Moral im Maul, Verachtung im Herzen – so hässlich ist Deutschland geworden
Deutschland hält sich für aufgeklärt, tolerant und historisch geläutert, doch unter dieser Fassade wächst seit Jahren ein Klima der Verachtung das jede ernsthafte Debatte zerstört. Wer auf der falschen Seite der herrschenden Moral steht wird nicht mehr kritisiert, sondern menschlich herabgesetzt. Genau darin zeigt sich ein Verfall, der weit gefährlicher ist als jeder politische Streit.
Deutschland redet sich seit Jahren ein eine offene, sensible und moralisch gereifte Gesellschaft zu sein, doch je lauter dieses Selbstlob wird, desto deutlicher tritt hervor was sich dahinter ausbreitet. Es ist kein Fortschritt, es ist keine Reife, es ist die schleichende Verwahrlosung des Denkens. Man merkt es an der Art wie über Menschen gesprochen wird, die aus dem falschen Land kommen, die falsche Sprache haben oder die falsche politische Haltung vertreten. Dann endet die Debatte, dann beginnt die Verachtung.
Ich sage es ohne jede Beschönigung, ich verabscheue diese Denkweise zutiefst. Nicht weil sie bloß meiner Meinung widerspricht, sondern weil sie etwas Grundlegendes verloren hat, das einmal als Zeichen von Zivilisation galt. Maß, Anstand und die Fähigkeit zwischen einem politischen Gegner und einem Menschen zu unterscheiden. Wer das nicht mehr kann ist nicht besonders wach, nicht besonders kritisch und schon gar nicht besonders anständig. Er ist moralisch entgleist und merkt es nicht einmal mehr.
Man sieht es seit Jahren an der Russenfeindlichkeit, die in vielen Milieus längst nicht mehr bei der Kritik an einem Krieg, einem Staat oder einer Führung endet, sie kippt immer wieder in eine pauschale Verachtung von Menschen. Plötzlich reicht ein Name, ein Akzent, eine Herkunft um in Verdacht zu geraten. Dann wird nicht mehr differenziert, sondern abgestempelt. Dann wird nicht mehr geprüft, sondern moralisch aussortiert. Der einzelne Mensch verschwindet hinter einem Feindbild. Genau dort beginnt das, was ich ohne Ausflucht Hetze nenne. Nicht als leeres Schlagwort, sondern als vergiftete Form öffentlicher Stimmungsmache, die aus politischen Konflikten menschliche Abwertung macht.
Dasselbe Muster zeigt sich bei der Orbanfeindlichkeit. Wer Viktor Orbán politisch kritisieren will, kann das tun. Hart, konkret und ohne falsche Rücksicht. Aber was in Deutschland viel zu oft daraus wird ist eben keine saubere politische Auseinandersetzung mehr. Es ist die süffisante Geringschätzung alles Ungarischen, alles Osteuropäischen, alles Abweichenden. Dann ist nicht mehr von Entscheidungen die Rede, sondern von angeblich rückständigen Völkern, peinlichen Mentalitäten, moralisch minderwertigen Gesellschaften. Dann spricht keine Vernunft mehr, dann spricht blanke Arroganz.
Genau an diesem Punkt wird sichtbar, wie tief der geistige Schaden reicht. Deutschland hat sich in weiten Teilen daran gewöhnt, Menschen nur noch nach ihrer moralischen Verwertbarkeit zu behandeln. Wer die richtigen Schlagworte benutzt darf fast alles. Wer aus dem falschen Lager kommt verliert in den Augen vieler schon den Anspruch auf Fairness. Man muss ihn nicht mehr verstehen, nicht mehr ernst nehmen, nicht einmal mehr sauber widerlegen. Es genügt ihn als verdächtig, unerquicklich oder unanständig zu markieren. Das spart Denken und gibt zugleich das angenehme Gefühl eigener Überlegenheit. Für viele scheint genau das inzwischen der Ersatz für Argumente geworden zu sein.
Was mich daran anwidert ist nicht nur die Dummheit die darin steckt, es ist die Selbstgerechtigkeit. Dieses penetrante Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen und deshalb jede Form der Herabsetzung für erlaubt halten zu dürfen. Bei den einen predigt man Sensibilität bis zur Lächerlichkeit, bei den anderen ist pauschale Verachtung plötzlich völlig in Ordnung, solange das politische Ziel stimmt. Genau diese Doppelmoral macht das Ganze so widerwärtig. Es geht nicht um Würde, es geht nicht um Menschlichkeit, es geht um Stämme, Lager und moralische Beutezüge. Wer hineinpasst wird geschützt, wer stört darf beschmutzt werden.
Ich habe Deutschland vor Jahren verlassen und ich weiß sehr genau warum. Nicht weil ich keinen Widerspruch aushalte, nicht weil ich politische Debatten scheue. Harte Debatten sind notwendig, klare Meinungsverschiedenheiten sind gesund. Was ich nicht ertrage ist ein Klima, in dem immer mehr Menschen jeden Anstand verlieren und ihre eigene Verrohung für Charakter halten. Ich wollte mit solchen Denkweisen nicht mehr zusammenleben. Nicht mit dieser süchtigen Lust an der Abwertung, nicht mit diesem Gesinnungsbetrieb, in dem Menschen nur noch in brauchbar und unbrauchbar, in edel und verdächtig, in wertvoll und verächtlich einsortiert werden.
Der eigentliche Skandal ist dabei nicht nur der offene Hass. Der eigentliche Skandal ist, wie salonfähig diese Haltung geworden ist. Wie viele Menschen ganz selbstverständlich mit einer Kälte über ganze Gruppen sprechen, die sie bei anderen sofort skandalisieren würden. Wie viele gar nicht mehr merken, dass sie dieselben Mechanismen benutzen die sie angeblich bekämpfen. Erst wird vereinfacht, dann wird entmenschlicht, dann wird ausgegrenzt und am Ende hält sich das Ganze auch noch für Fortschritt. Wer so denkt ist nicht Teil einer niveauvollen Diskussion, er ist ihr Feind. Denn niveauvolle Diskussionen leben von Unterscheidung, von Fairness, von der Bereitschaft auch dem Gegner seinen menschlichen Rang zu lassen. Wer stattdessen nur moralische Schablonen verteilt betreibt keine Debatte, er betreibt öffentliche Verwahrlosung.
Deutschland steht damit an einem Punkt, den man nicht mehr mit höflichen Formeln verkleistern sollte. Das Problem ist längst nicht mehr nur Polarisierung. Das Problem ist die Lust an der Verachtung. Die Lust, andere moralisch herabzusetzen um sich selbst größer zu fühlen. Die Lust, Feindbilder zu pflegen weil differenziertes Denken anstrengend wäre. Die Lust sich selbst für anständig zu halten, während man andere in Grund und Boden verachtet. Eine Gesellschaft die so tickt, ist nicht wachsam, sie ist innerlich beschädigt.
Wohin das führt kann jeder sehen der noch ehrlich hinschaut. In ein gesellschaftliches Klima aus Misstrauen, Dünnhäutigkeit und aggressiver Selbstüberhöhung. In ein Land, in dem immer weniger Menschen noch fähig sind Widerspruch auszuhalten, ohne den anderen moralisch zu vernichten. In eine Öffentlichkeit die nicht mehr überzeugen will, sondern brandmarken. In eine politische Kultur, die nicht mehr zwischen Kritik und kollektiver Herabsetzung unterscheiden kann. Das ist keine Stärke. Das ist der Rückfall in eine primitive Form des Denkens, modernisiert und rhetorisch geschniegelt, aber im Kern genauso unerquicklich wie jede andere Form stumpfer Menschenverachtung.
Ich verachte keine Menschen wegen ihrer Herkunft. Ich verachte auch niemanden dafür, dass er anders denkt, aber ich verachte die Haltung jener die aus Herkunft, Sprache oder politischer Abweichung einen Freibrief zur Verachtung machen. Ich verachte diese kalte, selbstgerechte Niedertracht die sich als Haltung verkleidet. Ich verachte diesen Verlust an Würde, diesen Verlust an Maß, diesen Verlust an jeder zivilisierten Grenze. Wer so auf andere blickt ist nicht der Beweis einer gesunden Demokratie, er ist ein Symptom ihres inneren Verfalls.
Genau deshalb werde ich mir dieses Gerede von Toleranz, Offenheit und Haltung von solchen Leuten nicht mehr anhören ohne es beim Namen zu nennen. Eine Gesellschaft die Menschen nicht mehr als Menschen sieht, sondern als moralisches Material für den eigenen Lagerkampf, verliert ihren Kern. Sie verliert ihre Ernsthaftigkeit, sie verliert ihren Anstand und irgendwann verliert sie auch das Recht sich noch für aufgeklärt zu halten.
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