Warum ich aufgehört habe mir das Leben erklären zu lassen – Eine persönliche Erkenntnis über Genuss, Gesundheit und das Recht auf ein gutes Leben
Ich bin kein Mensch, der leichtfertig lebt, ich war es nie. Ich habe Verantwortung übernommen, für mich, für andere, für mein Leben. Ich habe gearbeitet, nachgedacht, Entscheidungen getroffen, Fehler gemacht und aus ihnen gelernt. Ich habe lange Zeit etwas ganz Selbstverständliches getan, ohne es zu hinterfragen, ich habe gelebt.
Ich habe gegessen, was mir bekam, ich habe getrunken, was mir schmeckte, ich habe Genuss zugelassen, ohne ihn zu überhöhen. Nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus einem natürlichen Gefühl für Maß. Mein Körper hat funktioniert, mein Kopf war klar, mein Leben war nicht perfekt, aber stimmig.
Dann kam der Lärm.
Irgendwann beginnt man zuzuhören, nicht weil man unzufrieden ist, sondern weil es überall ruft. Neue Erkenntnisse, neue Warnungen und neue moralische Maßstäbe. Menschen, die erklären, was gesund ist, was krank macht, was man darf und was man lassen muss. Laut, überzeugt, oft mit einem missionarischen Unterton und fast immer mit dem impliziten Vorwurf, wer anders lebt, lebt falsch.
Ich habe gemerkt wie sich etwas verändert, nicht in meinem Körper, sondern in meinem Kopf. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, wurden plötzlich kommentiert. Ein gutes Essen, ein Glas Whisky, ein Abend ohne Zweck. Auf einmal war da eine innere Stimme, die fragte, ob das noch vertretbar sei, nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus fremden Erzählungen. Das hat mich stutzig gemacht.
Ich habe angefangen, genauer hinzuschauen. Nicht auf Studien, sondern auf Menschen, auf mich und auf andere und mir ist etwas aufgefallen, das selten ausgesprochen wird. Viele der Menschen die alles richtig machen wollen wirken nicht zufrieden. Sie wissen sehr viel, aber sie wirken angespannt. Sie verzichten, optimieren, kontrollieren und verlieren dabei etwas, das man nicht messen kann, die Leichtigkeit.
Mir wurde klar, dass wir begonnen haben, Leben in Einzelteile zu zerlegen. Alkohol, Zucker, Fett, Fleisch oder Sonne. Alles wird isoliert betrachtet, bewertet, verurteilt, doch kein Mensch lebt in Einzelstoffen. Wir leben in Zusammenhängen, in Beziehungen, in Rhythmen, in Belastung und Entlastung und in Arbeit und Genuss.
Ich brauche keinen Rausch, ich brauche keinen Alkohol, um Probleme zu lösen, das war nie mein Weg. Wenn ich trinke, dann aus Genuss, aus Geschmack und aus Ritual. Ein guter Maltwhisky ist für mich kein Gift, sondern ein Moment. Ein Sommerdrink kein Kontrollverlust, sondern Lebensfreude. Gutes Essen ist kein Risiko, sondern Teil eines funktionierenden Alltags.
Ich habe begriffen, dass genau diese Unterscheidung heute verloren geht. Genuss wird mit Maßlosigkeit verwechselt, Ablenkung mit Flucht und Entspannung mit Schwäche. Wer nicht verzichtet, gilt schnell als verantwortungslos, dabei ist das Gegenteil oft wahr.
Der Alltag ist für viele Menschen härter geworden. Mehr Druck, mehr Unsicherheit, mehr Reize, weniger Halt. In so einer Welt ist Genuss keine Dekadenz, sondern eine Form von Selbstschutz. Ein gutes Essen, ein Getränk, ein Gespräch, ein Abend ohne Zweck. Das sind keine Ausreden, das sind Atempausen. Ohne sie wird der Mensch nicht gesünder, sondern härter.
Was mich besonders irritiert, ist diese neue Form der Gesundheitsmoral. Selbsternannte Apostel erklären aus dem Internet heraus, wie alle zu leben haben. Verallgemeinerungen werden als Erkenntnisse verkauft, Differenzierung gilt als Schwäche. Wer nicht folgt, wird moralisch abgewertet.
Ich habe beschlossen da nicht mehr mitzumachen, nicht aus Rebellion, sondern aus Klarheit. Jeder Mensch ist anders, jeder Körper reagiert anders und jeder Lebensweg ist anders. Gesundheit ist kein Dogma, sondern ein Gleichgewicht und Gleichgewicht entsteht nicht durch Angst, sondern durch Maß.
Zu viel Denken über alles macht nicht gesünder, sondern unruhiger. Zu viele Warnungen erzeugen keine Klarheit, sondern Überforderung. Ich habe gelernt, wieder auf das zu hören, was sich stimmig anfühlt. Mein Körper meldet sich, wenn etwas zu viel wird, dafür brauche ich keine täglichen Alarmmeldungen.
Ich will alt werden, aber nicht um den Preis, vorher aufgehört zu haben zu leben. Ich will klar im Kopf bleiben und Klarheit entsteht nicht durch Informationsüberflutung, sondern durch Reduktion. Durch das bewusste Nicht-Hören auf jede neue moralische Mode und durch Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Ein erfülltes, glückliches Leben ist für mich kein Nebenprodukt von Disziplin, es ist das Ziel. Gesundheit ist kein Zustand permanenter Vermeidung, sondern ein Zustand innerer Stimmigkeit. Genuss ist kein Gegner der Gesundheit, sondern einer ihrer Verbündeten, wenn man ihn als Teil des Ganzen begreift.
Vielleicht wäre vieles einfacher, wenn wir uns wieder erlauben würden normal zu leben. Nicht gedankenlos, aber auch nicht verkrampft. Mit Maß statt Moral, mit Erfahrung statt Angst und mit Genuss ohne schlechtes Gewissen.
Ich habe aufgehört, mir mein Leben schlechtreden zu lassen und seitdem fühlt es sich wieder an wie meins.
Nachsatz
Ich schreibe das alles nicht, um jemanden zu belehren. Ich habe kein Interesse daran, meine Sichtweise zur neuen Wahrheit zu erklären oder andere Lebensentwürfe abzuwerten. Jeder Mensch lebt unter anderen Voraussetzungen, mit anderen Erfahrungen, anderen Grenzen, anderen Bedürfnissen. Es geht mir nicht um richtig oder falsch, mir geht es um einen Anstoß, um die leise Frage, ob es wirklich gut tut auf all die Stimmen zu hören. Auf den ständigen Lärm aus dem Internet, auf die täglichen Warnungen, die dramatischen Überschriften und die moralischen Urteile, die uns suggerieren wir müssten unser Leben permanent korrigieren. Vieles davon ist nicht Aufklärung, sondern Manipulation. Es erzeugt Unsicherheit, Angst und ein diffuses Gefühl, nie genug zu sein, nie richtig zu leben.
Ich wünsche mir, dass dieser Text dazu einlädt kurz innezuhalten. Zu prüfen, wem man zuhört und was diese Stimmen mit einem machen. Ob sie stärken oder schwächen, ob sie helfen oder verunsichern, ob sie Orientierung geben oder das Leben enger machen.
Gerade mit zunehmendem Alter wird Zeit spürbar, jeder Tag zählt. Nicht als Zahl, sondern als Erlebnis, als Moment, als Geschmack, Gespräch, Lachen und Ruhe. Leben und genießen sind keine Gegensätze zur Gesundheit, sie sind oft ihre Voraussetzung.
Macht es euch nicht selbst kaputt, indem ihr euch euer Leben schlechtreden lasst. Hört weniger auf den Lärm und mehr auf euch selbst. Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstachtung. Ein erfülltes Leben entsteht nicht durch ständige Warnungen, sondern durch Klarheit, Maß und die Erlaubnis, Mensch zu sein.
Wenn dieser Text nur bei ein paar Menschen dazu führt, wieder etwas freier zu atmen, etwas weniger zu zweifeln und sich das Leben ein kleines Stück zurückzuholen, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
