30. November 2025
Brennende tanker

Brennende Tanker als „heldenhafter Schlag“ – Wie Kriegstreiber das Schwarze Meer vorsätzlich zum Tatort eines Umweltverbrechens machen

Dieser Krieg frisst sich jetzt dorthin, wo keine Flagge hingehört, auf die Oberfläche des Schwarzen Meeres, in die Kiemen der Fische, in den Sand der Küsten. Man kann Panzer zerstören, Stellungen zerschlagen, Munitionsdepots in die Luft jagen. Wer aber ganz bewusst auf Tanker schießt und sich hinterher hinstellt, als sei das eine geniale, saubere, strategisch brillante Idee, begeht ein Verbrechen, nicht nur an Menschen, sondern an einem gesamten Lebensraum, den Millionen brauchen, um überhaupt zu überleben. Es ist die gleiche verrottete Logik, die Städte in Ruinen verwandelt und sich dann auf „militärische Notwendigkeit“ beruft, nur dass sie jetzt eben auf Wasser statt auf Beton zielt.

Die Rechtfertigung ist immer dieselbe, egal aus welchem Lager sie kommt, die einen erklären, diese Tanker seien Teil einer russischen Schattenflotte, die Sanktionen umgeht, also legitime Ziele, die anderen behaupten, das alles sei eine Heldentat im Namen der Freiheit, des Westens, der Demokratie. Die Formulierung variiert, die Kälte dahinter ist identisch. Wer in voller Kenntnis der Fakten auf schwimmende Stahlbehälter schießt, die mit Treibstoff, Schmieröl und technischem Dreck unterwegs sind, weiß genau, dass er nicht nur Stahl trifft, sondern Meer, wer etwas anderes behauptet, lügt bewusst oder hat jeden Kontakt zu Realität und Physik verloren.

Ein „leerer“ Tanker ist kein leerer Karton aus dem Versandhandel, er trägt eigenen Treibstoff, er trägt Restmengen, er trägt alles, was ein Schiff dieser Größe bewegt. Wenn so ein Koloss brennt, dann brennt nicht nur Lack, dann brennt Gift, dann brennt das Wasser an der Oberfläche, und darunter beginnt ein langsamer, zäher, stickiger Tod von allem, was auf Sauerstoff angewiesen ist. Wer das ernsthaft als notwendige, bedauerliche, aber letztlich vertretbare Maßnahme verkauft, um Russland „zu bestrafen“, verrät damit vor allem eines über sich selbst. Das eigene moralische Koordinatensystem ist nicht nur verrutscht, es hängt längst zerfetzt im Keller.

Dass Russland diesen Krieg begonnen hat, ist unstrittig, ohne die Invasion gäbe es keine ukrainischen Drohnenangriffe auf Tanker, keine Schattenflotte, keinen brennenden Stahl in der türkischen Wirtschaftszone. Wer daraus aber einen Freifahrtschein bastelt, nach dem jede Eskalation automatisch von der Geschichte geadelt ist, weil sie „gegen Russland“ geht, macht sich zum Komplizen genau jener Verrohung, die er angeblich bekämpfen will. Es gibt keine moralische Zauberformel, nach der eine Umweltkatastrophe plötzlich edel wird, sobald sie die „richtige“ Seite auslöst, wer das glaubt oder propagiert, gehört nicht in Debatten über Werte, sondern in ein Handbuch über geistige Selbstvergiftung.

Besonders ekelhaft sind die Tastaturhelden, die diese Angriffe in sozialen Netzwerken feiern, als wäre da gerade ein Level in einem Computerspiel abgeschlossen worden. Dieselben Leute, die bei jeder Ölpest der Vergangenheit empört aufschreien und den moralischen Zeigefinger gegen Konzerne und Politiker heben, klatschen plötzlich Beifall, wenn Treibstoff im Namen des Guten brennt. Der Unterschied zwischen einem Konzern, der aus Profitgier Umwelt zerstört, und einem Kriegsakteur, der dasselbe im Namen der Freiheit tut, liegt nicht in den Folgen, sondern nur im Etikett. Für das Meer ist es völlig egal, welche Flagge auf dem Stahl flatterte, bevor er in Flammen aufging.

Auch die politischen Entscheider auf allen Seiten verdienen jede Verachtung, die man ihnen entgegenbringen kann. Da sitzen Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen, sprechen von Regeln, von Völkerrecht, von Klima, von Nachhaltigkeit, während sie gleichzeitig Szenarien abnicken, in denen Tanker, Pipelines und Hafenanlagen als legitime Ziele markiert werden. Sie wissen, dass jeder Treffer ein Risiko für Gewässer, Küsten, Fischbestände ist, sie wissen, wie verletzlich ein Meer wie das Schwarze Meer ist, sie wissen, dass solche Schäden nicht in Wahlperioden gemessen werden, sondern in Generationen. Trotzdem schieben sie den Zeiger immer weiter Richtung Eskalation, weil der politische Preis im Moment wichtiger ist als die Frage, was in zehn oder zwanzig Jahren noch lebt.

Man muss keine Seite lieben, um das als das zu benennen, was es ist, ein Verbrechen, ein Umweltverbrechen, ein Kriegsverbrechen an einem Ökosystem, das niemandem gehört und von allen mitbenutzt wird. Wer es rechtfertigt, weil er gerade emotional auf der Seite der Angreifer steht, beweist damit nur, wie austauschbar moralische Argumente geworden sind. Gestern war man noch entsetzt über jeden Tankerunfall, heute erklärt man denselben Vorgang zur legitimen Waffe, solange er gegen die „richtigen“ trifft. Es ist dieselbe doppelte Buchführung, mit der man Bomben auf Wohnhäuser als Kollateralschaden wegerklärt und gleichzeitig Tränen in die Augen bekommt, wenn ein Denkmal beschädigt wird.

Mein Artikel richtet sich genau gegen diese Heuchelei. Gegen die Planer, die Manager, die Strategen, die bereit sind, ein Meer in Brand zu setzen, solange sich daraus ein kurzfristiger Vorteil ergibt. Gegen die Jubler, die vor dem Bildschirm sitzen und sich stark fühlen, wenn irgendwo ein Tanker brennt, den sie nie in ihrem Leben gesehen haben. Gegen jene, die sich einreden, man müsse Russland „mit allen Mitteln treffen“, und dabei nicht merken, dass sie gerade eines der letzten Argumente verspielen, das der Westen noch hatte: den Anspruch, es moralisch anders zu machen.

Wer diese Angriffe befürwortet, obwohl er weiß was ein brennender Tanker bedeutet, hat jedes Recht verwirkt, später bei der nächsten Ölkatastrophe empört aufzuschreien. Wer heute applaudiert, wenn Treibstoff auf dem Meer brennt, soll morgen bitte schweigen, wenn Fischer ohne Fang dastehen, wenn Küsten verdreckt sind, wenn Tourismus und Lebensgrundlagen im Eimer sind, dann war es eben der Preis, den man bereit war, für seine angeblich höheren Ziele zu zahlen. Wer das so will, soll es auch so gesagt bekommen.

Ja, man darf mich für diesen Artikel hassen, vor allem, wenn man zu denjenigen gehört, die diese Angriffe schönreden, weil sie in ihren kranken Gedankengebäuden „notwendig“ sind. Dieser Hass interessiert mich nicht, was mich interessiert, ist die Wahrheit hinter all den großen Worten. Krieg frisst alles, Städte, Menschen und Natur, wer dafür mit Hurra-Patriotismus und schöngefärbter Moral wirbt, gehört entlarvt, hier und jetzt, ohne Filter, ohne Rücksicht auf verletzte Gefühle.

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