30. November 2025
Arrogantes deutschland

Deutschland, die Besserwisser-Republik – wie wir uns moralisch feiern und politisch blamieren

Deutschland hat ein Problem, nicht nur mit Infrastruktur, Energiepreisen oder Bürokratie, sondern mit sich selbst. Dieses Land hält sich für den moralischen Kompass des Planeten und merkt offensichtlich nicht, wie es dabei auf den Rest der Welt wirkt. Von innen klingt es nach „verantwortungsvoller Führungsmacht“, „Wertegemeinschaft“ und „aus der Geschichte gelernt“. Von außen sieht es immer öfter aus wie ein aufgeblasenes Mitteleuropa, das anderen Staaten Vorträge hält, während es selbst von einer Fehlentscheidung in die nächste stolpert und jede Kritik reflexhaft wegmoderiert.

Der Fall Belém ist dafür kein Ausrutscher, sondern ein Brennglas. Der deutsche Kanzler fliegt zur Klimakonferenz nach Brasilien, landet in einer armen, komplizierten, aber stolzen Stadt mitten im Amazonasgebiet, lässt sich durch das Programm schieben und verkündet anschließend in Berlin vor Publikum, niemand aus seiner Delegation habe dort bleiben wollen, alle seien froh gewesen, wieder in Deutschland zu sein. Für die Berliner Blase ist das maximal ein etwas ungeschickter Spruch, für Brasilien ist es eine klare Botschaft, der Chef aus Deutschland war hier, hat sich kurz blicken lassen und erzählt zuhause, dass er diesen Ort im Grunde verachtenswert findet. Genau so kommt es an und genau das ist der Punkt.

Die Reaktion in Brasilien ist scharf, direkt, unmissverständlich. Präsident, Gouverneur, Bürgermeister, alle legen offen den Finger drauf. Man nennt das, was es ist, arrogant, herablassend, kolonialer Blick auf eine Region, die seit Jahrhunderten von genau dieser Sorte Haltung ruiniert wird. Und was passiert in Deutschland? Nichts Substantielles, Merz redet es klein, seine Leute reden es klein, Berlin redet es klein. Man sei missverstanden worden, der Satz sei aus dem Zusammenhang gerissen, alles halb so wild, das Verhältnis sei „unbelastet“. Mit anderen Worten, die anderen sollen sich nicht so anstellen, wir haben es doch nicht so gemeint, der Klassiker.

Das ist die Essenz des arroganten Deutschlands, es glaubt, bestimmen zu können, wie andere seine Handlungen zu fühlen haben. Wenn Deutschland beleidigt, egal ob Südeuropa in der Eurokrise, Osteuropa in der Rechtsstaatsdebatte oder Brasilien nach Belém, dann wird hinterher erklärt, warum das alles gar nicht so schlimm war und warum man selbst eigentlich auf der moralisch richtigen Seite steht. Die Verletzung der anderen ist in dieser Logik kein Fakt, sondern ein Missverständnis, man entschuldigt sich nicht, man erklärt.

Dabei ist das Bild vom „besseren Deutschland“ nach außen längst angekratzt. Ja, die Umfragen und Image-Rankings sehen die Bundesrepublik immer noch ganz gut. Wenig Korruption, stabile Institutionen, wirtschaftlich wichtig, aber daneben existiert eine zweite Ebene, die in Kommentaren, Analysen und Gesprächen deutlich wird. Dort ist Deutschland das Land, das jahrelang Russland abhängig hofiert und „Wandel durch Handel“ als geniale Idee verkauft hat, und anschließend so tut, als seien alle anderen zu naiv gewesen. Dort ist Deutschland das Land, das China wegen Menschenrechten belehrt, aber mit voller Wucht im chinesischen Markt hängt. Dort ist Deutschland das Land, das der Welt erklärt, wie Klimaschutz geht, während es selbst seine eigenen Ziele reihenweise verfehlt, Kohlekraftwerke wieder anwirft und sich bei jeder größeren Entscheidung festfährt.

In der Eurokrise trat Berlin als strenger Oberlehrer auf, der Südeuropa erklärt, wie richtige Haushaltspolitik geht. Sparen, sparen, sparen, alles andere sei unverantwortlich. Dass man damit Länder in die Rezession treibt, politische Systeme destabilisiert und anti-europische Bewegungen füttert, wurde in Deutschland wegdiskutiert. Die Kritik aus Athen, Rom oder Madrid war schnell als Jammern abgestempelt, man hatte ja „nur“ auf solide Finanzen gedrängt. Genau diese Haltung, wir wissen es besser, also habt ihr euch nicht so, hat das Image Deutschlands in Südeuropa langfristig beschädigt. Aber statt daraus eine Lektion zu ziehen, ging das Muster weiter.

Gegenüber Osteuropa wiederholt sich das Spiel, Deutschland kritisiert zu Recht autoritäre Tendenzen, Medienkontrolle, Angriffe auf die Justiz, aber es macht das oft mit einem Ton, der klingt wie Nachsitzen in der Schule. Dass man selbst über Jahre die Sicherheitsinteressen der Osteuropäer gegenüber Russland arrogant ignoriert hat, wird erst dann in den Mund genommen, wenn die Panzer schon rollen. Vorher galt die Berliner Russlandpolitik vielen in der Region als naiv und selbstgefällig. Heute wissen wir, dass sie nicht nur naiv war, sondern brandgefährlich. Die Reaktion in Berlin, ein bisschen Selbstkritik, viel Umdeutung, wenig echtes Eingeständnis. Ein weiteres Puzzleteil im Bild eines Landes, das die eigenen Irrtümer kleinreden und den Rest der Welt trotzdem belehren möchte.

Und im globalen Süden? Genau dort, wo Deutschland inzwischen verzweifelt um Einfluss kämpft, weil Russland und China sich nicht mehr mit schönen Reden abwimmeln lassen, wirken Merz’ Sprüche wie ein Schlag ins Gesicht. Man will Partner auf Augenhöhe sein, will ernst genommen werden, will als verlässlicher Akteur im Kampf gegen Klimawandel auftreten. Gleichzeitig liefert man Textbausteine, die perfekt ins Bild des herablassenden Westens passen, dem globale Probleme nur so lange wichtig sind, wie man sie aus klimatisierten Konferenzzentren heraus betrachten kann. Wer in einer Stadt wie Belém lebt, bekommt damit schwarz auf weiß, wie wenig Respekt hinter den großen Worten zum Thema „gemeinsame Verantwortung“ manchmal steckt.

Das eigentlich Bittere, diese Arroganz ist so tief in der politischen Kultur verankert, dass sie oft nicht einmal mehr als Arroganz wahrgenommen wird, sie tarnt sich als Vernunft, als Sachlichkeit, als „wir müssen die Dinge beim Namen nennen“. Deutschland hält seine eigene Sicht gern für den Normalfall, für die neutrale, nüchterne Position. Wer anders denkt, ist entweder „emotional“, „populistisch“ oder „nicht auf dem Stand der Fakten“. Dass auch deutsche Sichtweisen Interessen, Ideologie und blinde Flecken haben, wird im politischen Betrieb erstaunlich ungern ausgesprochen.

Der Merz-Satz über Belém ist deshalb mehr als ein peinlicher Moment, er legt die Grundhaltung frei. Dieses Land redet sich seit Jahren ein, besonders sensibel für historische Schuld zu sein, besonders demütig und verantwortlich zu handeln. Gleichzeitig leistet es sich regelmäßig Auftritte, bei denen es andere Länder wie Problemzonen behandelt, durch die man notgedrungen mal durch muss, um anschließend erleichtert wieder in der eigenen Komfortzone zu landen. Wenn dann Kritik kommt, wird nicht ernsthaft zugehört, sondern relativiert, umgedeutet, weggebügelt.

Arrogantes Deutschland, das ist nicht nur ein Gefühl im Ausland, es ist ein System. Es besteht aus einer politischen Klasse, die sich selbst für Maßstab hält, aus Medien, die diesen Ton oft übernehmen oder weichspülen und aus einer Öffentlichkeit, die jede Kritik von außen reflexhaft wegschiebt, weil sie nicht ins Narrativ vom geläuterten, verantwortungsvollen Vorbild passt. Die Folge ist ein Land, das sich immer noch für moralisch überlegen hält, während der Rest der Welt schon längst registriert hat, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit geworden ist.

Wer dieses Bild verändern will, braucht nicht mehr PR, sondern weniger Selbstbetrug. Deutschland müsste aufhören, jede Kritik als Angriff auf seine „gute Rolle“ zu sehen, und anfangen, genau hinzuhören, wo man längst nicht mehr als Vorbild, sondern als Besserwisser wahrgenommen wird. Der Weg dahin beginnt mit einem simplen Satz, den man aus Berlin viel zu selten hört, wir haben Mist gebaut, ohne Relativierung, ohne Kontextentschuldigungen, ohne sofort den moralischen Zeigefinger wieder gegen andere zu richten.

Bis das passiert, bleibt das Label, das sich viele im globalen Süden, in Südeuropa oder Osteuropa längst denken, bestehen. Nicht „Führungsmacht“, nicht „Werteanker“, sondern ein Land, das gerne predigt, aber schlecht zuhört. Ein Land, das anderen vorschreibt, wie sie zu reden, zu sparen, zu handeln haben, und beleidigt ist, wenn jemand den Spiegel hinhält. Ein Land, das glaubt, aus der Geschichte gelernt zu haben, und trotzdem immer wieder in denselben Fehler zurückfällt, zu sicher zu sein, dass die eigene Haltung über den anderen steht.

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