30. November 2025
Kippensammler

Kluge Krähen, dumme Kippen – ein ungewöhnlicher Pakt für saubere Städte

Stell dir vor, du gehst durch eine schwedische Stadt, überall liegen Kippen, und dann kommt eine Krähe, schnappt sich den Stummel, fliegt zu einem Automaten, wirft den Filter hinein und kassiert als Lohn ein paar Futterbrocken. Das ist kein Pixarbuch für Erwachsene, sondern ein reales Pilotprojekt in Södertälje nahe Stockholm. Dahinter steckt das Start-up Corvid Cleaning, das Rabenvögel als Teil der kommunalen Straßenreinigung einsetzt, genauer gesagt als hochintelligente, geflügelte Müllwerker, die auf Zigarettenfilter spezialisiert sind.

Die Ausgangslage ist erstaunlich trist. Zigarettenstummel gehören weltweit zu den häufigsten Müllarten überhaupt. Die unscheinbaren Filter bestehen in aller Regel nicht aus Watte, sondern aus Zelluloseacetat, einem Kunststoff, der sich in der Umwelt nur extrem langsam zersetzt und dabei Giftstoffe wie Nikotin und Schwermetalle abgibt. Schätzungen sprechen von mehreren Billionen achtlos weggeworfenen Kippen pro Jahr. In Schweden selbst gehen Umweltorganisationen und verschiedene Studien von über einer Milliarde Stummel jährlich allein auf den Straßen des Landes aus, rund 60 Prozent des gesamten erfassten Straßenmülls.

Für Städte wie Södertälje ist das nicht nur ein ästhetisches, sondern vor allem ein finanzielles Problem. Die Kommune gibt jedes Jahr Millionenbeträge für die Reinigung aus, ein großer Teil davon fließt in das mühsame Einsammeln von Filtern auf Plätzen, Gehwegen und Bushaltestellen. Genau an dieser Stelle setzt die Idee von Corvid Cleaning an. Wenn man es schafft, wilde Krähen so zu trainieren, dass sie eigenständig Kippen aufsammeln und zu einer Maschine bringen, könnte das die Kosten massiv reduzieren. Gründer Christian Günther-Hanssen schätzt, dass sich die spezifischen Kosten für das Kippensammeln um bis zu 75 Prozent senken lassen, wenn genügend Vögel regelmäßig mitmachen.

Das zentrale Element des Projekts ist der sogenannte Bird Bin. Er steht irgendwo in der Stadt, sieht von außen unspektakulär aus, funktioniert im Inneren aber wie eine Mischung aus Futterautomat und Pfandflaschenrückgabe. Wirft eine Krähe einen Zigarettenfilter in den vorgesehenen Schlitz, erkennt ein Sensor Form und Material des Objekts. Wird ein Filter identifiziert, gibt der Automat eine kleine Portion Futter frei. Für die Vögel entsteht ein sehr klarer Zusammenhang zwischen Handlung und Belohnung. Für Menschen, die das beobachten, wirkt es beinahe wie eine Szene aus einem Sci-Fi-Film, in dem Tiere angefangen haben, die Aufgaben zu übernehmen, zu denen wir offenbar zu bequem sind.

Die beteiligten Krähen sind nicht gefangen, werden nicht dressiert wie Zirkustiere und tragen keine Halsbänder. Es handelt sich um wildlebende Rabenvögel, die ohnehin im urbanen Raum unterwegs sind. Sie kommen nur dann zum Bird Bin, wenn sie sich davon einen Nutzen versprechen. In mehreren Berichten betont Günther-Hanssen, die Tiere nähmen freiwillig teil, kämen und gingen, wie sie wollten. Damit nutzt das Projekt eine besondere Eigenschaft von Krähen und anderen Corviden, nämlich ihre extrem hohe Lernfähigkeit und ihren ausgeprägten Opportunismus im Umgang mit Futterquellen.

Interessant ist, wie die Vögel lernen, was zu tun ist. Im Vorfeld des Piloten wurden einzelne Krähen durch schrittweise Konditionierung an die Maschine gewöhnt. Zunächst lag der Futterspender sichtbar, später wurde das Futter nur noch dann freigegeben, wenn ein Objekt in die Öffnung geworfen wurde, schließlich nur noch dann, wenn es sich tatsächlich um einen Zigarettenfilter handelte. Einmal trainierte Vögel dienen in der Natur als Multiplikatoren. Krähen beobachten einander sehr genau. Wenn ein Artgenosse etwas Neues gelernt hat, das Futter bringt, verbreitet sich dieses Verhalten oft innerhalb der Gruppe. Corvid Cleaning setzt genau darauf. Die Firma hofft, dass ein relativ kleiner Trainingsaufwand genügt, um mit der Zeit eine beachtliche Zahl von „Mitarbeitern“ zu gewinnen.

Auf der anderen Seite dieser kuriosen Symbiose steht der Mensch. Einerseits zeigen die Bilder von Krähen, die Kippen einsammeln, die enorme Anpassungsfähigkeit von Tieren an unseren Müll. Andererseits halten sie uns den Spiegel vor. Mehrere Kommentatoren formulieren sinngemäß, es sei bemerkenswert, dass man Krähen offenbar leichter beibringen könne, Kippen aufzusammeln, als Menschen, sie nicht auf den Boden zu werfen. Für eine Umweltorganisation ist das ein Alptraum in Reinform. Statt das Verhalten der Verursacher zu ändern, wird eine Art Reparatureinheit aus der Natur engagiert.

Damit sind wir bei den kritischen Fragen, die das Projekt zwangsläufig aufwirft. Die erste betrifft die Gesundheit und das Wohl der Vögel. Zigarettenfilter enthalten Rückstände von Teer, Schwermetallen und unzähligen Verbrennungsprodukten. Bevor Corvid Cleaning in größerem Stil mit Städten kooperiert, sollen Untersuchungen klären, ob ein wiederholter Kontakt mit diesen Filtern gesundheitliche Schäden bei Krähen verursachen könnte. Der Gründer selbst sagt, er halte das Risiko zwar für gering, wolle es aber systematisch prüfen. Kritik kommt unter anderem aus der Verhaltensforschung, wo darauf verwiesen wird, dass die Auslagerung menschlicher Verantwortung an Tiere zwar technisch raffiniert sei, aber ethisch sorgfältig abgewogen werden müsse.

Die zweite große Frage ist die Skalierbarkeit. Ein Pilot in einer einzelnen Stadt ist eine Sache, ein flächendeckendes System in mehreren Ländern eine ganz andere. Damit die Methode wirklich einen nennenswerten Anteil des Zigarettenmülls reduziert, müssten in jeder Stadt ausreichend Automaten stehen und genügend Vögel regelmäßig an ihnen „arbeiten“. Dazu kommt die technische Robustheit. Der Bird Bin muss zuverlässig erkennen, was eine Kippe ist, darf andere Gegenstände nicht akzeptieren, muss vandalismussicher sein und in jeder Jahreszeit funktionieren. Die Firma experimentiert damit, auch andere Rabenvogelarten einzubeziehen, etwa Elstern und Dolen, um die mögliche „Belegschaft“ zu erweitern.

Spannend ist auch der Kontext in Schweden selbst. Neue Untersuchungen zeigen, dass zwar der Anteil der Zigarettenfilter am Straßenmüll langsam sinkt, dafür aber andere Formen von Tabakabfall zunehmen, insbesondere Snus- und Nikotinbeutel, die heute das Stadtbild in vielen Gegenden prägen. Das bedeutet, dass sich die Mülllandschaft verschiebt. Ein System, das nur auf Kippen spezialisiert ist, wird langfristig möglicherweise nicht mehr das Hauptproblem lösen, sondern eher ein besonders sichtbares Symptom.

Trotz dieser offenen Fragen ist das Projekt aus innovationspolitischer Sicht hochinteressant. Es verbindet Verhaltenspsychologie, Tierschutz, Umweltschutz und Kostenrechnung auf eine ungewöhnliche Weise. Es zeigt, wie die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit von Wildtieren in menschliche Infrastrukturen eingebunden werden kann, ohne sie zu domestizieren oder zu besitzen. Gleichzeitig macht es deutlich, wie sehr moderne Städte darum ringen, mit Problemen fertigzuwerden, die eigentlich banal wären, wenn Menschen sich schlicht an Regeln halten würden.

Vielleicht liegt die eigentliche Stärke von Corvid Cleaning nicht nur darin, Kippen aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen, sondern in der Symbolik. Die Bilder von Krähen, die gewissenhaft den Dreck von Rauchern entfernen, sind ein PR-Geschenk für jede Kampagne gegen Littering. Sie erzählen eine Geschichte von Tieren, die buchstäblich hinter uns herräumen. Wer das sieht und trotzdem seine Kippe fallen lässt, kann sich schwer herausreden.

Am Ende bleibt eine doppelte Botschaft. Auf der einen Seite zeigt das Projekt, wozu wir in der Lage sind, wenn wir technisches Know-how mit einem respektvollen Umgang mit Wildtieren kombinieren. Krähen sind nicht nur „düstere“ Stadtvögel, sondern hochkomplexe Wesen, die Werkzeuge benutzen, Probleme lösen und ganze Städte sauberer machen können, wenn wir ihnen die passende Bühne bauen. Auf der anderen Seite erinnert uns jede Krähe mit Kippe im Schnabel daran, dass wir als Spezies offenbar noch nicht einmal das Minimum an Selbstdisziplin aufbringen, unseren eigenen Plastikmüll ordnungsgemäß zu entsorgen.

Wenn künftig schwedische Städte tatsächlich weniger Zigarettenstummel auf den Straßen haben, weil Krähen sie für Futter einsammeln, ist das ein Gewinn für Umwelt und Stadtkasse. Richtig spannend wird es aber erst, wenn diese Bilder so sehr nerven, dass sie etwas in den Köpfen der Menschen verändern. Bis dahin gilt in Södertälje und vielleicht bald anderswo ein etwas anderes Motto. Wo früher der städtische Bauhof zuständig war, heißt es jetzt gewissermaßen: Für eine saubere Stadt danken wir unseren gefiederten Kollegen.

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