eine Angabe der bulgarischen Investitionsagentur, rund 80 Prozent der in europäischen Autos eingesetzten Sensoren sollen in Bulgarien hergestellt werden. Dabei geht es beispielsweise um Sensoren für Motoren, Bremsen, Getriebe, Klimatisierung und Abgassysteme. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem vermeintlich durch und durch deutschen Auto längst Technik aus Bulgarien steckt ist also gar nicht so klein.

Doch Bulgarien liefert längst nicht mehr nur Teile. In Ruse sitzt mit SIN Cars ein Unternehmen das tatsächlich eigene Fahrzeuge entwickelt und baut. Bekannt wurde die Firma zunächst durch Sport- und Rennwagen, inzwischen konzentriert sie sich unter anderem auf elektrische Nutzfahrzeuge der L-CITY-Familie. Entwicklung, Konstruktion, Erprobung und Teile der Produktion finden in Bulgarien statt. Bereits 2022 wurde im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Ruse eine Produktionslinie für die elektrischen Fahrzeuge eröffnet. Nach Angaben des Unternehmens werden dort unter anderem Fahrgestell, Aufhängung, Batteriekomponenten sowie verschiedene Innen- und Außenteile entwickelt beziehungsweise gefertigt. Natürlich reden wir hier nicht über Stückzahlen wie bei Volkswagen, Toyota oder Renault, darum geht es aber auch nicht. Interessant ist vielmehr, dass in Bulgarien eigenes Know-how entsteht. Ingenieure entwickeln Bauteile, konstruieren Fahrzeuge, bauen Prototypen und beschäftigen sich mit elektrischen Antriebskonzepten. Das ist eine Seite Bulgariens die außerhalb des Landes erstaunlich wenig wahrgenommen wird.

Und dann ist da Lovech, ein Ort mit einer bemerkenswerten Automobilgeschichte. Schon während der sozialistischen Zeit wurden dort Autos gebaut. Ende der 1960er-Jahre entstanden Pirin-Fiat-Modelle, wesentlich größer war anschließend die Moskwitsch-Produktion. Zwischen 1966 und 1990 wurden nach Angaben der bulgarischen Nachrichtenagentur BTA rund 304.300 Fahrzeuge montiert. Später kehrte die Pkw-Produktion noch einmal zurück, als im nahe gelegenen Bahovitsa Fahrzeuge des chinesischen Herstellers Great Wall gefertigt wurden. Auch dieses Kapitel endete wieder, doch nun könnte die Geschichte weitergehen. Am 18. September 2026 wurde bekannt, dass in den dortigen Anlagen ab 2027 erneut Fahrzeuge produziert beziehungsweise montiert werden sollen. Bulgarian Automotive Industry arbeitet dabei mit dem chinesischen Hersteller Great Wall Motor zusammen. Geplant sind Elektro- und Hybridfahrzeuge, als erstes Modell ist der elektrische Ora 05 vorgesehen, später sollen zwei größere Plug-in-Hybridmodelle folgen. Ob daraus langfristig eine erfolgreiche Serienproduktion entsteht wird man abwarten müssen. Eine angekündigte Fabrik ist schließlich noch keine Erfolgsgeschichte und gerade die bulgarische Automobilgeschichte liefert genügend Beispiele dafür, dass große Pläne nicht zwangsläufig dauerhaft funktionieren. Trotzdem ist bemerkenswert, dass ein traditionsreicher Standort wie Lovech wieder ins Spiel kommt.

Gleichzeitig wächst die Zulieferindustrie weiter. Rund um Plovdiv beispielsweise entstehen längst Komponenten für internationale Hersteller. Im September 2026 wurde die Produktionskapazität von ZS Europe in Radinovo in der Industriezone Maritsa erweitert. Dort werden Aluminiumteile für Karosserien, Fahrwerke und Elektrofahrzeuge gefertigt, als Kunden werden unter anderem Volkswagen, Tesla, Volvo und Stellantis genannt. Die bisherige Investition liegt laut BTA bei mehr als 17,5 Millionen Euro. Solche Projekte finde ich fast interessanter als die nächste spektakuläre Ankündigung einer riesigen Autofabrik. Denn eine ernst zu nehmende Industrie entsteht nicht dadurch, dass irgendwo feierlich ein Band durchschnitten wird. Sie wächst über Jahre, durch Zulieferer, Fachkräfte, Ingenieure, Produktionsstätten, Logistik, Forschung und Unternehmen, die wiederum weitere Unternehmen anziehen. Genau dieser Prozess ist in Bulgarien inzwischen sichtbar.

Man sollte daraus trotzdem kein bulgarisches Autowunder konstruieren. Das Land ist noch weit davon entfern, ein Produktionsstandort in der Größenordnung Deutschlands, Tschechiens, der Slowakei oder Ungarns zu sein. Vor allem fehlt bislang die dauerhafte Großserienproduktion kompletter Pkw mit mehreren Hunderttausend Fahrzeugen pro Jahr. Auch Investitionsankündigungen sollte man hier wie überall erst dann feiern wenn Hallen stehen, Maschinen laufen und Menschen tatsächlich dauerhaft beschäftigt werden. Aber genauso falsch wäre es Bulgarien weiterhin auf billige Arbeitskräfte und einfache Montagearbeiten zu reduzieren. Mehr als 380 Unternehmen, über 80.000 Beschäftigte und Dutzende Forschungs- und Entwicklungszentren erzählen längst eine andere Geschichte.

Wer in Bulgarien lebt, kennt natürlich auch die andere Seite des Landes. Straßen, bei denen eine Sanierung seit Jahren keine schlechte Idee wäre, eine Bürokratie die einen gelegentlich vermuten lässt, dass irgendwo im Hintergrund noch ein Nadeldrucker auf seinen nächsten Einsatz wartet und Regionen denen gute Arbeitsplätze fehlen. Auch das ist Bulgarien, aber es ist eben nicht das ganze Bulgarien. Gleichzeitig entstehen Industrieparks, internationale Unternehmen investieren, bulgarische Ingenieure entwickeln Technik, in Ruse werden elektrische Fahrzeuge gebaut, bei Plovdiv entstehen Komponenten für einige der größten Automobilhersteller der Welt und in Lovech sollen wieder Autos vom Band rollen. Ich lebe lange genug in diesem Land um nicht bei jeder Investitionsankündigung sofort die Sektflasche zu öffnen. Entscheidend ist für mich immer, was am Ende tatsächlich umgesetzt wird und dauerhaft bestehen bleibt. Aber ich sehe eben auch was sich in Bulgarien verändert und ja, diese Entwicklung gefällt mir.

Bulgarien lebt, Bulgarien verändert sich, Bulgarien entwickelt sich und vielleicht steht irgendwann auf einem Auto nicht nur irgendwo versteckt auf einem Sensor oder Bauteil „Made in Bulgaria“, sondern ganz selbstverständlich auf dem fertigen Fahrzeug. Ich würde das feiern.

🔔 Verpasse keinen Beitrag!


Mit der Anmeldung akzeptierst du unsere Datenschutzerklärung.

Der Autor

Copyright © WebWerk Bulgarien. Alle Rechte vorbehalten.