Rumen Radev – Der General, der Bulgarien politisch aufrüttelte und jetzt geht er selbst
Die Nachricht, dass Rumen Radev als Präsident Bulgariens zurückgetreten ist, schlägt schwere Wellen durch die politische Landschaft des Landes. In einer Zeit, in der Bulgarien sich selbst in einer tiefen institutionellen Krise befindet, markiert sein Schritt einen historischen Wendepunkt. Radev kündigte am 19. Januar 2026 in einer Fernsehansprache an, dass er sein Amt aufgeben und sein Rücktrittsgesuch dem Verfassungsgericht vorlegen werde. Er ist damit der erste bulgarische Staatschef der jüngeren Geschichte, der freiwillig zurücktritt.
Sein Rücktritt kommt nur wenige Wochen vor den für das Frühjahr erwarteten neunten Wahlen innerhalb von fünf Jahren in Bulgarien und inmitten einer eskalierenden politischen Instabilität, in deren Zentrum nicht zuletzt der seit Dezember 2025 zurückgetretene Regierungschef steht.
Dieser Schritt wirkt zunächst wie ein politischer Selbstläufer, doch wer Radev versteht, sieht dahinter eine kalkulierte Transformation seiner Rolle vom repräsentativen Staatsoberhaupt hin zu einem aktiven Akteur auf der parlamentarischen Bühne.
Denn Radev war nie ein gewöhnlicher Präsident. Geboren am 18. Juni 1963 in Dimitrowgrad, absolvierte er eine herausragende militärische Karriere, vom Jagdflieger über wichtige Auslandsstationen in den USA bis zum Kommandeur der bulgarischen Luftwaffe. Nach seinem militärischen Höhepunkt wählte ihn die bulgarische Bevölkerung 2016 zum Präsidenten, und 2021 bestätigte sie ihn in einer klaren Wiederwahl.
In einem Land, das politisch über Jahrzehnte von elitären Netzwerken, Oligarchien und einer erschreckend hohen Korruptionsanfälligkeit geprägt war, stand Radev für einen Kontrapunkt. Der Präsident positionierte sich als Kritiker der festgefahrenen politischen Klasse, als Verteidiger gegen korrupte Strukturen und als Stimme für die Bürger, die von den klassischen Parteien enttäuscht waren. Diese Haltung verschaffte ihm breite Zustimmung in der Bevölkerung, auch wenn sie ihm zugleich harsche Gegner im Establishment eintrug.
Radevs politische Positionen waren dabei eindeutig. Er forderte wiederholt mehr Transparenz im politischen Prozess, mehr Verantwortung der Eliten und eine Abkehr von den Machtkonzentrationen die Bulgarien seit Jahren lähmen. In einem Land, das seit dem EU-Beitritt 2007 zum armen Schlusslicht innerhalb der Europäischen Union aufstieg, sprach er offen und bisweilen unbequem über die Ohnmacht eines Systems, das auf dem Papier demokratisch wirkt, in Wirklichkeit aber von Interessencliquen dominiert wird.
Doch nun da Radev zurücktritt, drängt sich die Frage auf, ist das ein Verlust für Bulgarien und was bedeutet das für die nationale Souveränität angesichts des wachsenden Drucks aus Brüssel und Berlin?
Politisch verstanden hat Radev mehr als die meisten seiner politischen Konkurrenten, das steht außer Frage. Während in vielen westeuropäischen Hauptstädten Politiker debattierten, ohne je tiefere Wurzeln in der realen politischen Praxis zu entwickeln, gelang es Radev wiederholt, die Elite herauszufordern, den Finger in die Wunde zu legen und zumindest zeitweise politischen Druck aufzubauen. Seine wiederholte Rolle bei der Einsetzung von Übergangsregierungen in Jahren, in denen keine stabile Mehrheit gefunden wurde zeigt, dass er weit mehr ist als nur ein repräsentatives Staatsoberhaupt.
Doch genau jetzt öffnet sein Rückzug das Feld für all jene Kräfte, die Bulgarien in eine klassische Westbindung pressen wollen. Die Partei- und Parteigruppen, die bedingungslos Brüssel und Berlin folgen, die EU-weit vernetzte Netzwerke, die weder Reform noch nationale Eigenständigkeit wirklich im Blick haben, sondern vor allem politische Loyalität gegenüber den zentralen EU-Institutionen.
Diese Entwicklung ist kein Zufall. Bulgarien hat bereits den Beitritt zur Eurozone vollzogen und ist Mitglied des Schengen-Raumes, politische Entscheidungen die nicht automatisch Stabilität und Wachstum gebracht haben, wohl aber die Bindung an EU-Mechanismen vertieft haben.
In dieser Gemengelage droht nun, dass ausgerechnet jene Kräfte die bislang von Brüssel mit Wohlwollen betrachtet wurden, erneut dominieren. Parteien, die ihre politische Agenda stärker an EU-Vorgaben als an nationalen Bedürfnissen ausrichten, könnten in der kommenden Wahl wieder erstarken. Und damit wächst die Gefahr, dass Bulgarien politisch noch tiefer in eine Abhängigkeit rutscht in der nationale Interessen unter dem Diktat externer Vorgaben subsumiert werden.
Kurzum, Radevs Rücktritt ist ein weiterer Beleg dafür, dass Bulgarien politisch am Abgrund steht. In einem System das sich seit Jahren nicht stabilisieren kann, mit wiederholten Wahlen und ohne tragfähige politische Mehrheit, droht das Land unter dem Druck der Widersprüche auseinanderzufallen, zwischen dem Anspruch auf Eigenständigkeit und der Realität eines übermächtigen EU-Einflusses.
Für Bulgarien ist dies keine bloße Phase der Unruhe, sondern ein strukturelles Problem. Es zeigt, wie sehr eine politische Elite, die nie gelernt hat institutionell Verantwortung zu tragen und den Bürgern echte Perspektiven zu geben, ein Land lähmen kann. Und nun, wo einer der wenigen Akteure die zumindest ein Gegengewicht bildeten das Feld räumt, steht Bulgarien vor der Wahl zwischen weiterer innerer Entfremdung und einem neuen politischen Kurs, der nicht nur die Oberfläche der Macht, sondern die Grundlagen der politischen Kultur verändert.
Bulgarien befindet sich im Moment nicht nur in der Krise es ist politisch am Arsch und die Risiken, dass das nationale Projekt unter dem Gewicht externer Erwartungen und interner Zerstrittenheit zerbricht, sind so akut wie selten zuvor.
