Die Welt im Kriegsrausch – Wie wir das Sterben zur Normalität gemacht haben
Der Wahnsinn ist nicht, dass irgendwo geschossen wird. Der Wahnsinn ist, dass die Welt sich daran gewöhnt hat als wäre Krieg ein Wetter. Heute brennt es hier, morgen dort und dazwischen läuft Werbung, Reality TV, Börsenticker. Menschen sterben in Echtzeit aber unsere Gegenwart ist so vollgestopft, dass selbst ein Massengrab nur noch eine Meldung ist die man wegwischt wie eine Push Nachricht. Das ist die eigentliche Perversion, nicht die Explosion, sondern die Normalität, die danach weiterläuft als wäre nichts gewesen.
Krieg wird inzwischen verkauft wie ein Produkt. Er hat Branding, Narrative, Hashtags, Erklärvideos. Jede Seite hat ihr moralisches Kostüm, geschniegelt, gebügelt, bereit für die Kamera. Auf der einen Seite heißt es Selbstverteidigung, auf der anderen Befreiung, irgendwo dazwischen Schutz, Stabilität, Ordnung, Demokratie. Worte wie Pflaster über einem offenen Bruch, weil man die Wahrheit nicht sagen will. Die Wahrheit wäre, dass Krieg immer zuerst ein Geschäft ist. Geschäft mit Waffen, mit Einfluss, mit Rohstoffen, mit Routen, mit Prestige und dass Menschenleben darin nicht der Zweck sind, sondern die Währung.
Der nächste Wahnsinn ist die Mechanik. Krieg beginnt längst nicht mehr mit einer Erklärung. Er beginnt mit Sitzungen, mit Lagekarten, mit „Optionen“ und mit Drohnenbildern die wie Videospiele aussehen. Mit einem Satz wie „Wir müssen handlungsfähig bleiben“. Dann werden Einheiten verlegt, Trägergruppen geschickt, Raketenabwehrsysteme ausgerollt und in den Zeitungen steht etwas von Abschreckung. Abschreckung ist das Wort das man benutzt, wenn man bereits droht, aber noch nicht zuschlägt und wenn man genug Stahl in den Raum gestellt hat, wird aus Drohung ein Sog. Plötzlich gibt es Politiker, die sagen man könne jetzt nicht zurückweichen weil das Schwäche wäre. So wird aus einer angeblichen Sicherheitsmaßnahme ein Automatismus. Der Apparat will sich beweisen.
Und während dieser Apparat anläuft passiert das, was nie im Vordergrund steht. Die Krankenhäuser füllen sich, die Schulen werden zu Ruinen, die Felder liegen brach, die Häfen stehen still, die Preise steigen, die Medikamente fehlen, die Stromnetze brechen. Familien verschwinden im Nichts, nicht dramatisch, nicht filmreif, sondern schlicht weil eine Grenze geschlossen wird, ein Bus nicht mehr fährt, ein Bruder nicht zurückkommt. Diese Art von Gewalt ist unsichtbar genug, dass sie in keiner Siegesrede vorkommt, aber groß genug, dass sie ganze Generationen deformiert.
Die radikalste Erkenntnis ist, Krieg ist nicht nur das Sterben, Krieg ist die Verrohung davor und danach. Er frisst Sprache, er macht aus Menschen Kategorien. Aus Nachbarn werden Verdächtige, aus Minderheiten Sündenböcke, aus Kritik Verrat. Wer fragt wird beschimpft, wer zweifelt wird aussortiert. Die Lager bilden sich schneller als die Fakten und weil die meisten Angst haben auf der falschen Seite zu stehen schließen sie sich der lautesten Seite an. In jedem Konflikt entstehen dann zwei Öffentlichkeiten die einander anbrüllen, aber beide dasselbe tun. Sie drücken das Grauen in ein sauberes Narrativ damit man nachts schlafen kann.
Und dann ist da noch der globale Zynismus der alles zusammenhält. Mächte reden von Menschenrechten während sie Partner hofieren die sie morgen wieder „Problem“ nennen würden wenn es opportun ist. Staaten verurteilen Kriegsverbrechen solange sie vom Gegner begangen werden. Wenn es die eigene Seite ist heißt es Informationslage unklar, Einzelfall, Propaganda. Doppelmoral ist nicht der Ausrutscher, sie ist der Motor, weil sie erlaubt alles zu tun und trotzdem so zu tun als sei man sauber.
Der Wahnsinn ist also nicht lokal, er ist systemisch. Er sitzt in der Art, wie wir Politik als Machtspiel akzeptieren. Wie wir Waffenlieferungen wie Wetterberichte behandeln, wie wir Schlagzeilen konsumieren, ohne die Konsequenzen zu fühlen. Wie wir in Talkshows über „rote Linien“ reden, als wären das Linien auf Papier und nicht die Grenzen zwischen Leben und Tod und wie wir uns einreden, es gäbe irgendwo einen chirurgischen Krieg der nur „Ziele“ trifft und nicht Körper. Das ist eine Lüge, jede Bombe trifft Menschen auch wenn man sie anders nennt.
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