Bulgarien nach dem Euro – Schluss mit dem Auswanderer Gejammer, Zeit für Realität
Seit Bulgarien den Euro hat läuft in den sozialen Medien ein Film, der immer gleich beginnt. Da schreiben Menschen von Preisexplosionen, von Beschiss an jeder Ecke, von „jetzt ist alles wie in Deutschland“, von Abzocke, von „sie haben uns alles kaputt gemacht“, und am Ende steht fast immer derselbe Subtext. Man selbst ist das Opfer, alle anderen sind Täter und irgendein ominöses „System“ habe den kleinen Mann wieder einmal über den Tisch gezogen. Das Problem an diesem Film ist nicht, dass er Gefühle beschreibt, Gefühle darf jeder haben. Das Problem ist, dass er sehr oft mit der Realität so viel zu tun hat wie ein Wetterbericht mit einem Wunschzettel.
Ja, es gibt Umstellungseffekte, natürlich gibt es sie. Wer behauptet es gäbe keine Rundungen der lügt oder schaut nicht hin. Wo Geld auf neue Preisschilder trifft wird gerundet. Wo gerundet wird, wird auch dreist gerundet, das ist nicht bulgarisch, das ist menschlich. Nur ist aus diesen kleinen punktuellen Aufschlägen in manchen Köpfen ein Weltuntergang geworden, der sich bei genauerem Hinsehen fast immer als Mischung aus selektiver Wahrnehmung, schlechtem Gedächtnis und maximaler Empörung entpuppt. Wer jeden Tag fünf Beispiele für „Abzocke“ sucht findet sie auch. Wer dagegen nüchtern vergleicht merkt schnell, dass Bulgarien weder über Nacht zu Deutschland geworden ist, noch aus dem Euro automatisch eine Preisapokalypse folgt. Was folgt ist vor allem eins, Transparenz. Zahlen werden für Zugezogene lesbarer, Vergleiche werden einfacher und genau das überfordert jene, die eigentlich gar nicht vergleichen wollen sondern nur recht behalten.
Man muss das hart sagen, weil dieses Thema sonst nie sauber wird. Ein großer Teil des Lärms kommt nicht von Menschen, die Bulgarien wirklich leben. Er kommt von Auswanderern, die mit ihrem Leben schon vorher nicht klar kamen, in Deutschland nicht und hier auch nicht. Sie sind nicht ausgewandert, sie sind geflohen. Vor Rechnungen, vor Verantwortung, vor Konsequenzen, vor der Erkenntnis, dass Alter und Gesundheit keine Meinung sind. Solche Leute landen dann in einem fremden Land, ohne Plan, ohne Puffer, ohne Sprache, ohne Netzwerk und glauben ernsthaft, der bloße Grenzübertritt würde ihre Biografie neu schreiben. Dann trifft sie die erste ganz normale Lebensrealität und sie nennen es Abzocke. Dann ist der erste Behördengang nicht so wie sie es gewohnt sind und sie nennen es Betrug. Dann steigen bestimmte Preise in bestimmten Orten, vor allem dort, wo alle hinwollen und sie nennen es „Deutschland 2.0“. Das ist keine Analyse, das ist Selbstbetrug.
Auswandern ist kein Notausgang, auswandern ist ein Projekt, man muss sich das leisten können, finanziell und mental. Wer ohne ausreichende Rücklagen loszieht, wer seine Altersvorsorge in der Hoffnung ersetzt das Leben werde im Ausland schon irgendwie billig genug sein, der baut auf Sand. Wer dann ausgerechnet in den populären Gegenden landet wo die Nachfrage hoch ist, wo Dienstleistung, Mieten und Immobilien längst im Aufwind sind, der erlebt nicht „Bulgarien“, sondern den teuersten Teil Bulgariens. Das ist so, als würde man in Deutschland nach München ziehen und anschließend behaupten Deutschland sei überall so teuer wie Maximilianstraße. Das ist nicht die Schuld des Landes, das ist die Schuld der eigenen Entscheidung.
Was besonders unerquicklich ist, ist die Haltung die daraus entsteht. Dieses ständige Meckern, diese permanente Kränkung, dieses obsessive Zählen einzelner Preise, als wäre das Leben eine Excel Tabelle. Menschen die so leben erleben Bulgarien nicht, sie erleben nur ihren Ärger. Sie sitzen in ihren Echokammern, tauschen täglich Horrorgeschichten aus, steigern sich gegenseitig hoch und verwechseln ihre Gruppe mit der Wirklichkeit und weil sie in ihrem Kopf längst entschieden haben, dass man sie hier „beschissen“ hat wird jede Abweichung vom Wunschbild zum Beweis. Kein Land hält so etwas aus ohne in den Erzählungen dieser Leute zum Feind zu werden.
Dabei ist Bulgarien nüchtern betrachtet weiterhin ein Land mit Vorteilen, auch nach dem Euro. Für viele Rentner und Auswanderer kann es nach wie vor funktionieren, manchmal sogar hervorragend, aber es funktioniert nicht, weil es ein billiger Ersatz für Vorsorge ist. Es funktioniert wenn jemand bewusst hierher kommt, weil er den Lebensrhythmus mag, das Klima, die Räume, die Natur, die Kultur, die Nähe zum Meer oder zu Bergen, die Möglichkeit, in einer anderen Taktung zu leben. Es funktioniert, wenn man bereit ist sich einzulassen, wenn man akzeptiert, dass Dinge anders laufen, nicht schlechter, aber anders. Es funktioniert wenn man nicht jeden Tag erwartet, dass das Land sich dem eigenen deutschen Reflex anpasst und es funktioniert, wenn man ehrlich genug ist sich nicht einzureden, man könne ohne Vorbereitung in ein neues Leben stolpern und es würde allein durch die Sonne stabil.
Wer dagegen auswandert weil er in Deutschland nicht vorgesorgt hat, weil er jahrelang Dinge verdrängt hat, weil er Entscheidungen aufgeschoben hat, weil er sich von der eigenen Verantwortung wegträumen will, der wird hier nicht gerettet, der wird hier entlarvt. Bulgarien ist kein Rettungsring für Menschen die ihre Finanzen, ihre Gesundheit, ihre Beziehungen und ihre Zukunft ignoriert haben. Ein anderes Land kann dir niedrigere Lebenshaltungskosten bieten, ja. Es kann dir neue Chancen bieten, ja. Es kann dir Luft geben, aber es kann dir keine Reife schenken, keine Struktur, keine Planung, keine Selbstdisziplin. Wer das nicht mitbringt, nimmt seine Probleme mit und dann sind sie nicht kleiner, sondern größer, weil man zusätzlich die Sprache nicht kann, die Systeme nicht kennt und auf sich gestellt ist.
Der Euro ist für diese Menschen nur die perfekte Ausrede. Endlich gibt es einen großen sichtbaren Schalter, auf den man zeigen kann. Endlich kann man alles, was vorher schon schief lief auf eine Münze schieben und genau deshalb liest man jetzt so viel Mist. Nicht weil Bulgarien plötzlich ein anderes Land geworden ist, sondern weil manche Leute endlich ein neues Feindbild haben das sich gut teilen lässt. Preisexplosion klingt dramatischer als „ich habe keinen Plan“. Abzocke klingt besser als „ich habe mich nicht informiert“. Deutschlandpreise sind ein schöner Aufreger, wenn man nicht sagen will „ich habe mir den falschen Ort ausgesucht“. Das ist der Mechanismus hinter dem Geschrei.
Wer ernsthaft über Bulgarien sprechen will, muss sich aus dieser Opferpose herausziehen. Man muss anerkennen, dass es Unterschiede gibt, regional und individuell. Dass Küste und Hauptstadt anders ticken als Kleinstadt und Dorf, dass touristische Hotspots anders funktionieren als das Hinterland. Dass manche Dinge günstiger bleiben und andere aufholen. Dass das Leben nicht nur aus Supermarktbon und Restaurantkarte besteht, sondern aus medizinischer Versorgung, Infrastruktur, sozialem Umfeld und der Frage, ob man überhaupt in der Lage ist ein Leben im Ausland aufzubauen, das nicht bei der ersten Schwierigkeit zusammenfällt.
Und hier kommt der Satz, den viele nicht hören wollen. Vielleicht sind manche schlicht falsch hier. Nicht weil Bulgarien ihnen etwas getan hätte, sondern weil sie ein Land gesucht haben das ihnen die Verantwortung abnimmt, so ein Land gibt es nicht. Wer Bulgarien nur als billige Kulisse benutzt um sein altes Leben zu verdrängen wird sich irgendwann von dieser Kulisse betrogen fühlen, weil die Kulisse plötzlich Anforderungen stellt. Dann wird aus jedem Preis ein Skandal, aus jedem Formular eine Verschwörung und aus jedem Unterschied ein Angriff. Das ist nicht Bulgarien, das ist eine innere Baustelle die man an die Grenze getragen hat.
Bulgarien ist kein Märchenland und kein Feindland. Es ist ein reales Land, mit realen Vor und Nachteilen und es verlangt realistische Menschen. Wer mit offenen Augen kommt, mit einem finanziellen Polster, mit einem Plan, mit Respekt und der Bereitschaft hier wirklich anzukommen, der kann nach wie vor gut leben. Wer aber nur kommen will um zu meckern, zu fliehen und dann das Land für die eigene Unfähigkeit haftbar zu machen, der sollte sich nicht wundern wenn er überall Abzocke sieht. Das ist kein Blick auf Bulgarien, das ist ein Spiegel.
Und ja, das ist der Punkt an dem es bei mir nicht mehr nur um Analyse geht, sondern um Wut. Dieses Thema wühlt mich jedes Mal aufs Neue auf und frustriert mich, weil ich diese Menschen meide und trotzdem ständig über sie stolpere, als wären sie eine Art Dauerrauschen das man nicht abstellen kann. Ich kann sie gar nicht genug verurteilen weil sie nicht nur ihr eigenes Leben gegen die Wand fahren, sondern nebenbei auch noch das Ansehen Bulgariens beschmutzen. Sie sitzen hier als Gäste und benehmen sich, als hätte ihnen das Land ein Glücksversprechen unterschrieben. Wenn das nicht eintritt spucken sie in jede Ecke, in die sie nur irgendwie gelangen und verkaufen ihr persönliches Scheitern als allgemeine Wahrheit. Das ist nicht nur unerquicklich, das ist unanständig.
Denn wer Bulgarien wirklich kennt, wer es lebt, wer sich Mühe gibt, der weiß wie viel hier funktioniert, wie viel Schönheit, Würde und Ruhe es gibt, wie viel echte Herzlichkeit wenn man sie nicht mit Anspruchsdenken erschlägt. Dann kommen diese ewigen Nörgler die im Kopf noch in ihrer deutschen Stammkneipe sitzen, die jede Abweichung von ihrem gewohnten Komfort als Angriff verstehen und die jeden Preiszettel als Beweisstück missbrauchen, um ihre Opfererzählung am Laufen zu halten. Sie sind nicht nur falsch hier, sie sind eine Belastung für alle die ernsthaft ankommen wollen. Sie vergiften Gespräche, sie vergiften Gruppen, sie vergiften den Blick derer, die sich informieren möchten und am Ende bleibt an Bulgarien kleben, was in Wahrheit aus diesen Leuten selbst kommt.
Wer so lebt, sollte nicht darüber reden dürfen wie „Bulgarien“ sei weil er Bulgarien gar nicht erlebt, sondern nur sich selbst. Wer ohne Plan, ohne Rückgrat, ohne Vorsorge und ohne Respekt in ein Land stolpert und anschließend das große Abzocke Märchen verbreitet ist nicht Opfer, er ist Täter. Nicht im juristischen Sinn, sondern im moralischen. Täter an der Wahrheit, Täter an der Atmosphäre, Täter am Ruf eines Landes das ihm nichts schuldet und genau deshalb kann ich diese Menschen nicht ab. Nicht weil sie Fehler machen, Fehler machen wir alle, sondern weil sie aus ihren Fehlern eine Ideologie bauen und daraus eine öffentliche Dreckschleuder machen, die am Ende jeden trifft der Bulgarien ernsthaft, fair und realistisch sehen will.
