Heinz Rühmann am Pranger – wie feige Moralverwalter unsere toten Filmgrößen nachträglich schänden
Heinz Rühmann als Beute einer hysterischen Republik. Wie Funktionäre, Imageverwalter und Blasenmenschen unsere Toten umerziehen
Es gibt Momente, da schäme ich mich nicht für dieses Land im Allgemeinen, sondern ganz konkret für bestimmte Menschen, die hier Verantwortung tragen, gerade ist wieder so ein Moment. Wenn tote Filmgrößen wie Heinz Rühmann posthum moralisch abgeräumt werden, als wären sie gefährliche Zeitbomben im Keller der Republik, dann hat das nichts mehr mit Aufarbeitung, Anstand oder Demokratie zu tun, das ist geistige Körperverletzung am kulturellen Gedächtnis und ein Kunststück aus Feigheit, Opportunismus und Selbstinszenierung.
Heinz Rühmann ist tot, seit Jahrzehnten, er dreht keine Filme mehr, er gibt keine Interviews, er gründet keine Parteien. Er liegt im Grab, während ein Trupp selbsternannter Hüter der reinen Lehre über seine Biografie herfällt und ihn zur Projektionsfläche der eigenen moralischen Neurosen macht. Nach all den Jahren wird er jetzt noch einmal vors Tribunal gezerrt, um ihm ein paar Ehrenmedaillen abzunehmen, die ihn im Tod so brennend interessieren wie der Wert von Netflix-Aktien.
Wer tut das, wer denkt sich diesen Schwachsinn aus. Es sind keine Aliens, keine finsteren Weltverschwörer, keine Dämonen aus der Unterwelt, es sind ganz langweilige, sehr reale Gestalten aus unserem ganz irdischen Apparat und genau diese Normalität macht es so abstoßend.
Da wäre als erstes die Funktionärskaste in Verbänden und Gremien. Diese Leute leben zwischen Sitzungssaal, Geschäftsordnung und PowerPoint, ernähren sich von Fördergeldern und Mitgliedsbeiträgen und bewegen sich moralisch immer exakt in der Zone, in der der Applaus garantiert und das Risiko minimal ist. Wenn dann eine Studie auf den Tisch knallt, die alte Preisträger mit der NS-Zeit verbindet, sehen sie keine Chance zur ehrlichen Auseinandersetzung, sondern eine Bühne. Die Bühne, auf der sie sich endlich als „klare Kante gegen Rechts“ inszenieren können, ohne auch nur eine Sekunde in der realen Gegenwart Gefahr zu laufen.
Anstatt die Ergebnisse ernsthaft zu diskutieren, anstatt Biografien in ihrer Widersprüchlichkeit zu zeigen, entscheiden sie sich für das billigste Signal. Man entscheidet feierlich, dass man jetzt Toten Auszeichnungen aberkennt, man macht aus einem Blechorden eine moralische Atombombe, aus einer nachgereichten Pressemitteilung ein „historisches Zeichen“. Die Funktionäre haben ihren Akt, ihre Überschriften, ihre Kommissionen, ihre Pseudo-Katharsis. Die Toten haben Ruhe, nur die Öffentlichkeit hat wieder ein Stück weniger Klarheit.
Die nächste Gruppe ist noch unerträglicher, weil sie seriös tut und dabei nichts anderes produziert als Dauernebel, die hauptberuflichen Imageverwalter in Sendern, Verbänden, Kultureinrichtungen. Pressestellen, Social-Media-Teams, „Public-Value“-Abteilungen, Diversity-Beauftragte im Dauereinsatz, Menschen, deren Job nicht Wahrheit, Kunst oder Streit ist, sondern Risikominimierung. Ihr Beruf besteht darin, immer genau dort aktiv zu werden, wo es keine echten Gegner gibt, tote Schauspieler, alte Filme, Mediatheken, Vergangenheitsfragmente.
Alte Sendung mit fragwürdigen Szenen, alter Film mit Klischees, Karneval aus den Siebzigern, Otto aus den Achtzigern. Zack, Hinweis drauf, Triggerwarnung davor, Kontexttafel dahinter, alles fein etikettiert, alles abgeschirmt, alles unter Aufsicht. Das Publikum wird behandelt wie eine Horde labiler Unmündiger, die schon durch eine blöde Szene aus dem Tritt ins Leben gerät. Die Bildschirme werden zu sterilen Sicherheitsräumen, in denen nichts mehr passieren darf, was irritiert, weil niemand den Zuschauern mehr zutraut, selbst zu denken.
Solange man auf diesem Feld herumturnt, ist man auf der sicheren Seite, Tote protestieren nicht, alte Aufzeichnungen rufen nicht an und beschweren sich. Es gibt keine Anzeigen, keine Anwälte, keine Gegenwehr, also wird dort der große moralische Hammer geschwungen, weil er in der Gegenwart viel zu selten benutzt wird. Lebende Extremisten, reale Gewalt, organisierte Kriminalität, offene Judenfeindlichkeit auf der Straße, all das ist anstrengend, schmutzig, gefährlich. Heinz Rühmann ist dagegen ungefähr so riskant wie ein Teelicht im Badezimmer.
Dann gibt es das akademisch-aktivistische Milieu, diese politisch hyperkorrekten Blasenwesen, die unsere Diskurse inzwischen dominieren, ohne zu merken, wie realitätsfern sie geworden sind. Menschen, die sich durch Seminare, Panels, Hashtags und Unterzeichnerlisten sozialisiert haben und ernsthaft glauben, Erinnerungskultur sei eine Art moralische Software, die man nach jedem Update wieder sauber installieren muss. Für sie ist es vollkommen logisch, einen Film von 1940 ausschließlich an der Werte-Skala von 2025 zu messen und bei Abweichung nicht etwa nachzudenken, sondern zu sanktionieren.
Es ist ihnen lieber, eine Szene mit Warnhinweis zu versehen, als sie zum Ausgangspunkt einer harten, ehrlichen Debatte zu machen. Sie wollen keine reife Auseinandersetzung mit Widersprüchen, sie wollen die reizarme Zone, in der alles in „richtig“ und „falsch“ markiert ist, eine Welt mit Kärtchen, Ampeln, Hinweistafeln. Die Vergangenheit wird zur Spielwiese der Gegenwart, geordnet nach den aktuell gültigen Etiketten. Wer da nicht mitmacht, landet schneller im Verdachtskasten als man „Kontext“ aussprechen kann.
Und schließlich die feigen Mitläufer in der Mitte des Apparats, die vielleicht noch ein vages Unbehagen verspüren, aber schon lange keinen Mut mehr haben. Redakteure, Intendanten, Kulturdezernenten, die bei einem Glas Wein durchaus sagen würden, dass sie das alles für überzogen halten. Wenn dann die nächste Erklärung, der nächste Maßnahmenkatalog, die nächste „Positionierung“ auf den Tisch kommt, unterschreiben sie trotzdem. Schadet ja nichts, klingt ja gut, macht uns unangreifbar, die Bequemlichkeit ist größer als jede innere Regung.
Diese Figuren sind es, wegen denen ich mich fremdschäme. Nicht für „die Deutschen“, nicht für „den Westen“, sondern für eine sehr konkrete Sorte Mensch, die sich selbst für moralisch hochgerüstet hält und gleichzeitig unfähig ist, mit der eigenen Geschichte erwachsen umzugehen. Sie spielen starken Widerstand auf dem Friedhof, während sie sich in der Gegenwart klein machen. Sie inszenieren moralische Strenge gegenüber Toten, während sie lebenden Problemen ausweichen.
Dass ausgerechnet Heinz Rühmann dafür herhalten muss, ist kein Zufall. Rühmann steht für dieses alte Schwarzweiß-Deutschland, für Humor, für „Pfeiffer mit drei f“, für Figuren, mit denen Millionen aufgewachsen sind. Wer es schafft, so einen nachträglich kritisch zu markieren, die Medaillen abzuziehen, Kontexte darum zu wickeln und ihn in eine halb geduldete, halb beschämte Erinnerungsecke zu stellen, der beweist sich und anderen, wir können es. Wir sind so konsequent, wir gehen sogar an die Volksikonen, nicht an reale Machtzentren, nicht an heute einflussreiche Netzwerke, sondern an jemanden, der ganz sicher nicht zurückschlägt.
Ich empfinde dabei keine Bewunderung, sondern Ekel. Ekel vor dieser flächendeckenden Verlogenheit, die sich in die Sprache von demokratischer Verantwortung, sensibler Erinnerungskultur und entschlossener Haltung kleidet. Ekel vor Menschen, die sich hinter warmen Begriffen verstecken, während sie in Wirklichkeit an einer flächendeckenden Infantilisierung des Publikums arbeiten. Ekel vor Gremien, die sich selber beklatschen, wenn sie Toten Ehrenzeichen abnehmen, gleichzeitig aber kläglich versagen, wenn es darum geht, lebenden Fanatikern in den Arm zu fallen.
Das ganze Spiel hat noch eine hässliche Nebenwirkung. Wer so mit der Vergangenheit umspringt, der bereitet die nächste Runde dieser Läuterungsorgie schon vor. Die heutigen Stars, die heutigen Preisträger, die heutigen Intendanten werden in dreißig oder fünfzig Jahren selbst auf dem Seziertisch liegen, dann wird jemand anderes die moralische Mode der Zukunft an sie anlegen und feststellen, dass sie versagt haben. Falsche Gäste eingeladen, falsche Sätze gesagt, falsche Themen gesetzt und wieder werden irgendwelche Funktionäre und Blasenmenschen irgendwo in Sitzungen sitzen und entscheiden, wem man rückwirkend die Abzeichen abnimmt, um sich selbst reinzuwaschen.
So entsteht eine Kultur, die nicht erinnern will, sondern löschen, eine Kultur, die nicht einordnet, sondern etikettiert. Eine Kultur, die weniger Interesse an Wahrheit hat als an der permanenten Pflege des eigenen Selbstbildes. Alles muss sauber sein, glatt, unbedrohlich. Am Ende bleibt ein steriler Museumsraum, in dem man sich seine Vergangenheit nur noch durch Plexiglas anschaut, begleitet von erklärenden Texten, die einem prophylaktisch sagen, was man zu fühlen hat.
Ich weigere mich, das als Fortschritt zu akzeptieren, ich sehe darin keine Stärke, sondern pure Schwäche. Wer sich an Toten abarbeitet, hat Angst vor den Lebenden. Wer Medaillen aus der Vergangenheit poliert und verteilt oder wieder einsammelt, will nicht aufklären, sondern sich selbst bescheinigen, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer das Publikum mit Warnhinweisen und Kontexttafeln behandelt, traut ihm nicht zu, allein zu denken.
Dass ich mich für diese Leute schäme, ist keine Übertreibung, es ist eine sehr klare Reaktion auf eine Klasse von Verantwortlichen, die ihre Aufgaben verraten. Sie sollten Kultur schützen, nicht frisieren, sie sollten Geschichte erklären, nicht framen, sie sollten Bürger ernst nehmen, nicht erziehen. Stattdessen nerven sie die Toten, um bloß nicht mit den Lebenden in Konflikt zu geraten.
Heinz Rühmann wird von alledem nichts mehr mitbekommen. Er bleibt, was er war, ein großartiger Schauspieler, ein Mann mit einer Biografie in einer Diktatur, ein Künstler mit Widersprüchen. Es wäre unsere Aufgabe, das auszuhalten und zu erklären. Wir tun es nicht, wir erklären ihn lieber zum Problem, damit wir uns selbst als Lösung inszenieren können.
Ich schäme mich nicht für ihn, ich schäme mich für jene, die sich an ihm vergreifen, um sich selbst im Licht der eigenen Moralität zu sonnen. Diese Menschen sind nicht der Beweis dafür, dass wir aus der Geschichte gelernt haben, sie sind der Beweis dafür, dass man auch aus der Geschichte eine Bühne für seinen Egozirkus machen kann. Und genau das, dieser selbstzufriedene, feige Zirkus, ist mein absoluter Aufreger dieser Woche.
