30. November 2025
Tabakindustrie

Raucher als Verschleißware – innen Krebs, außen Gewinne

Wer über Zigaretten spricht, redet fast immer über Nikotin. Das passt perfekt zur Erzählung der Tabakkonzerne, lenkt aber von der eigentlichen Realität ab. Nikotin ist der Haken, der Menschen festhält. Getötet werden sie von etwas anderem. Nach Angaben der WHO sterben jedes Jahr rund acht Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, davon mehr als eine Million Menschen, die selbst gar nicht rauchen, sondern nur den Rauch anderer einatmen. Damit gehört Tabak zu den größten vermeidbaren Todesursachen überhaupt. Die Produkte werden trotzdem weiter mit voller Absicht so konstruiert, dass Konsumenten möglichst früh anfangen, möglichst lange weitermachen und möglichst schlecht wieder davon loskommen.

Chemisch betrachtet ist Zigarettenrauch kein harmloser „Nikotinträger“, sondern eine toxische Suppe. In der Hauptströmung des Rauches wurden über siebentausend verschiedene Chemikalien nachgewiesen, von denen mindestens zweihundertfünfzig als schädlich und mindestens siebzig als krebserregend eingestuft sind. Dazu gehören polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, tabakspezifische Nitrosamine, Benzol, Formaldehyd, Schwermetalle wie Cadmium und Arsen, Kohlenmonoxid und Blausäure. Das eigentliche Gesundheitsmassaker entsteht durch die Kombination dieser Verbrennungsprodukte, nicht durch das Nikotin selbst. Nikotin ist ein stark suchterzeugender Stoff, beeinflusst Herzfrequenz und Blutdruck und macht abhängig, ist aber im Vergleich zu den genannten Substanzen nicht der Haupttreiber für Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall und COPD. Die große Lüge der Industrie besteht darin, diese Rollen zu verwischen und so zu tun, als sei „das Nikotin“ das eigentliche Problem – während die tödliche Wirkung der übrigen Chemikalien hinter dieser Fassade verschwindet.

Eine moderne Zigarette ist kein simples gerolltes Tabakblatt. Sie ist ein bewusst konstruiertes, industrielles Drogenabgabesystem. Interne Unterlagen der Konzerne und wissenschaftliche Analysen zeigen, dass der Tabak nicht nur getrocknet und geschnitten wird, sondern gezielt mit Zusatzstoffen versetzt ist. US-Stil-Zigaretten enthalten im Schnitt etwa zehn Prozent Zusatzstoffe bezogen auf das Gewicht, vor allem Zucker, Feuchthaltemittel, Kakao und Lakritz. Hinzu kommen Aromen, Puffergemische und technische Hilfsstoffe. Diese Stoffe haben keinen gesundheitlichen Nutzen. Sie haben eine Aufgabe: Das Produkt attraktiver zu machen, den Rauch leichter einatmen zu lassen, die Nikotinaufnahme zu steuern und die Abhängigkeit zu stabilisieren. Genau das stellen EU-Expertengremien in mehreren Gutachten zu Tabakzusatzstoffen fest.

Ein zentrales Beispiel ist Ammoniak. Schon in den achtziger Jahren entdeckten Philip-Morris-Forscher, dass Ammoniak den pH-Wert des Rauchs anheben und so den Anteil von „freiebasigem“ Nikotin erhöhen kann, das schneller über die Lunge aufgenommen wird. Interne Dokumente und spätere Auswertungen zeigen, dass dieser Effekt bewusst genutzt wurde, um die Wirkung des Nikotins im Gehirn zu verstärken und damit das Suchtpotenzial des Produkts zu optimieren. Die Industrie spricht in ihren Unterlagen nüchtern von „Nikotinlieferung“ und „Sensorik“, gemeint ist in der Praxis eine Wirkstoffoptimierung für ein legales Suchtmittel.

Eine zweite Baustelle sind Zucker und andere kohlenhydrathaltige Zusätze. Beim Verbrennen entstehen daraus zusätzliche Aldehyde wie Acetaldehyd, Formaldehyd, Acrolein und 2-Furfural, die selbst toxisch und zum Teil krebserzeugend sind. Tierexperimente und toxikologische Auswertungen deuten darauf hin, dass Acetaldehyd die suchterzeugende Wirkung von Nikotin verstärken kann. Gleichzeitig machen die beim Verbrennen von Zucker entstehenden Säuren den Rauch milder, was dazu führt, dass tiefer inhaliert und mehr Rauch aufgenommen wird. Das Ergebnis ist ein Produkt, das angenehmer schmeckt, leichter in die Lunge geht, mehr Schadstoffe transportiert und den Konsumenten stärker bindet als der bloße Tabak.

Menthol, Vanille, Fruchtaromen und andere Geschmacksstoffe haben wiederum eine andere Funktion. Sie kaschieren den beißenden Charakter von Tabakrauch, kühlen, betäuben oder süßen, senken die Einstiegshürde für Jugendliche und suggerieren eine Art „Light-Version“ des Rauchens. WHO, Fachzeitschriften und mehrere Ermittlungen dokumentieren, wie die Industrie Menthol und Aromen gezielt eingesetzt hat, um bestimmte Gruppen anzusprechen: Jugendliche, Frauen, schwarze Communities in den USA und zunehmend auch junge Menschen in Ländern mit schwacher Regulierung. Die Folge sind überdurchschnittliche Raucherquoten und höhere Raten mentholhaltiger Produkte gerade dort, wo Menschen ohnehin sozial und gesundheitlich benachteiligt sind.

Wenn man diese Bausteine zusammennimmt, ergibt sich ein klares Bild. Die Industrie verkauft keine „natürlichen“ Genussprodukte, sondern hochgradig designte Konsumgüter, deren Zusammensetzung zielgerichtet auf maximale Attraktivität und Abhängigkeit optimiert ist. Die Frage, ob einzelne Zusatzstoffe für sich betrachtet „gefährlicher“ sind als Tabak, führt in die Irre. Entscheidend ist, dass Zusatzstoffe das Gesamtpaket aus Giftcocktail und Nikotinwirkung so verpacken, dass Menschen mehr rauchen, länger rauchen und schlechter aufhören. Genau das stellt die WHO fest, wenn sie von Produkten spricht, deren Attraktivität und Suchtpotenzial technologisch gesteigert werden.

Parallel dazu operiert die Branche seit Jahrzehnten mit einer Strategie der systematischen Verharmlosung und Verzögerung. Interne Dokumente, die im Zuge von Prozessen öffentlich wurden, zeigen, wie lange die Konzerne die Krebsgefahr von Rauch, die Suchtdimension von Nikotin und die Rolle der eigenen Produktgestaltung heruntergespielt oder aktiv geleugnet haben. Gleichzeitig werden Lücken in Regulierung und Werbung konsequent ausgenutzt, etwa bei aromatisierten Produkten, bei „Light“-Marken oder bei neuen Nikotinformaten wie Pouches und E-Zigaretten.

Vor diesem Hintergrund lohnt der Blick auf die Geldströme. Weltweit liegt die Zahl der Tabakkonsumenten bei etwa 1,3 Milliarden Menschen. Die Erkrankungen und Todesfälle, die daraus resultieren, verursachen nach Schätzungen Schäden von rund 1,4 Billionen US-Dollar pro Jahr durch Gesundheitskosten und Produktivitätsverluste. Auf der anderen Seite stehen gewaltige Steuer- und Profiteinnahmen. Allein in der Europäischen Union generieren Tabakverbrauchsteuern seit Jahren stabile Einnahmen von über achtzig Milliarden Euro jährlich. In Deutschland bringt die Tabaksteuer dem Bund pro Jahr knapp fünfzehn Milliarden Euro ein. Global summieren sich die Tabakverbrauchsteuern nach Schätzungen auf mehrere hundert Milliarden Dollar pro Jahr, während nur ein Bruchteil davon wieder in Tabakkontrolle und Ausstiegsprogramme fließt.

Diese Zahlen machen deutlich, warum das Geschäft so zäh zu bekämpfen ist. Die Konzerne verdienen am Verkauf einer legalen, aber hochgradig tödlichen Droge. Staaten kassieren mit, zum Teil sehr gern, und stehen gleichzeitig vor dem Berg der von ihnen selbst zugelassenen Folgekosten. Wenn die WHO fordert, Tabaksteuern deutlich zu erhöhen, geht es deshalb um einen doppelten Hebel. Höhere Steuern reduzieren Konsum und liefern zusätzliche Einnahmen für das Gesundheitswesen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Grundlogik pervers bleibt, aus etwas, das Millionen Menschen umbringt werden jedes Jahr Milliardenbeträge an Gewinn und Steuern gezogen.

Die brutale Wahrheit über die Tabakindustrie lässt sich nüchtern zusammenfassen. Zigaretten sind so gebaut, dass sie mit Hilfe von Nikotin und einer ganzen Palette an Zusatzstoffen möglichst früh abhängig machen, möglichst angenehm schmecken, möglichst wenig warnende Reize aussenden und dabei einen maximalen Mix aus krebserregenden und gefäßschädigenden Substanzen in den Körper transportieren. Die Hersteller kennen diese Mechanismen seit Jahrzehnten. Internationale Organisationen, Gerichte und wissenschaftliche Gremien haben sie im Detail dokumentiert. Die acht Millionen Toten pro Jahr sind kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge eines Geschäftsmodells, das auf systematisch erzeugter Abhängigkeit basiert. Nikotin ist dabei das Instrument, nicht der Haupttäter. Der eigentliche Schaden entsteht durch den bewusst in Kauf genommenen Giftcocktail, der mit jeder Zigarette verbrannt, eingeatmet und im Körper verteilt wird.

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