Europa

Hightech reden, Steinzeit liefern – Europas und Deutschlands peinlicher Absturz

Europa hält sich immer noch für die Wiege der Ingenieure, der Normen und der Präzision, ein bisschen auch für den Erwachsenen im Raum, der den anderen erklärt, wie „verantwortungsvoll“ man mit Technik umgeht. Deutschland erzählt sich parallel die Mär vom Land der Dichter, Denker und Tüftler, das zwar langsam, aber dafür gründlich und am Ende natürlich „besser“ baut als der Rest der Welt. Während diese Selbstbeweihräucherung läuft, hat der Rest der Welt längst das Licht ausgemacht, den Bahnhof verlassen und fährt mit 320 km/h Richtung Zukunft. Der berühmte „Zug“ steht nicht irgendwo im Nebengleis und wartet geduldig auf uns, er ist weg. Was hier unter dem Etikett „Transformation“ verkauft wird, ist nichts weiter als das disziplinierte Verwalten eines Rückstands, der in mehreren Schlüsselbereichen schlicht nicht mehr aufzuholen ist. Man kann sich darüber ärgern, oder man lehnt sich zurück, schaut auf die nackten Fakten und gönnt sich eine ehrliche Portion Schadenfreude über eine Elite, die nicht einmal mehr merkt, wie grotesk ihr eigenes Selbstbild geworden ist.

Fangen wir beim Fundament an, dort, wo ein „Hochtechnologiestandort“ wenigstens ein bisschen glänzen müsste, digitale Infrastruktur. In Deutschland hängt immer noch ein halbes Land an Kupferleitungen, als wäre DSL der letzte Schrei geblieben. Glasfaser bleibt ein exotisches Luxusgut, das man in Werbebroschüren bewundert, aber besser nicht in der Realität anfasst, weil irgendwo garantiert ein Zuständigkeitsformular fehlt. Mobilfunk ist ein Abenteuer, Autobahnen sind Funklöcher mit Asphalt und wer mit dem Zug fährt, lernt das Hobby „Edge“ lieben. Gleichzeitig redet die Politik von KI, Cloud, digitaler Industrie und „Datenökonomie“, als stünde im Hintergrund schon das Rechenzentrum der Zukunft bereit. Die Wahrheit ist, man hat über Jahrzehnte die Basis versaut und wundert sich nun mit ernsthaftem Gesicht, warum oben nichts Wachstumswunder spielt. Der Rest der Welt schaut sich das an und fragt sich, wie man mit so wenig Leistungswillen so viel Arroganz produzieren kann.

Beim Thema künstliche Intelligenz wird es endgültig absurd. Während in den USA und China seit Jahren gewaltige Summen in KI fließen, Modelle trainiert, skaliert und in echte Produkte gegossen werden, beschäftigt sich Europa mit der Frage, ob ein Chatbot vielleicht zu frech sein könnte. In Brüssel werden Ethikleitlinien, „vertrauenswürdige KI“-Papierchen und Regelwerke in Serie produziert. Man hat ganze Gremien gebaut, die sich hauptberuflich Sorgen machen. Währenddessen veröffentlichen chinesische Firmen Sprachmodelle, die auf vergleichsweise geringer Rechenleistung laufen, aber auf Augenhöhe mit westlichen Topmodellen agieren. Entwickler dort passen diese Modelle an, bauen neue Dienste, skalieren Plattformen, hierzulande kündigt ein Minister an, man werde jetzt „auch mal KI ausprobieren“, natürlich „im Rahmen der europäischen Werte“. Der Rest der Welt lacht, nicht weil er keine Werte hätte, sondern weil er es sich leisten kann, die Technik zuerst zu bauen und danach zu diskutieren. Europa versucht den umgekehrten Weg und bleibt entsprechend im Konjunktiv stecken.

In der physischen Welt sieht es nicht besser aus, autonomes Fahren ist die perfekte Studie in europäischer Selbstblockade. Die Technik ist da, die Sensoren sind da, die Algorithmen sind da, die Testfahrzeuge sind da, was fehlt, ist der Wille, irgendetwas davon tatsächlich fahren zu lassen. Regulierungslogik ist, alles so formulieren, dass möglichst nichts passiert, was später politisch peinlich sein könnte. Fahrer muss immer „in letzter Instanz“ verantwortlich bleiben, bloß nichts zu früh zulassen, bloß keine klaren Rahmenbedingungen schaffen, die tatsächlich Innovation erzwingen. In China fahren Robotaxis längst im Regelbetrieb durch Metropolen, im ÖPNV sind autonome Shuttles nicht mehr Science Fiction, sondern Alltag, dort ringt man nur noch mit Fragen der Skalierung. Hier rangelt man um Formulierungen in der StVO. Die chinesischen Ingenieure schauen rüber und sehen einen Kontinent, der technische Demonstratoren baut, um auf Messen hübsche Videos zu zeigen. Danach kommt das Auto wieder in die Garage, weil jemand im Ministerium die Risikoprämie für die Wiederwahl nicht einkalkulieren kann.

Beim Nahverkehr setzt sich der Slapstick fort. China hat das längste Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt gebaut, mehr als zehntausende Kilometer Schnellfahrstrecke, die große Teile des Landes verbinden. Europa besitzt zwar auch Schnellstrecken, aber in der Summe ist das, gemessen an der eigenen Größe und am Anspruch, eher Regionalexpress als Hochgeschwindigkeit. Deutschland hat große Debattenkultur, wenn es um neue Trassen geht. Bürgerinitiativen gegen jeden Meter Schiene, Planungen, die Jahrzehnte dauern, marode Stellwerke, Signalstörungen als Oberbegriff für alles. Während in China darüber diskutiert wird, ob man zwischen zwei Metropolen die zweite oder dritte Schnellverbindung baut, diskutiert Deutschland darüber, ob eine Fahrzeitverkürzung von 18 Minuten überhaupt „gesellschaftlich sinnvoll“ ist. Auf der Landkarte sieht man den Unterschied zwischen einem Land, das Zukunft baut, und einem Kontinent, der seine Vergangenheit pflegt.

Beim Thema Energie wird es fast schon tragikomisch, Europa inszeniert sich als moralischer Vorreiter der Energiewende, als strahlendes Beispiel für „grüne Transformation“. Die Realität ist, dass China Jahr für Jahr mehr Solarkapazität zubaut als Europa sich in seinen kühnsten Szenarien zutraut. Wind, Solar, Batterien, ganze Fabriken für erneuerbare Technologien, exportiert in alle Himmelsrichtungen. Natürlich gibt es dort auch Kohle, natürlich sind die Verwerfungen enorm, aber technisch und industriell passiert eben genau das, wovon Europa nur redet. Hier scheitern Windparks an Abstandsregeln, Bürgerprotesten und Behörden, die akribisch prüfen, ob der Schattenwurf eines Rotorblattes möglicherweise eine seltene Käferart verstören könnte. Dort wird entschieden, gebaut, angeschlossen, aber Europa hält sich die eigene Klima-Rhetorik wie einen emotionalen Trostpreis vor die Nase. Man erhebt den Zeigefinger, während man faktisch die Industriebasis für erneuerbare Technik an genau jene Länder abtritt, von denen man sich im moralischen Tonfall distanziert. Die Ironie ist so dick, dass man sie in Kisten exportieren könnte.

Dann Indien, in vielen europäischen Köpfen immer noch abgespeichert als Land von IT-Callcentern und überfüllten Zügen. Die Realität ist, ein biometrisches Identitätssystem für über eine Milliarde Menschen, das als Schlüssel dient für staatliche Leistungen, Bankkonten, Mobilfunk, alles digital verknüpft. Darauf ein offener digitaler Stack, mit dem man in Echtzeit bezahlt, Verträge abschließt, Dienste nutzt. Das nationale Bezahlsystem UPI wickelt einen gewaltigen Anteil der weltweiten Echtzeit-Zahlungen ab, von der Straßenecke bis zum Onlinehandel. Während sich deutsche Mittelständler durch proprietäre Kartenterminals, Schnittstellenhölle und Steuerberatung kämpfen, hält in Indien der Straßenverkäufer sein Handy hin, die Zahlung rauscht durch und ist im System. Indien exportiert diese Plattform inzwischen nach Afrika, baut Kooperationen mit Staaten auf, die gleich auf die digitale Schiene springen, während Europa noch darüber staunt, dass man mit dem Smartphone bezahlen kann, ohne es einem amerikanischen Konzern zu schenken. Wer sich das nüchtern anschaut, kommt gar nicht drum herum, eine gewisse hämische Freude zu verspüren, das „Bildungsland Europa“ lässt sich von einem Land abhängen, das man jahrzehntelang gönnerhaft als Nachzügler behandelt hat.

Selbst Russland, das man in Europa am liebsten nur als Negativfolie wahrnimmt, erzählt technisch eine unbequeme Geschichte. Unter massivem Sanktionsdruck hat der Staat gezwungenermaßen angefangen, ausländische Software zurückzudrängen und mit aller Gewalt eine eigene IT-Landschaft aufzubauen. Das ist nicht hübsch, das ist nicht immer effizient und langfristig ist das ökonomisch hochriskant, aber es zeigt, was passiert, wenn ein Land sich gezwungen sieht, technologische Eigenständigkeit mit Zähnen und Klauen zu erzwingen. Parallel entwickelt Russland im militärischen Bereich Drohnen, Störtechnologie und elektronische Kriegsführung in einem Tempo, das westliche Armeen nach Jahren der Selbstzufriedenheit eiskalt erwischt. Das alles muss man nicht gutheißen, im Gegenteil, aber es ist ein Spiegel. Ein politisch und moralisch schwer angeschlagenes Land schafft es, in Teilbereichen technologisch Druck aufzubauen, während Europa sich in seinen eigenen Verfahren verheddert. Auch das ist ein Grund, warum anderswo gelacht wird, nicht, weil Krieg witzig wäre, sondern weil Europas politische Klasse nicht einmal im Angesicht schriller Weckrufe in der Lage ist, die eigene Behäbigkeit zu durchbrechen.

Der Kern des Problems ist brutal simpel, Europa hat immer noch die Wahl. Es könnte konsequent umbauen, Entscheidungen treffen, Risiken eingehen, stattdessen leistet es sich den Luxus, Zeit zu verplempern. Man kann sitzen bleiben, debattieren, Ethikpapiere schreiben, Zuständigkeiten klären, Zustimmungen einholen, Bedenkenträger einladen. Das Ergebnis ist kein humaner, kluger Sonderweg, sondern ein liebevoll verwalteter Rückstand. Die nackte Wahrheit, Bestimmte Züge sind abgefahren. Europa wird in diesem Jahrzehnt keine globale Echtzeit-Zahlungsplattform bauen, die mit den Systemen Indiens konkurriert. es wird kein zusammenhängendes Schnellbahnnetz schaffen, das mit China vergleichbar wäre. Es wird im Bereich großer KI-Grundmodelle nicht mehr zu den Taktgebern gehören, sondern sich mit der Rolle des Lizenznehmers, Integrators und Regulierers abfinden müssen, der versucht, den Schaden für die eigene Wirtschaft zu begrenzen. „Technologische Souveränität“ bedeutet realistisch betrachtet, dass man hofft, noch genug eigenes Know-how zu behalten, um fremde Systeme überhaupt verstehen und sicher einbinden zu können.

Für die arroganten Akteure in Politik und Verbänden ist das die eigentliche Katastrophe. Sie haben sich so lange eingeredet, Vorbild zu sein, dass sie gar nicht mehr merken, wie weit hinten sie inzwischen laufen. Sie sind blind für den eigenen Status, wollen die Realität gar nicht sehen, weil die Konsequenzen unangenehm wären. Also reden sie weiter von „Chancen der Digitalisierung“ und „Führungsrolle in der KI“, während sie im globalen Ranking schon aus dem Bild gerutscht sind. Sie schaden damit nicht nur der eigenen Glaubwürdigkeit, sie sabotieren die Zukunft ihrer Gesellschaft, weil sie jede schonungslose Bestandsaufnahme als Majestätsbeleidigung empfinden. Der Rest der Welt schaut zu, schüttelt den Kopf und lacht, absolut berechtigt.

Für meine Leser bleibt nur ein Schritt, der wirklich erwachsen wäre, Abschied von der Illusion, Europa sei „nur gerade etwas langsamer“. Dieser Kontinent ist in zentralen Technologiefeldern nicht mehr auf der Überholspur, sondern wird überholt, mehrfach, von links und von rechts. Wer immer noch glaubt, der sagenhafte deutsche Ingenieurgeist werde das schon richten, klammert sich an eine Folklore, die von denselben Leuten gepflegt wird, die uns in diese Lage hineingezaudert haben. Die bittere Diagnose lautet nicht, dass alles verloren ist, sie lautet, dass bestimmte Felder verloren sind. Zug abgefahren, aus die Maus. Die ehrliche Benennung dieser Realität wäre der erste wirklich moderne Schritt Europas seit Jahrzehnten. Solange man den eigenen Rückstand lieber verkleidet und moralisch aufpumpt, bleibt Europa das, was es längst geworden ist. Ein Kontinent der langen Reden, der wohlmeinenden Papiere und der verpassten Chancen, während anderswo die Zukunft gebaut wird und ja, es fällt schwer, dabei keine Spur von Schadenfreude zu empfinden.

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