COP30 – Weltrettungszirkus im Regenwald, während Europa absäuft
Klimagipfel im Katastrophenmodus
COP30 verhandelt Zahlen in Belém, während Sturm „Claudia“ Europa unter Wasser setzt
Am sechsten Tag von COP30 sitzen in Belém am Amazonas Tausende Delegierte in klimatisierten Hallen, sortieren Redelisten, ringen um Formulierungen und Kommas in Textentwürfen. Draußen in der wirklichen Welt räumt Sturm „Claudia“ in Portugal und Großbritannien auf. Eine 85-jährige Britin stirbt in einem Campingplatz im portugiesischen Albufeira, ein Tornado verwüstet den Süden des Landes, in Wales und England werden Menschen mit Booten aus überfluteten Häusern geholt, in mehreren Regionen gilt der Notstand. Drei Tote, Dutzende Verletzte, überlaufende Flüsse, zerstörte Existenzen.
Während Europa buchstäblich absäuft, tagt am Rand des Regenwaldes die dreißigste Weltklimakonferenz. COP30 läuft vom 10. bis 21. November 2025 in Belém, der Stadt, die als Tor zum Amazonas verkauft wird, als Symbol der Wende, als Bühne für das große Versöhnungsnarrativ zwischen „Entwicklung“ und „Schutz der Lunge des Planeten“.
Was in Wahrheit stattfindet, ist ein Ritual, ein Geschäftsmodell und eine gigantische Inszenierung moralischer Selbsttäuschung.
In Belém sind über 50 000 Menschen akkreditiert, Brasilien allein reist mit rund 3 800 Delegierten an, China und Nigeria folgen mit hunderten Teilnehmern, Staatenbündel, NGOs, Banken, Thinktanks, Lobbyisten, alle mit Badge, alle angeblich im Dienst der Rettung des Planeten. In diesem Jahr sind mehr als 1 600 Fossil-Lobbyisten zugelassen, das ist eine eigene Partei, größer als fast jede nationale Delegation. Einer von 25 Teilnehmern auf diesem „Klimagipfel“ arbeitet für Kohle, Öl oder Gas, ihre Zahl übertrifft jene vieler verwundbarer Staaten um Größenordnungen. Man stelle sich eine Weltgesundheitskonferenz vor, in der ein Viertel der Teilnehmer von Tabakkonzernen bezahlt wird. Genau das passiert hier, nur schlimmer, denn das Rauchverbot rettet niemanden vor einem über die Ufer tretenden Fluss.
Belém selbst ist bereits zum Symbol dieser Verrenkungen geworden. Um die Stadt „fit für COP30“ zu machen, wird seit Monaten gebaut. Eine neue vierspurige Straße, Avenida Liberdade, frisst sich durch Schutzgebiete, zehntausende Hektar Wald verschwinden, schwere Technik pflügt sich durch Böden, die man parallel auf Podien als „unersetzliche Kohlenstoffsenke“ bejubelt. BBC, lokale Aktivisten, Wissenschaftler, selbst kirchliche Gruppen dokumentieren die Zerstörung und sprechen offen aus, was sie sehen, ein angeblich nachhaltiger Klimagipfel, der sich eine Zufahrtsstraße in den Regenwald schlagen lässt.
Der Bundesstaat bestreitet einen direkten Zusammenhang, spricht von einem schon lange geplanten Projekt, von ökologischer Modernisierung, von „neuer Geschichte“ für Belém. Die Bilder erzählen eine andere Geschichte. Dort, wo vorher Wald stand, wo Menschen von Açaí und Waldprodukten lebten, steht jetzt Betonplanung, entwurzelte Bäume, Staub, es ist fast schon poetisch, in seiner Geschmacklosigkeit. Damit 50 000 Weltretter bequemer zum Kongresszentrum kommen, wird genau das zerstört, was auf den PowerPoint-Folien als heilig gilt.
Drinnen wird währenddessen verhandelt, ob man nun „phase out“ oder „phase down“ fossiler Energien schreibt, ob sich die Industriestaaten auf 1,3 Billionen Dollar Klimafinanzierung bis 2035 festlegen oder auf irgendeine weichgespülte Formel, die sich in Pressemitteilungen gut anhört und in Haushalten nicht weh tut. Die EU inszeniert sich als „Führungsmacht“, als vernünftiger Block, der angeblich alles tut, um das 1,5-Grad-Ziel zu retten, während sie sich gleichzeitig in fossile Infrastruktur einbetoniert und an der Außengrenze Menschen in Lager schiebt, die vor genau den Krisen fliehen, über die man in Belém so gerne redet.
Vor den Toren des Geländes schwitzen Demonstranten in der tropischen Hitze, indigene Gruppen, Jugendliche, Aktivisten, die „Unser Wald ist nicht zu verkaufen“ rufen und die absurde Szene vollenden. Tausende Menschen protestieren in der flirrenden Hitze gegen ein System, das sie im Programmheft als „stakeholder“ durchzählt, aber politisch systematisch ausbremst. Als eine Gruppe indigener Protestierender versucht, in die sogenannte Blue Zone vorzudringen, in den abgesicherten Bereich der echten Macht, kommt es zu Handgreiflichkeiten mit UN-Sicherheitskräften, Tische werden als Barrikaden genutzt, Menschen werden zu Boden gedrückt und herausgezerrt. Die Szene ist so symbolisch, dass man sie sich nicht besser ausdenken könnte. Diejenigen, deren Lebensraum tatsächlich zerstört wird, kommen nur bis in den Vorraum der Verhandlungen, dann ist Schluss. Drinnen redet man über ihre Zukunft, draußen landen sie auf dem Boden.
Währenddessen fehlt eine der wichtigsten Emittierenden-Nationen fast komplett. Die Vereinigten Staaten haben angekündigt, keine hochrangigen Regierungsvertreter zu schicken. Der US-Präsident nennt Klimapolitik eine „con job“, also einen Schwindel, lässt seine Energieteams lieber LNG-Deals und fossile Exportverträge feiern und schickt höchstens einen oppositionellen Senator nach Belém, der symbolisch zeigen soll, dass „die Amerikaner eigentlich mit dabei sind“. Offiziell verurteilen andere Staatschefs diese Ignoranz, beklagen den Rückzug der USA, stilisieren sich selbst zu Schutzpatronen des Pariser Abkommens. Inoffiziell atmen viele auf, weil sie wissen, dass ein offener Klimaleugner im Raum die Fassade ihrer eigenen Halbherzigkeit gefährlich ankratzen könnte.
Zurück nach Europa. Während diese Zeilen geschrieben werden, stehen Teile von Wales und England unter Wasser, Flüsse treten über die Ufer, Straßen werden zu Kanälen, Autos zu Treibgut. In Portugal haben Sturmfronten, die mit „Claudia“ über die Iberische Halbinsel zogen, Dächer abgedeckt, Bäume wie Streichhölzer abgeknickt, Menschen getötet und verletzt. In den Nachrichten laufen dieselben Bilder wie immer, Helme, Warnwesten, Sandsäcke, Drohnenaufnahmen über braunen Fluten, dazu Politiker, die an Deichen stehen und von „noch nie dagewesenen Ereignissen“ sprechen, von „Herausforderungen“, von „Resilienz“. Es sind dieselben Politiker, die sich vorher auf Klimakonferenzen mit „Ambition“ und „Leading by example“ brüsten, aber zu Hause neue Autobahnen durch Schutzgebiete legen, Flughäfen ausbauen und fossile Subventionen als alternativlos darstellen.
Das ist der eigentliche Kern dieser ganzen Inszenierung. Die Klimakrise findet nicht in Belém statt, sie findet in Kellern statt, die volllaufen, in Wohnungen, die unbewohnbar werden, in Ernten, die vertrocknen oder weggespült werden, in Menschen, die ihre Heimat verlassen, weil es dort zu heiß, zu nass oder zu gefährlich geworden ist. In Belém findet die Begleitmusik dazu statt, dort werden die Worte produziert, mit denen man es im Nachhinein rechtfertigt.
Die Heuchelei beginnt bei den Anreisen, geht über die Infrastruktur und endet bei der Sprache. Man empfängt Delegationen auf einem neu gebauten Highway durch den Regenwald, während man in Reden den Amazonas als „Herz der Erde“ beschwört. Man lässt sich mit indigenen Vertreterinnen fotografieren, während ihre Lebensräume für Bergbau, Straßenbau und Agrarbusiness weiter zerschnitten werden. Man erklärt Fossil-Lobbyisten zu „Stakeholdern im Transformationsprozess“ und gibt ihnen mehr Zugang als vielen betroffenen Gemeinden. Man feiert jede zusätzliche Milliarde an Klimafinanzierung, als wäre es ein Opfergang, und verschweigt, dass gleichzeitig hunderte Milliarden in fossile Subventionen und militärische Aufrüstung fließen.
Die bittere Wahrheit ist, COP30 ist kein Ort, an dem der Planet gerettet wird, COP30 ist ein Ort, an dem die Erzählung vom „geordneten Übergang“ verwaltet wird. Man versucht, die Diskrepanz zwischen physikalischer Realität und politischer Bequemlichkeit in Texte zu gießen, die vage genug sind, um überall unterschrieben zu werden, und konkret genug klingen, um das Publikum zu beruhigen. Die 1,5-Grad-Rhetorik ist längst ein Feigenblatt. Die offiziellen Analysen zeigen seit Jahren, dass die derzeitigen Zusagen eher auf 2,3 bis 2,5 Grad hinauslaufen. Doch der Satz „Das 1,5-Grad-Ziel bleibt in Reichweite“ wird weiter wiederholt, weil es politisch opportun ist. Niemand will als derjenige in die Geschichte eingehen, der öffentlich zugibt, dass dieses Kapitel praktisch beendet ist.
Wer heute noch ernsthaft glaubt, dass sich in diesen Hallen in Belém eine Koalition von 190 Staaten zusammenfindet, die plötzlich ihre eigenen ökonomischen Interessen, Machtstrukturen und Wachstumsdogmen zur Seite wischt, um den Planeten zu retten, hält an einem Märchen fest, das längst zur Ideologie geworden ist. Weltrettung wurde ausgelagert an einen jährlich wiederkehrenden Konferenzzirkus, der genau jene Strukturen stabilisiert, die das Problem verursachen.
Das heißt nicht, dass Diplomatie überflüssig wäre. Das heißt nur, dass sie nicht ist, wofür sie verkauft wird. Diese Konferenzen sind nicht das Rückgrat der Lösung, sie sind das Theaterstück, mit dem man den Eindruck aufrechterhält, jemand hätte die Sache im Griff. Währenddessen verschiebt man Entscheidungen, die weh tun würden, auf das nächste Jahr, die nächste Regierung, die nächste COP. In den Zwischenräumen dieser Gipfel passieren die wirklichen Dinge, neue Bohrlizenzen, neue Pipelines, neue Autobahnen, neue Kohleminen, neue Rüstungsdeals, neue Handelsabkommen, die Emissionen zementieren, über die man später in Belém, Baku oder Dubai wieder reden kann.
Sturm „Claudia“ ist kein isoliertes Wetterereignis, kein dummer Zufall am Rande der Verhandlungen. Er ist Teil einer Serie. Mehr Energie in der Atmosphäre bedeutet heftigere Extreme, mehr Wasser in der Luft bedeutet brutalere Regenfälle, wärmere Ozeane liefern stärkere Stürme, genau davor warnen Klimawissenschaftler seit Jahrzehnten. Wenn dann zeitgleich die Flüsse in Wales durchbrechen, während in Belém über „Klimarisiken“ gesprochen wird, zeigt sich der Zynismus dieses Systems in einem einzigen Bild.
Wer nach all dem immer noch an die Idee glaubt, dass „die Politik“ auf solchen Gipfeln schon irgendetwas regeln wird, das man selbst nicht anfassen will, klammert sich an eine Lebenslüge. Diese Konferenzen werden nicht verschwinden, im Gegenteil, sie werden größer, teurer, spektakulärer. Sie produzieren Erklärungen, Logos, Slogans, Aktionspläne, Partnerschaften. Was sie kaum produzieren, sind harte Brüche mit den Interessen derer, die an Fossilgeschäft, Verkehrswachstum, Rüstungsprofiten und ausbeuterischen Lieferketten verdienen.
Wer wirklich etwas ändern will, muss genau hier ansetzen, beim Entzug der moralischen Legitimation. Solange dieser Konferenzzirkus als höchste Form der Weltrettung gilt, solange werden Regierungen ihn nutzen, um Untätigkeit als verantwortungsvolles Abwägen zu verkaufen. Solange Menschen auf diese Show hoffen, anstatt politische, wirtschaftliche und persönliche Entscheidungen zu treffen, die tatsächlich etwas kosten, bleibt COP30, was es ist, ein gut organisierter Fluchtpunkt für Schuldgefühle.
Draußen regnet es weiter, in Portugal wischen Menschen den Schlamm aus Häusern, die sie vielleicht nie wieder versichern können. In Wales zählen sie die Sandsäcke, die nicht gereicht haben. In Belém wird der Klimaanlage die Temperatur hochgedreht, weil die Räume zu kalt sind. Am Ende wird es eine Abschlusserklärung geben, eine Pressekonferenz, ein paar Selfies vor Regenwaldkulisse. Die Flüsse werden sich darum nicht kümmern.
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