Berlin

Berlin, wat is aus dir jeworden?

Gedanken über eine Stadt, die einmal meine Heimat war

Ich habe fast zwei Drittel meines Lebens in Berlin verbracht. Anfang der 80er-Jahre kam ich in eine Stadt die mich vom ersten Moment an faszinierte. Berlin war laut, rotzig, widersprüchlich, manchmal dreckig und niemals bequem, genau das gehörte dazu. Die Stadt wurde meine Heimat, hat mich geprägt und mir über viele Jahre genau das gegeben was ich damals vom Leben erwartete. Später saß ich 13 Jahre lang als Busfahrer bei der BVG hinter dem Lenkrad und bekam Berlin in einer Intensität zu sehen die kaum ein anderer Arbeitsplatz bietet. Mein Büro fuhr durch die ganze Stadt, durch bürgerliche Viertel, Arbeiterkieze und soziale Brennpunkte, morgens, nachts, werktags und am Wochenende. Ich erlebte die Menschen nicht aus Statistiken, sondern an Haltestellen und in meinem Bus. Über die Jahre sah ich eine Stadt die sich veränderte, erst langsam, dann immer deutlicher. Das Berlin, das mich einst begeistert hatte wurde mir zunehmend fremd.

Natürlich war das frühere Berlin kein Paradies. Auch damals gab es Kriminalität, Drogen, Gewalt, Dreck und kaputte Ecken. Wer die Vergangenheit verklärt macht sich genauso etwas vor wie diejenigen, die den heutigen Zustand schönreden. Aber genau dieses Schönreden bringt mich inzwischen zum Kotzen. Aus Verwahrlosung wird „Großstadtflair“, aus Dysfunktion der berühmte Berliner Charme, aus Rücksichtslosigkeit individuelle Freiheit und aus jahrelang ungelösten Problemen eine angeblich unvermeidbare Begleiterscheinung von Vielfalt und Weltstadt. Nein, eine vermüllte Straße ist keine kulturelle Errungenschaft. Eine Verwaltung die ihre elementaren Aufgaben nicht zuverlässig erledigt ist nicht liebenswert chaotisch. Ein öffentlicher Raum in dem Regeln immer weniger zählen ist nicht besonders tolerant und eine Gesellschaft, die sich an solche Zustände gewöhnt ist nicht fortschrittlich, sie hat lediglich ihre Ansprüche gesenkt.

Genau darin liegt für mich der eigentliche Niedergang Berlins. Nicht in einer einzelnen dreckigen Straße, einem Kriminalitätsfall oder einem Problembezirk, sondern in der schleichenden Verschiebung dessen was als normal akzeptiert wird. Berlin hat reale Probleme mit Sauberkeit, sozialer Verwahrlosung, einer schwerfälligen Verwaltung, Wohnungsnot, Drogen, Gewalt sowie organisierter und sogenannter Clankriminalität. Gleichzeitig gibt es selbstverständlich weiterhin funktionierende Viertel und unzählige vernünftige Menschen die arbeiten, Familien großziehen, Unternehmen führen oder jeden Tag dafür sorgen, dass diese Stadt überhaupt funktioniert. Aber eine Hauptstadt darf ihren Zustand nicht daran messen, ob irgendwo noch alles in Ordnung ist. Entscheidend ist wie viel Unordnung, Kontrollverlust und gesellschaftliche Rücksichtslosigkeit sie bereit ist hinzunehmen, bevor sie sagt: Bis hierher und keinen Schritt weiter.

Besonders grotesk finde ich es wenn Zugezogene erklären, das sei eben Berlin und im Grunde schon immer so gewesen. Wer erst später kam kennt das Berlin, das er vorgefunden hat, ich kenne auch das davor. Das macht meine Wahrnehmung nicht automatisch richtiger als die anderer Menschen, aber sie ist über Jahrzehnte gewachsen. Ich habe erlebt wie aus Berliner Rauheit zunehmend etwas anderes wurde. Berliner Schnauze war niemals dasselbe wie Respektlosigkeit. Toleranz bedeutete nicht jeden Zustand widerspruchslos hinzunehmen und Weltoffenheit war kein Freibrief dafür Regeln so lange zu relativieren, bis niemand mehr weiß wo eigentlich die Grenze liegt. Eine funktionierende Gesellschaft braucht keinen autoritären Staat, aber sie braucht einen handlungsfähigen. Einen Staat der seine Schulen, Straßen und öffentlichen Räume im Griff hat, dessen Verwaltung funktioniert und der seine Regeln durchsetzt, unabhängig davon wer sie missachtet. Herkunft, Religion, Familienname, Vermögen oder politisches Milieu dürfen dabei keine Rolle spielen. Das sollte keine politische Kampfansage sein, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Das Wahlergebnis vom Sonntag ist deshalb für mich nur ein weiterer Anlass über diese Entwicklung nachzudenken, nicht ihr Mittelpunkt. Die Linke wird stärkste Kraft in einer Stadt in der linke Parteien und Koalitionen über viele Jahre selbst politische Verantwortung getragen haben. Wer darin einen Aufbruch sieht darf das tun, ich sehe ihn nicht. Demokratie bedeutet schließlich nicht Wahlergebnisse beklatschen zu müssen, sie bedeutet sie zu akzeptieren und sie bedeutet auch Verantwortung. Eine Bevölkerung die über Jahre Missstände beklagt und anschließend politische Kräfte stärkt die an der bisherigen Entwicklung beteiligt waren muss sich deshalb zumindest die Frage gefallen lassen, welche Veränderung sie eigentlich erwartet. Das ausgerechnet am Abend dieses Wahlerfolges Issa Remmo auf der öffentlichen Wahlparty der Neuköllner Linken auftauchte war beinahe eine Berliner Karikatur ihrer selbst. Er war nach Angaben der Partei nicht eingeladen und wurde hinausgebeten, daraus lässt sich keine Verbindung zur Linken konstruieren. Das Remmo anschließend erklärte, sich erstmals von einer deutschen Partei unterstützt zu fühlen reicht als Pointe dieses Abends völlig aus.

Vielleicht müsste mich all das längst kaltlassen, ich lebe nicht mehr dort. Ich habe meinen Frieden in Bulgarien gefunden, fühle mich hier wohl und habe keinerlei Sehnsucht nach Berlin, wirklich keine. Ich sitze nicht hier und trauere einer verlorenen Heimat hinterher, ich plane keine Rückkehr und möchte mein früheres Leben nicht zurück. Trotzdem schafft Berlin es immer wieder mich aufzuregen, weiß der Geier warum. Vielleicht bleiben fast zwei Drittel eines Lebens irgendwo hängen, selbst wenn man längst gegangen ist. Vielleicht ärgert mich nicht, dass Berlin ohne mich weiterlebt, sondern dass eine Stadt die einmal so viel für mich bedeutet hat heute Zustände akzeptiert, bei denen mir nur noch der Kopf schüttelt. Wenn ich aktuelle Bilder sehe denke ich jedenfalls nicht wehmütig, da müsste ich wieder hin. Mein Gedanke ist ein völlig anderer, Gott sei Dank bin ich da weg.

Genau deshalb kann ich heute sehr nüchtern sagen, wer Berlin liebt soll dort glücklich werden. Wer das heutige Berlin für aufregend, bunt, tolerant und lebenswert hält, soll es genießen. Es ist nicht mehr meine Stadt und muss meinen Vorstellungen nicht entsprechen. Aber niemand muss mir erzählen Verwahrlosung sei Authentizität, permanentes Chaos gehöre zwingend zu einer Metropole und Kritik daran zeuge davon Berlin nicht verstanden zu haben. Ich habe Berlin lange genug verstanden, vielleicht sogar länger als mir heute lieb ist. Das wirklich Erschreckende ist für mich nicht, dass eine Millionenstadt Probleme hat. Das Erschreckende beginnt dort wo sie sich mit ihnen arrangiert, sie sprachlich veredelt und irgendwann den Kritiker störender findet als den Zustand den er kritisiert.

Das Berlin meiner Erinnerung darf bleiben wo es ist, in meiner Erinnerung. Ich brauche es nicht zurück und das heutige Berlin möchte ich erst recht nicht zurückhaben. Mein Leben ist weitergegangen, weit weg von dort und diese Entscheidung fühlt sich mit jedem Jahr richtiger an. Vielleicht sollte ich mich deshalb tatsächlich nicht mehr darüber aufregen was aus Berlin geworden ist, meistens gelingt mir das sogar.

Und dann sehe ich wieder etwas aus dieser Stadt und denke: Berlin, wat is aus dir jeworden?

Berlin – nie wieder.

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