30. November 2025
Sicherheit weihnachtsmarkt

Weihnachtsmärkte im Betonknast – warum der Sicherheitswahn nur Kulisse ist

Weihnachtsmärkte in Deutschland wirken inzwischen, als hätte jemand einen schlechten Weihnachtsfilm mit einem mittelmäßigen Actionthriller gekreuzt, oben Lichterketten, unten Betonklötze, links der Glühweinstand, rechts die Maschinenpistole im Anschlag. Dazwischen Politiker, die jedes Jahr aufs Neue erklären, dass man „alles Menschenmögliche“ getan habe, damit die Leute „unbeschwert“ ihren Glühwein trinken können, die Chuzpe muss man erst einmal haben. Man stellt ein paar Poller hin, verhängt ein Messerverbot, stellt drei private Sicherheitsleute in orangefarbenen Westen an die Einlasskontrolle und verkauft das als Schutzschild gegen das Böse in der Welt. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es Comedy.

Der ganze Wahnsinn beginnt schon beim Bild, das nach außen vermittelt wird. Man spaziert über den Platz, stolpert über Betonblöcke, die ausssehen wie das Ergebnis einer besonders fantasielosen Kunstförderung, und wird von überall daran erinnert, dass hier bitte zwar weihnachtliche Stimmung herrschen soll, aber nur unter Aufsicht. Kein Auto kommt mehr rein, versichert man, kein Lkw kann hier mehr durchbrechen, man hat gelernt, heißt es. Als wäre das Böse so dumm, jedes Jahr dieselbe Methode zu verwenden, nur damit das Sicherheitskonzept seine Daseinsberechtigung behält. Als würde sich ein Terrorist vor einen Poller stellen und sagen, „Ach schade, dann eben nicht, ich wollte doch so gern konventionell bleiben.“ Wer so denkt, beleidigt nicht nur die Intelligenz der Bürger, sondern nebenbei auch noch die Realität.

Denn natürlich ist eines klar, wenn man eine bestimmte Tatmethode verbaut, wird nicht die Gefahr entfernt, sondern nur das Werkzeug gewechselt. Wenn der Wagen nicht mehr reinfährt, dann nimmt man eben etwas anderes. Sprengstoff, Brandmittel, Stichwaffen, Gift, ein Angriff an einem völlig anderen Ort, zu einem völlig anderen Zeitpunkt, die Zahl der denkbaren Varianten ist praktisch unendlich. Wer ernsthaft so tut, als sei mit Sperren an drei Zufahrten das grundlegende Problem gelöst, hat entweder keinerlei Verständnis von Bedrohungslagen oder hält die Bevölkerung für so naiv, dass sie nur ein bisschen Beton und Blaulicht braucht, um sich sicher zu fühlen.

Dazu kommt die gigantische Selbsttäuschung in Geldform, Weihnachtsmärkte sind längst keine romantischen Budensammlungen mehr, sondern knallharte Umsatzmaschinen. Millionen Besucher, Milliardenumsätze, Tourismus, Gastronomie, Imagekampagnen der Städte, drumherum eine ganze Industrie aus Schaustellern, Glühweinabfüllern, Fressbuden und Eventagenturen. Man will auf gar keinen Fall, dass diese Maschine zum Stillstand kommt, also schüttet man Geld in Sicherheit, egal ob sinnvoll oder nicht. Private Sicherheitsdienste, Poller, Absperrgitter, Kontrollstellen, Videoüberwachung, Lautsprechersysteme, zusätzliche Polizeikräfte. Alles kostet, alles mietet man, alles muss aufgebaut, betrieben, überwacht werden. Am Ende zahlen das die Steuerzahler und die Besucher. Die Städte erhöhen Standgebühren, die Händler drehen an der Preisschraube und der Staat schiebt zusätzlich noch einen ordentlichen Batzen aus allgemeinen Haushaltsmitteln hinterher.

Das wirklich Absurde ist die Mischung aus Kostenexplosion und wirkungsloser Illusion, man gibt eine Menge Geld dafür aus, genau einen bestimmten Angriffsweg zu erschweren, alles andere bleibt weiter offen. Das wäre ja noch in Ordnung, wenn man es auch genau so sagen würde, wenn eine Bürgermeisterin sich hinstellen würde und klar sagt, wir tun, was wir können, aber es gibt kein Nullrisiko, dann wäre das wenigstens ehrlich. Stattdessen wird das Ganze als Erfolgsgeschichte verkauft. Überschrift: „Jetzt kann nichts mehr passieren.“ Unterschrift: „Bitte glaubt uns das, wir haben dieses Jahr extra noch zwei Poller mehr gemietet.“

Im Kern sind viele dieser Maßnahmen nichts anderes als Sicherheitstheater. Alles wird sichtbar, alles wird inszeniert, nicht weil es so unendlich effektiv wäre, sondern weil es gut aussieht. Beton ist fotogen, wenn man „Entschlossenheit“ darstellen will, dazu ein paar schwer bewaffnete Polizisten im Hintergrund, ein Interview vor der Kulisse und das abendliche Nachrichtenbild ist fertig. Das Publikum zu Hause vor den Fernsehern soll denken, wow, die kümmern sich aber. Dass dieselben Strukturen an anderer Stelle völlig überfordert sind, dass Personal fehlt, dass bekannte Gefährder jahrelang im Land herumspazieren, weil Zuständigkeiten unklar sind, das sieht man auf keinem Weihnachtsmarkt­foto. Also wird dort sichtbar nachgerüstet, wo man die Kamera hinstellen kann.

Das Ganze hat auch eine sehr praktische Seite für Verantwortliche. Sollte trotz allem etwas passieren, kann man sich hinterher hinstellen und sagen, man habe doch alles getan. Es gab Poller, es gab Kontrollen, es gab Taschenchecks, es gab Verbote. Man hat alles abgehakt, was die Checkliste hergab, was will man mehr. Dass Sicherheit nicht aus Checklisten und Betonwürfeln besteht, sondern aus funktionierenden Strukturen, aus glaubwürdiger Gefährderüberwachung, aus klaren Entscheidungen, ist deutlich weniger sexy. Schwer bewaffnete Polizei vor einem Lebkuchenstand ist ein besseres Bild als ein trockenes Konzeptpapier über strukturelle Reformen im Sicherheitsapparat. Also bekommt die Öffentlichkeit das Bild, die Realität bleibt wie so oft im Hintergrund.

Parallel dazu wird der Bevölkerung eine seltsame Art Erziehungsprogramm angeboten, sie soll sich gleichzeitig bedroht und beruhigt fühlen. Einerseits eine angeblich „dauerhaft hohe Gefährdungslage“ und der Hinweis, Terror sei jederzeit möglich, andererseits die Botschaft, dass man unbeschwert feiern solle, weil sich Vater Staat schon kümmert. Wer an dieser Schizophrenie mental nicht verzweifeln will, blendet die Widersprüche einfach aus oder entwickelt eine Art zynische Routine. Man zeigt an der Kontrolle brav die Tasche, schlendert an den Betonklötzen vorbei, stellt sich für den Glühwein an und denkt sich im besten Fall gar nichts mehr, nur nicht nachdenken, könnte ja die Stimmung trüben.

Dabei wäre ein erwachsener Umgang so einfach wie brutal, man könnte die Leute behandeln wie mündige Bürger. Man könnte sagen, wir leben in einer offenen Gesellschaft, wir haben symbolträchtige Veranstaltungen, die sich nicht einbetonieren lassen, ohne sie gleich abzuschaffen. Es gibt Menschen, die diese Offenheit hassen und bereit sind, Gewalt anzuwenden. Wir reduzieren Risiken, wo es sinnvoll ist, wir stoppen nicht jeden Irren, nicht jeden Fanatiker, nicht jeden spontanen Durchgeknallten, es gibt ein Restrisiko, das bleibt. Wer sich auf einen Weihnachtsmarkt begibt, nimmt das in Kauf, so wie er es im Straßenverkehr oder in einem Zug auch tut, das wäre unbequem, aber ehrlich.

Stattdessen wird ein Märchen verkauft, das Märchen, man könne durch genügend sichtbare Maßnahmen die Gefahr in den Griff bekommen. Als wäre Terror eine Art Rohrbruch, den man mit dem richtigen Dichtungsring einfach abdreht. Wenn hier etwas nicht mehr funktioniert, dann wird es eben dort probiert, mit anderem Werkzeug, an anderer Stelle. Terroristen haben leider kein Interesse daran, deutsche Verordnungen zu respektieren oder an Weihnachtsmarktbeton zu verzweifeln. Sie suchen nicht den Weg mit der größten Regelkonformität, sondern den mit der größten Wirkung. Genau deshalb ist der Versuch, die Gefahr in ein System von Pollern, Gittern und Taschenkontrollen zu pressen, so grotesk. Man jagt einem Phantom hinterher und nennt es dann Ordnung.

Dazu passt, dass kleinere Märkte und Veranstaltungen immer häufiger unter dem Radar verschwinden, weil die Sicherheitsauflagen sie wirtschaftlich zerstören. Was übrig bleibt, sind die großen, durchorganisierten Eventflächen mit Sponsoren, Marketing und Sicherheitskonzepten im Hochglanzordner. Das weihnachtliche Dorf, in dem ein paar Buden auf dem Marktplatz stehen und die Leute aus der Umgebung zusammenkommen, stirbt leise weg. Die Industrie überlebt, die kommunale Folklore stirbt, die Illusion bleibt. Wer sich das ausgedacht hat, hat wahrscheinlich irgendwo ein PowerPoint mit „Win-Win-Situation“ gespeichert.

Das Tragische ist, dass die Menschen im Kern längst spüren, dass das alles nicht aufgeht. Sie sehen die martialische Kulisse, hören die Warnungen, sehen die Nachrichten, in denen immer wieder von Anschlagsplänen die Rede ist, die gerade noch vereitelt wurden. Sie sehen gleichzeitig das Bemühen, ihnen einzureden, sie könnten völlig unbeschwert zwischen Fressbude und Riesenrad pendeln. Dieses Spannungsfeld erzeugt genau das Gegenteil von Vertrauen. Es wirkt wie eine permanente Erinnerung daran, dass etwas nicht stimmt, gepaart mit dem verzweifelten Versuch, das zu übertünchen.

Am Ende bleibt eine einfache, unangenehme Wahrheit, terroristische Gewalt lässt sich nicht wegverwalten, nicht wegpolstern, nicht weginvestieren. Man kann Risiken reduzieren, man kann bestimmte Angriffsarten erschweren, man kann Strukturen verbessern, man kann bestimmte Leute früher aus dem Verkehr ziehen, wenn man hinsehen will. Man kann aber nicht eine Millionenmasse auf tausenden offenen Plätzen in ein hermetisch abgeschottetes Sicherheitslabor packen. Wer so tut, als ginge das, betreibt Selbstbetrug in Betonform.

Vielleicht wäre es ehrlicher, den Menschen genau das zu sagen, geht auf den Weihnachtsmarkt, wenn ihr Lust habt. Haltet die Augen offen, seid nicht paranoid, aber auch nicht komplett weggetreten, verlasst euch darauf, dass vieles getan wird, aber erwartet keine Wunder. Der Staat schuldet euch Anstrengung und Ehrlichkeit, keine Unsterblichkeit im Lichterglanz. Alles andere ist eine sehr teure Theaterkulisse, die vor allem eines schützt, die politische Bequemlichkeit derjenigen, die jedes Jahr mit ernster Miene vor die Kameras treten und das Sicherheitsmärchen neu erzählen, während im Hintergrund alle wissen, dass es jederzeit reißen kann.

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