30. November 2025
Sozialmedia kloake

Digitale Kloake – warum Facebook & Co. nur noch Dreck nach oben spülen

Facebook ist heute wie eine riesige, grell beleuchtete Müllkippe, auf der ab und zu noch ein brauchbarer Gegenstand herumliegt, aber man muss schon mit Gummistiefeln und Gasmaske reingehen, um ihn zu finden. Am Anfang war das mal ein Ort, an dem Menschen sich wiederfanden, Bilder aus dem Urlaub teilten, Bands entdeckten, Veranstaltungen planten. Heute scrollt man durch eine Endlossuppe aus Klickbait, Fakebildern, erfundenen Artikeln, halbgaren Meinungen, Schreierei und Propaganda, die aus allen Richtungen gleichzeitig auf einen einprügelt. Es wirkt, als hätten die Plattformen ihren ursprünglichen Sinn längst aufgegeben und leben nur noch von einem Reflex, Hauptsache irgendwas löst eine Reaktion aus, egal ob es stimmt, ob es gesund ist oder ob es Menschen kaputt macht.

Das perfide ist, dass dieses System genau so gebaut wurde. Wer heute auf Facebook unterwegs ist, merkt sofort, wie sehr das Netzwerk nicht mehr dafür da ist, dir zu zeigen, was deine Freunde denken, sondern dich möglichst lange im Rad zu halten. Die Plattform entscheidet, was du zu sehen bekommst, an einem ständigen Strom zusammengemixt aus „Seiten, die dir gefallen könnten“, „Inhalten, die gerade beliebt sind“, bezahlter Propaganda und dem, was der Algorithmus für emotional verwertbar hält. Es geht nicht mehr um Inhalte, es geht um Reiz, ein nüchterner, sauber recherchierter Text ist für so ein System uninteressant. Ein Fakebild mit dramatischem Text, dazu ein paar Großbuchstaben und Ausrufezeichen, schlägt alles, die Lüge hat einen eingebauten Turbo, die Wahrheit nicht.

Dazu kommt eine neue Kultur des Betrugs. Früher hat man sich über die billigen Kettenbriefe und „Du hast gewonnen“-Werbung lustig gemacht, heute sind die Fakes perfekter, die Bilder sind KI-generiert, die Logos der Medienhäuser sauber kopiert, der Ton der „Artikel“ exakt an echte Nachrichtentexte angelehnt. Es werden erfundene Zitate verbreitet, frei erfundene Nachrichten, zusammengeschnittene Videos, und das alles mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre die Plattform genau dafür da. Zwischendrin mischen sich „Satire“-Seiten, die keine sind, Memes, die Behauptungen als Witz tarnen, und Leute, die ernsthaft glauben, sie würden aufklären, während sie nur den nächsten Unsinn nachplappern. Wer nicht permanent gegencheckt, wer nicht bewusst misstrauisch ist, wird zur Zielscheibe und Hand aufs Herz, kaum jemand hat im Feierabend die Energie, alles nachzuprüfen. Man scrollt, man liest, man nimmt auf, genau das reicht.

Das Ergebnis ist ein politisches und gesellschaftliches Klima, in dem jede Seite sich ihre eigene Parallelrealität bauen kann. Rechte Kanäle schieben Tag für Tag das Bild vom untergehenden Westen, vom „System“, das kurz vor dem Zusammenbruch steht, von einer Bevölkerung, die angeblich nur noch aus Schlafschafen besteht. Linke Blasen basteln sich ihrerseits eine Welt, in der jeder Widerspruch automatisch „rechts“ ist und Komplexität durch moralische Etiketten ersetzt wird. Dazwischen toben geopolitische Propaganda, Bots, bezahlte Kampagnen von Staaten und Organisationen, die mit gezielter Desinformation Stimmung machen. Alle rufen „Wacht auf“, während sie selbst längst nur noch in ihrer eigenen Filterblase atmen, Facebook ist das perfekte Biotop dafür, weil es Belohnung ausschließlich an Aufregung koppelt.

Dazu kommt die totale Verflachung, ernsthafte Themen werden auf Teaserbilder mit drei Wörtern eingedampft. Krieg, Klimakrise, soziale Spaltung, Wirtschaft – alles wird in „Schnapp dir diese eine Wahrheit“-Häppchen gepresst. Ein Meme, ein angebliches Zitat, ein Halbsatz aus einem Interview, und schon wird daraus eine „Enthüllung“, die sich tausendfach teilt, weil sie das bestätigt, was die Leute ohnehin fühlen wollen. Wer differenziert, verliert. Wer erklärt, wie kompliziert eine Sache wirklich ist, geht im Lärm unter. Die Plattform bevorzugt Schreihälse und Scharlatane, nicht diejenigen, die anstrengend genau sind, kein Wunder, dass die seriösen Stimmen immer leiser werden oder entnervt aussteigen.

Schlimm ist auch, wie viele Menschen inzwischen ganz bewusst mitspielen, es sind ja nicht nur Bots, nicht nur anonyme Trollfabriken, es sind ganz normale Nutzer, die ohne zu lesen weiterteilen, was ins eigene Weltbild passt. Menschen, die irgendwelche zusammengeschraubten „Artikel“ posten, die erkennbar keine Quellen haben, keine seriösen Belege, nichts, aber sie bedienen ein Gefühl. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist zum Freibrief geworden, jeden Dreck ungeprüft in seine eigene Timeline zu kippen. Dass man damit andere Menschen manipuliert, Angst schürt oder bewusst Lügen verbreitet, interessiert nicht mehr, Hauptsache, man fühlt sich im Recht. In so einer Atmosphäre wird jede Plattform, die auf Reichweite statt auf Verantwortung setzt, zwangsläufig zum Sumpf.

Facebook ist dabei nur ein Symptom, aber ein besonders hässliches. Auch andere Netzwerke verrotten, nur auf andere Weise. Instagram kaschiert denselben Müll mit hübschen Bildern und Selbstinszenierung. Telegram gibt sich den Anstrich einer rebellischen Gegenöffentlichkeit und ist in vielen Gruppen nichts anderes als eine Giftküche. TikTok verwandelt das alles in 30-Sekunden-Clips, in denen zwischen Tanzvideo und Kochrezept plötzlich harte Propaganda aufploppt, verpackt in Trendsounds und Emojis. Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe, Wahrheit ist optional, Emotion ist Pflicht. Wer ruhig, zweifelnd, abwägend schreibt oder spricht, wird nicht belohnt.

Was an der ganzen Sache so abstoßend ist, ist die Offenheit, mit der die Plattformen das Problem kennen und wie wenig sie im Kern ändern. Man schaltet neue Meldesysteme frei, veranstaltet PR-Kampagnen gegen Hate Speech, löscht die schlimmsten Ausfälle. Aber am Ende bleibt der Grundmechanismus unangetastet, Aufmerksamkeitsökonomie, bezahlt mit Daten, gefüttert mit dem, was am heftigsten klickt. Man kann die Straße säubern, so oft man will, wenn man gleichzeitig am Ende jeder Gasse eine Gratisbar mit Schnaps hinstellt und sagt „Greift zu, wir verdienen an jeder Bestellung“. So verkommt jede soziale Infrastruktur früher oder später.

Der einzelne Nutzer sitzt in diesem System wie in einer schlechten Ehe, aus der man sich nicht recht lösen kann. Man ist genervt von der Dummheit, wütend über die Lügen, erschöpft vom Ton, aber man bleibt, weil man ein paar Kontakte nicht verlieren will, weil man einige Gruppen braucht, weil bestimmte Infos immer noch dort zuerst auftauchen. Also scrollt man weiter, blockt hier, meldet da, löscht Freunde, fügt andere hinzu, versucht, sich seine eigene kleine saubere Ecke zu bauen, während um einen herum der Rest der Plattform immer weiter entgleist. Das Gefühl, dass man einem langsam verrottenden System beim Zerfallen zusieht, ist kaum auszuhalten.

Die bittere Wahrheit ist, Facebook und Co. werden sich nicht von alleine „wieder fangen“. Was einmal in diese Richtung gekippt ist, kommt ohne äußeren Druck nicht zurück. Die Geschäftsmodelle sind so tief mit der Logik verknüpft, dass Empörung Geld bedeutet und Differenzierung Verluste, dass jede kosmetische Änderung nur Zeit kauft. Die Vernutzung des öffentlichen Diskurses ist kein Unfall, sie ist Effekt des Designs, es ist deshalb kein Wunder, dass viele Menschen sich angewidert abwenden, ihre Accounts stilllegen, nur noch passiv mitlesen oder auf kleine, halb-private Inseln ausweichen.

Vielleicht liegt die einzige sinnvolle Reaktion darin, sich selbst klarzumachen, dass diese Netzwerke nicht mehr das sind, wofür sie sich ausgeben. Sie sind keine neutralen Plätze des Austauschs, sondern Maschinen zur Generierung von Aufmerksamkeit, in denen Lüge, Bildfälschung, Schwurbelei und Propaganda hervorragende Betriebsmittel sind. Wer sie nutzt, muss sich dieser Mechanik bewusst sein und konsequent filtern, ausblenden, sich entziehen, wo es geht. Es ist kein Zeichen von Schwäche, weniger dort zu sein, im Gegenteil. In einer Umgebung, in der Verkommenheit zur Normalität geworden ist, ist der Entzug manchmal der letzte Akt geistiger Hygiene.

Dass es so weit kommen konnte, sagt viel über unseren Umgang mit Technik und Öffentlichkeit. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die lautesten, dreistesten, geschicktesten Manipulatoren die Regeln vorgeben, solange sie genug Klicks bringen und wir akzeptieren, dass Konzerne Milliarden damit verdienen, während sie offiziell betreten erklären, wie sehr sie natürlich für „Community Standards“, „Respekt“ und „Verantwortung“ eintreten. Wer das alles beobachtet und sich nicht mehr verarschen lassen will, hat das gute Recht, angekotzt zu sein. Die Frage ist nur, ob wir den Mut finden, auch praktisch Konsequenzen zu ziehen, oder ob wir weiter durch die Müllkippe scrollen und hoffen, dass irgendwo zwischen den Fakebildern und Lügen zufällig noch ein echter Gedanke übriggeblieben ist.

Es wird nicht mehr lange dauern, und ich entziehe mich diesem Sumpf, weil ich diesen permanenten Strom aus Lügen, Fakebildern, Hetze und geistigem Sondermüll nicht mehr in meinen Kopf lasse. Ich sehe, wie dieses verrottete System Menschen vergiftet, Freundschaften zerstört, Wahrheit relativiert und jede Form von normalem, nüchternem Denken zerfrisst und ich weigere mich, mich weiter von einem Konzern kaputtmachen zu lassen, dessen Geschäftsmodell darin besteht, unsere Hirne zu vermüllen.

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