Wake up

Zivilisation am Abgrund – Wie Kriegstreiber, Lügner und Schlafwandler die Welt zerlegen

Ich schaue auf diese Welt und habe nicht mehr das Gefühl eine schwierige Phase der Geschichte zu erleben, ich habe das Gefühl Zeuge eines kollektiven geistigen Zusammenbruchs zu sein. Nicht irgendwo abstrakt, nicht nur in Präsidentenpalästen, Generalstäben oder Krisengebieten, sondern mitten in einer globalen Öffentlichkeit die längst bewiesen hat, dass sie selbst angesichts brennender Städte, eskalierender Kriege, zerstörter Staaten und offen ausgesprochener Drohungen immer noch die erstaunliche Fähigkeit besitzt, das Wesentliche nicht zu begreifen. Oder schlimmer noch, es zu begreifen und sich trotzdem bequem darin einzurichten. Genau das macht mich fassungslos, nicht nur die Bosheit der Täter, die hat es immer gegeben, sondern die widerwärtige Mischung aus Dummheit, Feigheit, Gleichgültigkeit und moralischer Selbstverblendung bei all jenen die drum herum stehen und so tun, als ginge sie das alles nur am Rand etwas an.

Man sieht doch was passiert. Man muss kein Geheimdienst sein, kein General, kein Historiker und kein Wirtschaftsweiser um zu erkennen, dass diese Welt an mehreren Fronten gleichzeitig ins Rutschen geraten ist. Kriege werden nicht mehr eingehegt, sondern politisch, medial und wirtschaftlich in immer neue Richtungen verlängert. Staaten agieren wie Brandstifter mit diplomatischem Briefpapier. Regierungen reden von Stabilität und sägen gleichzeitig an den letzten Resten genau dieser Stabilität. Fanatiker, Autokraten, Zyniker und kalkulierende Machtmenschen treiben ihre Spiele und die große Masse reagiert darauf entweder mit dümmlicher Lagermentalität oder mit jener geistigen Verwahrlosung, die sich heute gern als Gelassenheit tarnt. Es ist keine Gelassenheit, es ist Verblödung in bequemer Sitzhaltung.

Was mich persönlich daran am meisten anwidert ist diese groteske Kluft zwischen der Wucht der Ereignisse und der Lächerlichkeit vieler Reaktionen darauf. Die Welt brennt lichterloh und ganze Heerscharen von Kommentatoren, Sofadenkern und Meinungskonsumenten hantieren weiter mit Schablonen als sei das alles ein kleines Debattenspiel für Leute mit zu viel WLAN und zu wenig Wirklichkeitssinn. Da werden Kriege wie Fußballspiele kommentiert, Opfer nach ideologischer Brauchbarkeit sortiert und Machtblöcke behandelt, als müsse man sich nur brav für die richtige Seite entscheiden, dann sei man schon moralisch auf der sicheren Seite. Nein, ist man nicht. Wer in einer Zeit wie dieser nur noch in billigen Parolen denkt ist nicht wach, sondern geistig verkrüppelt. Wer jedes Massensterben erst durch den Filter des eigenen politischen Milieus jagt bevor er sich menschlich dazu verhält hat nicht Haltung, sondern Charakterverschleiß.

Ich merke an mir selbst wie die Fassungslosigkeit längst in Verachtung übergeht. Nicht für jene die ehrlich Angst haben oder sich sorgen, dafür gibt es Gründe genug, sondern für diese selbstgefällige Schicht von Ahnungslosen, die sich in ihrer dummen Oberflächlichkeit auch noch klug vorkommt. Für jene, die aus jeder Katastrophe sofort wieder nur Stammtischstoff machen. Für jene, die sich mit drei Schlagworten, zwei Schlagzeilen und einer lächerlich simplen Welterklärung schon ausreichend informiert fühlen. Für jene, die immer noch glauben, man könne globale Eskalationen, ökonomische Erschütterungen und geopolitische Machtkämpfe mit dem geistigen Werkzeugkasten eines beleidigten Facebook Kommentars erfassen. Diese Art von Dummheit ist nicht harmlos, sie ist ein Teil des Problems. Sie liefert den Lärm in dem die eigentlichen Verbrecher ungestört weitermachen können.

Denn genau das ist doch der Kern des Elends. Die offen Brutalen, die Kriegstreiber, die Zerstörer, die religiösen oder nationalistischen Irren, die strategischen Zyniker, sie alle profitieren davon, dass ihnen eine vernebelte, überforderte und intellektuell erschlaffte Öffentlichkeit gegenübersteht. Eine Öffentlichkeit, die viel zu oft nicht mehr zwischen Information und Erregung, zwischen Analyse und Propaganda, zwischen Haltung und Selbstinszenierung unterscheiden kann. Es reicht heute die richtigen Reizwörter in die Menge zu werfen und schon marschiert sie in irgendeine Richtung los ohne auch nur für einen Moment zu begreifen, in welchem Spiel sie gerade als Statist missbraucht wird. Das ist das eigentlich Erschreckende. Nicht nur, dass oben skrupellose Leute sitzen, sondern dass unten so viele bereitwillig an ihrer eigenen Verdummung mitarbeiten.

Ich hätte früher gedacht, dass der Mensch aus Geschichte wenigstens einen Rest Demut lernt. Dass zwei Weltkriege, Diktaturen, Genozide, Kalter Krieg, Terror, ökonomische Krisen und all die Verheerungen des vergangenen Jahrhunderts zumindest ein Mindestmaß an Wachsamkeit hinterlassen hätten. Stattdessen erleben wir eine Gegenwart in der sich viele benehmen, als sei Zivilisation ein Naturgesetz und nicht ein zerbrechliches Provisorium. Als könne man mit dem Feuer spielen, mit der Wahrheit lügen, mit Hass Politik machen, mit Krieg Profit erzeugen und mit moralischer Doppelmoral durchkommen, ohne dass am Ende alles zurückschlägt. Diese kindische Selbstüberschätzung widert mich an. Der moderne Mensch hält sich für aufgeklärt und benimmt sich im Ernstfall doch wieder wie ein nervöser Stammesaffe mit Smartphone.

Was mich dabei fast noch mehr trifft als die offene Gewalt ist diese billige Heuchelei überall. Diese ganze verlogene Fassade aus Werten, Humanität, Diplomatie und Verantwortung, hinter der in Wahrheit Interessen, Feigheit und Machtkalkül hocken wie Ratten hinter einer Wohnzimmerwand. Da wird auf Knopfdruck Empörung erzeugt oder gedämpft, je nachdem welche Flagge betroffen ist, welches Bündnis gerade nützlich erscheint und welche Opfer sich besser in die eigene Erzählung einbauen lassen. Das Leid von Menschen wird nicht mehr nur beklagt, es wird politisch verwertet. Das ist so niederträchtig, dass man es eigentlich kaum noch in anständige Worte fassen kann und genau deshalb sollte man auch aufhören, es ständig in anständige Worte zu verpacken. Vieles in dieser Gegenwart ist nicht bloß falsch, es ist verkommen.

Ich ertappe mich immer öfter bei dem Gedanken, dass nicht nur die Politik, sondern auch große Teile der Gesellschaft an einem Punkt angekommen sind an dem sie den Ernst der Lage gar nicht mehr ertragen wollen. Also flüchten sie sich in Vereinfachung, Sarkasmus, Verdrängung oder Lagerdenken. Hauptsache man muss die volle Wucht des Desasters nicht an sich heranlassen. Hauptsache, das eigene Weltbild bleibt halbwegs intakt. Hauptsache, man kann noch so tun, als sei das alles irgendwie weit weg, irgendwie fremd, irgendwie nicht die Vorstufe von Zuständen die auch das eigene Leben mit voller Härte treffen können. Diese Flucht in die bequeme Selbsttäuschung ist vielleicht die feigste Geste unserer Zeit. Man sieht das Gewitter und diskutiert lieber über die Farbe der Wolken.

Es macht mich wütend weil ich mehr erwartet habe. Nicht von allen, aber von der Summe. Von der Menschheit als lernfähigem Gebilde, von Gesellschaften, die sich so gern für modern, demokratisch, informiert und zivilisiert halten. Stattdessen sieht man überall dieselben alten Reflexe in neuem Gewand. Machtgier, Lüge, Gier, Fanatismus, Manipulation, Feigheit, Wegsehen. Nur technisch besser ausgestattet, medial schneller verteilt und rhetorisch raffinierter geschniegelt. Die Abgründe sind nicht verschwunden, sie wurden digitalisiert, professionalisiert und mit PR Sprech überzogen. Das Resultat ist eine Welt in der selbst der Wahnsinn noch geschniegelt daherkommt und die Leute ihn für Politik halten.

Vielleicht ist genau das der Punkt der am meisten schmerzt, dass so viele immer noch nicht begriffen haben wie ernst es ist. Das sie glauben man könne noch ewig zuschauen, kommentieren, relativieren und sich einrichten. Dass sie nicht verstehen, dass all diese Krisen, Kriege und Verwerfungen keine getrennten Einzelstücke sind, sondern Teile eines größeren Zerfalls. Wenn die Gewalt normalisiert wird, die Wahrheit zur Waffe wird, wirtschaftliche Erpressung zum Standard gehört und moralische Prinzipien nur noch nach Nützlichkeit verteilt werden, dann zerfällt nicht bloß Ordnung, dann zerfällt Vertrauen. Wenn Vertrauen einmal großflächig zerstört ist, bleibt von jeder schönen demokratischen und zivilisatorischen Selbstbeschreibung am Ende nur ein Haufen hohler Phrasen übrig.

Ich bin deshalb nicht nur erschüttert, ich bin angewidert, von den Kriegstreibern sowieso. Von den Machtblöcken und ihren kalkulierten Lügen ebenfalls, aber eben auch von der erschreckenden Zahl jener, die sich mit ihrer eigenen geistigen Bequemlichkeit längst arrangiert haben. Von diesem Pöbel der Gleichgültigkeit, der alles erst dann ernst nimmt wenn es an den eigenen Kühlschrank, die eigene Tankrechnung oder die eigene Haustür klopft. Vorher wird diskutiert, relativiert, belächelt, parteiisch eingeordnet oder stumpf weggescrollt. Diese Haltung ist kein privates Versagen mehr, sie ist gesellschaftlicher Sprengstoff.

Die Welt wird gerade nicht nur von den offen Bösen zerstört. Sie wird auch von den Bequemen, den Denkfaulen, den Wegsehern und den moralischen Taschenspielern ruiniert. Von Menschen, die lieber ihre Illusionen verteidigen als die Wirklichkeit ansehen. Von Menschen, die Haltung simulieren aber kein Rückgrat haben. Von Menschen, die sich in Empörung baden solange sie nichts kostet und im entscheidenden Moment kneifen. Das ist das hässliche Gesamtbild das sich mir aufdrängt wenn ich auf diese Zeit schaue. Kein Betriebsunfall, kein Missverständnis, kein kurzer Aussetzer der Geschichte, sondern eine Epoche in der der menschliche Größenwahn wieder einmal schneller wächst als seine Vernunft.

Vielleicht muss man genau deshalb heute so reden, dass es scheppert. Nicht weil man zynisch sein will, sondern weil höfliche Sprache in einer unhöflichen Wirklichkeit irgendwann selbst zur Lüge wird. Diese Zeit verdient keine Watte, sie verdient ein Urteil und dieses Urteil fällt vernichtend aus.

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