Ich sehe nur noch Lügen – Das Schweigen der sedierten Masse macht mich sprachlos
Manchmal glaube ich, das eigentlich Verstörende an dieser Zeit ist nicht einmal mehr die Lüge selbst, es ist die Stille danach. Diese bleierne, tote, kalte Stille einer Gesellschaft, die offenbar nichts mehr erschüttert. Ich sehe Lügen in der Werbung, Lügen in den Nachrichten, Lügen in der Politik, Lügen in sozialen Netzwerken, Lügen in den großen moralischen Erzählungen unserer Zeit und selbst dort wo nicht offen gelogen wird, wird so lange verdreht, verschwiegen, weichgespült und manipuliert, bis von der Wahrheit nur noch ein unkenntlicher Rest übrig bleibt. Ich sehe das alles, ich schreibe darüber, ich benenne es, ich zerlege es, ich versuche die Dinge beim Namen zu nennen und am Ende starre ich auf dieselbe gespenstische Leere. Kaum Reaktion, kaum Widerspruch und kaum Debatte, fast nichts. Als hätte man es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit sedierten Schatten die noch konsumieren, noch scrollen, noch funktionieren, aber innerlich längst aufgehört haben wirklich wahrzunehmen.
Genau das frisst sich in meinen Kopf. Nicht nur die Verlogenheit der Welt, sondern die Frage ob ich der Einzige bin, dem sie noch unerträglich erscheint. Ob ich der Einzige bin der sich daran stößt, dass die offenkundigste Täuschung heute kaum mehr Empörung auslöst, sondern bestenfalls ein müdes Schulterzucken. Manchmal sitze ich da und frage mich ob mit mir etwas nicht stimmt. Ob ich mich verrannt habe, ob ich zu scharf geworden bin, zu empfindlich, zu misstrauisch, zu kompromisslos. Ob ich in einer Zeit, die sich an Falschheit gewöhnt hat einfach nur die falsche Art von Mensch geworden bin. Denn während ich noch versuche Dinge offenzulegen, scheint ringsum eine seltsame Betäubung zu herrschen. Als hätten sich Millionen Menschen stillschweigend darauf geeinigt lieber mit der Lüge zu leben, als den Preis der Klarheit zu bezahlen.
Ich sehe eine Welt in der Werbung nicht mehr verkauft, sondern vernebelt. Produkte werden nicht präsentiert, sie werden moralisch geschniegelt. Konzerne tun so, als hätten sie plötzlich ein Gewissen obwohl ihr Herz nach wie vor im Takt des Profits schlägt. Man verkauft keine Ware mehr sondern Haltungen, Gefühle, Identitäten. Alles soll fair sein, nachhaltig, verantwortungsvoll, progressiv, bewusst. Alles geschniegelt bis zur Lächerlichkeit, hinter der Fassade aber oft derselbe alte Dreck, nur besser ausgeleuchtet. Das Schlimmste ist nicht einmal, dass diese Inszenierung existiert, das Schlimmste ist, dass sie funktioniert. Das Menschen diese Theaterkulissen offenbar nicht nur hinnehmen, sondern teilweise sogar dankbar umarmen, weil die Verpackung so angenehm ist, weil die Lüge so schön klingt, weil das gute Gefühl billiger zu haben ist als die Wahrheit.
Ich sehe Nachrichten die nicht mehr einfach berichten, sondern choreografieren. Ich sehe Schlagzeilen die lenken sollen, Einordnungen, die nicht erklären, sondern den moralischen Rahmen gleich mitliefern. Ich sehe wie Fakten gewichtet werden, wie Themen aufgeblasen oder kleingehalten werden, wie ein Ereignis zur Staatsaffäre wird und ein anderes fast unsichtbar bleibt, obwohl beides dieselbe Härte hätte, dieselbe Aufmerksamkeit, dieselbe Aufrichtigkeit verdient. Ich sehe wie nicht nur in dem gelogen wird was gesagt wird, sondern oft noch perfider in dem, was nicht gesagt wird. Im Weglassen, im Verschieben, im Verschweigen und im Framing. Im vorsortierten Denken das dem Publikum eine Wirklichkeit serviert, die geschniegelt und portioniert wurde bis sie politisch oder gesellschaftlich verwertbar ist.
Ich sehe soziale Netzwerke, in denen Wahrheit längst gegen Wirkung verloren hat. Dort gewinnt nicht das was stimmt, sondern das was knallt. Das was empört, bestätigt, provoziert, aufpeitscht oder den Reflex bedient. Die Lüge hat dort Heimvorteil weil sie schneller ist, schriller, emotionaler, marktfähiger. Sie braucht keinen Zusammenhang, keine Redlichkeit, keine Geduld. Sie muss nur zünden und während sich dieser Müll millionenfach verteilt, sitzen Menschen davor, konsumieren diese Dauerverzerrung und nennen es Information. Es ist ein Irrenmarkt der Behauptungen, ein digitaler Basar der Täuschung, eine Fabrik für falsche Gewissheiten und künstliche Erregung. Doch auch das ist noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass diese Öffentlichkeit anscheinend nicht einmal mehr merkt wie tief sie längst in einer Kultur der Manipulation steckt.
Und dann die Politik. Diese hohl gewordene Bühne auf der Berufslügner mit ernster Miene Verantwortung spielen, während sie das Vertrauen der Bürger schon vor Jahren auf dem Altar von Macht, Taktik und Karrierelogik verbrannt haben. Dort werden Begriffe missbraucht bis sie klingen wie leere Patronenhülsen. Freiheit, Verantwortung, Solidarität, Sicherheit, Haltung und Demokratie. Große Worte, ausgehöhlt durch Dauergebrauch und interessengeleitete Umdeutung. Die politische Klasse redet nicht mehr um aufzuklären, sondern um zu verwalten, zu beruhigen, zu tarnen, zu verschieben, zu relativieren. Sie verkauft Nebel als Orientierung und wundert sich dann über den Vertrauensverlust. Diese Welt wird nicht von Ehrlichkeit regiert, sondern von kommunikativer Schadensbegrenzung. Nicht Aufrichtigkeit ist die Währung, sondern die Kunst mit möglichst glatter Sprache möglichst viel Wirklichkeit unsichtbar zu machen.
Was mich daran fertig macht ist nicht nur das Ausmaß dieses Zustands, es ist meine Ohnmacht davor. Ich schreibe. Ich beobachte, ich formuliere, ich benenne, ich schärfe. Ich versuche den Finger in die Wunde zu legen weil ich das Gefühl habe, dass Schweigen längst Mittäterschaft geworden ist. Doch meine Hände bleiben gebunden. Denn was nützt selbst der präziseste Satz in einer Zeit, die auf Präzision nicht mehr reagiert. Was nützt eine klare Anklage in einer Welt, die sich in Gleichgültigkeit eingerichtet hat wie in einem warmen Sessel. Was nützt das Aufdecken, wenn die Öffentlichkeit nicht aufschreckt, sondern weiterzieht zum nächsten belanglosen Reiz. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich nicht gegen ein System aus Lügen anschreiben, sondern gegen eine sedierte Wand. Gegen eine Gesellschaft, die das eigene geistige Einschlafen bereits mit Normalität verwechselt.
Ich frage mich dann, ob die Menschen wirklich nichts mehr merken oder ob sie längst alles merken und nur nicht mehr die Kraft haben zu reagieren. Vielleicht ist es beides, vielleicht ist die moderne Form der Unterwerfung nicht mehr die offene Zensur, sondern die totale Erschöpfung. Zu viele Schlagzeilen, zu viele Krisen, zu viele Skandale, zu viele Widersprüche, zu viele Brüche, zu viele Manipulationsversuche, bis der Mensch irgendwann nicht mehr kämpft, sondern abschaltet. Nicht weil er überzeugt wurde, sondern weil er zermürbt wurde. Vielleicht ist genau das das Erfolgsmodell dieser Zeit. Nicht die perfekte Lüge, sondern die perfekte Ermüdung. Nicht die völlige Überzeugung, sondern die völlige Auslaugung. Ein Mensch der zu müde ist, um noch zu widersprechen ist für jedes System bequemer als einer, der wirklich glaubt.
Und hier beginnt mein eigentlicher Zorn, nicht nur auf die Lügner, Täuscher, Verdreher, Verkäufer von Illusionen und politischen Nebelmaschinen. Mein Zorn richtet sich längst auch auf diese erschreckende gesellschaftliche Teilnahmslosigkeit. Auf diese geistige Apathie, auf dieses dröhnende Schweigen aus den Reihen derer, die eigentlich längst laut sein müssten. Wie abgestorben muss eine Öffentlichkeit sein, wenn sie an offenkundigen Widersprüchen kaum noch Anstoß nimmt. Wie tief muss die Sedierung reichen, wenn Menschen lieber weiter durch die tägliche Kulisse laufen, statt einmal stehen zu bleiben und zu sagen, dass hier etwas faul ist, gewaltig faul, systematisch faul, moralisch verfault bis in die tragenden Balken.
Ich will keine sterile Analyse mehr die das alles in Watte packt. Diese Zeit hat keinen Anspruch mehr auf Schonung. Denn was hier geschieht ist nicht bloß eine unglückliche Verkettung von Einzelfällen, es ist ein Zustand, ein Klima, eine Kultur. Eine Dauerbestrahlung mit Täuschung, in der man die Bevölkerung nicht nur belügt, sondern sie gleichzeitig daran gewöhnt belogen zu werden und das ist der eigentliche Skandal. Nicht nur die Lüge an sich, sondern ihre Normalisierung, dass sie nicht mehr schockiert, dass sie nicht mehr aus dem Sattel hebt, dass sie wie Regen geworden ist. Immer da, immer lästig, aber längst nicht mehr revolutionär genug um jemanden wirklich aufzurütteln. Genau das ist der Triumph des Systems. Nicht dass es lügt, sondern das es die Maßstäbe so weit zerstört hat, dass der Lügner nicht mehr auffällt und der, der ihn benennt plötzlich als Problem erscheint.
Vielleicht ist das der Moment, an dem man beginnt am eigenen Verstand zu zweifeln. Nicht weil man den Kontakt zur Realität verliert, sondern weil die Realität selbst so dermaßen verkommen ist, dass ein klarer Blick darauf fast schon wie eine psychische Belastung wirkt. Wer den Schmutz noch sieht, leidet. Wer die Widersprüche noch erkennt, leidet. Wer den Gestank hinter den Parolen noch riecht, leidet. Nicht weil er krank ist, sondern weil intakte Wahrnehmung in einer verlogenen Umwelt zwangsläufig schmerzhaft wird. Der gesunde Reflex wird zum Leiden, wenn die Umgebung krank genug ist. Vielleicht ist genau das die bittere Wahrheit die viele nicht hören wollen. Nicht derjenige, der verzweifelt ist automatisch das Problem, das Problem ist die Welt an der er verzweifelt.
Ich habe keine Lust mehr auf beruhigende Formeln. Keine Lust mehr auf das nette Gerede vom differenzierten Diskurs, wenn ringsum mit Verdrehung, moralischer Erpressung, betreuter Wahrnehmung und interessengeleiteter Sprachkosmetik gearbeitet wird. Keine Lust mehr auf das ewige Glätten und Relativieren, damit sich auch ja niemand gestört fühlt. Diese Welt braucht keine weitere Beschwichtigung, sie braucht Konfrontation. Sie braucht Menschen die aussprechen was faul ist. Sie braucht Sätze die nicht um Erlaubnis bitten. Sie braucht Worte die nicht geschniegelt werden, damit sie in jedes bequeme Wohnzimmer passen. Denn die Wahrheit hat in dieser Epoche viel zu lange geschniegelt auftreten müssen, während die Lüge bewaffnet und bestens vernetzt das Spielfeld beherrscht.
Vielleicht ist das mein eigentlicher Schmerz. Nicht nur, dass ich all das sehe, sondern das ich sehe und schreibe und trotzdem kaum jemand zurückschreibt. Das ich Fragen in den Raum werfe und der Raum stumm bleibt. Dass ich provoziere, zerlege, anklage, bohre und am Ende die Stille fast lauter ist als jeder Widerspruch. Diese Stille ist nicht neutral, sie ist ein Urteil über den Zustand dieser Gesellschaft. Eine Gesellschaft die kaum noch reagiert, obwohl sie allen Grund dazu hätte, ist nicht ruhig. Sie ist betäubt, sie ist erschöpft, sie ist abgerichtet und vielleicht sogar innerlich kapituliert. Genau deshalb fühlt sich Schreiben heute manchmal nicht mehr an wie Publizieren, sondern wie ein Notsignal aus einem brennenden Haus in dem die Bewohner weiter auf ihre Displays starren, während es längst nach Rauch riecht.
Nein, ich glaube nicht, dass ich verrückt bin weil ich das alles sehe. Ich glaube eher, dass diese Zeit den klar denkenden Menschen gezielt in diese Frage hineintreibt. Sie will, dass er an sich zweifelt. Sie will, dass er sich selbst für überzogen hält. Sie will, dass er irgendwann müde wird, leiser wird, vorsichtiger wird, sich zurückzieht und verstummt, denn nichts ist für ein verlogenes System gefährlicher als ein Mensch, der noch klar benennt was vor sich geht. Ein Mensch, der nicht mitmacht bei der kollektiven Narkose, ein Mensch der sich nicht damit abfindet, dass fast alles nur noch Verpackung, Pose, Propaganda oder interessengeleitete Deutung ist.
Am Ende werde ich trotzdem weiterschreiben. Nicht weil ich noch große Hoffnungen in diese sedierte Öffentlichkeit setze. Nicht weil ich ernsthaft glaube, dass plötzlich eine Welle aus Klarheit, Mut und ehrlicher Debatte durch die Kommentarspalten rollt, diese Illusion habe ich längst verloren. Ich werde weiterschreiben wie Menschen Signale ins All senden, in die schwarze Stille hinaus, in der Hoffnung, dass irgendwo da draußen noch anderes intelligentes Leben existiert das antworten kann. Auf ein Lebenszeichen, ein Echo, einen Beweis dafür, dass man nicht der Letzte ist der noch zwischen Wahrheit und Täuschung unterscheiden will. Mehr ist davon kaum noch zu erwarten.
Aber ich mache das nur noch für mein Onlinemagazin und für das offene Web. Dort wo Texte wenigstens noch die Chance haben, als Texte wahrgenommen zu werden und nicht zwischen geistigem Sondermüll, billigem Reflexfutter und digitaler Verblödungsware verenden. Für Facebook und diesen ganzen verseuchten Zirkus aus Reichweitenillusion, Fakeartikeln, Fakebildern, Fakevideos und williger Massenverblödung spare ich mir meine Zeit künftig immer öfter. Dort glotzt man lieber auf den nächsten offensichtlichen Schwachsinn, glaubt ihn auch noch mit einer erschütternden Bereitschaft und hält sich dabei wahrscheinlich noch für informiert. Wer sich ernsthafte Texte erarbeiten müsste, wischt weiter. Wer denken müsste, klickt lieber auf den nächsten Betrug in hübscher Verpackung. Wer zweifeln müsste, konsumiert lieber die nächste algorithmisch servierte Lüge, aber nicht mehr mit mir.
Ich werde meine Arbeit nicht länger in diese Kanäle kippen wie gutes Wasser in einen verstopften Abfluss. Ich werde meine Texte nicht mehr mit derselben Hingabe in Räume tragen, in denen die billigste Fälschung mehr Aufmerksamkeit bekommt als jeder sauber recherchierte Satz. Das ist keine beleidigte Geste, sondern die nüchterne Konsequenz aus längerer Beobachtung. Man kann sich als Redakteur vieles vorwerfen lassen, aber nicht, dass man ewig zusehen müsste wie ernsthafte Arbeit zwischen digitalem Dreck, künstlicher Erregung und willentlich geglaubtem Unsinn verheizt wird. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man seine Zeit nicht mehr an Plattformen verschwendet deren Publikum sich lieber an Fakes berauscht, als sich mit der Wirklichkeit zu befassen.
Ja, ich schreibe also weiter. Verbittert vielleicht, enttäuscht ganz sicher und ohne große Erwartungen sowieso. Nicht weil ich noch an die große Rückmeldung glaube, sondern weil Schweigen selbst in einer abgestorbenen Öffentlichkeit noch widerlicher wäre als diese lähmende Stille. Ich schreibe weiter, auch wenn ich mir davon kaum noch etwas verspreche. Ich schreibe weiter obwohl ich weiß, dass viele längst lieber den Schrott glauben als die Wahrheit ertragen. Ich schreibe weiter, weil Aufgeben die letzte Kapitulation vor einer Welt aus Lüge, Verdrehung und geistiger Verwahrlosung wäre.
Und falls irgendwo da draußen doch noch jemand diese Signale empfängt, sie versteht und noch nicht vollständig sediert ist dann soll er wissen, dass er nicht allein ist.
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