Mein langer Umweg zum Guten
Ich habe jahrelang Whiskey getrunken, ohne wirklich Whiskey zu trinken. Ich weiß, das klingt wie eine Sünde die man in einem Kloster beichten müsste, aber es ist die ehrlichste Zusammenfassung meines früheren Ichs. Damals war Whiskey für mich kein Ritual, kein Gespräch, kein Anstand im Glas. Er war ein Getränk das man sich in den Einkaufswagen legt, weil man gerade beschlossen hat jetzt ein bisschen erwachsener zu sein. So wie man auch plötzlich Oliven kauft und dann feststellt, dass man sie eigentlich gar nicht mag.
Meine ersten Jahre liefen nach dem Prinzip Hoffnung. Hoffnung, dass der günstige Scotch im Angebot vielleicht doch heimlich ein Gentleman ist, der nur zufällig im falschen Regal gelandet ist. Hoffnung, dass die irische Flasche mit dem grünlichen Etikett, die verdächtig nach Pub und Freiheit aussah, sich beim ersten Schluck nicht wie ein Streit mit einem Aschenbecher anfühlt. Hoffnung, dass ein Bourbon à la Jim Beam mit diesem kernigen Amerika Versprechen mir spontan eine Lederjacke wachsen lässt und ich am nächsten Morgen mit einer tiefen Stimme aufwache. Nichts davon passierte. Ich wachte eher mit der Stimme eines Mannes auf, der die Nacht damit verbracht hat, einen Heizkörper zu umarmen.
Und ich tat trotzdem so als wäre das alles völlig normal, das war mein größter Fehler. Nicht dass ich günstigen Whiskey trank, der Fehler war diese Sturheit, dieses Männerding, bei dem man sich einredet, dass man nur noch nicht den richtigen gefunden hat. Ich probierte mich durch Blends, die schmeckten als hätte jemand „Whiskey“ auf eine Idee gedruckt. Ich nahm Flaschen mit schottischen Namen, die so klangen als hätte man sie in Nebel gehüllt, und dann roch es beim Öffnen trotzdem nach dem Putzschrank in einer Bahnhofstoilette. Ich trank, ich nickte, ich sagte Sätze wie „gar nicht schlecht“ und meinte damit eigentlich „ich will darüber jetzt nicht nachdenken“.
Es war eine Zeit in der ich auch noch glaubte, dass Eiswürfel jedes Problem lösen können. Das ist übrigens eine der großen Illusionen des Lebens, Eiswürfel lösen Probleme nicht, Eiswürfel machen Probleme nur kälter. Ich habe damals Würfel reingeworfen wie ein Feuerwehrmann der hofft, dass der Brand irgendwann aufgibt. Manchmal kam noch Cola dazu, weil ich die Wahrheit nicht ertragen wollte und an manchen Abenden war mir sogar das egal. Hauptsache irgendwas in der Hand, das nach Feierabend aussieht.
Heute tut mir das fast leid. Nicht dramatisch, aber so wie es einem leidtut, wenn man merkt, dass man jahrelang an einer guten Tür vorbeigelaufen ist, weil man dachte der Eingang sei woanders. Ich weiß auch, warum es so war, Unwissenheit spielt eine Rolle, klar. Wenn man nicht weiß, worauf man überhaupt achten soll, landet man automatisch bei den Lautesten, den Bekanntesten, den mit der größten Werbestimme und ja, finanzielle Prioritäten waren damals auch anders. Es gab wichtigere Baustellen als ein teurer Whiskey. Das Leben ist gnadenlos praktisch und es ist völlig normal, dass Genuss erst dann einen Platz bekommt, wenn der Rest halbwegs steht.
Der Wendepunkt kam nicht als große Erleuchtung, er kam peinlich. Ich war irgendwo eingeladen, jemand stellte mir ein Glas hin und ich tat was ich immer tat. Ich nahm einen Schluck wie ein Mann der nicht zeigen will, dass er unsicher ist. Dann passierte etwas das mir bis heute sehr sympathisch ist, weil es mich gezwungen hat ehrlich zu werden. Ich musste kurz still sein, nicht aus Höflichkeit, sondern weil mein Kopf beschäftigt war. Da war plötzlich nichts, was ich wegmischen wollte. Da war Wärme, da war Tiefe, da war etwas das nicht nach Alkohol roch, sondern nach Holz, nach Früchten, nach Rauch in der Ferne. Ich merkte in diesem Moment, dass ich jahrelang nicht zu wenig getrunken hatte, sondern zu wenig verstanden.
Ich fragte, was das sei und der Mensch der mir das Glas hingestellt hatte schaute mich an, als würde er mir erklären, dass ich bisher Nudeln aus dem Papierbeutel gegessen habe. Er nannte einen Namen, ich habe ihn mir nicht mal richtig gemerkt weil ich in dem Moment vor allem begriff, dass „Whiskey“ keine Kategorie ist, sondern ein Spektrum. Es gibt darin Schnellimbiss und es gibt darin Küche und ich war bisher hauptsächlich an der Tankstelle gewesen.
Dann begann die Phase der Irrwege, aber diesmal in die richtige Richtung. Ich kaufte plötzlich Flaschen die nach echter Herkunft klangen. Scotch hier, Irish dort, Bourbon als Ausflug, manchmal sogar ein Blend der sich nicht schämte Blend zu sein, weil er es konnte. Ich machte den klassischen Anfängerfehler alles zu ernst zu nehmen und gleichzeitig immer noch zu schnell zu sein. Ich suchte Aromen wie Ostereier und wunderte mich, dass ich kaum welche fand. Ich nahm Schluck eins, urteilte und war fertig. Bis ich begriff, dass Whiskey Geduld braucht. Dass es nicht darum geht etwas zu beweisen, sondern sich Zeit zu geben.
Und irgendwann, leise, ohne Posaunen stand ich dann da, mit einer Flasche die ich nicht gekauft hatte, weil sie billig war, sondern weil ich neugierig war. Ich öffnete sie und merkte schon am Geruch, dass ich anders trinken würde als früher. Nicht mit Eis und Flucht, sondern mit Ruhe und Respekt. Es war der Moment in dem ich verstand, dass ein edler Tropfen kein Luxus aus dem Prospekt ist, sondern eine Entscheidung, für Qualität und für Langsamkeit. Für diesen kleinen Dram, diesen einen Schluck der plötzlich alles langsamer macht.
Wenn ich heute an meine Discounterjahre denke, lächle ich darüber. Ein bisschen beschämt, aber ohne Selbsthass. Jeder hat seine Lernkurve und meine schmeckte eben anfangs nach „geht schon“. Die verlorenen Zeiten tun mir nicht deshalb leid, weil sie falsch waren, sondern weil ich mir damals nicht gegönnt habe zu merken wie gut es sein kann. Nicht teurer um des Teuer-Seins willen, sondern besser weil es ehrlicher ist. Weil es nach etwas riecht das man nicht in Eile herstellen kann.
Und genau von hier aus beginnt dieses Journal. Nicht als Besserwisserei, nicht als Predigt, sondern als Einladung. Wenn du auch mal irgendwo zwischen „geht schon“ und „was habe ich da all die Jahre gemacht“ gestanden hast, dann bist du hier genau richtig. Ich bin den Weg gegangen. Mit Umwegen, mit Cola, mit Eis und mit einer Sturheit, die man heute nur noch für mein Vergnügen nutzen sollte. Ich verspreche dir, es lohnt sich diese Tür zu finden und endlich durchzugehen.

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