Parker Beams Vermächtnis – ein Dram gegen ALS
Ich kenne diese Abende an denen man nicht einfach nur Whiskey trinkt, sondern sich in ihn hineinsetzt wie in einen alten Ledersessel. Das Licht ist weich, die Geräusche werden höflich und plötzlich wirkt selbst die Zeit als hätte sie beschlossen sich nicht aufzudrängen. Man hebt das Glas nicht wie einen Siegerpokal, sondern wie eine kleine Vereinbarung mit dem Moment. Noch bevor der erste Schluck überhaupt den Mund erreicht passiert schon das Eigentliche. Der Duft steigt hoch, warm, geduldig, mit dieser leisen Autorität die nur Dinge haben, die lange gebraucht haben um zu werden. In solchen Augenblicken denke ich immer, dass Whiskey eigentlich weniger ein Getränk ist als ein Handwerk aus Geduld und Geduld hat fast immer einen Namen, auch wenn er nicht auf dem Etikett steht.
Bei Heaven Hill war so ein Name Parker Beam. Kein Mann für große Bühne, eher einer von denen die man sich in einem Warehouse vorstellt, dort wo Holz und Hitze zusammenarbeiten und jedes Fass seinen eigenen Ton hat. Einer, der nicht mit Superlativen spricht weil er sie nicht braucht. In dieser Welt zählt nicht wie gut du Geschichten erzählen kannst, sondern ob du eine Nase hast die Wahrheit riecht, bevor die Zahlen sie beweisen. Parker Beam war so ein Mensch, Jahrzehnte lang und dann bekam eine Abfüllungsreihe seinen Namen, Parker’s Heritage Collection. Das klingt im ersten Moment wie Marketing, wie ein Denkmal aus Glas, in Wirklichkeit war es eher ein stilles Nicken der Branche. So wie man in einer Werkstatt den besten Schraubenschlüssel nicht “Premium Tool” nennt, sondern einfach “den da”, weil jeder weiß was gemeint ist.
Es ist leicht solche Namen zu verklären. Der Master Distiller als Mythos, als Zauberer, ich glaube das trifft es nicht. Die Wahrheit ist bodenständiger und gerade deshalb schöner. Ein großer Teil dieser Arbeit ist nicht Magie, sondern Sorgfalt, Wiederholung, Entscheidungen die keiner sieht. Der richtige Schnitt, der richtige Moment, die richtige Auswahl. Das klingt nach Technik, ist aber am Ende sehr menschlich weil du dich jedes Mal festlegen musst. Du sagst Ja zu einem Fass und Nein zu einem anderen, du trägst Verantwortung für etwas das erst Jahre später zeigt ob du Recht hattest. Viele Menschen arbeiten ein Leben lang an Dingen die sofort beurteilt werden. Whiskey gehört zu den wenigen Bereichen in denen die Zeit selbst dein strenger Kritiker ist. Wer das lange macht wird entweder eitel oder demütig. Beam war, wenn man den Geschichten glaubt, eher demütig. Vielleicht ist das der Grund warum sein Name auch heute noch wie ein warmer Handschlag klingt.
Dann kam 2010 der Bruch den man keinem Menschen wünscht und der doch immer wieder irgendwo in ein Leben fällt wie ein Schatten über ein Fenster. ALS, eine Krankheit die nicht laut anfängt, sondern mit kleinen Verrätereien. Ein Griff der nicht mehr so präzise sitzt, ein Muskel der schneller müde wird. Ein Körper der Dinge vergisst, die er jahrzehntelang konnte als wären sie selbstverständlich. Tragisch ist daran nicht nur die Diagnose, tragisch ist diese spezielle Ironie. Gerade jemand dessen Handwerk so sehr auf Wahrnehmung und Kontrolle baut bekommt es mit einer Krankheit zu tun, die einem Stück für Stück genau das nimmt. Es gibt Diagnosen bei denen man denkt sie seien ungerecht. Bei ALS denkt man sie seien grausam, weil sie nicht nur den Körper trifft, sondern auch die Würde herausfordert. Du musst lernen, Hilfe anzunehmen während in dir noch alles nach Selbstständigkeit ruft.
Und hier beginnt der Teil der mich jedes Mal leise erwischt, Beam hätte sich zurückziehen können. Er hätte schweigen können, aus Scham, aus Müdigkeit, aus dem verständlichen Wunsch nicht gesehen zu werden in einem Zustand, der nicht mehr zu dem Bild passt das andere von einem haben. Stattdessen blieb er präsent so gut es ging. Nicht mit Pathos, nicht mit großen Worten, sondern mit einer Haltung die fast altmodisch wirkt. Als würde er sagen ich bin noch da, ich bin mehr als meine Krankheit und wenn schon etwas wegbricht, dann soll wenigstens etwas stehen bleiben das anderen hilft. Aus dem Namen auf der Flasche wurde damit plötzlich etwas anderes. Kein Denkmal, sondern ein Kanal. Über die Jahre floss Geld aus dieser Reihe in einen Fonds, der ALS-Betroffene und Forschung unterstützen sollte. Man kann zynisch sein über vieles in der Spirituosenwelt. Hier ist Zynismus schwer, weil es zu nah am Menschen ist. Du öffnest nicht nur eine limitierte Abfüllung, du berührst eine Geschichte die sich gewehrt hat, so gut sie konnte.
Beam starb 2017. Das ist der nüchterne Satz den man schreibt, weil man ihn schreiben muss. In einer Whiskey Lounge klingt er trotzdem nicht nüchtern. Er klingt wie ein Glas, das man kurz absetzt und einen Moment lang nichts sagt. Weil man plötzlich merkt wie sehr wir alle auf Dinge bauen, die wir für selbstverständlich halten. Auf Hände die funktionieren, auf eine Stimme die trägt, auf Bewegungen die ohne Nachdenken passieren. Dann sitzt du da mit einem Dram vor dir und begreifst, dass Whiskey zwar Geduld lehrt, aber nicht verspricht das die Zeit freundlich ist. Das ist die Tragik die hinten zupackt, nicht wie ein billiger Effekt, sondern wie ein stiller Griff an die Schulter. Der Mann der so vielen beigebracht hat genauer hinzuschmecken musste erleben wie der eigene Körper ihm das Leben enger macht. Gleichzeitig bleibt etwas zurück das seltsam tröstlich ist. Sein Name ist nicht nur Erinnerung. Er ist ein wiederkehrendes, flüssiges Kapitel das jedes Jahr neu sagt, hier war einer der mehr hinterlassen hat als guten Bourbon. Er hat aus einer Flasche einen Zweck gemacht und wenn ich ganz ehrlich bin ist das vielleicht die schönste Form von Unsterblichkeit, die man in dieser Welt bekommen kann. Kein großer Lärm, kein Denkmal aus Stein, nur ein Glas, ein warmer Moment und das Gefühl, dass man in der eigenen Tragik nicht aufgehört hat Mensch zu sein.

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