KI? Deutschland kann’s nicht. Ein Land redet von Zukunft – während der Rest sie baut.
Deutschland möchte beim Thema künstliche Intelligenz ganz vorne mitspielen. Politiker sprechen von der „digitalen Souveränität Europas“, von Milliardeninvestitionen, von einer neuen technologischen Zukunft. Man hört von Strategiepapiere, Taskforces, Kompetenzzentren, Leuchtturmprojekten. Wie immer klingt alles wie ein Aufbruch, der die Welt verändern könnte. In der Realität ist es nur die neueste Variante eines alten deutschen Rituals, die Regierung kündigt Großes an, die Minister lächeln in die Kameras, und wenig später vergilbt die Vision in Aktenordnern, Beraterrunden und endlosen Zwischenberichten. Deutschland ruft den digitalen Aufbruch aus, während andere längst unterwegs sind.
Das Scheitern beginnt dort, wo man in Deutschland grundsätzlich scheitert, beim Geld. Natürlich gibt es „Milliarden für KI“, nur liegen diese Milliarden nicht bereit, sie stecken in Programmen, Ausschüssen und Förderwegen, die so lang und kompliziert sind, dass Startups in der Zwischenzeit eher verhungern als skalieren. In den USA oder China entscheiden Investoren innerhalb von Tagen, ob sie zehn, fünfzig oder hundert Millionen bereitstellen. In Deutschland wird entschieden, ob man überhaupt berechtigt ist, eine Bewerbung für das nächste Förderformular zu stellen. Wer hier innovativ sein will, braucht nicht nur Talent, sondern die Leidensfähigkeit eines Beamten auf Lebenszeit.
Geld wäre jedoch nur ein Problem unter vielen, die eigentliche Farce spielt sich bei der Infrastruktur ab. Moderne KI braucht Rechenzentren und vor allem Energie, Deutschland hat von beidem zu wenig. Strompreise gehören zu den höchsten weltweit, Rechenzentren stoßen auf Widerstand, weil irgendeine Kommune Angst vor zusätzlicher Wärmeabgabe oder einem höheren Stromverbrauch hat. Während in den USA riesige KI-Cluster entstehen, diskutiert Deutschland darüber, ob ein Serverpark ökologische Gefühle verletzen könnte. Ein Land, das Industriegeschichte geschrieben hat, verhält sich plötzlich wie eine ängstliche Naturschutz-AG, die sich vom Anblick eines Glasfaserkabels bedroht fühlt.
Dasselbe Bild zeigt sich bei der Bürokratie. In Deutschland lässt sich eine KI-Firma gründen, vorausgesetzt, man findet einen Bankberater, der weiß, wie man digitale Startups überhaupt erfasst. Danach folgen Datenschutz, Umweltauflagen, Zertifizierungen, Verwendungszweckanalysen und am Ende noch ein Ethikrat, der sicherstellt, dass die Technologie niemandem wehtut. Währenddessen entwickeln andere Länder einfach Produkte, aber Deutschland verwaltet. Das politische Mantra der „digitalen Souveränität“ wirkt grotesk, wenn man bedenkt, dass nahezu jede digitale Schlüsseltechnologie aus dem Ausland stammt. Souveränität entsteht nicht durch reglementierende Papiere, sondern durch Maschinen, Software und echte Produktion. Deutschland verwechselt Selbstschutz mit Selbstfesselung.
Dazu kommt ein Talent-System, das unfreiwillig Weltspitze ist, allerdings in Sachen Selbstschädigung. Deutsche Universitäten bilden brillante Informatiker aus, um sie danach direkt an die USA, an Kanada oder an die Schweiz zu verlieren. Wer in Deutschland bleiben will, erhält befristete Verträge, Projektketten, Mindestlöhne und bürokratische Hürden. Wer ins Ausland geht, erhält ein Team, Kapital, Freiraum und die Möglichkeit, Technik zu bauen, statt Formulare. Deutschland jammert über Fachkräftemangel und exportiert gleichzeitig seine besten Köpfe.
Und dann die EU, man könnte meinen, ein ganzer Kontinent hätte aus zwei Jahrzehnten Digitalverschlafung gelernt. Stattdessen schreibt Brüssel den nächsten Wälzer aus Regulierungen, Warnungen und ethischen Sicherheitsnetzen. Die Absicht ist noble, das Ergebnis verheerend. Wenn 27 Staaten erst einmal versuchen, eine Technologie moralisch zu perfektionieren, bevor sie überhaupt existiert, dann entstehen keine Produkte, sondern Blockaden. Europa diskutiert über Risiko, die USA produzieren Ergebnisse. Europa entwirft Verbote, China baut Infrastruktur. Europa schreibt Richtlinien, während Nvidia die nächste Chip-Generation ausrollt.
Die Politik liebt Symbolprojekte, weil sie auf dem Papier perfekt aussehen, Wasserstoff, aber ohne Wasserstoff, Wärmepumpen, aber ohne Handwerker. Rechenzentren, aber ohne Netz, KI-Forschung, aber ohne Rechenleistung, Deutschland verwechselt Ankündigungen mit Fortschritt. Schon die Tatsache, dass Microsoft, Amazon oder Nvidia Rechenzentren bauen müssen, um den KI-Standort Deutschland überhaupt in die Nähe der relevanten Infrastruktur zu bringen, ist kein Zeichen der Stärke, sondern ein Offenbarungseid. Ohne ausländische Technologiekonzerne wäre die deutsche KI-Landschaft ein wissenschaftlicher Debattierzirkel, talentiert, gebildet und vollkommen irrelevant.
Deutschland könnte anders, es hat die Wissenschaft, die Ingenieure, das Geld, die Erfahrung. Was fehlt, ist Mut, was fehlt, ist Geschwindigkeit, was fehlt, ist die Bereitschaft, sich mit der Realität abzufinden. Wer in diesem technologischen Wettrennen bestehen will, darf nicht jahrelang über jedes Risiko philosophieren, er muss bauen, er muss rechnen, er muss handeln. Deutschland will KI-Weltspitze sein, aber ohne Risiko, ohne Stromverbrauch, ohne Tempo, ohne Kapital und ohne Wettbewerb. Genau das ist der Grund, warum Deutschland scheitert, nicht die USA, nicht China, nicht Großkonzerne oder fehlende Talente. Deutschland scheitert an Deutschland.
Wenn dieses Land den Anspruch ernst meint, im digitalen Zeitalter mitzuspielen, dann muss es die Komfortzone verlassen, weniger Ethikräte, mehr Serverparks. Weniger Pressekonferenzen, mehr Maschinenräume. Weniger politische Selbstbeweihräucherung, mehr unternehmerische Freiheit. Andernfalls bleibt nur das, was Deutschland seit Jahren perfektioniert hat, das Schreiben großartiger Zukunftspläne, die am Ende niemand liest, weil die Zukunft längst anderswo gebaut wird.
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