30. November 2025
Kriegswahnsinn

Krieg ohne Ende – wer zieht hier eigentlich die Fäden

Seit fast vier Jahren läuft dieser Krieg in der Ukraine und die Frage, die sich Millionen Menschen stellen, klingt erschreckend simpel. Wann eskaliert das Ganze endgültig, wie weit soll das noch gehen und wer verhindert eigentlich, dass dieser Wahnsinn beendet wird. Je länger der Krieg dauert, desto deutlicher wird, dass es nicht nur um Panzerlinien auf Karten geht, sondern um ein ganzes System aus Machtinteressen, Ideologie, Angst und knallharten Geschäften, das ein Ende immer wieder hinausschiebt.

Am Anfang steht trotzdem eine klare Tatsache, die man nicht weichreden kann. Der Krieg begann nicht mit einem NATO Manöver, nicht mit einem ukrainischen Wahlplakat und auch nicht mit einem US Waffenvertrag, sondern mit der Entscheidung der russischen Führung, die Ukraine militärisch anzugreifen und zu zerschlagen. Ohne diesen Angriff gäbe es keinen Dauerbeschuss von Städten, keine verbrannte Erde im Donbass, keine Millionen Geflüchteten. Diese Verantwortung liegt im Kreml, bei einem Regime, das sich Überfall und Landraub als Mittel der Politik zurückgeholt hat, als wäre das neunzehnte Jahrhundert nie vergangen. Wer das relativiert, macht es sich bequemer, aber nicht ehrlicher.

Genau hier beginnt allerdings die nächste Schicht der Wahrheit, denn dieser „eine Schuldige“ steht nicht allein in einem Vakuum. Um ihn herum agiert ein Geflecht aus Regierungen, Konzernen, Lobbygruppen, Militärs und Medien, das seit Jahren an einer Weltordnung arbeitet, in der Konflikte nicht mehr verhindert, sondern gemanagt werden. Man lässt sie laufen, solange sie geopolitisch nützlich erscheinen, und hält sie gerade so unter der Schwelle, ab der es auch für die eigenen Hauptstädte gefährlich wird. Die Ukraine ist in diesem Denken weniger Opfer als Spielfeld, auf dem Russland, die USA und Europa ihre Machtfragen austragen, von China ganz zu schweigen.

Die Szenarien, die seriöse Analysten zeichnen, klingen inzwischen fast identisch. Kein schneller Sieg, keine klare Niederlage, sondern ein langer Abnutzungskrieg, in dem beide Seiten Jahr für Jahr Menschen und Material verlieren, während die Front nur langsam wandert. Am Ende steht vielleicht ein zermürbter Waffenstillstand, vielleicht ein schmutziger Deal, bei dem Gebiete faktisch abgetreten werden, vielleicht ein eingefrorener Konflikt mit einer neuen, brüchigen Linie quer durch das Land. Was in all diesen Szenarien fehlt, ist das, was die Bevölkerung eigentlich braucht, nämlich ein glaubwürdiger Frieden, der mehr ist als eine Pause, bis die nächste Offensive vorbereitet ist.

Dass dieser Krieg längst hätte anders enden können, ist kein romantischer Wunsch, sondern lässt sich an ganz konkreten Momenten festmachen. Früh im Krieg wurden in Istanbul Bedingungen verhandelt, unter denen eine neutrale Ukraine denkbar gewesen wäre, mit Sicherheitsgarantien, mit Rückzugsschritten, mit schmerzhaften Kompromissen auf beiden Seiten. Weder Moskau noch Kiew noch die großen Player im Westen waren bereit, diesen Preis zu zahlen. Kiew setzte damals noch auf militärischen Erfolg, Moskau wollte deutlich mehr als eine neutrale Pufferzone, Washington und europäische Hauptstädte sahen die Chance, Russland dauerhaft zu schwächen. Jeder hoffte auf ein besseres Ergebnis später, jeder verschob die Rechnung nach hinten, bezahlt wird seither an der Front und in den zerstörten Städten.

Dasselbe Muster zeigte sich nach der großen ukrainischen Gegenoffensive, spätestens da war klar, dass es keinen schnellen Durchbruch zur Grenze von 1991 geben würde. Trotzdem hängte der Westen die Ukraine halb in der Luft, genug Waffen um nicht unterzugehen, aber zu wenig um Russland wirklich in eine Verhandlungsposition zu zwingen, in der Zugeständnisse unausweichlich wären. In Moskau wiederum machte man die Erfahrung, dass man sich zwar an Sanktionen weh tut, aber eben nicht so sehr, dass die Machtbasis ernsthaft bröckelt. Das Ergebnis ist die fatale Komfortzone des Krieges, zu brutal um ignoriert zu werden, aber zu nützlich, um ihn wirklich zu beenden.

An dieser Stelle taucht die Frage nach den sogenannten Kriegstreibern auf, die Antwort ist unangenehm, weil sie an viele Adressen geht. Russland führt diesen Krieg, weil die Führung in Moskau damit ihren imperialen Anspruch, ihre innere Machtordnung und ihr eigenes Überleben sichern will. Die Ukraine kämpft weiter, weil ein Frieden auf russischen Bedingungen faktisch das Ende ihrer Staatlichkeit wäre. Die USA und zentrale EU Staaten liefern Waffen und Geld, weil sie einen russischen Sieg für ein Signal an alle anderen autoritären Regime halten würden, künftig noch aggressiver vorzugehen. Gleichzeitig sehen klassische Waffenexporteure ihre Umsätze durch die Decke gehen. Die Nachfrage nach Artillerie, Luftabwehr, Munition und Drohnentechnologie steigt schneller, als viele Fabriken produzieren können.

Deutschland spielt in diesem Komplex eine doppelte Rolle. Außenpolitisch gibt man sich zögerlich und moralisch, redet von Verantwortung, Verlässlichkeit und regelbasierter Ordnung, wirtschaftlich erlebt die Rüstungsindustrie den größten Boom seit Jahrzehnten. Neue Produktionslinien, Milliardenaufträge, garantierte Abnahmemengen mit Laufzeiten bis weit in die Dreißigerjahre, dazu die Aussicht, auch nach dem Krieg die frisch aufgerüsteten Arsenale überall auf der Welt zu pflegen, zu modernisieren und zu erweitern. Die USA sind in dieser Hinsicht noch ein paar Nummern größer unterwegs, dort sichert der militärisch industrielle Komplex nicht nur Jobs, sondern politischen Einfluss. Wer Milliarden an Pentagonaufträgen bewegt, hat in Washington keine kleine Stimme.

Diese Strukturen sind nicht der Grund, warum der Krieg begonnen hat, dafür gibt es die klare Entscheidung in Moskau, sie sind aber ein Grund, warum er so hartnäckig weiterläuft. Wenn ganze Branchen, Wahlkreise und Karrierewege davon abhängen, dass Länder aufrüsten und Konflikte nicht wirklich gelöst, sondern gemanagt werden, entsteht ein permanenter Druck, bloß keinen echten Schlussstrich zu ziehen. Man schützt angeblich die Freiheit, kurbelt in Wahrheit aber eine Riesenmaschine an, die von der Aussicht auf den nächsten Konflikt lebt, ob im Osten Europas, im Nahen Osten oder in Asien.

Damit sind wir bei der Frage nach der Eskalation, die Grenze, ab der dieser Krieg zu einem unmittelbaren NATO Russland Konflikt wird, ist schmal. Drohnen, die in Rumänien abstürzen, russische Raketen, die nur knapp nicht in den Luftraum eines Bündnispartners fliegen, Angriffe auf Infrastruktur, die plötzlich Leitungen betrifft, an denen mehrere Staaten hängen. Jede Seite kalkuliert, wie weit sie gehen kann, ohne den offenen Zusammenstoß zu riskieren. In dieser Logik sind Fehler, Missverständnisse und Überreaktionen kein Ausnahmefall, sondern auf Dauer fast sicher. Die Gefahr ist weniger die eine große bewusste Entscheidung zum Weltkrieg, sondern die Summe der kleinen Schritte, mit denen sich Jahr für Jahr die Hemmschwellen nach unten bewegen.

Bleibt die moralische Frage, ob es wirklich nur noch um Macht und Geld geht, wer genauer hinschaut, sieht drei Ebenen, die sich überlagern, ganz oben sitzen die strategischen Interessen. Russland will Einflusssphären und Land, die NATO will Expansion nach Osten nicht rückgängig machen, die USA wollen ihre Führungsrolle behaupten, Europa will beweisen, dass es handlungsfähig ist. Darunter laufen die wirtschaftlichen Interessen, die vom Rohstoffgeschäft über Waffenlieferungen bis zur Rekonstruktion zerstörter Regionen reichen. Ganz unten sitzen die Menschen, deren Leben von diesen Entscheidungen bestimmt wird, ohne dass sie darauf mehr Einfluss hätten als auf das Wetter.

Es wäre zu billig, alles nur auf die „schäbige USA“ oder „die Deutschen“ zu schieben, es wäre genauso billig, den Krieg allein als russischen Ausrutscher zu betrachten, den man mit etwas mehr Diplomatie schon irgendwie entschärft hätte. Die Wahrheit ist härter, wir erleben, wie eine alte Logik zurückkehrt, in der Großmächte wieder territoriale Kriege führen, während Demokratien, die sich gern als moralische Gegenentwürfe sehen, mit Waffen, Geld und Worten nachjustieren und sich dabei in eine Aufrüstungsspirale hineinziehen lassen, von der am Ende niemand mehr weiß, wie sie eigentlich zu stoppen ist.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wer angefangen hat, sondern wer heute die Macht hätte, den Kurs zu ändern, der Kreml könnte den Krieg morgen stoppen, will es nicht und fürchtet den eigenen Machtverlust. Die ukrainische Führung könnte einem schlechten Frieden zustimmen, würde dafür im eigenen Land wahrscheinlich politisch und vielleicht physisch zerrissen. Die Regierungen im Westen könnten Waffen drücken, Verhandlungen erzwingen und wirtschaftlichen Druck neu justieren, riskieren damit jedoch, als Verräter oder Appeaser dazustehen und ihre eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. In diesem Knoten sitzt die Weltpolitik fest, während an der Front weiterhin gestorben wird.

Anklage in diesem Zusammenhang heißt, die Dinge beim Namen zu nennen, ohne sich auf eine Seite der Propagandamaschinen zu schlagen. Russland hat diesen Krieg begonnen und trägt die Hauptschuld für das, was in der Ukraine passiert. Der Westen nutzt diesen Krieg, um alte sicherheitspolitische Versäumnisse und neue wirtschaftliche Interessen zu kaschieren, während er nach außen moralische Prinzipien beschwört. Die Rüstungsindustrie aller beteiligten Länder verdient an jedem Monat, den der Krieg länger dauert. Und die internationale Öffentlichkeit, einschließlich der Medien und sozialen Netzwerke, lässt sich viel zu bereitwillig zum Verstärker von simplen Helden oder Verrätererzählungen machen, statt den unbequemen Teil zu leisten, nämlich auf kompromisslose Fakten zu schauen und jede Seite unter denselben Maßstab zu legen.

Der Krieg hätte längst beendet sein können, wenn es irgendwo die Bereitschaft gegeben hätte, Macht, Land oder Einfluss zu verlieren, um Leben zu retten. Diese Bereitschaft ist nirgendwo wirklich erkennbar. Das ist vielleicht die bitterste Wahrheit dieser Zeit.

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