30. November 2025
Lukoil news

Lukoil in Bulgarien – was USA und Großbritannien jetzt verlangen (Stand: 15. November 2025)

Die Raffinerie von Lukoil am Stadtrand von Burgas steht wieder einmal im Zentrum eines geopolitischen Experiments. Diesmal geht es nicht um neue Steuern aus Sofia, sondern um die Frage, wie die USA und Großbritannien ihre eigenen Russland-Sanktionen so zurechtbiegen, dass Moskau geschwächt wird, Bulgarien aber nicht ohne Sprit dasteht. Kurzfassung, erst wird Lukoil mit harten Sanktionen belegt, dann werden ausgerechnet für die bulgarischen Ableger Sondergenehmigungen gebastelt, während Sofia per Gesetz die Weichen für eine Zwangsverwaltung und einen späteren Verkauf stellt.

Ende Oktober haben die USA und Großbritannien Lukoil und Rosneft offiziell auf die Sanktionslisten gesetzt, mit der klaren Ansage, den Geldstrom für den russischen Kriegshaushalt abzudrehen. Die britische Sanktionsliste führt Lukoil seit Mitte Oktober als sanktioniertes Unternehmen, die Begründung ist eindeutig, Beteiligung an der Destabilisierung der Ukraine und Unterstützung der russischen Regierung. Wenige Tage später zogen die USA nach und belegten die internationalen Aktivitäten des Konzerns mit Strafmaßnahmen, was Lukoil nach eigenen Angaben zwang, große Teile seiner Auslandswerte auf den Markt zu werfen.

Damit wurde das Problem für Bulgarien akut. Lukoil Neftochim Burgas betreibt die einzige große Raffinerie des Landes, dazu Hunderte Tankstellen und ein dichtes Logistiknetz. Wenn diese Struktur durch Sanktionen plötzlich nicht mehr mit westlichen Banken, Versicherern oder Händlern arbeiten darf, steht ein EU-Mitglied innerhalb weniger Wochen vor ernsthaften Versorgungsengpässen. Bulgarische Medien und Minister warnen seit Tagen genau davor, von „laufend schrumpfenden Reserven“ und der Gefahr von Diesel- und Kerosinengpässen ist die Rede.

Die Reaktion aus Sofia war entsprechend hektisch und widersprüchlich. Das Parlament verhängte zunächst ein Exportverbot für bestimmte Treibstoffe, vor allem Diesel und Flugbenzin, um den heimischen Markt zu schützen. Gleichzeitig wurden Gesetzesänderungen durchgedrückt, die dem Staat erlauben, die Raffinerie und die bulgarischen Lukoil-Strukturen in eine Art Zwangsverwaltung zu nehmen, einen „Sonderverwalter“ einzusetzen und die Anlagen später an einen neuen Eigentümer zu verkaufen. Präsident Rumen Radew legte dagegen ein Veto ein und warnte vor verfassungsrechtlichen Problemen und möglichen milliardenschweren Entschädigungsforderungen gegen den Staat. Das Parlament wischte den Einspruch kurze Zeit später beiseite und überstimmte den Präsidenten mit klarer Mehrheit.

Während Bulgarien noch über Eigentumsfragen stritt, kamen aus London und Washington die nächsten „Lösungen“. Großbritannien hat am Freitag eine sogenannte General License erteilt, die es Banken und Unternehmen erlaubt, weiterhin mit Lukoil Bulgaria EOOD und Lukoil Neftochim Burgas AD zu arbeiten, obwohl der Mutterkonzern sanktioniert ist. Diese Ausnahme gilt bis zum 14. Februar 2026 und umfasst auch Tochterfirmen. Sie ist faktisch ein maßgeschneiderter Rettungsschirm für die bulgarische Wirtschaft, zumindest für die nächsten knapp drei Monate.

Fast parallel dazu hat das US-Finanzministerium über das Office of Foreign Assets Control (OFAC) eine eigene Ausnahmegenehmigung veröffentlicht. Die „General License“ erlaubt alle üblichen Transaktionen mit den bulgarischen Lukoil-Gesellschaften, darunter ausdrücklich Lukoil Neftochim Burgas, Lukoil Bulgaria, Lukoil Aviation Bulgaria und Lukoil Bulgaria Bunker, trotz der neuen US-Sanktionen. Die Frist ist sogar noch länger, die Genehmigung läuft nach aktuellem Stand erst am 29. April 2026 aus.

Parallel dazu zieht Sofia die Daumenschrauben gegenüber Lukoil selbst an. Auf Basis der neuen Gesetzeslage soll ein staatlicher Sonderverwalter eingesetzt werden, der die Geschäfte in Bulgarien führt, unabhängig vom russischen Eigentümer. Als Kandidat wird Rumen Spezow gehandelt, der ehemalige Chef der Nationalen Einnahmenagentur. Oppositionsparteien sprechen bereits von einer „schlechten Witzfigur“, weil Spezow selbst in der Vergangenheit unter Kritik stand und der Verdacht im Raum steht, dass hier eher politische Loyalität als fachliche Kompetenz zählt. Die Regierung begründet den Schritt mit der Notwendigkeit, die Versorgungssicherheit zu garantieren und gleichzeitigen Druck auf Lukoil auszuüben. Reuters berichtet zudem, dass die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Raffinerie deutlich verschärft wurden, inklusive Militärpolizei und Anti-Drohnen-Systemen, um „strategische Infrastruktur“ zu schützen.

Gleichzeitig läuft hinter den Kulissen bereits der Ausverkauf. Lukoil hat seine internationalen Vermögenswerte in eine eigene Holding gepackt und zum Verkauf gestellt. Westliche Medien berichten von regem Interesse internationaler Investoren an den bulgarischen Assets. Ein geplanter Mega-Deal mit dem Rohstoffhändler Gunvor ist gerade wieder geplatzt, weil das US-Finanzministerium die Nähe des Unternehmens zu früheren Kreml-Kreisen als untragbar einstufte und deutlich machte, dass ein solcher Käufer politisch nicht akzeptabel wäre. Die Botschaft ist klar, die Anlagen sollen aus russischer Hand in „genehme“ Hände übergehen, aber bitte nicht zu einem Preis, der Moskau wirklich stärkt oder alte Netzwerke durch die Hintertür rehabilitiert.

Unterm Strich sieht das „neue Konzept“ von USA und England im Umgang mit Lukoil in Bulgarien Stand heute so aus. Auf der großen Bühne wird ein hartes Sanktionsregime gegen Lukoil und Rosneft inszeniert, mit dem erklärten Ziel, Russlands Kriegsfinanzierung zu treffen. Auf der praktischen Ebene werden zeitlich befristete Ausnahmen genau dort geschaffen, wo die europäische Energieversorgung sonst in sich zusammenfallen würde – in diesem Fall bei der Burgaser Raffinerie und dem Tankstellennetz in Bulgarien. Gleichzeitig zwingt die politische Kulisse Sofia, Lukoil schrittweise aus der Gleichung zu entfernen: Zwangsverwaltung, mögliche Enteignung, späterer Verkauf an einen anderen, politisch akzeptablen Player.

Für Bulgarien bedeutet das im Alltag vor allem eines, ein paar Monate Luft. Die Ausnahmegenehmigungen aus London und Washington sorgen dafür, dass die Raffinerie weiter Rohöl einkaufen, Produkte verkaufen und mit Banken interagieren kann, ohne dass jede Überweisung an einem Sanktionsfilter hängenbleibt. Die neue Gesetzgebung gibt der Regierung Werkzeuge in die Hand, um den Betrieb notfalls selbst zu führen und mittelfristig einen Eigentümerwechsel zu organisieren. Ob dieser Eigentümer dann wirklich bulgarische oder europäische Interessen in den Vordergrund stellt oder nur ein anderer globaler Konzern an die Stelle von Lukoil tritt, steht auf einem anderen Blatt.

Tagesaktuell lässt sich festhalten, die USA und Großbritannien haben Lukoil in Bulgarien nicht „abgeschaltet“, sondern in ein enges Korsett aus Sanktionen, Ausnahmen und politischem Druck gezwängt. Die Raffinerie in Burgas läuft weiter, weil weder Washington noch London riskieren wollen, dass ein NATO-Staat plötzlich ohne Treibstoff dasteht. Gleichzeitig wird der russische Eigentümer sturmreif geschossen, bis ein Käufer akzeptabel ist, der in das westliche Sanktions- und Sicherheitskorsett passt. Für die Menschen in Bulgarien bleibt die Hoffnung, dass in diesem geopolitischen Schachspiel am Ende nicht sie diejenigen sind, die die Rechnung für die nächsten „kreativen Ideen“ aus Washington und London bezahlen.

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