30. November 2025
Mieterhölle

Mieterhölle Deutschland – wo eine Mieterhöhung dein ganzes Leben zerlegt

Stell dir vor, du sitzt abends in deinem Einfamilienhaus auf dem Land, Kopfkissen aus Daunen, Kamin flackert, zwei Menschen auf hundertfünfzig Quadratmetern, irgendwo steht noch ein leerer Hobbyraum, den keiner braucht. Du siehst im Fernsehen Bilder von überfüllten U-Bahn-Stationen, von Demos gegen Mietenwahnsinn, irgendwas mit Wohnungskrise in Berlin, dann kommt Werbung, du zappst weg. „Sollen halt nicht alle in die Stadt ziehen“, denkst du dir. „Irgendwo findet man immer was, die sind nur wählerisch.“ Genau diesen Gedanken kannst du dir an die Wand nageln, der ist nicht nur dumm, er ist feige.

Während du im Reihenhaus oder Bauernhof in deiner heilen Hinterwelt sitzt, spielt sich in den Städten ein permanenter Ausnahmezustand ab, der so gut wie nichts mit „Markt“ und sehr viel mit kalter, organisierter Grausamkeit zu tun hat. Menschen, die arbeiten, die nicht dumm, nicht faul, nicht „zu stolz für Kompromisse“ sind, leben in der ständigen Angst, dass eine Mail vom Vermieter oder ein Brief vom Gericht ihr Leben sprengt. Eine Mieterhöhung, ein Eigentümerwechsel, eine Modernisierung, und du kannst nach Jahren in deinem Viertel deine Sachen packen. Wer Pech hat, darf sich dann von Besichtigung zu Besichtigung schleppen, zusammen mit vierzig anderen, die denselben Hundeblick aufsetzen, weil jeder weiß, dass der Vermieter sich seinen Lieblingssklaven aussuchen kann.

Das ist der Alltag in deutschen Städten, Alleinerziehende, die mit zwei Kindern auf sechzig Quadratmetern sitzen und jeden Monat rechnen, ob nach der Miete noch Geld für Winterstiefel übrig ist. Rentner, die nach Jahrzehnten Arbeit die Mieterhöhung aus dem Erbe der Eltern bezahlen müssen, weil die Rente vorne und hinten nicht langt. Pflegekräfte und Kassierer, die nach zehn Stunden Schicht in eine Wohnung fahren, für die sie über die Hälfte ihres Lohns abdrücken. Studierende, die in überfüllten WGs auf Matratzen im Flur schlafen, weil selbst diese Löcher inzwischen zu Goldpreisen vermietet werden. Familien, die zu viert in Zweizimmerwohnungen hängen, weil alles darüber jenseits der Realität liegt. Menschen, die nach einer Zwangsräumung in Übergangsunterkünften landen, in Pensionen, bei Bekannten auf dem Sofa.

Das ist kein Kollateralschaden eines ansonsten funktionierenden Systems, das ist das System.

Die Verantwortlichen sitzen nicht „irgendwo da oben“ in einer nebulösen Wolke, sie haben Namen, Adressen, Parteibücher, Vorstände, Aufsichtsräte, Wahlkreise. Da sind die Wohnungskonzerne, die an der Not verdienen, und da sind die Politiker, die ihnen seit Jahrzehnten die Steilvorlage liefern, Kommunen, die ihre Wohnungen und Grundstücke an Investoren verkauft haben, weil es „haushaltspolitisch klug“ aussah. Landesregierungen, die den sozialen Wohnungsbau abgeschafft haben, als wäre Wohnen ein Luxus wie Champagner. Bundesregierungen, die den Markt zur heiligen Kuh erklärt haben, die man füttert, statt sie zu kontrollieren.

Jede Partei, die in den letzten dreißig Jahren Verantwortung getragen hat, hat an diesem Desaster mitgeschraubt. Konservative, die den Staat aus dem Wohnungsmarkt herausziehen wollten, damit die „unsichtbare Hand“ regelt, was am Ende nichts anderes heißt, als dass der Stärkere frisst. Sozialdemokraten, die kommunale Wohnungsbestände privatisiert haben und sich dafür feiern ließen, Löcher im Haushalt gestopft zu haben. Liberale, die bis heute so tun, als sei Wohnraum dasselbe wie Joghurt im Kühlregal. Grüne, die in ihren Szenekiezen Milieuschutz plakatieren und gleichzeitig zugesehen haben, wie Investoren ganze Straßenzüge in Anlageobjekte verwandeln. Jede Regierung, die „Bauoffensive“ ins Mikrofon gesagt hat, während auf dem Papier Ziele stehen und auf den Baustellen Stillstand herrscht, ist Teil dieses Problems.

Parallel dazu haben Wohnungskonzerne und Fonds Schritt für Schritt die Städte übernommen. Aus Wohnungen wurden Anlageklassen, aus Mietern wurden Cashflows, aus Vierteln wurden Renditecluster. Da sitzen Menschen in Vorstandsetagen, die völlig ungerührt erklären, dass Mieten „angepasst“ werden müssen, dass die Bestände „optimiert“ werden, dass man „den Wert hebt“. Übersetzt heißt das, jede deiner Sorgen über das nächste Jahr ist deren Dividende, deine Angst ist deren Geschäftsmodell. Es gibt Leute, die buchstäblich Geld damit verdienen, dass andere jeden Monat vor ihrem Kontoauszug sitzen und Herzrasen bekommen.

Diese Leute wissen ganz genau, was sie tun, die sprechen intern nicht von Wohnungen, sondern von „Assets“ und „Portfolios“. Die diskutieren nicht darüber, ob eine Familie mit zwei Kindern nach der Mieterhöhung noch leben kann, sondern ob man den Quadratmeterpreis in einem „aufstrebenden Lageprofil“ noch ein bisschen drehen kann, bevor die Politik vielleicht irgendwann schwach vom Balkon aus mit „Mietendeckel“ winkt. In den Präsentationen für Investoren ist Wohnungsnot kein Problem, sie ist der Stoff, aus dem die Versprechen gemacht werden. Knappheit treibt Preise, Preise treibens Renditen, so einfach ist das.

Damit dieses schmutzige Spiel funktioniert, braucht es aber eine zweite Gruppe, die, die sich wegducken. Die Politiker, die in Talkshows Betroffenheitsmiene machen, während sie gleichzeitig Gesetze durchwinken, die Spekulation belohnen. Die Minister, die „Bauturbo“ sagen und damit nichts anderes meinen, als Bauvorschriften zu lockern, damit noch billiger gebaut werden kann, ohne irgendjemanden zu verpflichten, diese Wohnungen wirklich bezahlbar zu vermieten. Die Bürgermeister, die Investoren mit offenen Armen empfangen, weil ein Neubauprojekt im Glaspalaststil als Erfolg verkauft werden kann, während die alten Mieter, die davor dort gewohnt haben, längst nach außen gedrängt wurden.

Sie lassen sich von der Lobby beraten, sie laden Verbandsvertreter zum Frühstück, sie unterschreiben Positionspapiere, die ihnen die Unternehmen praktisch fertig hinlegen. Wenn es brenzlig wird, wird ein „Runder Tisch“ einberufen, ein „Bündnis für bezahlbares Wohnen“, ein „Gipfel“. Jede dieser Inszenierungen ist eine Beruhigungstablette für die Öffentlichkeit, danach ändert sich im Kern nichts. Es wird ein bisschen an der Wohngeldschraube gedreht, ein wenig an Förderprogrammen geschraubt, damit die Schlagzeilen ein Wochenende lang freundlich aussehen. Die Grundlogik bleibt unangetastet, du bist Mieter, also bist du zahlendes Objekt.

Währenddessen stehen auf dem Land Einfamilienhäuser leer, weil die Erben sie als Ferienkulisse behalten. Währenddessen sitzen Menschen in Dörfern und erklären, es gäbe doch „genug Platz, man müsse nur wollen“. Diese Leute haben über Jahrzehnte von der Tatsache profitiert, dass ihr Eigentum im Wert gestiegen ist, ohne dass sie dafür irgendetwas tun mussten. Sie sind die stillen Profiteure einer Politik, die alles, was mit Wohnen zu tun hat, zum Spielfeld von Spekulanten gemacht hat. Sie wählen munter Parteien, die seit Jahren daran arbeiten, dass genau dieser Zustand so bleibt. Sie sind empört über Klimakleber, aber völlig entspannt bei der Frage, warum ihre Kinder in der Stadt keine Wohnung mehr finden.

Diese Spaltung ist nicht abstrakt, sie geht mitten durch Familien, Eltern auf dem Land, Kinder in der Stadt. Ob du deine Enkel in Zukunft überhaupt noch besuchen kannst, ohne dass sie dir ihr Bett anbieten müssen, weil sie keinen Platz haben, hängt direkt mit der Politik zusammen, die du seit Jahren abnickst. Pflegekräfte, Lehrerinnen, Polizisten, Erzieher, Handwerker, all die Menschen, die eine Stadt am Laufen halten, haben keine Zeit für romantische Pendel-Geschichten. Wer nach einer Zwölf-Stunden-Schicht noch anderthalb Stunden mit dem Auto oder der Bahn in irgendeine billige Pampa fahren muss, hält das nicht lange aus. Also fehlen diese Leute schließlich dort, wo du sie haben willst, wenn du nachts einen Notarzt brauchst oder deine Mutter Pflege braucht.

Das ist die hässliche Wahrheit, die Wohnungskrise ist Klassenkrieg von oben, Wohnraum wurde zur Waffe. Wer besitzt, diktiert, wer mietet, funktioniert oder geht kaputt. Die Politik spielt Schiedsrichter und steht in Wirklichkeit mit einer Mannschaft auf dem Platz. Wenn du eigenheimverwöhnt auf deine Mieter-Nachbarn herabschielst und denkst, die hätten halt früher sparen müssen, dann hast du nicht nur nichts verstanden. Du stellst dich aktiv auf die Seite derer, die aus Not Profit schlagen.

Die Not der Menschen ist keine Randnotiz, sie ist konkret, körperlich, seelisch. Leute schlafen mit einem Klo im Schlafzimmer, weil irgendein Investor das Bad in den Raum gezogen hat, um aus zwei Zimmern drei zu machen. Mütter sitzen nachts auf der Bettkante und überlegen, welche Rechnung sie dieses Mal nicht bezahlen. Paare bleiben in toten Beziehungen, weil sie wissen, dass zwei Wohnungen völlig illusorisch sind. Menschen lassen sich von cholerischen Chefs demütigen, weil sie den Job nicht riskieren können, solange die Miete jeden Monat wie eine Pistole auf der Brust sitzt.

Das alles passiert nicht, weil der liebe Gott vergessen hat, ein paar Häuser mehr zu erschaffen. Es passiert, weil Politiker Gesetze machen, die Spekulanten schützen, es passiert, weil Konzerne in Ruhe ihre Rendite durchdrücken dürfen. Es passiert, weil eine satt gewordene Mittelschicht sich eingeredet hat, man sei selbst schuld, wenn man verliert, und man habe es verdient, wenn man gewonnen hat.

Wenn dich das nicht wütend macht, dann bist du genau das, was die Profiteure dieser Krise brauchen, ein leiser, angepasster Zuschauer. Ein Schlafschaf im Einfamilienhaus, das jede Empörung für übertrieben hält, solange die eigene Garage voll und das Dach dicht ist. Du kannst so weiterleben, bis du jemanden liebst, der in einer Stadt keine Wohnung findet. Bis du selbst deinen Job verlierst und plötzlich merkst, was es heißt, sich gegen fünfzig Bewerber um eine Bruchbude durchzusetzen. Bis dein Vermieter beschließt, dass er deine Wohnung „entwickeln“ will, und du lernst, wie sich existenzielle Angst anfühlt.

Wohnungsnot ist kein Naturereignis, das halt vom Himmel fällt, sie ist die direkte Folge von Entscheidungen, die Menschen getroffen haben, die du wählen kannst oder abwählen, von Gesetzen, die man ändern könnte, wenn man wollte. Von Konzernen, deren Geschäftsmodell man verbieten oder wenigstens brutal beschneiden könnte. Solange das nicht passiert, ist jede Geschichte über „Wohnungskrise“ in Wahrheit eine Geschichte über politisches Versagen und moralische Verkommenheit.

Wer das verharmlost, macht sich mitschuldig, wer schweigt, stimmt zu.

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