Whiskey

Warum guter Whiskey Geduld braucht – Eine späte Liebesgeschichte im Glas

Bevor wir anfangen, eine kleine dringend notwendige Sortierung. Dieser Artikel ist nichts für Menschen, die Alkohol grundsätzlich für Teufelszeug halten, jedes Glas für eine medizinische Katastrophe und jeden Schluck für einen direkten Anruf bei der Leberpolizei. Wer bei dem Wort Whiskey reflexartig „Gift“, „Abhängigkeit“ oder „das macht doch krank“ murmelt, ist hier falsch abgebogen. Für diese Menschen gibt es andere Orte, Selbsthilfegruppen, Enthaltsamkeitsforen, Gesundheitsportale mit erhobenem Zeigefinger oder diese seltsamen Facebook-Kommentarsektionen, in denen niemand trinkt, niemand raucht, niemand Spaß hat und trotzdem alle schlecht gelaunt sind.

Das hier ist ein Artikel über Genuss, über Maß. Über ein Glas, nicht über drei Flaschen, nicht über Eskapaden und nicht über Selbstzerstörung. Wer damit ein Problem hat, darf jetzt gerne weiterziehen, wirklich. Ich verspreche, ich komme gut ohne moralische Begleitmusik aus.

Und jetzt zum Whiskey und zu mir.

Ich mochte Whiskey schon immer, das ist wahr. Es gab keine wilde Phase, keinen Trotz, kein „muss man mal machen“. Der Wunsch nach Genuss war da, sehr  sogar, nur war der Zugang lange versperrt. Nicht aus Ahnungslosigkeit, sondern aus Gründen, die man schlicht Leben nennt.

Es war in Niedersachsen, ich war jung und mein Geld hatte bereits eine klare Zweckbindung. Miete ohne Verhandlungsspielraum, Nebenkosten mit der Zuverlässigkeit eines Naturereignisses, dazu Hobbys die Freude machten, aber keinerlei Rücksicht auf Kontostände kannten. Das war kein Mangel, das war Normalität, ein ganz normales Leben und ein normales Leben ist kein natürlicher Lebensraum für große Whiskeys, sondern eher ihr stiller Gegenspieler.

Der Anspruch war trotzdem da, ich setzte mich hin, schenkte mir ein Glas ein, nahm mir Zeit. Genuss war das Ziel, auch wenn das Material oft aus dem Discounterregal kam, solide, ehrlich kalkuliert und geschmacklich bemüht. Man hoffte, dass sich Genuss irgendwann einstellt, wenn man nur ernst genug schaut, tat er aber nicht. Aber man lernte etwas anderes, Geduld und Demut vor dem Preiszettel.

1984 kam Berlin und Berlin änderte vieles, aber nicht die Grundrechnung. Die Stadt war aufregend, fordernd und teuer. Whiskey blieb ein ruhiger Begleiter am Rand, kein Thema, keine Passion, eher ein kleiner Moment am Abend. Man wusste, dass es bessere und edle Sorten gab, man wusste auch warum sie besser waren. Man wusste nur ebenso sicher, dass sie gerade nicht dran waren. Rechnungen haben eine erstaunliche Überzeugungskraft, wenn sie regelmäßig auftauchen.

Und hier liegt heute dieser leise, tragende Unterton. Ich habe Whiskey nie falsch verstanden, ich habe ihn nur mit den falschen Möglichkeiten getrunken. Der Anspruch war da, das Werkzeug nicht. Das ist kein Versäumnis, das ist Biografie.

Die Jahre vergingen, Dinge wurden angeschafft, Verpflichtungen erledigt, Wünsche erfüllt oder erledigt. Möbel standen, Technik funktionierte, nötige Werkzeuge lagen bereit und ohne große Entscheidung wurde man genügsamer, nicht aus Verzicht sondern aus Sättigung. Man braucht weniger, wenn man schon alles hat.

Dann kam 2019 Bulgarien. Weniger Stress, weniger Druck und mehr Zeit. Ein Neuanfang, ein Aufräumen im Leben und plötzlich stand da diese edle Flasche. Nicht mehr weil sie günstig war, sondern weil sie interessant war. Ich musste nicht rechnen, nichts gegeneinander aufwiegen. Ich konnte sie einfach kaufen und allein das fühlte sich wie ein stiller Luxus an.

Der erste Schluck wertigem Singlemalt war ein Ereignis, kein Feuerwerk, er war ruhig. Kein Brennen, kein Drängen, kein Kampf, einfach Geschmack der blieb und genau da kam sie, diese eigenartige Mischung aus Freude und Wehmut. Freude darüber, dass es so etwas wirklich gibt, Wehmut darüber, dass man so lange daran vorbeigelebt hat. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Verantwortung.

Mit über sechzig begann nun etwas, das ich früher unterschätzt hätte. Langsames Trinken, kleine Schlucke, immer wieder riechen weil es Spaß macht, nicht weil es dazugehört. Ein Glas, das genügt und plötzlich fügt sich alles. Der Whiskey, die Ruhe und das Leben, das nicht mehr ständig dazwischenfunkt.

Heute wissen viele Menschen in meinem Umfeld, dass ich guten Whiskey schätze. Meine Freunde wissen es und vor allem weiß es meine Frau, das hat angenehme Nebenwirkungen. Zu besonderen Anlässen stehen plötzlich Flaschen auf dem Tisch, die man sich früher nicht einmal angesehen hätte. Keine Massenware, keine Zufallsgriffe, sondern ausgesuchte Tröpfchen, mit Bedacht geschenkt und mit einem leisen Lächeln überreicht. Geschenke die sagen, wir wissen was du damit machst und wir wissen, dass du es zu schätzen weißt.

Diese Momente haben etwas ungemein Schönes, nicht nur wegen des Whiskeys, sondern wegen dessen, was mitschwingt, die Aufmerksamkeit und das Verständnis. Das Wissen, dass Genuss hier kein Exzess ist, sondern ein Ritual. Ein Glas, viel Zeit und Ruhe, das ist unbezahlbar.

Wenn mir heute jemand erklären will, Genuss sei gefährlich, jedes Glas ein Risiko und Maß nur eine Ausrede, dann höre ich mir das an. Freundlich, ruhig und schenke mir danach ein Glas ein. Nicht aus Trotz, nicht aus Provokation, sondern aus Erfahrung.

Guter Whiskey ist nichts für Ungeduldige und ein gutes Leben auch nicht. Manche Dinge schmecken erst dann wirklich, wenn man lange genug darauf warten musste und vielleicht ist genau das ihr größter Wert.

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