Spritpreise

Die große Spritlüge – Warum Deutschland seine Autofahrer systematisch melkt

Wer dieser Tage von Bulgarien nach Deutschland schaut und auf die Zapfsäule blickt sieht nicht einfach nur einen Preisunterschied, er sieht einen politischen Offenbarungseid. Am 22. März 2026 liegt der durchschnittliche Preis für Super 95 in Bulgarien bei etwa 1,43 Euro pro Liter und für Diesel bei etwa 1,58 Euro. In Deutschland liegt Super 95 gleichzeitig bei rund 2,16 Euro, Diesel bei rund 2,28 Euro. Schon die offiziellen EU-Daten vom 16. März zeigen denselben Befund. Bulgarien meldete 1,331 Euro für Euro 95 und 1,437 Euro für Diesel, Deutschland 2,085 Euro für Euro 95 und 2,146 Euro für Diesel. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden der in Deutschland auf ein Auto angewiesen ist.

Die bequeme Ausrede lautet wie immer Weltmarkt, Krise, Krieg, Unsicherheit. Natürlich spielen Rohölpreis, Dollar und geopolitische Spannungen eine Rolle. Die Eskalation rund um Iran hat die Energiemärkte in Europa erneut unter Druck gesetzt und selbst die Bundesregierung spricht inzwischen von Maßnahmen gegen sprunghafte Preissteigerungen an Tankstellen. Aber wer daraus ableiten will, Deutschland sei bloß ein ahnungsloses Opfer der Weltlage verschweigt den entscheidenden Punkt. In Deutschland wird nicht nur teurer eingekauft, in Deutschland wird auf hohe Preise noch einmal ein besonders schwerer staatlicher Rucksack geschnallt.

Der deutsche Staat verdient an jedem Liter kräftig mit. Laut Zoll beträgt die Energiesteuer auf unverbleites Benzin 654,50 Euro je 1.000 Liter, auf Diesel 470,40 Euro je 1.000 Liter. Dazu kommen 19 Prozent Mehrwertsteuer. Obendrauf wirkt seit Jahren die nationale CO₂-Bepreisung, die nach Angaben von Destatis zum 1. Januar 2026 von 55 Euro auf einen Korridor zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne angehoben wurde. Der ADAC erklärt, dass genau diese CO₂-Abgabe das Tanken weiter verteuert und 2026 erneut nach oben drückt. Das ist der Kern der deutschen Preiskatastrophe, nicht irgendein dunkler Zauber, sondern eine politisch gebaute Abgabenmaschine.

Wie brutal der staatliche Griff wirklich ist, zeigt der ADAC besonders deutlich. Nach dessen Berechnungen lag der Steuer und Abgabenanteil an den Spritpreisen im Jahresdurchschnitt 2025 bei rund 64 Prozent für Benzin und 56 Prozent für Diesel. Anders gesagt, noch bevor Raffinerie, Transport, Vertrieb und Handel überhaupt anfangen, ist der Literpreis in Deutschland bereits mit einer Last belegt, die in vielen anderen Ländern so nicht existiert. Wer heute an der Zapfsäule blutet, bezahlt in Deutschland also zu einem gewaltigen Teil nicht den Sprit selbst, sondern die politische Entscheidung Autofahrer als sichere Einnahmequelle zu behandeln.

Bulgarien zeigt, dass es auch anders geht. Die Mehrwertsteuer liegt dort zwar ebenfalls bei 20 Prozent und damit nur knapp über dem deutschen Satz. Der entscheidende Unterschied liegt bei den Verbrauchsteuern. PwC nennt für Bulgarien 363,02 Euro je 1.000 Liter auf unverbleites Benzin und 330,29 Euro je 1.000 Liter auf Diesel. Selbst aus Bulgarien heißt es inzwischen offiziell, dass das Land bereits die niedrigsten Verbrauchsteuersätze in der EU hat. Genau deshalb bleibt der Preis dort trotz Krise und Unsicherheit deutlich niedriger. Das ist keine bulgarische Magie, das ist schlicht ein Staat, der an dieser Stelle weniger hemmungslos zugreift.

Damit ist aber nur die halbe Wahrheit erzählt, denn ja, der Staat kassiert. Aber auch die Branche profitiert von einem Umfeld, in dem jede geopolitische Erschütterung sofort an den Verbraucher weitergereicht wird, während sinkende Belastungen traditionell deutlich langsamer ankommen. Das Misstrauen kommt nicht aus dem Nichts. Die Bundesregierung will das Kartellrecht verschärfen und Preissteigerungen an Tankstellen stärker begrenzen. Reuters berichtete am 19. März, dass Finanzminister Lars Klingbeil eine Übergewinnsteuer für Ölkonzerne erwägt, während ein Gesetzespaket vorbereitet wird, das häufige Preisanhebungen erschweren und dem Bundeskartellamt mehr Eingriffsmöglichkeiten geben soll. Wenn eine Regierung offen über solche Schritte spricht, dann deshalb weil der Verdacht politisch längst im Raum steht, dass im Kraftstoffmarkt nicht nur sauberer Wettbewerb herrscht.

Das heißt nicht automatisch, dass man jedem einzelnen Unternehmen pauschal kriminellen Wucher nachweisen könnte, so sauber muss man bleiben. Aber es heißt sehr wohl, dass die Struktur des Marktes und das Verhalten großer Akteure seit Jahren Zweifel nähren. Deutschland hat mit der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe längst ein System das Preisänderungen fortlaufend beobachtet. Das Bundeskartellamt erklärt selbst, dass Tankstellen und Mineralölunternehmen jede Preisänderung sofort melden müssen. Wenn trotzdem ein Markt entsteht, in dem Preisbewegungen für Verbraucher faktisch kaum noch durchschaubar sind und die Politik mit neuen Eingriffen nachschärfen will, dann ist das kein Vertrauensbeweis in einen vorbildlich funktionierenden Wettbewerb.

Wer trägt also Verantwortung. Politisch sind die Namen klar benennbar, Bundeskanzler Friedrich Merz führt die Regierung. Lars Klingbeil verantwortet als Finanzminister die fiskalische Seite. Katherina Reiche ist als Wirtschaftsministerin für den energiepolitischen und marktpolitischen Rahmen mitverantwortlich. Diese Regierung hat das System nicht erfunden, aber sie trägt heute die Verantwortung dafür, dass es weiterläuft. Wer an Steuern, CO₂-Last und Preisarchitektur nichts Grundsätzliches ändert entscheidet sich aktiv dafür, dass Deutschland Hochpreisland bleibt. Die amtierende Bundesregierung selbst listet genau diese Zuständigkeiten im Kabinett.

Wirtschaftlich muss man die großen Mineralölkonzerne nennen, weil genau sie im Zentrum der politischen Debatte um Übergewinne und Preissetzungsmacht stehen. Reuters spricht ausdrücklich von Ölunternehmen, gegen deren außergewöhnliche Gewinne eine Übergewinnsteuer diskutiert wird. Es geht also nicht um den freien Tankwart an der Ecke, sondern um jene Konzerne, die in Krisenzeiten an einer Preisumgebung verdienen die für normale Menschen zur Zumutung wird. Wer von Krieg, Unsicherheit und Panik an den Märkten profitiert, macht sich nicht zwangsläufig strafbar. Moralisch sauber wird das Geschäft dadurch aber noch lange nicht.

Das eigentlich Unverschämte ist jedoch der deutsche Sonderweg der politischen Verkleidung. Dem Bürger wird jahrelang eingeredet, hohe Preise seien Ausdruck von Verantwortung, Klimaschutz, Transformation und globaler Vernunft. In Wahrheit bedeutet das für Millionen Pendler, Handwerker, Familien und Kleinunternehmer vor allem eines, sie zahlen die Rechnung für ein System, das Krisen nicht abfedert, sondern fiskalisch verwertet. Bulgarien, das wirtschaftlich weit schwächere Land zeigt ausgerechnet an der Zapfsäule, dass Deutschland nicht deshalb teurer ist weil es gar nicht anders ginge. Deutschland ist teurer, weil Staat und Markt hier in einer Weise zusammenspielen, die den Verbraucher systematisch zum Zahlmeister macht.

Der Satz, den man daraus ziehen muss ist unangenehm einfach. In Deutschland machen sich mehrere Akteure gleichzeitig die Taschen voll. Der Staat ganz offiziell über Energiesteuer, Mehrwertsteuer und CO₂-Abgabe. Große Marktakteure über ein Krisenumfeld, in dem hohe Preise politisch bereits den Ruf nach Sondersteuern und schärferem Kartellrecht ausgelöst haben. Verantwortlich sind nicht anonyme Schicksalsmächte, sondern konkret benennbare politische Entscheider und eine Branche, die aus jeder Erschütterung erstaunlich schnell ein neues Preisniveau formt. Das Problem heißt nicht nur Krieg, das Problem heißt auch deutsche Abgabenpolitik, deutscher Regulierungszynismus und ein Kraftstoffmarkt der Vertrauen verspielt hat.

🔔 Verpasse keinen Beitrag!


Mit der Anmeldung akzeptierst du unsere Datenschutzerklärung.

Der Autor

Copyright © WebWerk Bulgarien. Alle Rechte vorbehalten.