Direkt aus China oder teuer umgelogen – Wie der deutsche Handel Moral predigt und dieselbe Ware mit Mega-Marge verkauft
Wer heute noch glaubt, Temu und Co. wären das moralische Endstadium des Konsumverfalls, während der deutsche Handel tapfer die Fahne der Qualität und Verantwortung hochhält, hat seine Weltsicht komplett an der Ladentheke abgegeben. Das Narrativ ist bequem, eingängig und vor allem nützlich für jene, die seit Jahrzehnten hervorragend davon leben, denselben Kram mit Aufschlag zu verkaufen und sich dabei als Hüter westlicher Werte zu inszenieren. Der Bösewicht kommt aus China, der Retter sitzt im Einzelhandelsverband. Ein Märchen, wie gemacht für Erwachsene, die sich nicht mit Lieferketten beschäftigen wollen.
Die zentrale Lüge lautet, Ware aus China sei grundsätzlich minderwertig, gefährlich, unethisch und irgendwie schmutzig. Das Problem dabei ist nur, dass fast alles, was der deutsche Handel verkauft, aus China kommt, nicht ein bisschen, nicht am Rand, sondern im Kern. Elektronik, Haushaltswaren, Textilien, Werkzeug, Dekoration, Spielzeug. Wer sich ernsthaft einredet, dass ein USB Kabel aus dem Elektronikmarkt moralisch reiner sei als eines von Temu, weil es in einer bedruckten Schachtel liegt, verwechselt Verpackung mit Ethik. Das Kabel selbst lacht sich derweil im Container schlapp, weil es seinen Zwilling für den fünffachen Preis gleich nebenan liegen sieht.
Der deutsche Handel erzählt gerne, Temu verkaufe Kopien, in Wahrheit verkauft Temu häufig Originale. Originale im wörtlichen Sinn, direkt aus der Fabrik, ohne Umweg über Marketingabteilungen, Zwischenhändler, Handelsvertreter, Messeauftritte und Rabattaktionen, die vorher einkalkuliert wurden. Das eigentliche Geschäftsmodell vieler Händler besteht nicht darin, bessere Produkte anzubieten, sondern dieselben Produkte mit Geschichte zu versehen. Qualität, Sicherheit, Verantwortung, drei Worte, die zuverlässig wirken, auch wenn sie im konkreten Produkt nicht messbar sind.
Besonders grotesk wird es, wenn Händler plötzlich den Arbeiter in China entdecken, Jahrzehntelang kein Thema, keine Transparenz, kein Interesse, keine moralische Erweckung. Aber kaum bestellt der Kunde selbst direkt, wird der chinesische Produzent zum Opfer erklärt, das man leider nicht unterstützen dürfe. Das ist keine Sorge um Menschenrechte, das ist beleidigte Marktlogik. Der Produzent war gestern noch gut genug, solange er still lieferte und der Gewinn hier blieb. Heute ist er problematisch, weil er den Zwischenhandel überflüssig macht.
Die Wahrheit ist banal und deshalb so gefährlich für das Narrativ. Der chinesische Hersteller ist nicht das Übel, er produziert nach Vorgabe. Billig, wenn billig bestellt wird, besser wenn besser bezahlt wird. Er hat keine moralische Agenda, sondern einen Auftrag. Die Margenexplosion entsteht nicht in der Fabrik, sondern auf dem Weg zum europäischen Endkunden, dort, wo plötzlich erklärt wird, warum aus drei Euro zwanzig werden müssen. Wegen Qualität, wegen Service und wegen Verantwortung, in der Realität oft einfach wegen Gewinnmaximierung und der Gewissheit, dass der Kunde nicht nachfragt.
Natürlich gibt es bei Temu minderwertige Ware, aber es gibt sie überall. Der Unterschied ist, dass der deutsche Handel den Preis als Qualitätsargument missbraucht. Teuer gleich gut, billig gleich gefährlich. Das funktioniert so lange, wie der Kunde nicht merkt, dass er exakt dieselbe Ware zweimal sieht. Einmal ehrlich bepreist und einmal mit moralischem Aufpreis. Wer dann immer noch glaubt, der Händler schütze ihn vor China, glaubt vermutlich auch, dass ein CE Aufkleber aus Europa kommt.
Was den Handel wirklich stört, ist nicht Produktsicherheit oder Ethik, es ist Transparenz. Temu reißt die Kulisse weg und zeigt, wie dünn der Warenwert vieler Produkte tatsächlich ist. Plötzlich wird sichtbar, dass der Kaiser keine Kleider trägt, sondern nur ein sehr teures Etikett und genau deshalb wird so hysterisch reagiert, mit Warnungen, Kampagnen, Schlagzeilen. Nicht, um den Kunden zu schützen, sondern um das eigene Geschäftsmodell zu retten.
Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis, wer bei Temu kauft, ist nicht automatisch schlau, aber wer blind den Erzählungen des deutschen Handels glaubt, ist es ganz sicher nicht. Die eigentliche Verblödung beginnt dort, wo man bereitwillig jede Geschichte schluckt, solange sie das eigene Kaufverhalten moralisch adelt. Der Produzent in China ist kein Engel, aber auch kein Dämon. Der deutsche Handel hingegen hat jahrzehntelang sehr gut davon gelebt, beides zu behaupten, je nachdem, was gerade besser verkauft.
Und das ist das eigentliche Übel, nicht der Versand aus China, sondern die systematische Verdummung des Konsumenten durch ein Narrativ, das nur einen Zweck hat. Möglichst teuer verkaufen, möglichst sauber aussehen und möglichst empört sein, wenn jemand den Vorhang beiseitezieht.
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