30. November 2025
Lukoil

Bulgarien unter Aufsicht. Wie Washington längst mitbestimmt, wer hier tankt, heizt und Geschäfte macht

Bulgarien nennt sich ein souveräner Staat, Mitglied der Europäischen Union, Demokratische Verfassung, Parlament, Regierung, Justiz. Doch wer sich ansieht, was in den vergangenen Jahren in der Energiepolitik passiert ist, erkennt ein Bild, das kaum noch zu übersehen ist. Entscheidungen, die eigentlich in Sofia fallen müssten, werden in Wahrheit irgendwo zwischen Brüssel und Washington getroffen, und die bulgarische Regierung wirkt nicht wie ein Gestalter, sondern wie ein Befehlsempfänger. Offiziell geht es um europäische Sicherheit, geopolitische Stabilität und moralische Werte, in Wirklichkeit geht es um Einfluss, Kontrolle und wirtschaftliche Interessen, die nichts mit bulgarischer Souveränität zu tun haben.

Der Name Lukoil ist dabei nicht das Problem, sondern das Symbol. Über zwanzig Jahre lang war die Raffinerie Neftochim Burgas ein essenzielles Organ der bulgarischen Wirtschaft. Sie sorgte für Treibstoffversorgung, stabile Preise, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Jeder Bulgare, der tankt, heizt oder Güter transportiert, war direkt oder indirekt von dieser Infrastruktur abhängig. Doch plötzlich wurde dieses System nicht mehr nach wirtschaftlichen oder nationalen Interessen bewertet, sondern nach amerikanischen Vorgaben. Ein fremder Staat begann offen zu verlangen, dass Bulgarien russische Energie verdrängt, selbst wenn es dafür keine realistische Alternative gibt. Die US-Botschaft in Sofia veröffentlichte Stellungnahmen, applaudierte politischen Maßnahmen und kommentierte bulgarische Regierungsentscheidungen mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre Bulgarien ein Außenbezirk und nicht ein unabhängiges Land.

Die bulgarische Politik spielte dieses Spiel mit, nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Der damalige Premierminister Boyko Borissov erklärte mehrfach, Bulgarien müsse „auf Linie“ bleiben, um westliche Unterstützung nicht zu verlieren. Seine Nachfolger führten dieselbe Politik fort, unabhängig von Partei und Ideologie. Niemand wollte Sanktionen riskieren, niemand wollte schlechte Presse in Brüssel oder Washington, niemand wollte als russlandfreundlich abgestempelt werden. So entstand ein politisches Klima, in dem es völlig egal war, was Bulgarien braucht. Entscheidend war, was Washington hören wollte und das war die gleiche Botschaft wie überall in Europa, russische Energie raus, amerikanisches LNG rein, egal wie hoch der Preis ist und wer dafür zahlen muss.

Als die EU Sanktionen ausweitete und Ölimporte aus Russland erschwerte, traf das Bulgarien härter als fast jedes andere Land. Die großen Staaten konnten sich alternative Lieferwege leisten, Deutschland, Frankreich, Italien – alle hatten Puffer, Kapital, andere Quellen. Bulgarien hatte nichts davon. Trotzdem wurde das Land behandelt, als sei es verpflichtet, Opfer zu bringen, die für die großen Player politisch nützlich und wirtschaftlich bequem sind. Man belehrte, man drängte, man warnte. Und während die bulgarische Bevölkerung steigende Kosten spürte, machten amerikanische Energiekonzerne Rekordgewinne mit LNG-Lieferungen, Terminals und neuen Verträgen, die politisch gewollt, aber wirtschaftlich katastrophal waren.

Unter dem Vorwand, Bulgarien müsse sich von „russischer Abhängigkeit“ befreien, geriet das Land in eine neue Abhängigkeit, die niemand laut aussprechen will. Denn das, was wie europäische Souveränität verkauft wird, entpuppt sich als Abhängigkeit von einer einzigen außenpolitischen Macht, die ihre Interessen so rücksichtslos durchsetzt wie jede imperiale Nation der Vergangenheit. Ob amerikanische Diplomaten öffentlich Lukoil kritisieren, ob sie politische Parteien loben, die gegen russische Energie kämpfen, oder ob sie „empfehlen“, die größte Raffinerie des Landes unter staatliche Kontrolle zu stellen – alles läuft nach demselben Muster. Bulgarien darf frei entscheiden, solange die Entscheidung mit amerikanischer Geostrategie kompatibel ist, andernfalls wird moralisiert, sanktioniert oder wirtschaftlich bestraft.

Die Medien unterstützen diese Inszenierung bereitwillig. Kritische Stimmen werden marginalisiert, Experten, die auf wirtschaftliche Risiken hinweisen, werden ignoriert, und Berichterstattung über amerikanischen Einfluss wirkt wie ein Tabu. Wenn Russland Druck ausübt, ist das Propaganda und Imperialismus, wenn die USA Druck ausüben, wird es „strategische Partnerschaft“ genannt. Dabei ist das Ergebnis identisch, Bulgarien wird nicht gefragt, sondern angewiesen. Es darf nicht frei handeln, es darf nicht pragmatisch entscheiden, und es darf nicht auf seine eigene wirtschaftliche Logik hören. Die angebliche Befreiung von Abhängigkeit erzeugt eine neue, die noch enger, noch aggressiver und noch politisch korrekter vermarktet ist.

Die Folgen spürt jeder Bürger. Energiepreise stiegen, Unsicherheit wuchs, die strategische Infrastruktur des Landes wurde zur geopolitischen Spielfläche. Die EU-Kommission sagte, Bulgarien solle wirtschaftlich diversifizieren. Die USA sagten, Bulgarien solle russische Energie beenden. Niemand fragte, ob eine Diversifizierung finanzierbar oder technisch realisierbar ist. Niemand fragte, wie sich Energiearmut, Inflation oder Industrieentwicklung auswirken. Es ging nicht um Bulgarien, es ging darum, dass Bulgarien gehorcht.

Wenn ein Staat nicht frei entscheiden kann, wie er Energie importiert, welche Unternehmen er zulässt und welche wirtschaftlichen Verträge er schließt, dann ist er nicht souverän, er ist verwaltet. Und auch wenn das niemand gerne hört, ist Bulgarien inzwischen eher ein geostrategischer Außenposten als ein eigenständiger Nationalstaat. Die politische Führung nickt, die EU übersetzt, die USA ordnen an und das wird so lange funktionieren, wie Politiker lieber fremde Interessen bedienen als eigene Verantwortung tragen.

Vielleicht wird irgendwann jemand den Mut haben, dieses Theater zu beenden. Vielleicht wird Bulgarien eines Tages eine Energiepolitik haben, die von Bulgaren beschlossen wird, nicht von Diplomaten aus Übersee. Vielleicht wird die Bevölkerung merken, dass Freiheit nicht daraus besteht, zwischen Moskauer und amerikanischen Befehlen zu wählen, sondern darin, niemanden befehlen zu lassen. Bis dahin bleibt Bulgarien zwar offiziell souverän, aber praktisch ein Staat, der sich von außen erklären lassen muss, wer hier tankt, heizt und Geschäfte macht und genau das ist die größte Demütigung, die man einem Land antun kann.

🔔 Verpasse keinen Beitrag!


Mit der Anmeldung akzeptierst du unsere Datenschutzerklärung.

Der Autor

Copyright © WebWerk Bulgarien. Alle Rechte vorbehalten.