Die Linie 100 – Wie ein ganz normaler Bus zur Legende der Berliner Wiedervereinigung wurde
Als ich noch im Fahrersitz eines großen gelben BVG-Doppeldeckers saß, gab es eine Linie, die sich anders anfühlte als alle anderen, die Linie 100. Sie war nie einfach nur eine Verbindung von A nach B, sie war Bühne, Symbol und Alltag zugleich. Wer sie gefahren ist, weiß, dass man dort nicht nur Menschen transportiert, sondern Geschichten, Erinnerungen und eine ganze Stadt in Bewegung. Während andere Linien irgendwo im Wohngebiet enden, fährt die 100 mitten durch das Herz Berlins, quer durch seine Geschichte und seine Narben.
Die offizielle Geschichte dieser Linie beginnt am 26. November 1990, ziemlich genau ein Jahr nach dem Fall der Mauer. An diesem Morgen startete am Hardenbergplatz der erste Bus der neuen Linie 100. An Bord waren nicht nur Fahrgäste, sondern auch Politik, Kameras, Symbolik. Der Regierende Bürgermeister aus dem Westen und der Oberbürgermeister des Ostens schickten gemeinsam den Doppeldecker auf die Strecke. Es war mehr als ein Fahrplanwechsel, es war eine Botschaft auf Rädern. Eine reguläre Buslinie, die einfach selbstverständlich zwischen Ost und West pendelt, war damals alles andere als selbstverständlich.
Der 100er war die erste dreistellige Linie der BVG überhaupt, eine bewusste Zäsur im Nummernsystem, genauso wie sie eine Zäsur in der Stadt war. Bis dahin dachte man in Berlin im Verkehr immer noch in getrennten Räumen, hier der Westen, dort der Osten, und dazwischen die Spuren einer Grenze. Plötzlich gab es eine Linie, die die beiden historischen Zentren direkt verband, vom Zoo und der City West hinüber zum Alexanderplatz und der City Ost, Tag für Tag, Runde für Runde. Dass diese Verbindung so nüchtern als Liniennummer auf einem gelben Bus stand, machte sie nur stärker. Keine Inszenierung, sondern Alltag, Dienstplan, Schichtbetrieb, gerade das war der Bruch mit der Vergangenheit.
Wer die 100 fährt, bekommt zwangsläufig ein Verhältnis zu dieser Route. Die Tour beginnt am Zoologischen Garten, einem der traditionsreichsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Von dort nimmt der Bus Kurs über den Breitscheidplatz, vorbei an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren zerstörter Turm noch immer wie ein offenes Geschichtskapitel in den Himmel ragt. Dann geht es hinaus auf die breite Straße des 17. Juni, hinein in den Tiergarten, zum Großen Stern mit der Siegessäule, von vielen nur „Goldelse“ genannt, spätestens dort merkt man als Fahrer, dass diese Linie anders ist. Im Bus sitzt eine Mischung aus Touristengruppen mit Kameras, Rentnern mit Monatskarte und gestressten Berufspendlern, hinter jeder Kurve wartet eine neue Postkartenansicht.
Weiter geht es am Schloss Bellevue vorbei, dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Man weiß als Fahrer genau, an welcher Stelle der halbe Bus automatisch nach links aus dem Fenster schaut. Wenig später zieht das Regierungsviertel vorbei, der Reichstag, die Spree, das Glas, der Stahl, die Geschichte in modern verpackter Form. Für uns Fahrer sind das vertraute Bilder wie jede andere Haltestelle, aber man spürt im Oberdeck, wenn zum ersten Mal jemand Berlin wirklich erkennt.
Dann kommt das Brandenburger Tor, in den frühen Jahren fuhr die Linie 100 noch direkt hindurch. Das war jedes Mal ein Moment, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart in ein paar Sekunden Busfahrt verdichteten. Später wurde das Tor für den motorisierten Verkehr gesperrt, die Strecke angepasst, die Symbolik blieb. Heute steht der Bus in Sichtweite, der Rest ist Fußweg, doch wer als Fahrer diesen Abschnitt oft genug gefahren ist, trägt das Bild der Durchfahrt für immer im Kopf.
Hinter dem Tor geht es Unter den Linden entlang, diese Straße ist ein Geschichtsbuch aus Stein. Links und rechts ziehen Staats- und Prachtbauten vorbei, Museen, Universitäten, alte Fassaden, neue Sanierungen, ein dichtes Archiv aus Macht und Kultur. Spätestens hier verwandelt sich die Linie 100, ob man will oder nicht, in einen rollenden Stadtführer. Niemand erklärt etwas über Lautsprecher, aber die Stadt erklärt sich selbst, draußen vor den Scheiben. Am Ende der Strecke wartet der Alexanderplatz mit Fernsehturm und Weltzeituhr, Straßenbahn und Kaufhaus, einem eigenen Durcheinander aus Berlinern, Touristen, Straßenmusik und Alltag. Dass eine einfache Buslinie diese gesamte Spannweite von Kudamm bis Alex abdeckt, macht sie bis heute einzigartig.
Eigentlich ist die 100 eine ganz normale Linie im Berliner Nahverkehr. Sie hat Planzeiten, Verstärker, Verspätungen, Umleitungen, Baustellen, geplante und ungeplante Pausen, gleichzeitig wurde sie zum Geheimtipp für Besucher. Viele erfuhren irgendwann, dass man mit einem normalen Ticket in einem Linienbus vom Zoo bis zum Alexanderplatz fahren und dabei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeikommen kann. Ohne überteuerte Stadtrundfahrt, ohne Tonband, ohne künstliche Show, nur ein Doppeldecker, ein paar Haltestellenansagen, und Berlin vor der Windschutzscheibe.
Mit der Zeit haben sich Fahrzeuge und Technik geändert, neue Doppeldecker, Niederflurtechnik, digitale Anzeigen, andere Sitzaufteilungen. Die Linie selbst war immer wieder kleineren Anpassungen unterworfen, Umleitungen wurden irgendwann fest in den Verlauf integriert, Straßen wurden beruhigt, Plätze umgebaut. Die Grundidee allerdings blieb, eine Verbindung zwischen City West und City Ost über die politischen, historischen und touristischen Brennpunkte der Stadt.
Für uns Fahrer war der 100er immer eine eigene Welt. Früh morgens, wenn Berlin noch in den Tag gähnt, sitzt da der Bäcker mit seiner Thermoskanne neben der Putzkraft auf dem Heimweg von der Nachtschicht und vielleicht ein paar verschlafene Touristen, die mit Koffern und Jetlag schon im ersten Bus des Tages landen. Später steigen ganze Reisegruppen ein, die den Bus wie einen kostenlosen Stadtrundfahrtwagen betrachten. Dann schlägt die Stunde des Berufsverkehrs, in der Berliner mit müdem Blick über ihren Laptops und Taschen hängen und jede Minute zählt.
Man lernt als Fahrer, diese Mischung zu lesen, da ist die ältere Dame, die seit Jahren die gleiche Strecke fährt und jedes Mal freundlich grüßt. Da sind die Schüler, die glauben, dass man vorne im Cockpit nichts mitbekommt. Da sind die Familien, die zum ersten Mal in Berlin sind und während der Fahrt entscheiden, an welcher Haltestelle sie spontan aussteigen, jede Runde ist gleich und doch anders. Die Linie 100 zwingt einen dazu, die Stadt nicht als statische Kulisse zu sehen, sondern als lebendigen Körper, der an jeder Haltestelle kurz die Tür öffnet und ein Stück Geschichte hinein- oder hinauslässt.
Inzwischen gilt der 100er offiziell als eine Art rollende Stadtrundfahrt. Reiseführer empfehlen die Strecke, Blogs und Magazine preisen sie als billigste Sightseeingtour der Stadt. Aus Sicht eines Fahrers bleibt sie trotzdem vor allem eines, eine Linie im Netz, die zuverlässig gefahren werden will. Pünktlichkeit kämpft gegen vollgestopfte Straßen, Eventabsperrungen, Staatsbesuche, Demonstrationen, Touristenströme, Stau am Großen Stern und Fußgänger, die am Brandenburger Tor für das perfekte Foto plötzlich die Straße als Bühne benutzen. Genau dieses Spannungsfeld macht die Faszination aus.
Die Linie 100 ist heute ein Stück Berliner Identität. Sie ist mit der Wiedervereinigung gewachsen, hat den Umbau der Mitte erlebt, die Ausweitung der Tourismusströme, den Wandel vom analogen Stadtplan zum Smartphone-Navi. Wo früher Papierfahrscheine gelocht wurden, halten die Leute heute ihre Handys an Scanner, doch draußen vor den Scheiben sind viele der Bilder die gleichen geblieben. Gedächtniskirche, Siegessäule, Schloss Bellevue, Reichstag, Brandenburger Tor, Unter den Linden, Museumsinsel, Alexanderplatz. Dieselben Motive, aber immer andere Gesichter im Bus.
Für mich persönlich war diese Linie nie nur ein Eintrag im Dienstplan. Wer am Steuer eines Doppeldeckers auf der 100 sitzt, trägt ein Stück der Stadt vor sich her. Man spürt die gesammelten Blicke im Oberdeck, wenn Reichstag oder Brandenburger Tor ins Bild kommen. Man hört das kurze Raunen, sieht die kleinen Gesten, wenn jemand zum ersten Mal begreift, dass diese Stadt nicht nur Kulisse aus Nachrichtenbildern ist, sondern ein realer Ort, durch den gerade ein ganz normaler Linienbus fährt.
Heute lebe ich in Bulgarien, Berlin ist ein abgeschlossenes Kapitel für mich, ich werde nicht nach Deutschland zurückkehren. Was bleibt, ist kein Heimweh nach der Stadt, sondern eine sehr klare, nüchterne Erinnerung an eine Zeit, in der wir mit unseren gelben Doppeldeckern durch dieses brodelnde Geflecht aus Geschichte und Gegenwart gefahren sind. Das Busfahren selbst vermisse ich manchmal doch, dieses Gefühl, wenn man morgens den Motor startet, der Wagen aus dem Depot rollt und man weiß, dass man gleich wieder mit einem Koloss aus Stahl und Technik durch enge Straßen, dichten Verkehr und eine lebendige Großstadt navigiert.
Wir waren mit unseren modernen Bussen die Könige der Straßen, nicht im Sinne von Macht oder Wichtigkeit, sondern in dem einfachen, stillen Bewusstsein, dass ohne uns vieles nicht in Bewegung käme. Die Leute mussten zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt, ins Hotel, zur Sehenswürdigkeit, nach Hause, wir waren die, die sie hinbrachten. Die Linie 100 war dafür eine der schönsten Bühnen, die man als Fahrer haben konnte. Auch wenn mein Leben heute weit weg von Berlin stattfindet, bleibt sie für mich genau das, eine Legende im Fahrplan, eine rollende Erinnerung und ein Stück Vergangenheit, das weiterhin jeden Tag durch die Stadt fährt, auch ohne mich am Steuer.
Zum Schluss noch ein persönliches Nachwort.
Auch wenn ich heute weit weg von Berlin lebe und nicht mehr im Fahrersitz sitze, schlägt ein Teil meines Herzens immer noch im Takt der Schichtpläne, der Früh- und Spätdienste, der Wendezeiten und Dienstwechsel. Wer nie selbst Bus gefahren ist, ahnt oft nicht, was dieser Beruf wirklich bedeutet. Es geht nicht nur darum, einen großen Wagen von Haltestelle zu Haltestelle zu bewegen. Es geht um Verantwortung für Menschen, um Nervenstärke im Stau, um Geduld an überfüllten Haltestellen, um Ruhe bei unfreundlichen Fahrgästen und um Konzentration in jeder Sekunde, egal ob nachts im Regen, frühmorgens im Winter oder am Wochenende, wenn die halbe Stadt unterwegs ist und jeder etwas anderes von einem will.
Für meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei der BVG habe ich im letzten Jahr den „Busfahrerblues“ geschrieben und produziert, als Gruß an alle, die in Berlin Tag für Tag ihren Job machen. Dieser Song ist mein kleines Denkmal für euch, ein musikalisches Schulterklopfen für die, die selten im Rampenlicht stehen und ohne die in dieser Stadt kaum etwas funktionieren würde. Jede Fahrerin und jeder Fahrer, der sich morgens oder abends wieder hinter das Lenkrad setzt, sorgt dafür, dass Berlin überhaupt in Bewegung bleibt. Ihr bringt Menschen zur Arbeit, Kinder zur Schule, Familien nach Hause, Touristen zu ihren Erlebnissen und Nachtschwärmer sicher zurück in ihre Betten.
Ich weiß, wie hart dieser Beruf manchmal sein kann, wie sehr er an Kräften, Nerven und Gesundheit zehrt und wie wenig Anerkennung man dafür oft bekommt. Genau deshalb ist dieser Busfahrerblues für euch gedacht, als freundlicher Gruß in Tönen, als Danke für unzählige unsichtbare Momente, in denen ihr schlicht euren Job macht und damit für andere den Alltag möglich. Ich kehre zwar nicht nach Deutschland und Berlin zurück, aber ich verneige mich aus der Ferne vor allen, die weiterhin die großen gelben Busse durch die Stadt steuern. Für mich bleibt ihr die wahren Könige der Straßen, jeden einzelnen Tag.
