Dobrudscha, Windkraft und Wirklichkeit – Was an der Behauptung vom „gigantischen Windpark“ stimmt und was nicht
Wer derzeit Texte über die Dobrudscha und einen angeblich geplanten Mega-Windpark liest, bekommt schnell den Eindruck als stünde die bulgarische Kornkammer unmittelbar vor einer vollständigen industriellen Überformung durch exakt 100 fast Eiffelturm-hohe Windräder. Das klingt gewaltig, alarmiert viele Menschen sofort und ist genau deshalb ein Fall, bei dem man sauber zwischen belegbaren Fakten, zugespitzter Deutung und vermischten Projektständen unterscheiden muss. Denn ja, es gibt in Nordostbulgarien reale und sehr große Windkraftvorhaben. Nein, die oft kolportierte Aussage ist in dieser pauschalen Form so nicht präzise.
Der wichtigste belastbare Kern ist schnell benannt. Im Raum General Toshevo in der Dobrudscha gibt es ein dokumentiertes Projekt von WPD Wind 1, über das seit 2024 intensiv gestritten wird. Nach den veröffentlichten Angaben geht es dort um die Zusammenführung älterer Planungen zu einem Vorhaben mit insgesamt 70 Anlagen. Gleichzeitig beantragte das Unternehmen statt bisher kleinerer Maschinen künftig Turbinen mit bis zu 10 Megawatt zuzulassen, die bis zu 300 Meter Gesamthöhe erreichen könnten. Das ist keine Erfindung und auch kein Internetmärchen, sondern ein real beschriebenes Vorhaben mit einer Größenordnung die für bulgarische Verhältnisse tatsächlich enorm ist.
Genau an dieser Stelle beginnt aber die erste Verzerrung. In vielen zugespitzten Darstellungen wird aus diesem belegten 70-Anlagen-Projekt plötzlich ein angeblich feststehender Plan für 100 Turbinen. Für das aktuell am klarsten dokumentierte WPD-Vorhaben ist diese Zahl so nicht belegt, die derzeit greifbare wiederholt genannte Zahl lautet 70. Wer also behauptet in der Dobrudscha seien jetzt sicher 100 dieser 300-Meter-Anlagen in genau diesem Projekt beschlossen, vermischt nach heutigem Stand unterschiedliche Vorgänge oder macht aus einer alten Zahl eine aktuelle Gewissheit.
Hinzu kommt, dass in Nordostbulgarien nicht nur ein einziges Windprojekt im Raum steht. Ein weiteres großes Vorhaben ist Dobrotich Wind in den Gemeinden Valchi Dol und Vetrino. Dort spricht das Projekt selbst von einer Größenordnung von rund 519 Megawatt. Andere Berichte zum selben Projekt nennen für die zuletzt veränderte Fassung 74 Turbinen statt der früher häufiger zitierten noch größeren Vollausbaustufen. Schon diese Parallelität zeigt, wie schnell in sozialen Medien und aufgeregten Texten Zahlen aus verschiedenen Projekten durcheinandergeraten. Am Ende klingt dann alles nach einem einzigen monströsen Plan, obwohl in Wirklichkeit mehrere Verfahren, mehrere Standorte und unterschiedliche Projektphasen nebeneinander existieren.
Auch die oft genannte Leistungsrechnung wird häufig schlampig dargestellt. Wenn beim WPD-Projekt von 70 Turbinen mit einer möglichen Obergrenze von 10 MW je Anlage die Rede ist, dann liegt die rechnerische Maximalgröße bei 700 MW, nicht automatisch bei 1000 MW. Medienberichte verweisen zudem darauf, dass das Vorhaben von ursprünglich rund 210 MW auf mehr als 400 MW anwachsen könnte. Das ist groß, sehr groß sogar. Aber es ist etwas anderes, ob man eine theoretische technische Obergrenze nennt, eine mögliche Ausbaustufe beschreibt oder ein bereits fest beschlossenes Kraftwerksäquivalent behauptet. Genau diese Unterschiede gehen in empörten Texten oft verloren.
Wer die Sorgen der Menschen in der Region deshalb vorschnell als Panikmache abtut, macht es sich allerdings ebenso zu einfach. Die Dobrudscha ist nicht irgendeine freie Fläche ohne Bedeutung. Die Region gilt seit langem als landwirtschaftlich zentral und in General Toshevo stellte sich der Gemeinderat 2024 ausdrücklich gegen Windkraftanlagen auf fruchtbaren Böden. Die offizielle Begründung aus der kommunalen Debatte war gerade nicht bloß ein diffuses Bauchgefühl, sondern die Sorge um den Schutz fruchtbarer Ackerflächen in einer traditionell agrarisch geprägten Gegend. Der Konflikt ist also real und politisch längst offen ausgebrochen.
Ebenso wenig ist der ökologische Einwand einfach aus der Luft gegriffen. In aktuellen Unterlagen der Umweltbehörden aus Varna wird das laufende Verfahren mit Blick auf mehrere Schutzgebiete betrachtet, darunter Kaliakra, Belite Skali und Kraymorska Dobrudzha. Allein das zeigt, dass Fragen des Natur- und Vogelschutzes im Umfeld solcher Projekte keine erfundene Nebensache sind, sondern Teil der offiziellen Prüfung. Das bedeutet noch nicht automatisch, dass ein Projekt unzulässig ist. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Lage fachlich sensibel ist und die Folgen nicht mit dem üblichen Werbesatz vom „harmlosen grünen Fortschritt“ weggewischt werden können.
Die seriöse Einordnung lautet deshalb, in der Dobrudscha gibt es tatsächlich Windkraftvorhaben von außergewöhnlicher Dimension. Beim aktuell prominent diskutierten Projekt im Raum General Toshevo sind 70 Turbinen, bis zu 10 MW pro Anlage und bis zu 300 Meter Höhe belastbar genannt. Daraus lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass dort ein Eingriff mit erheblicher landschaftlicher, politischer und ökologischer Tragweite zur Debatte steht. Was man dagegen nicht seriös behaupten sollte, ist die pauschale Formel es seien bereits sicher 100 solcher Anlagen in genau dieser Form gesetzt. Diese Zahl ist in den derzeit greifbaren Unterlagen zum zentralen WPD-Fall nicht der belastbare Kern, sondern eine Verkürzung die eher Verwirrung schafft als Aufklärung.
Für Leser, die zwischen Alarmismus und Beschwichtigung genug haben bleibt damit eine einfache Wahrheit. Die Lage ist ernst genug, auch ohne Übertreibung. Man muss nichts aufblasen um zu erkennen, dass hier über mehr verhandelt wird als nur über ein paar moderne Windräder. Es geht um die Frage, wie weit eine industrialisierte Energiewende in einer landwirtschaftlich sensiblen Region reichen darf, wer darüber entscheidet und ob politische Begeisterung für erneuerbare Energie am Ende dieselben blinden Flecken produziert wie jene alte Fortschrittsgläubigkeit, die immer erst baut und erst danach fragt, was sie zerstört hat.
