Vesela Koleda in Bulgarien – wie die Bulgaren Weihnachten wirklich feiern und warum wir dankbar sind, diese Zeit hier miterleben zu dürfen
Weihnachten in Bulgarien wirkt auf den ersten Blick vertraut und gleichzeitig erstaunlich anders. Es gibt einen geschmückten Baum, Lichterketten in den Straßen, Weihnachtsmusik in den Einkaufszentren, Geschenke für die Kinder und „Vesela Koleda“ statt „Frohe Weihnachten“. Hinter dieser vertrauten Oberfläche steckt allerdings eine eigene Welt aus Bräuchen, Symbolen und Ritualen, die tief in der orthodoxen Tradition und in sehr alten Volksvorstellungen verwurzelt ist. Für jemanden, der aus Deutschland kommt und mit einer massiven Sprachbarriere lebt, bleibt vieles davon nur aus der Beobachterperspektive sichtbar, trotzdem spürt man sehr schnell, welche Bedeutung Weihnachten für die Bulgaren hat und man ist dankbar, gerade hier diese Zeit erleben zu dürfen.
Bulgarien ist ein orthodox geprägtes Land, feiert Weihnachten aber wie wir am 25. Dezember, der Advent davor ist traditionell eine Fastenzeit, die Mitte November beginnt. In der heutigen Praxis halten sich viele nicht mehr streng an jedes Detail, aber die Idee steckt noch immer im Hintergrund, vor Weihnachten tritt man eine Spur kürzer, zur eigentlichen Geburt Christi wird dann gefeiert. Dieser Gegensatz zeigt sich vor allem in der Heiligen Nacht, „Badni Vecher“. Für viele Bulgaren ist dieser Abend der eigentliche Kern des Weihnachtsfestes.
An diesem 24. Dezember beginnt der Tag oft erstaunlich ruhig, man spürt, dass etwas Wichtiges bevorsteht, ohne dass es in eine nervöse Konsumschlacht kippt. In den Wohnungen wird gekocht, vorbereitet, geräumt, am Abend steht dann ein Tisch, der ganz eigene Regeln kennt. Traditionell werden nur fleischlose Speisen aufgetragen, meist in ungerader Zahl, sieben, neun oder elf Gerichte. Bohnensuppe, gefüllte Paprika mit Reis oder Bohnen, Sarma in Wein- oder Kohlblättern, eingelegtes Gemüse, getrocknete Früchte, Nüsse, Knoblauch, manchmal ein süßer Kürbisstrudel. Selbst einfache Dinge wie Salz und Pfeffer zählen in manchen Familien symbolisch mit, man sieht daran, wie sehr das Denken in Zeichen und Bedeutungen in diesen Bräuchen verankert ist.
Im Mittelpunkt steht ein rundes Brot, die „Pitka“ oder „Pita“, in dieses Brot wird eine Münze eingebacken. Das Familienoberhaupt bricht das Brot hoch über dem Tisch und teilt es auf alle Anwesenden auf, wer am Ende die Münze im Stück findet, soll im kommenden Jahr besonderes Glück haben. Für Außenstehende, die nur von außen zusehen oder später davon erzählt bekommen, wirkt das wie eine Mischung aus Aberglaube und kindlicher Freude, aber genau das macht den Charme aus. Weihnachten ist hier nicht nur eine religiöse Feier, sondern auch ein kleines Orakel für das kommende Jahr, in dem die Familie sich selbst Glück wünscht.
Eine weitere Besonderheit ist, der Tisch bleibt nach dem Essen oft gedeckt. Man räumt nicht sofort ab, sondern lässt alles stehen, als Einladung an die „unsichtbaren Gäste“, an Verstorbene oder Schutzheilige. Auch wenn man die Sprache nicht perfekt versteht, merkt man, wie ernst viele Menschen diese Geste nehmen. Es ist ein Zeichen der Verbundenheit mit denen, die nicht mehr da sind, und eine stille Erinnerung daran, dass Weihnachten nicht nur in der Gegenwart spielt, sondern immer auch in der Erinnerung.
Je nach Region ziehen an diesem Abend oder am frühen Morgen des 25. Dezember die „Koledari“ durch Dörfer und kleinere Städte. Junge Männer oder Kinder in traditionellen Trachten singen Weihnachtslieder, sprechen Segenssprüche und wünschen Gesundheit, Fruchtbarkeit und Glück. Sie gehen von Haus zu Haus und werden mit Gebäck, Nüssen und kleinen Geschenken belohnt. Aus der Distanz betrachtet, vielleicht vom Rand der Straße oder von einem Fenster aus, wirkt das wie ein lebendig gebliebenes Stück Geschichte. Es ist kein durchchoreografiertes Touristenprogramm, sondern ein Ritual, das in erster Linie für die Menschen selbst stattfindet.
Am 25. Dezember schlägt die Stimmung sichtbar um. Aus der symbolischen Fastenruhe des Vorabends wird ein deutlich „fleischlicheres“ Fest. In vielen Familien kommt Schweinefleisch auf den Tisch, Braten, Würste, dazu Salate, eingelegte Paprika, Wein, Hausbrand. Weihnachten ist stark ein Familienfest, der Tag gehört Eltern, Großeltern, Kindern. Man bleibt lange sitzen, redet, isst, trinkt, der kommerzielle Druck wirkt weniger aggressiv als in vielen westeuropäischen Städten. Natürlich gibt es Einkaufszentren, Werbung, Rabattaktionen, aber im Mittelpunkt steht spürbar die häusliche Atmosphäre.
Die Kinder bekommen ihre Geschenke von „Dyado Koleda“, dem Weihnachtsgroßvater, der unserem Weihnachtsmann ähnelt. Überlieferte Figuren aus sozialistischer Zeit wie „Dyado Mraz“, Großvater Frost, sind eher noch als Erinnerung in manchen Köpfen präsent. Was bleibt, ist die Botschaft für die Kleinen, Weihnachten ist ein Tag, an dem jemand großzügig an sie denkt. Auch wenn man die Gespräche nur bruchstückhaft versteht, sieht man den Kindern die Aufregung und Freude an und erkennt, dass diese Emotionen überall gleich sind, egal ob man „Frohe Weihnachten“ oder „Vesela Koleda“ sagt.
In den Städten zeigt sich die bulgarische Weihnachtszeit dann noch einmal von einer anderen Seite. In Burgas zum Beispiel leuchten Plätze, Straßen und Parks, es gibt einen großen Baum, Stände, Musik, manchmal eine Eisbahn. Menschen treffen sich draußen, trinken Glühwein oder heißen Tee, essen Kleinigkeiten, machen Fotos, plaudern, es ist lebendig, aber nicht hysterisch. Die Atmosphäre hat etwas Bodenständiges, weniger vom aufgeheizten Dauer-Event, sondern eher von einer entspannten, gemeinschaftlichen „wir sind zusammen draußen“-Stimmung.
Gerade für jemanden, der sprachlich nicht mitten in der Gesellschaft steht, sondern vieles nur beobachtet, fühlt sich das bemerkenswert friedlich an. Man versteht vielleicht nicht jede Durchsage, nicht jede Pointe im Gespräch nebenan, nicht jedes Lied im Detail, aber man versteht die Stimmung. Man sieht, dass Familien zusammen unterwegs sind, dass Ältere und Jüngere gemeinsam an den Ständen stehen, dass Freundeskreise sich um einen Tisch versammeln und die Kälte vergessen. Man spürt die Wärme in den Gesten, auch wenn die Worte manchmal fehlen.
Genau darin liegt die besondere Dankbarkeit, die man als Ausländer hier in der Weihnachtszeit empfindet. Wir sitzen vielleicht nicht mit perfekten Bulgarischkenntnissen am Familientisch, wir nehmen nicht jede Nuance der Rituale aus erster Hand mit. Trotzdem sind wir Teil dieses Landes, wir gehen durch dieselben beleuchteten Straßen, stehen an denselben Glühweinständen, hören dieselben Kirchenglocken in der kalten Luft. Wir erleben Weihnachten in einem Land, das seine Bräuche bewahrt hat, ohne sie zur reinen Show zu machen.
Man kann morgens in Burgas am Meer entlanggehen, die kalte Luft einatmen, das Rauschen der Wellen hören und abends unter Lichterketten sitzen, während um einen herum bulgarische Familien ihre eigene Art von Weihnachten leben. Man steht etwas am Rand, aber man gehört dazu, einfach weil man hier lebt und genau das fühlt sich richtig an.
Weihnachten in Bulgarien ist, zumindest aus dieser Beobachterperspektive, ruhiger, erdiger, näher an alten Vorstellungen von Familie und Gemeinschaft, als man es in vielen überdrehten westlichen Innenstädten erlebt. Es ist ein Fest, in dem Glaube, Tradition, Essen, Aberglaube und Alltag ineinander greifen. Wir nehmen nicht an jeder familiären Zeremonie teil, wir brechen nicht selbst das Brot über dem Tisch, wir singen nicht mit den Koledari vor den Haustüren, aber wir dürfen diese Welt um uns herum sehen, wir dürfen in ihr leben, wir dürfen sie Jahr für Jahr ein Stück besser verstehen.
Und genau dafür kann man in dieser Adventszeit nur eines empfinden, ehrliche Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass Weihnachten hier nicht nur ein Konsumprogramm ist, sondern ein lebendiges Geflecht aus Bräuchen und Gewohnheiten. Dankbarkeit dafür, dass wir hier in Burgas friedlich unseren Glühwein trinken, die Lichter genießen und wissen, dass wir ein Stück dieser winterlichen Normalität mitleben dürfen, auch dann, wenn unsere Sprache manchmal stolpert, unsere Herkunft sichtbar bleibt und wir trotzdem sagen können: Hier, in diesem Land, fühlen wir uns zur Weihnachtszeit zu Hause.
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