Gefrorene Milliarden, heiße Moral – Wie Europa über russisches Geld streitet und dabei der ganzen Welt unfreiwillig einen Blick hinter die Kulissen erlaubt
Brüssel war in diesen Tagen wieder einmal der Ort, an dem Europa so tat, als würde es Geschichte schreiben, während es in Wahrheit an sich selbst herumdoktert. Im Zentrum der Debatte standen keine Traktoren, keine Bauern, keine Klimaziele, sondern eine Summe, die fast schon abstrakt wirkt. Rund zweihundert Milliarden Euro russischer Staatsvermögen liegen seit Kriegsbeginn eingefroren in Europa, ein erheblicher Teil davon in Belgien. Geld, das da ist, Geld, das niemandem fehlt, Geld, das moralisch längst verplant scheint und doch wagt es die EU nicht, es anzufassen. Nach außen verkauft man das als Besonnenheit, nach innen weiß jeder, dass es Angst ist.
Die Ukraine braucht Geld, viel Geld, sofort und das ist unstrittig. Ebenso unstrittig ist, dass Russland diesen Krieg begonnen hat und für die Zerstörung verantwortlich ist, in der öffentlichen Debatte ergibt sich daraus eine scheinbar einfache Gleichung. Russland muss zahlen, Punkt. Genau an dieser Stelle beginnt jedoch das Unbehagen derer, die nicht Politik für Schlagzeilen, sondern für Systeme machen müssen.
Denn eingefrorenes Vermögen ist kein enteignetes Vermögen, Sanktionen bedeuten Stillstand, nicht Eigentumsübertragung. Wer diesen Unterschied für eine juristische Spitzfindigkeit hält, sollte sich ehrlich fragen, warum ausgerechnet Europa jahrzehntelang als sicherer Hafen für internationale Reserven galt. Nicht wegen Sympathie, sondern wegen Berechenbarkeit, Eigentum blieb Eigentum, auch wenn der Eigentümer politisch unerwünscht war. Dieses Prinzip ist der stille Grundpfeiler des europäischen Finanzraums.
Genau deshalb formierte sich in Brüssel ein Widerstand, der weniger laut, aber umso entschlossener war. Belgien stand an der Spitze, nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus nacktem Eigeninteresse. Euroclear verwahrt den Löwenanteil der russischen Gelder, wer hier zugreift zieht Belgien direkt in eine Lawine aus Klagen, Gegenmaßnahmen und Reputationsschäden. Der Finanzplatz Brüssel wäre nicht Kollateralschaden, sondern Einschlagsort. Das weiß man dort sehr genau.
Deutschland unterstützte diese Linie, nüchterner, technokratischer, fast leise. In Berlin denkt man nicht in moralischen Kurzschlüssen, sondern in Systemfolgen. Wer staatliche Reserven politisch verfügbar macht, sägt an der Glaubwürdigkeit des Euro-Raums. Kapital reagiert nicht empört, es reagiert rational, es zieht weiter, still und ohne Pressekonferenz.
Frankreich wiederum argumentierte strategisch, heute russisches Geld, morgen das eines anderen geopolitischen Gegners. Paris fürchtet nicht den Einzelfall, sondern den Präzedenzfall. Eine EU, die Eigentum situativ neu definiert, verliert globalen Einfluss, nicht gewinnt ihn. Macht ohne Selbstbindung ist keine Stärke, sondern Willkür mit besserem Vokabular.
Unterstützung kam aus Luxemburg, den Niederlanden und Irland, Staaten, deren Wirtschaftsmodell auf internationalem Vertrauen basiert. Sie alle lehnten die Umwidmung klar ab, Sanktionen ja, einfrieren ja, aber keine faktische Enteignung ohne Friedensvertrag, ohne internationales Tribunal, ohne belastbare Rechtsgrundlage.
Auf der anderen Seite standen vor allem osteuropäische Staaten, die baltischen Länder und Polen. Ihre Position ist emotional nachvollziehbar, historisch verständlich und politisch konsequent. Wer Russland als existenzielle Bedrohung erlebt, misst juristischen Feinheiten weniger Gewicht bei. Doch Emotion ersetzt keine Ordnung und Europa ist kein Kriegsrat, sondern ein Rechtsraum.
Das Ergebnis dieses Ringens war der typisch europäische Kompromiss, die russischen Vermögen bleiben unangetastet. Stattdessen nimmt die EU neue Kredite auf, um die Ukraine zu finanzieren. Schulden statt Zugriff, Zukunft statt Gegenwart und Moral auf Pump. Die Zinsen der eingefrorenen Gelder sollen perspektivisch genutzt werden, ein symbolischer Trostpreis, der politisch gut klingt und finanziell kaum weh tut. Während Europa sich selbst über diesen Balanceakt belehrt, schaut die Welt sehr genau zu.
In den USA ist die Debatte deutlich roher, dort fordern Politiker offen, eingefrorene russische Gelder für Waffenlieferungen freizugeben. Weniger aus juristischer Überzeugung, mehr aus geopolitischem Pragmatismus. Wenn Russland zahlt, zahlt der amerikanische Steuerzahler weniger. Dass dies rechtlich heikel ist, spielt im US-Diskurs eine untergeordnete Rolle. Europa wirkt aus dieser Perspektive vorsichtig bis lähmend.
In Russland wiederum wird die europäische Zurückhaltung propagandistisch ausgeschlachtet, der Kreml verkauft sie als Sieg des Rechts über westliche Willkür. Dass dieselbe Regierung Völkerrecht nach Belieben bricht, stört in dieser Erzählung erwartungsgemäß niemanden. Aber Propaganda lebt von Symbolen, nicht von Logik und Europa liefert sie frei Haus.
In Asien, Afrika und Teilen des Nahen Ostens fällt der Blick nüchterner aus, dort liest man weniger moralische Dramen und mehr Systemfragen. Die Kernbotschaft lautet, Europa schützt sein Rechtssystem, selbst im Krieg, das wird nicht bewundert, aber registriert. Für viele Staaten, die ihre Reserven im Westen parken, ist das eine stille Beruhigung. Nicht aus Sympathie für Russland, sondern aus Eigeninteresse.
Genau hier liegt die bittere Ironie der europäischen Debatte, nach innen wirkt sie feige, nach außen stabilisierend. Europa erscheint nicht als moralischer Rächer, sondern als Rechtsverwalter, das ist kein Heldenskript, aber ein berechenbares.
Die eigentliche Tragik liegt woanders. Die EU steckt zwischen zwei Wahrheiten fest, die sich nicht auflösen lassen, Russland müsste zahlen. Aber Europa kann es sich nicht leisten, den Rechtsrahmen zu opfern, der seine eigene Macht erst ermöglicht. Wer das ignoriert, fordert nicht Gerechtigkeit, sondern einen Systembruch mit unklarem Ausgang.
Brüssel hat sich entschieden, diesen Bruch vorerst nicht zu riskieren, nicht aus Großmut, nicht aus Sympathie, sondern aus Angst vor den Folgen. Ob das moralisch befriedigend ist, steht auf einem anderen Blatt. Ob es rational ist, lässt sich schwerer bestreiten.
Am Ende bleibt ein schaler Eindruck, Europa besitzt Macht, Geld und Einfluss, aber es nutzt sie nur so weit, wie sie die eigene Ordnung nicht gefährden. Das ist enttäuschend für alle, die klare Kante fordern, aber Es ist beruhigend für alle, die wissen wie schnell Ordnung verloren gehen kann.
Gefrorenes Geld bleibt gefroren. Die Moral kocht weiter und Europa sitzt dazwischen, mit ernster Miene, erhobenem Zeigefinger und einem Kreditvertrag in der Hand. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so verdammt typisch wäre.
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