Die berühmten Bulgaren, die Geschichte schrieben – ohne dass man sie Bulgarien zuschrieb
Bulgarien wird selten mit Erfindungsgeist, wissenschaftlichem Einfluss oder weltverändernden Ideen in Verbindung gebracht. In internationalen Erzählungen taucht das Land meist als Randnotiz auf, als Herkunftsort günstiger Arbeitskraft oder als exotische Kulisse. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick, denn Bulgarien hat Menschen hervorgebracht, deren Ideen die moderne Welt geprägt haben, oft ohne dass ihr Ursprung je korrekt benannt wurde. Nicht aus böser Absicht, sondern weil Geschichte gern dort verortet wird, wo Macht, Geld und Lautstärke zu Hause sind.
Einer der eindrucksvollsten Namen ist John Atanasoff, in vielen Lehrbüchern gilt er als amerikanischer Physiker. Was meist unterschlagen wird, Atanasoff war der Sohn eines bulgarischen Einwanderers aus dem Dorf Boyadzhik. Seine Entwicklung des ersten elektronischen digitalen Rechners, des Atanasoff Berry Computer, legte die Grundlage für das, was wir heute als Computer verstehen. Binäre Logik, elektronische Schaltungen, Trennung von Speicher und Recheneinheit, all das war revolutionär. Jahrzehntelang wurde seine Arbeit übergangen, andere erhielten Ruhm und Patente. Erst spät wurde juristisch anerkannt, dass Atanasoffs Konzept der Ursprung moderner Computertechnik war. Bulgarien taucht in dieser Geschichte kaum auf, obwohl ohne diesen familiären und kulturellen Hintergrund der Name Atanasoff heute vermutlich anders lauten würde.
Ein weiteres Beispiel ist Asen Jordanoff, ein Pionier der Luftfahrt. In den USA wird er als Alexander de Seversky oder Igor Sikorsky oft überstrahlt, doch Jordanoff war einer der wichtigsten Ingenieure und Testpiloten der frühen Luftfahrt. Geboren in Bulgarien, entwickelte er Sicherheitsstandards, Steuerungssysteme und Ausbildungsprinzipien für Piloten, die bis heute angewendet werden, seine Fachbücher wurden Standardwerke für Generationen von Piloten. Die moderne zivile Luftfahrt ist ohne seine Beiträge kaum denkbar. In Bulgarien kennt ihn kaum jemand, international wird er selten als Bulgare bezeichnet.
Dann gibt es Petar Petrov, sein Name sagt fast niemandem etwas, doch seine Arbeit kennt jeder. Petrov war maßgeblich an der Entwicklung der ersten digitalen Armbanduhr beteiligt und arbeitete später an medizinischen Geräten, darunter frühe Herzfrequenzmonitore. Seine Erfindungen beeinflussten sowohl Konsumtechnik als auch Medizintechnik. In westlichen Narrativen gilt er als amerikanischer Ingenieur, dass er in Bulgarien geboren wurde und dort seine technische Prägung erhielt, geht im Nachhinein verloren.
Auch im Bereich der Raumfahrt ist Bulgarien unsichtbarer präsent, als man denkt. Georgi Ivanov war der erste Bulgare im All, doch interessanter ist, was im Hintergrund geschah. Bulgarische Wissenschaftler entwickelten Experimente und Messgeräte für sowjetische Raumfahrtmissionen, insbesondere im Bereich Biologie und Materialforschung. Bulgarische Raumkost, speziell entwickelte Lebensmittel für den Einsatz in der Schwerelosigkeit, galten als besonders zuverlässig, selbst hier verschwindet der Ursprung hinter geopolitischen Erzählungen.
Eine der vielleicht kuriosesten, fast vergessenen Geschichten betrifft die Entwicklung moderner Joghurtkulturen. Der bulgarische Bakterienstamm Lactobacillus bulgaricus wurde wissenschaftlich beschrieben und weltweit industrialisiert. Was heute als gesundes Lifestyle Produkt verkauft wird, stammt aus jahrhundertealter bulgarischer Praxis. Der Name blieb, der kulturelle Kontext ging verloren, Bulgarien wurde zur Fußnote einer globalen Industrie, die Milliarden umsetzt.
Auffällig ist ein Muster, bulgarische Erfinder, Denker und Ingenieure tauchen oft dort auf, wo Systeme gebaut werden, nicht wo sie vermarktet werden. Sie entwickeln, optimieren, lösen Probleme, sie stehen selten im Rampenlicht. Das hat historische Gründe, Jahrhunderte ohne eigenen Staat, politische Abhängigkeiten, ideologische Blockaden. Talent wanderte ab, Ideen wurden exportiert, Namen angepasst. Übrig blieb ein Land, das mehr beigetragen hat, als es selbst erzählen konnte.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Geschichten heute so fremd wirken. Sie widersprechen dem Bild vom kleinen, unbedeutenden Land. Bulgarien war nie laut, aber es war wirksam, in Laboren, Werkstätten, Rechenzentren und Cockpits. Die Spuren sind da, man muss nur genau hinsehen.
Berühmtheit misst sich nicht immer an Bekanntheit. Manchmal misst sie sich daran, wie tief eine Idee in den Alltag der Welt eingesickert ist. In diesem Sinne ist Bulgarien weit berühmter, als sein Ruf vermuten lässt.
