Bärenpark

Der Bärenpark Belitsa – Ein Ort der aus Schande Verantwortung macht

Ich bin kein Freund von Orten die sich groß ankündigen. Ich mag Projekte die einfach funktionieren weil jemand irgendwann beschlossen hat, dass Wegsehen keine Option mehr ist. Der Bärenpark in Belitsa ist genau so ein Ort. Wenn ich ihn beschreiben soll, dann nicht als Ausflugsziel und nicht als hübsche Randnotiz aus Bulgarien, sondern als eine stille Reparaturwerkstatt für Leben, das Menschen kaputt gemacht haben. Er liegt oben in den Wäldern der Rila Berge, fern genug vom Lärm um überhaupt Heilung zuzulassen und nah genug an unserer Wirklichkeit, um uns den Spiegel vorzuhalten.

Bevor jetzt jemand fragt, warum ich darüber schreibe, obwohl ich noch nicht dort war sage ich es lieber selbst. Ich habe es mir schon mehr als einmal vorgenommen. Es stand im Kopf, es stand im Kalender und jedes Mal kam etwas dazwischen. Alltag, Termine, irgendwas Dringenderes das plötzlich wichtiger wirkte. Dieses Jahr soll mir das nicht noch einmal passieren, Belitsa steht bei mir ganz oben auf der Liste. Nicht als romantischer Ausflug, sondern als Pflichtbesuch. Ich will diesen Ort sehen, ich will darüber schreiben und ich will es nicht erst tun wenn wieder Jahre vergangen sind und ich mir einrede, es sei eben so gelaufen.

Denn die Geschichte aus der Belitsa entstanden ist, ist keine auf die man stolz sein kann, es geht um Tanzbären. Dieses Wort klingt nach Folklore, nach Postkartenkitsch, nach einer Tradition die man sich schönredet, bis es in den Kopf passt. In Wahrheit war es jahrelang ein Geschäft mit Angst und Gewalt. Aus einem Bären wurde ein Werkzeug gemacht, ein Objekt das funktionieren musste wenn Musik lief und Menschen lachten. Bulgarien hat diese Praxis 1998 verboten, aber ein Verbot ist nur ein Satz auf Papier, solange es keine Adresse gibt an der die Konsequenzen landen. Wohin mit den Tieren die man nicht einfach zurück in den Wald entlassen kann, weil man ihnen das Bärsein abtrainiert hat. Genau hier beginnt Belitsa.

Der Park wurde im Jahr 2000 als Schutzprojekt aufgebaut, getragen von FOUR PAWS und der Fondation Brigitte Bardot. Nicht als Symbol, nicht als PR Idee, sondern als praktische Antwort auf ein moralisches Problem. Wer einmal verstanden hat, was es bedeutet ein Wildtier jahrelang zu entwürdigen, der begreift auch, dass Rettung nicht bedeutet ein Tor zu öffnen und zu hoffen, dass die Natur alles wieder gut macht. Rettung bedeutet Pflege, Geduld, tierärztliche Versorgung, Struktur, Rückzug und vor allem Zeit. Zeit ist in Belitsa keine romantische Kategorie, sondern Therapie. Ein Tier heilt nicht, weil wir Menschen plötzlich ein besseres Gewissen haben, es heilt wenn es wieder Entscheidungen treffen darf.

Das ist für mich der Kern dieses Ortes. Belitsa ist nicht gebaut damit der Mensch sich gut fühlt, es ist gebaut damit der Bär wieder Bär sein kann. Wald, Schatten, Steigungen, Wasser, Rückzugsmöglichkeiten, Raum zum Verstecken. Kein Zwang zur Nähe, keine Bühne, kein Dressurabdruck. Ein Lebensraum der nicht nach Show aussieht, sondern nach Respekt und genau deshalb ist es so beeindruckend, wie unspektakulär diese Arbeit nach außen wirkt. Da passiert nicht jeden Tag ein dramatisches Wunder, da passiert jeden Tag das Gleiche. Füttern, beobachten, behandeln, schützen, in Ruhe lassen und das ist es, was wirkt.

Man kann über Belitsa leicht kitschig schreiben. Man kann sich in niedlichen Bildern verlieren und so tun, als wäre es eine Geschichte über Tiere die wieder spielen lernen. Ich halte das für die billigste Variante, Belitsa ist nicht die Geschichte über Bären die süß gucken. Es ist die Geschichte über Menschen die Jahrzehnte weggesehen haben und dann endlich begriffen haben, dass Wegsehen keine Kultur ist. Das Tradition kein Freifahrtschein ist, dass man Verantwortung nicht mit einem Gesetz erledigt, sondern mit konkreter Arbeit die jeden Tag bezahlt, organisiert und durchgehalten werden muss.

Wie lebendig und aktuell dieses Projekt ist zeigt sich auch daran, dass Belitsa längst nicht nur ein Rückblick auf die eigene Vergangenheit ist, es ist Teil einer europäischen Rettungsrealität geworden. Im Herbst 2025 kamen zwei siebenjährige Bärengeschwister nach Belitsa, Frol und Frosia. Ihr Transfer dauerte rund vierzig Stunden, sie wurden nach der Ankunft zunächst in Quarantäne medizinisch überwacht und dann behutsam in ihre neue Umgebung integriert. Ihre Vorgeschichte ist typisch für das, was viele gern nicht sehen möchten. Bären die in schlechten Bedingungen gehalten wurden, als Attraktion, als Objekt, als etwas das man besitzt und dann dieser Bruch, der für ein Tier alles bedeutet. Raus aus der alten Welt, hinein in eine neue in der niemand mehr etwas von ihm will, außer dass es lebt. Dass es ankommt, dass es sich einlebt, ohne Programm, ohne Leistung und ohne Erwartung. Für mich ist das der stärkste Satz den man über ein Sanctuary schreiben kann. Hier muss niemand funktionieren, hier darf jemand einfach wieder existieren.

Wenn man wissen will wie ernst dieses Projekt ist, reicht ein Blick auf die Zeitachse. 2025 wurde öffentlich an 25 Jahre Rettungsarbeit erinnert, ein Vierteljahrhundert. Das klingt nach Jubiläum, aber es ist in Wahrheit eine Bilanz die wehtut. Weil sie zeigt wie lange das Gute oft kämpfen muss, bis es stärker wird als das Gewohnte. 25 Jahre, weil es so lange dauert eine grausame Praxis nicht nur rechtlich, sondern auch gesellschaftlich wirklich auszutrocknen. 25 Jahre, in denen Menschen im Hintergrund dieselbe unspektakuläre Arbeit tun die niemand fotografiert, die aber Leben zurückgibt. Nicht als Pose, nicht als Trend, sondern als Alltag.

Ich schreibe diesen Text nicht um Bulgarien auf die Schulter zu klopfen. Ich schreibe ihn, weil Belitsa ein Gegenbeweis ist zu diesem zynischen Reflex, dass sich ja ohnehin nichts ändert. Doch, es ändert sich etwas wenn man den Mut hat den Mist beim Namen zu nennen und dann die Konsequenzen zu tragen. Belitsa ist ein Ort, an dem man sehen kann was Verantwortung wirklich ist. Nicht das Gefühl das man dabei hat, sondern das was man jeden Tag tut auch wenn niemand klatscht.                                                                                                                                                                                                                                            Genau deshalb musste ich darüber schreiben, obwohl ich noch nicht dort war, weil ich diesen Ort nicht länger als Gedankenprojekt behandeln will, das immer auf später verschoben wird. Belitsa ist zu wichtig für später.

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