E bus berlin

Elektrobus-Euphorie auf Rissen in Berlin
Vom Zukunftsversprechen zum Stillstand im Betriebshof

Manchmal ist Distanz ein Geschenk, seit Dezember 2019 arbeite ich nicht mehr bei den Berliner Verkehrsbetrieben, ich bin nach Bulgarien ausgewandert. Aus dieser gesunden Entfernung betrachtet wirkt das Berliner E-Bus-Drama nicht mehr tragisch, sondern entlarvend. Es ist das Lehrstück eines politischen und industriellen Totalversagens, sauber verpackt in grüne Worthülsen und feuchte Pressefotos.

Ich habe den Anfang erlebt, nicht vom Rand, nicht vom Podium, sondern vom Fahrersitz. Von 2015 auf der Linie 204 mit vier Elektrobussen, groß angekündigt und als technologischer Quantensprung verkauft. Ich bin sie vom ersten Tag an als Stammfahrer gefahren. Die Politik jubelte, die PR trommelte, Berlin erklärte sich zur Zukunftshauptstadt. In der Praxis fuhren wir ein Experiment mit offenem Ausgang. Schon damals war klar, dass hier nicht Ingenieurskunst regierte, sondern politischer Wunschzettel.

Heute, gut zehn Jahre später, ist aus dem Wunschzettel eine Schadensliste geworden. Dreißig Prozent der E-Busse fallen aus. Neunzig Fahrzeuge stehen herum, weil ihre Rahmen Haarrisse haben. Haarrisse in Bussen die täglich Tonnen bewegen, Bordsteine küssen und im Winter bei Minusgraden funktionieren sollen. Das ist kein Kinderfehler, das ist ein Offenbarungseid. Der Hersteller Ebusco hat der BVG rollende Versprechen geliefert, die offenbar nicht einmal dem Berliner Winter standhalten. Wer so etwas ausliefert, hat entweder nicht getestet oder nicht verstanden, was öffentlicher Nahverkehr bedeutet.

Und die Politik? Die stand damals schon mit glänzenden Augen daneben. 2022 ließ man sich wieder feiern, diesmal mit noch größeren Zahlen, noch längerer Reichweite, noch mehr Pathos. Volker Wissing auf dem Podium, Zukunftsreden inklusive. Heute stehen diese Zukunftsbusse still, und dieselbetriebene Oldtimer müssen weiterfahren, um den Laden irgendwie am Leben zu halten. Das ist keine Transformation, das ist Improvisation auf Kosten der Realität.

Die BVG mietet inzwischen Busse an, weil sie ihren eigenen Betrieb nicht mehr abgesichert bekommt. Ersatzverkehr mit Leihfahrzeugen, während man jahrelang von der großen elektrischen Wende fabuliert hat. Gleichzeitig verschiebt man die vollständige Umstellung erst auf 2035, dann relativiert man sie auf achtzig oder neunzig Prozent. Das ist kein Plan, das ist das rhetorische Zurückrudern einer Institution die sich von politischen Vorgaben hat überfahren lassen.

Besonders grotesk wird es beim Thema Infrastruktur. Man wollte tausende E-Busse, hat aber vergessen, rechtzeitig Betriebshöfe zu bauen. Jetzt heißt es, die Verzögerungen seien der eigentliche Grund für das Scheitern. Das ist ungefähr so glaubwürdig, als würde man ein sinkendes Schiff auf fehlende Rettungsringe schieben. Wer ein System umbaut, ohne die Basis mitzudenken, handelt nicht visionär sondern fahrlässig.

Als Fahrer habe ich das alles früh gespürt. Technik, die zickt, Reichweiten die auf dem Papier existieren. Lösungen, die nur funktionieren, wenn Wetter, Strecke und Tagesform mitspielen. Heute sehe ich aus Bulgarien zu und denke mir, genau so musste es kommen. Wenn Politiker Mobilität wie ein Wahlplakat behandeln und Hersteller Busse wie Prototypen ausliefern, endet das nicht in Fortschritt, sondern im Depot.

Das Berliner E-Bus-Projekt ist kein unglücklicher Einzelfall. Es ist das Musterbeispiel dafür wie Ideologie, Inkompetenz und industrielle Schönfärberei zusammenwirken. Am Ende zahlen Fahrgäste, Fahrer und Steuerzahler die Rechnung und die Verantwortlichen erklären uns mit ernster Miene, dass man aus den Fehlern lernen werde.

Ich habe diese Zukunft 2015 gefahren, sie fühlte sich damals schon falsch an. Heute steht sie still, mit Rissen im Rahmen. Passender kann ein Symbol kaum sein.

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