30. November 2025
Bovaer

Bovaer und die Kunst, die Welt teuer zu verbessern – Aus Rindern werden Renditen

Die Landwirtschaft wird seit Jahren als Klimasünder vorgeführt, und die Kuh dient dabei als praktischer Sündenbock. Nicht die Industrie, nicht der Verkehr, nicht die Energielobby, die Kuh. Ihre Methanabgase wurden zum Feindbild stilisiert, und plötzlich war klar, wenn der Planet gerettet werden soll, dann muss das Rind ins Visier. Es klang nach globalem Problem, also musste eine globale Lösung her. Und wie es der moderne Zufall so will, hatte ein multinationaler Chemiekonzern exakt die passende Antwort, ein patentierter Futterzusatz namens Bovaer. Ein bisschen Pulver in die Trog, und schon, so heißt es, rülpst die Kuh klimaverträglich. Die Welt atmet auf, der Planet ist beruhigt, die Presse jubelt und die Agrarpolitik klopft sich gegenseitig auf die Schulter. Fertig – Klimaschaden gelöst.

Oder?

Wer die Werbesprache weglässt, sieht etwas ganz anderes, Bovaer ist kein Naturschutzprojekt, es ist ein wirtschaftliches Upgrade. Die Kuh bleibt dieselbe, die Ställe bleiben dieselben, die industrielle Tierhaltung bleibt dieselbe, nur das Gas am Ende wird chemisch „optimiert“. Kein Wandel, nur eine kosmetische Korrektur, verpackt als Weltrettung. Das Produkt wirkt messbar, ja, aber seine eigentliche Genialität liegt nicht im Stall, sondern im Geschäftsmodell. Denn Bovaer ist patentgeschützt. Das bedeutet, es gibt kein günstiges Nachmachen, keine offene Konkurrenz, keine freie Marktdynamik. Wer Methan reduzieren will, muss kaufen und zwar dauerhaft. Millionen Tiere, jeden Tag, Jahr für Jahr. Klimaschutz nach Abo-System, cleverer kann man ein Problem kaum in ein Profitmodell verwandeln.

Die Agrarindustrie hat das natürlich verstanden. Statt nachhaltiger Landwirtschaft, besserer Tierhaltung oder weniger Produktion gibt es eine bequemere Lösung, chemische Grünfärbung. „Klimafreundliche Milch“ klingt schließlich besser als „gleiche Massentierhaltung wie vorher nur mit Zusatz“. Für Verbraucher sieht es modern aus, für Bauern entsteht ein neuer Markt und für Konzerne ein verlässlicher, international wachsender Umsatzstrom. Dass sich aus reduzierten Methanwerten handelbare CO₂-Zertifikate generieren lassen, rundet das Kunststück ab. Weniger Methan bedeutet plötzlich bares Geld. Umwelt wird nicht geschützt, Umwelt wird bilanziert und bilanziert Geld immer oben, nie unten.

Die Politik feiert Bovaer als Fortschritt, weil es der bequemste Fortschritt ist, den man sich vorstellen kann. Es braucht keine unbequemen Agrarreformen, keine Konflikte mit Fleischkonzernen, keine Veränderungen für den Verbraucher. Man kippt etwas ins Futter, lässt ein paar Messgeräte rattern, verbessert Tabellen und verkauft das Ergebnis als Heldentat. In Talkshows klingt das nach Innovationsnation, im Alltag ist es die Fortsetzung desselben Systems. Echte Veränderung wäre teuer, ein Zusatzstoff ist billiger, sauberer, PR-tauglicher und politisch risikofrei.

Dass Langzeitfolgen beim Tier noch nicht endgültig geklärt sind, wird in Nebensätze geschoben. Dass dieses Wunderprodukt erst existiert, weil Methanquoten heute handelbare Werte mit Preisschild sind, sagt man lieber gar nicht. Und dass ein patentierter Stoff, der weltweit in die Wertschöpfungskette von Milch und Fleisch eingreift, eine gigantische Einnahmequelle ist, verschweigt man höflich. Offiziell geht es um Klimaschutz, inoffiziell ist es ein Markteintritt mit staatlicher Dankesnote.

Man kann das alles als Fortschritt bezeichnen, oder man kann es beim Namen nennen. Die Verwaltung eines Problems, das man gar nicht lösen möchte, weil sich sein Fortbestehen wirtschaftlich lohnt. Bovaer ist nicht die Befreiung der Landwirtschaft, sondern die Perfektionierung des Status quo. Es schafft keine neue Welt, es schafft neue Einnahmen. Die Kuh bleibt dort, wo sie war, der Planet auch.

Und wer glaubt, das sei Zufall, hat die Funktionsweise der modernen Klimapolitik nicht verstanden. Dort, wo es um die Zukunft geht, gewinnt nicht der, der am meisten verändert, sondern der, der am elegantesten verdient.

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