Berlin rutscht, Hauptsache salzfrei – Idiotie in Reinkultur
Berlin im Winter ist ein eigenes Genre. Andere Städte haben Schneefall, Glätte, Winterdienst, Berlin hat eine Inszenierung. Da friert Wasser zu Eis und die Hauptstadt reagiert, als hätte jemand das Naturgesetz nicht ordnungsgemäß beim Bürgeramt angemeldet. Der Bürger rutscht, der Rettungswagen stockt, die Knie werden weich, und irgendwo in einem warmen Büro entsteht der Plan, das Problem nicht zu lösen, sondern es kommunikativ zu kuratieren. Wenn Berlin eine Flagge hätte, sie wäre aus Papier und darauf stünde in sauberer Amtsdeutsch Schrift: Zuständigkeit unklar, bitte später erneut versuchen.
Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen. In einer Stadt, die jede Kleinigkeit zur Grundsatzfrage aufbläst, ist ausgerechnet das Thema Gehweg und Glätte zum Lehrstück geworden, wie sehr man sich selbst im Weg stehen kann. Da gibt es ein grundsätzliches Verbot für Streusalz auf Privatflächen, weil Salz Böden und Stadtgrün schädigt, weil es ins Grundwasser geht, weil es Bäumen schadet. Das ist alles nicht erfunden, das ist nicht Esoterik, das ist nicht der feuchte Traum eines Bioladens. Das ist der rationale Kern und dann kommt der Winter, dieses altmodische Konzept mit Minusgraden und plötzlich merkt Berlin, dass die Realität nicht in Verordnungen liest. Eis bleibt glatt, auch wenn man es moralisch verurteilt.
An diesem Punkt würde man in einer normal funktionierenden Stadt eine simple Erwachsenlösung erwarten. Man würde sagen, für normale Wintertage gilt Splitt, Sand, abstumpfendes Material. Für echte Extremglätte gibt es klar definierte eng begrenzte Ausnahmen, rechtssicher, nachvollziehbar, örtlich begrenzt. Man würde das einmal sauber regeln, man würde es erklären, man würde es durchsetzen. Berlin aber kann nicht einfach erwachsen sein. Berlin muss erst die große Show abziehen. Also kommt eine Allgemeinverfügung, die das Salz plötzlich erlaubt, als hätte man die Chemie neu entdeckt. Heute noch verboten, morgen plötzlich bürgernah. Berlin liebt diese Art von Wunderheilung, in der ein Problem nicht gelöst wird, sondern für ein paar Tage offiziell anders heißen darf.
Dann passiert das, was in einem Rechtsstaat passiert wenn Verwaltung Theater spielt. Jemand sagt, so geht es nicht, es wird geklagt. Ein Gericht schaut drauf und tut diesen unromantischen, langweiligen Job den Gerichte nun einmal machen, nämlich Recht anwenden. Ergebnis, die pauschale Freigabe kippt und Berlin steht wieder auf dem Eis, nur jetzt mit zusätzlicher Empörung weil man die eigene Improvisation für Handlungsfähigkeit gehalten hat. Das ist die Hauptstadtlogik in Reinform. Man wirft eine Idee raus die rechtlich wackelt und wenn sie fällt tut man so als sei nicht die Idee wackelig gewesen, sondern die Wirklichkeit zu streng.
Für Außenstehende ist das ein Geschenk, nicht weil man anderen Menschen Verletzungen wünscht, sondern weil es kaum ein klareres Bild dafür gibt, wie Berlin tickt. Diese Stadt ist die einzige die es schafft, eine Frage von winterlicher Grundsicherung in eine moralische Selbstbespiegelung zu verwandeln und am Ende steht dann dieser groteske Eindruck, der sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. Hier wirkt es so, als sei kein Körnchen Salz wichtiger als Gesundheit und Leben der Bürger. Als sei es völlig akzeptabel, dass Menschen stürzen, solange man sich dabei auf der richtigen Seite einer Debatte wähnt. Es ist als würde man im brennenden Haus zuerst den CO₂ Fußabdruck des Löschwassers berechnen, bevor man den Schlauch aufdreht.
Das Absurde daran ist, dass Berlin diese Prioritätensetzung nicht einmal konsequent hinbekommt. Wenn man wirklich glauben würde das Salz unter keinen Umständen geht, dann müsste man die Alternative eben so brutal gut organisieren, dass niemand auf die Idee kommt Salz zu brauchen. Dann bräuchte es klare Pflichten, klare Kontrollen, echte Durchsetzung, eine Stadt die notfalls mit eigenen Kräften nachhilft wenn es gefährlich wird. Was Berlin stattdessen anbietet ist die berühmte Mischung aus Verbot und Schulterzucken. Du sollst räumen, aber wenn du es nicht tust passiert oft wenig. Du sollst streuen, aber bitte so dass du dabei keine Wirkung erzielst die man später als zu effektiv kritisieren könnte. Du sollst Verantwortung übernehmen, aber die Stadt übernimmt selbst keine, außer für die nächste Pressemitteilung.
Und genau da liegt die eigentliche Unverschämtheit die man nicht mit ein bisschen Humor abpolieren sollte. Glätte ist kein Lifestyle Problem, ein Sturz ist kein kleines Missgeschick über das man am Abend schmunzelt. Für ältere Menschen kann ein Sturz der Anfang vom Ende eines selbstständigen Lebens sein. Hüfte, Krankenhaus, Komplikationen, Reha, Pflege und plötzlich ist aus einem vereisten Gehweg eine Lebenslinie geworden die reißt. Wer in so einer Lage mit der moralischen Reinheit eines Streumittels argumentiert ohne gleichzeitig eine hundertprozentig funktionierende Sicherheitslösung zu liefern, sagt im Kern etwas sehr Hässliches. Er sagt, dass das Risiko anderer Leute eben der Preis dafür ist das man selbst in der richtigen Erzählung bleibt.
Berlin verkauft das gern als Balance zwischen Umweltschutz und Sicherheit. In Wahrheit ist es oft keine Balance, sondern ein Systemfehler. Die Stadt kann zwei Dinge gleichzeitig nicht gut, organisieren und entscheiden, also pendelt sie zwischen Haltung und Hektik. Erst Verbot, dann Ausnahme, dann Gericht, dann Empörung, dann Forderung nach Gesetzesänderung, dann wieder Verbot. Ein Kreislauf wie ein Karussell, nur ohne Spaß. Und während die Akteure diskutieren, ob das Salz das Stadtgrün beleidigt, liegt der Bürger auf dem Rücken und schaut in den Berliner Winterhimmel, in dem irgendwo eine neue Zuständigkeit vorbeizieht.
Man muss sich nur vorstellen wie das in anderen Ländern aussehen würde. Dort würde man schlicht sagen hier ist gefährlich, hier wird gestreut, fertig. Danach repariert man was repariert werden muss. Berlin hingegen will in der Krise die perfekte Lösung, die niemanden kränkt, keine Ideologie anfasst, kein Gesetz streift, keine Verantwortung konkretisiert. Es soll sauber sein, elegant, korrekt, moralisch wasserdicht. Dumm nur, dass Wasserdichtheit bei Glatteis ein schlechter Witz ist. Berlin ist so beschäftigt damit, recht zu haben, dass es vergisst wofür Stadt überhaupt da ist. Für Menschen, für Bewegung, für Sicherheit und für Alltag.
Wenn man nicht mehr dort lebt fällt einem das leichter auf, weil man nicht mehr mitten drin steckt. Man schaut von außen drauf und erkennt das Muster, das Berliner so gern übertünchen. Diese Stadt verwechselt Komplexität mit Intelligenz und Regelwerk mit Kompetenz. Sie hält sich für fortschrittlich weil sie Verbote formulieren kann und übersieht, dass Fortschritt in einer Großstadt auch heißt Risiken zu managen, nicht nur Prinzipien zu predigen. Der Winter ist dabei nur der Spiegel, er zeigt was darunter liegt. Eine Verwaltung, die im Ausnahmefall improvisiert, und eine Politik, die aus Improvisation eine Pose macht.
Die Pointe ist bitter, aber sie gehört ausgesprochen. Berlin hat nicht das Problem das es zu viel Naturschutz hat. Berlin hat das Problem das es zu wenig Stadt kann. Solange eine Hauptstadt lieber über Salz philosophiert als Gehwege sicher zu machen, solange sie lieber moralisch sauber wirkt als praktisch zuverlässig zu sein, wird sie jedes Jahr die gleiche Nummer abziehen. Eis fällt, Berlin rutscht, nicht nur auf der Straße, auch im Kopf.
